Der 1. Mai in Istanbul

Polizeisirenen weckten mich gestern morgen. Doch als ich aus dem Fenster schaute, wirkte die Istanbuler Welt viel friedlicher und ruhiger als sonst. Auf dem Bosporus fuhren keine Fähren, es gab so gut wie keinen Autoverkehr, und die Grundschule gegenüber hatte keinen Fahnenappell. Allerdings brausten Hubschrauber in der Luft. Da fiel mir ein, dass es der 1. Mai war. Den Kampftag der Arbeiterklasse verstanden die türkischen Gewerkschaften und linken Verbände diesmal im Wortsinn. Seit Tagen war für den Sturm auf den Taksim-Platz mobilisiert worden, denn der Istanbuler Gouverneur, die Regierung in Ankara und sogar der Premier Recep Tayyip Erdogan persönlich hatten den Gewerkschaften untersagt, auf dem traditionellen Kundgebungsplatz zusammenzukommen.


Gewerkschaftsaufruf zum 1. Mai

Der offizielle Grund für das Demonstrationsverbot war vernünftig und akzeptabel. Wegen der laufenden Umbauarbeiten ist der halbe Taksim-Platz derzeit eine bis zu 20 Meter tiefe Baugrube, und wer einmal erlebt hat, welche Massen zum 1. Mai dort zusammenkommen, der musste die Angst vor einem katastrophalen Unfall teilen. Vielleicht war es die autoritäre Art, mit der das Verbot oktroyiert und durchgesetzt wurde, die den Widerspruch provozierte. Der Taksim-Platz wurde mit Polizeigittern und einem Aufgebot von mehr als 20000 Beamten komplett abgesperrt, ebenso sämtliche Seitenstraßen zur Istiklal Caddesi. Dann ordnete der Gouverneur eine Art Ausnahmezustand an, wie ihn die Metropole seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt hat. Die U-Bahn- und Metrobuslinien ins Zentrum wurden ab sechs Uhr morgens eingestellt, alle wichtigen Zufahrtsstraßen abgeriegelt und der Fährverkehr von der anatolischen Seite eingestellt. Deswegen war es so ruhig am Morgen.


Der abgesperrte Taksim-Platz

Doch die Ruhe war trügerisch. Als ich gegen elf Uhr vormittags zum Taksim-Platz ging, um mir ein Bild zu verschaffen, stellte ich fest, dass alle Zugänge bereits weit im Vorfeld dicht gemacht waren. Mit Schlagstöcken und Tränengasgewehren ausgestattete Polizisten ließen einzelne Leute durch – wie mich -, wiesen aber die meisten ab. Aber es machte auch keinen Spaß, zum Platz hinaufzugehen, denn schon rund hundert Meter vorher war die Luft beißend vom Tränengas, das offenbar reichlich verschossen worden war. Die meisten Polizisten hatten keine Gasmasken und heulten wie ich. Mit dem Unterschied, dass ich nach einem kurzen Blick auf den fast leeren Taksim wieder umkehren konnte, während die Beamten dort stundenlang ausharren mussten. Das verwendete Tränengas war deutlich schärfer als die in Deutschland benutzten Sorten, es brannte auch tüchtig auf der Haut.

„Ziviles Kriegsrecht“

Von türkischen Journalistenkollegen, die außer ihren großen Kameras an ihrer professionellen Demo-Ausrüstung mit nassen Tüchern und Gasmasken zu erkennen waren, ließ ich mich ins Bild setzen. Demnach hatten vom frühen Morgen an verschiedene Gruppen von Demonstranten – tausende Gewerkschaftler, CHP-Mitglieder und Anhänger linker Organisationen, wohl auch Mitglieder der verbotenen DHKP/C – versucht, aus diversen Richtungen zum Taksim-Platz durchzubrechen, um ihr Demonstrationsrecht durchzusetzen. Die meisten kamen aus dem angrenzenden Stadtbezirk Şişli (der zu Beşiktaş gehört) und wurden von einem massiven Polizeiaufgebot mit Wasserwerfern und Tränengas am Vormarsch gehindert. Daraufhin bauten sie Barrikaden aus Müllcontainern und wohl auch den Ständen von Straßenhändlern, warfen Pflastersteine und Molotowcocktails. Kurz gesagt. Kreuzberger Zustände. Es gibt von den Auseinandersetzungen auch Videos (hier). Die türkischen Kollegen meinten, dass viele Menschen in den Bezirken Şişli, Mecidiyeköy und Beşiktaş (die von der oppositionellen CHP regiert werden) die Krawalle und das durch alle Fensterritzen dringende Tränengas nicht so gut fanden und die Straßenkämpfer aufforderten zu verschwinden. Was diese aber nicht taten, sondern sich bis zum Abend weitere Scharmützel lieferten. Es gelang den Demonstranten jedoch nicht, zum Platz zu gelangen.


