Streit um die Hagia Sophia

Diesmal möchte ich Sie mitnehmen ins touristische Herz Istanbuls, nach Sultanahmet. Zur berühmten Ex-Kirche und Ex-Moschee Hagia Sophia, die seit 1935 ein Museum ist. Einige Hitzköpfe wollen das ändern, Muslime wie Christen. Hoffen wir, dass sie mit ihrem Vorhaben nicht durchkommen.

Nebenbei ist zu vermelden, dass das deutsche Kartellamt nun der FAZ erlaubt hat, die Frankfurter Rundschau zu übernehmen. Damit beginnt jetzt der Abschied von unserem Schwesterblatt. Angeblich sollen wir noch drei Monate lang den sogenannten „Mantel“ für die FR in Berlin produzieren, also die wesentlichen Seiten abseits vom Lokalen. Man wird sehen.

Nun aber zur Hagia Sophia, die wirklich jeder Istanbul-Besucher besichtigen sollte, es ist ein erhebendes Erlebnis. Der Text ist am Mittwoch, den 27. Februar, in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau erschienen (bisher nicht online).

Beten verboten
Atatürk machte aus der Hagia Sophia in Istanbul ein Museum. Fromme Muslime fordern jedoch, sie wieder als Moschee zu nutzen


Die Hagia Sophia. Links neben dem Eingang warten die Fremdenführer auf Kunden.

Izzet Önal, 42, grauhaarig, glattrasiert, führt schon seit 21 Jahren Besucher durch die Hagia Sophia. „Schau Dir dieses Haus an, Bruder“, sagt er. „Gibt es etwas Schöneres auf der Welt?“ Der islamische Theologe mit Lizenz als Fremdenführer lässt die Besucher den riesigen Raum spüren, er weist sie auf die altbyzantinischen Mosaiken hin und zeigt ihnen den atemberaubenden Lichteinfall durch die Fenster. Nur eines bedauere er, sagt er: „Ich wünschte mir, dass Muslime und Christen hier bald wieder öffentlich beten dürften.“

Sein Wunsch könnte in Erfüllung gehen. Im Parlament in Ankara wird gegenwärtig über eine Initiative diskutiert, die Hagia Sophia, Wahrzeichen von Istanbul, wieder als Sakralbau zu nutzen wie schon in den ersten anderthalb Jahrtausenden ihrer Geschichte: Von den Römern als Kirche erbaut, war sie seit 641 Krönungsbasilika der byzantinischen Kaiser und Sitz des griechisch-orthodoxen Patriarchats von Konstantinopel. Nach der Eroberung der Stadt durch die Osmanen 1453 wurde sie zur Moschee umgebaut. Erst Mustafa Kemal Atatürk, Gründer der modernen Türkei, wandelte sie 1935 in ein Museum um und wollte angeblich sogar die vier Minarette beseitigen, die dem Bau unter den Osmanen als Herrschaftszeichen des Islams hinzugefügt worden waren. Soweit kam es dann doch nicht. Gottesdienste in der Hagia Sophia aber sind bis heute gesetzlich verboten.

Und wie schon zu Atatürks Zeiten versuchen auch heute fromme Muslime, diese Entscheidung rückgängig zu machen. Im Mai 2012 beteten Tausende Ultrareligiöse auf dem Rasen vor dem Monument für die Rückverwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee. Drei Bürger aus der Provinz Kocaeli riefen in gleicher Sache den Petitionsausschuss des Parlaments an. Der will jetzt verschiedene Organisationen und Institutionen anhören, ehe er eine Empfehlung abgibt.

Symbol auch der Christenheit

Was dabei herauskommen mag, ist völlig offen. „Das machen sie doch nur, um zu zeigen, dass sie etwas für die Religiösen tun“, sagt Izzet Önals Fremdenführerkollege Yusuf Akkaya, der vor der Hagia Sophia auf Kunden wartet. Der Staat könne es sich doch gar nicht leisten, aus dem Museum wieder eine Moschee zu machen.

Akkaya ist 41 und stammt aus einer türkischen Gastarbeiterfamilie aus dem französisch-deutschen Grenzgebiet. Er rechnet vor: In die Hagia Sophia, die meistbesuchte Touristenattraktion der Türkei, kommen im Jahr rund 3,5 Millionen Besucher. Und bezahlen Eintritt, zwölf Euro pro Person. Nach einer Umwidmung in eine Moschee aber könnte jeder das Gebäude umsonst betreten – ebenso wie die benachbarte Blaue Moschee. „Im Sommer haben wir bis zu 15000 Touristen pro Tag, das macht siebenmal 180000 Euro pro Woche, also mehr als eine Million Euro. Nein, hier passiert frühestens in 20 bis 30 Jahren etwas, wenn ich hier nicht mehr arbeite.“