In Cihangir betrachtet das Szenepublikum die polizeilichen Aktivitäten vom Café aus

Ein Journalist erzählte mir, dass er gesehen habe, wie auch Polizisten Steine (zurück-)warfen. Das erinnerte mich an die 1980er Jahre in Kreuzberg und Schöneberg zur Zeit der Hausbesetzerbewegung. Die diesjährigen Maikrawalle in Istanbul waren die heftigsten Straßenschlachten nach Jahren relativer Ruhe. Der Gewerkschaftführer Kani Beko vom Verband Hak-İş sagte der Hürriyet Daily News: „Die Menschen haben es nicht verdient, mit Tränengas beschossen zu werden, sie sind die Arbeiter dieses Landes. Kein anderes Land hat seine Arbeiter mit Tränengas beschossen, sondern überall wurde der Tag friedlich begangen. Viele unserer Freunde wurden krankenhausreif verletzt. Ich verurteile die Attacke, diesen Staatsterror gegen die Arbeiter.“ Der Bürgermeister von Şişli sprach von einem „zivilen Kriegsrecht“, das die Regierung über das Istanbuler Stadtzentrum verhängt habe.

In vielen Kommentaren wurde vor und am 1. Mai die Gefahr eines neuen „blutigen Maitags“ beschworen. Am 1. Mai 1977 wurden 34 Menschen auf dem Taksim-Platz getötet, als unbekannte Schützen das Feuer auf die Maidemonstranten eröffneten. Bis 2009 waren Demonstrationen auf dem größten Platz Istanbuls verboten, aber stets herrschte am 1. Mai große Spannung, und nicht selten kam es zu gewaltsamen Krawallen. 2009 erklärte die AKP-Regierung den 1. Mai zum offiziellen Feiertag und öffnete den Taksim-Platz erstmals wieder für öffentliche Versammlungen. Seither wurde am 1. Mai regelmäßig eine Massenkundgebung der Gewerkschaften, linker Parteien und Organisationen abgehalten, die im wesentlichen friedlich verliefen. Im vergangenen Jahr kamen mehr als eine Million Menschen. Angesichts der Historie war es klar, dass das Versammlungsverbot auf heftigen Widerspruch treffen würde. Leider ist die türkische Gesellschaft nicht sehr kompromissgewohnt, so dass keine echte Ersatzlösung diskutiert oder vorgeschlagen wurde.

Entspannt trotz Tränengas

Da es endlose Umwege erfordert hätte, mich nach Şişli durchzuschlagen und mir zudem die Augen tränten und die Haut brannte, ging ich erst einmal zurück in unsere Wohnung und besorgte mir nasse Tücher, um anschließend unser Viertel Cihangir und die Gegend um die Istiklal Caddesi zu erkunden. Ich sah Szenen, die mich auch sehr an Berlin erinnerten. Während Wasserwerfer und schweres Räumgerät in den kleinen Straßen standen und Bereitschaftspolizisten in Hundertschaften auf ihren Einsatz warteten, frühstückten die Szenemenschen direkt daneben angeregt in den Cafés in der Frühlingssonne. Und die Cafés waren voll. Ich sah auch zahlreiche Touristen – vor allem Deutsche und Japaner – neugierig mit ihren Kameras um die „heißen Zonen“ flanieren. Manchmal trieb eine Tränengaswolke vom Taksim-Platz herüber.


Abgesperrte Seitenstraße der Istiklal Caddesi

Zwar waren sämtliche Seitenstraßen der Istiklal Caddesi mit Gittern und Polizisten abgeriegelt, aber wenn man freundlich fragte, ließen sie einen durch. So gelangte ich zur Fußgängerzone, die ich noch nie so ausgestorben gesehen habe – ein echtes Erlebnis. Vor allem Polizisten und einige wenige Touristen schlenderten in der fast gespenstisch leeren Straße vor den zumeist geöffneten, aber natürlich ebenso leeren Geschäften herum. An normalen Tagen passieren die Istiklal Caddesi bis zu zwei Millionen Menschen! Die Touristen wunderten sich, und die Polizisten saßen mit den Restaurant- und Hausbesitzern zusammen und tranken Tee. In der sonst stets gut besuchten Konditorei Saray war ich der einzige Gast.

Von den Kollegen erfuhr ich auch, dass am Morgen einige Gewerkschaftsführer am Republikdenkmal auf dem Taksim-Platz Kränze hatten niederlegen dürfen. Es sei dann in der Istiklal Caddesi auch zu kleineren Auseinandersetzungen gekommen, wobei die berühmte historische Çiçek-Passage kurz in Brand geraten sei, vielleicht durch einen Molotowcocktail. Als ich mir das anschauen wollte, kam ich aber leider nicht in die Passage hinein, denn man hatte die Gitter an den Eingängen geschlossen.


Polizisten langweilen sich in der gähnend leeren Istiklal Caddesi, in der sonst Tausende Menschen flanieren



Abgesehen von der starken Polizeipräsenz herrschte in Beyoğlu eine ausgesprochen entspannte und gemütliche Atmosphäre. Ohne Autos und Mopeds, ohne den ganzen üblichen Lärm, wirkte die Stadt wie ausgewechselt, ganz ausgeruht und freundlich. Da in Beyoğlu nicht wirklich etwas passierte, gingen die Türken zu ihrer Lieblingsbeschäftigung über: Tee trinken. Und da es keinen Verkehr gab, stellten sie ihre Stühle auf die Straße. Überall sah ich auch Polizisten einträchtig mit den Einwohnern zusammensitzen und am Tee nippen. Auch mit Szenemenschen – das wäre wohl in Berlin schwer vorstellbar.


Ein Polizeioffizier trinkt Tee mit Anwohnern (oben), ein anderer diskutiert mit einem Obsthändler (unten)

Die Bilanz des Tages waren etwa 20 Festnahmen und mindestens 22 teils schwer Verletzte, darunter ein CHP-Parlamentsabgeordneter und eine 17-jährige Schülerin, die von einer Tränengasgranate am Kopf getroffen und lebensgefährlich verwundet wurde. Sie liegt auf der Intensivstation. Die Hürriyet schrieb heute, die Krawalle hätten die Seitengassen von Şişli in „kleine Kriegszonen“ verwandelt. Auch das erinnert sehr an die „revolutionären 1. Mai-Demos“ in Kreuzberg. Zugleich verlief eine Demonstration Tausender Gewerkschaftler in Kadıköy auf der anatolischen Stadtseite friedlich. Im Übrigen lieferte die wirklich schlimmen Nachrichten des Feiertages mal wieder der Autoverkehr. Am 1. Mai starben bei Unfällen auf den Landstraßen der Türkei mindestens 28 Menschen.


So viel Platz ist selten in Istanbuls Fußgängerzone. Die Männer in Gelb sind Polizisten

Ein Gedanke zu „Der 1. Mai in Istanbul

  1. Lieber Herr Nordhausen, es war interessant, Ihren Artikel zu lesen.
    Die Gewerkschaften scheinen in der Türkei noch Ziele zu haben, Menschen für diese mobilisieren zu können und sich noch nicht in der Sozialpartnerschaft verloren zu haben.
    Nun möchte ich aber nicht Deutschland und die Türkei vergleichen.

    VG LS

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