Die zahlreichen Touristen, die zu dieser Stunde auf Einlass in die Hagia Sophia warten, haben von den Debatten um eine Umwidmung des Gebäudes noch nichts gehört. „Das ist ja schrecklich!“, sagt ein 31-jähriger Italiener aus Ravenna. „Die Mosaiken haben sie schon ruiniert – wollen sie uns Christen nun komplett vor den Kopf stoßen?“ Eine ältere Dame aus Wien, die mit ihrem Mann gerade das Museum verlässt, sagt, ihr sei das egal, „solange man uns noch hineinlässt“. Eine niederländische Türkin dagegen, Studentin mit schickem roten Kopftuch, ist sehr dafür: „Ich war jetzt zum dritten Mal in der Hagia Sophia und würde mich sehr freuen, einmal zu erleben, wie unsere Gebete dort drinnen klingen.“

Radikal-orthodoxe Griechen indessen fordern seit Langem, dieses Symbol der Christenheit müsse endlich wieder in eine Kirche verwandelt werden. In den USA haben sie dafür sogar eine eigene Organisation gegründet. Der griechisch-orthodoxe Patriarch BartholomäusI., der in Istanbul residiert, lehnt das allerdings strikt ab – er will niemanden provozieren. Die Hagia Sophia hat einfach für zu viele Gruppen Symbolwert.

In den 90er-Jahren hatten sowohl Necmettin Erbakan, der erste islamisch geprägte Regierungschef der modernen Türkei, als auch der damalige Istanbuler Bürgermeister Recep Tayyip Erdogan die Umwandlung in eine Moschee zu ihrem Programm erhoben. Umzusetzen wagte diesen Plan allerdings weder der eine noch der andere. Seit etwa einem Jahr freilich fahren Erdogan, der inzwischen zum Premier aufgestiegen ist, und seine religiös-konservative Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP) einen straffen Islamisierungskurs, und ein bisschen Sorgen um ihren Job machen sich die Fremdenführer im historischen Istanbuler Zentrum dann doch. „Will man uns ernsthaft die Arbeit wegnehmen?“, fragt Yusuf Akkaya. Er sieht zudem neue Missstimmungen zwischen Muslimen und Christen aufkommen, da die Zahl der Besucher in der schon jetzt völlig überlaufenen Hagia Sophia ohnehin wieder extrem begrenzt werden müsste. „Wollen wir das wirklich?“

Eine christenfeindliche Politik kann Erdogan niemand pauschal unterstellen. Seine Regierung erlaubt und fördert sogar die Wiedereröffnung jahrzehntelang geschlossener Kirchen. Am Van-See und in Diyarbakir finden in zwei armenischen, in Mardin in einer syrisch-orthodoxen Kirche wieder Gottesdienste statt. Zugleich werden allerdings zunehmend leer stehende Kirchen in Moscheen umgewandelt wie die Hagia-Sophia-Kirche in Bursa und zuletzt im November 2012 die historisch bedeutsame Basilika in der Kleinstadt Iznik, in der im Jahr 787 das siebte ökumenische Konzil stattfand. Für das frühere Studitenkloster in Istanbul erwägt die von der AKP geführte Stadtregierung eine ähnliche Lösung.

Freitags so, sonntags so

Was nun die Hagia Sophia in Istanbul angeht, haben die Moscheebefürworter unterdessen einen listigen Vorschlag unterbreitet. Wie wäre es denn, fragen sie, wenn man sie am Freitag als Moschee nutzte und am Sonntag als Kirche? Die freigelegten christlichen Mosaiken müssten dann natürlich während des islamischen Gebets überdeckt werden, um dem Bilderverbot des Islams gerecht zu werden.
Yusuf Akkaya winkt ab. „Das ist eine durchsichtige Strategie“, sagt er. „In der Türkei leben 99 Prozent Muslime. Sie würden bald weitere Tage für die Moschee reklamieren. Aber das schafft nicht einmal Erdogan. Wir sollten einfach froh sein, dass wir so ein schönes Museum haben.“
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Kreuze zu Halbmonden
In nur sechs Jahren Bauzeit entstand zwischen 532 und 537 die Hagia Sophia, das letzte große Bauwerk der Spätantike. Ein Jahrtausend lang war sie die mit Abstand größte Kirche der Christenheit.
Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 wurde die Hagia Sophia zur Moschee. Kreuze wurden gegen den Halbmond ausgetauscht, die Ikonen entfernt, viele Mosaiken und Wandgemälde zerstört, übertüncht oder unter Putz gelegt.
Unter Kemal Atatürk wurde die Moschee 1934 in ein Museum umgewandelt. In der Folgezeit wurden viele christliche Insignien wieder freigelegt, ohne allerdings die muslimischen Einbauten zu zerstören.