Liebeschaos in Istanbul

Bis vor zwei Wochen kannten sie nur Insider, jetzt kennt sie die ganze Türkei: die Istanbulerin Karolin Fişekçi, eine rassige Brünette armenischen Ursprungs, die über sich selber twittert: „Ich bin die begehrenswerteste Künstlerin der Welt.“ Die 32-jährige Malerin spielt in ihren provokanten Bildern mit türkischen Sex-Tabus. Doch nicht ihre kontroverse Kunst hat sie ins Scheinwerferlicht gerückt, sondern ihre Beziehung zum bekanntesten Schriftsteller der Türkei – Orhan Pamuk, dem Literaturnobelpreisträger von 2006.

Aber Beziehung? Welche Beziehung? Der auf den strengen Schutz seiner Privatsphäre bedachte Autor bestreitet Weiterlesen

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Schneesturm

In Orhan Pamuks wunderbarem Buch „Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt“ mit den grandiosen Schwarzweißbildern des Fotografen Ara Güler habe ich gelesen, dass es in jedem Winter vier bis fünf Tage schneit und die Stadt acht bis zehn Tage schneebedeckt ist. Wie es scheint, ist diese Zeit gerade angebrochen. Nachdem wir vorgestern ätzenden Nieselregen erdulden mussten, fast so schlimm wie in einem Berliner November, hat gestern abend ein Schneesturm die Stadt erreicht, der aus Anatolien heranfegte und bis zu 15 Zentimeter Schnee brachte. Die ganze Nacht und den ganzen Tag heulte der Wind um unser Haus, dass es einem Angst und Bange werden konnte. Der Bosporus war am Tag fast gar nicht mehr zu sehen, nur die Positionslichter der Fähren, Tanker und Cargoschiffe leuchteten fahl durch das Schneetreiben. Ein Containerdampfer aus Moldawien lief an der Schwarzmeerküste vor Istanbul auf Grund. Aus dem übrigen Land wurde von gravierenden Autounfällen durch Schneeverwehungen berichtet.

Orhan Pamuk schreibt über die Winter seiner Jugend in Istanbul, dass der Schnee die Stadt Weiterlesen

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Die Rituale des Streits um die Armenier

Liebe Leserinnen und Leser, heute hat die gedruckte Berliner Zeitung diesen Text von mir zur Verabschiedung des Völkermordleugnungsgesetzes durch den französischen Senat veröffentlicht, der in der Online-Ausgabe nicht zu finden ist, aber – natürlich – für Sie in meinem Blog:

Die Türkei reagiert auf Frankreichs Genozidgesetz

„Für die Türkei ist dieses Gesetz null und nichtig“, polterte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan nach der Zustimmung des französischen Senats zum Gesetz, das die Leugnung des Völkermords an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs unter Strafe stellt. Auf einer Tagung seiner AKP am Dienstag warf Erdogan den französischen Politikern Diskriminierung, Rassismus und ein „Massaker an der Gedankenfreiheit“ vor, nur um Wählerstimmen zu gewinnen.

Doch zugleich bemühte sich Erdogan Weiterlesen

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Das böse Wort vom Gangsterstaat

gebrauchte die konservative Zeitung Zaman kürzlich, als sie das Urteil im Hrant-Dink-Prozess kommentierte. Das Thema hält die türkische Presse weiterhin in Atem, und trotz des rituellen nationalen Empörungsaufschreis wegen des französischen Genozidleugnungsgesetzes binden einige türkische Kommentatoren die beiden schicksalhaft verknüpften Vorgänge inzwischen zusammen. Ich habe für die Berliner Zeitung einen Überblick über die türkischen Reaktionen auf den Ausgang des Mordprozesses geschrieben Weiterlesen

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Das Orhan-Pamuk-Viertel

Nun habe ich es Schwarz auf Weiß: Ich wohne in einem der fünf lebenswertesten Orte der Welt – im Istanbuler Stadtteil Cihangir. Das hat jedenfalls der britische Guardian festgestellt. Der Guardian schreibt, im vergangenen Jahrzehnt habe sich Istanbul gewandelt von einem „liebenswerten, aber heruntergekommenen Museumsstück zu einem liebenswerten, aber heruntergekommenen Museumsstück mit tollen Bars, wirtschaftlichem Wachstum und einem prima öffentlichen Nahverkehr“, und besonders Cihangir sei „ein echtes Orhan-Pamuk-Viertel“. Cihangir fühle sich noch immer Weiterlesen

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Sultanswetter

Soeben strahlte mich die Verkäuferin in der kleinen Backstube unweit von unserer Wohnung an, weil ich nicht nur ihr Weißbrot lobte, sondern auch ihr wunderbares Schokoladensoufflee pries. Letzteres war leider halb geflunkert, denn seit meiner Mandel-OP habe ich den Geschmackssinn weitgehend verloren, jedenfalls was Süßes angeht, und alles Schokoladige schmeckt irgendwie nach – nichts. Fade. Wie ungesäuertes Brot. Aber meine Lebensgefährtin schwärmte von der Leckerei, und mein Vertrauen in ihre Geschmacksnerven ist grenzenlos. Im Ernst: Für mich ist der (hoffentlich vorübergehende) Verlust des Süßnervs eine Katastrophe, denn ein besonderer Reiz Istanbuls besteht aus der schier unermesslichen Fülle an Süßigkeiten, Cremes, Küchlein und Kuchen, den Baklava, Turkish Delight, keten helvası (gezogenen Zuckerfäden)… Kaum ein Tag bisher, an dem es mich nicht in eine Pastane (Konditorei) zog, von denen es in unserem Viertel, in Cihangir, fast an jeder Ecke eine gibt. Das soll nun vorbei sein?

Von solch trüben Gedanken abgesehen begrüßte uns der Tag heute mit winterlichem Kaiserwetter – oder sage ich besser Sultanswetter? -, mit wunderbarem Sonnenschein und blauem Himmel, und sofort waren die Plätze in den Straßencafés bis auf den letzten Schemel besetzt. Das erinnert sehr an den Prenzlauer Berg, wo ich seit 1996 gewohnt habe. Ein Sonnenstrahl – und das ganze Viertel genießt die vermeintlichen Vorboten des Frühlings. Gegen 11:30 Uhr begannen die Bohemiens, genau wie am Kollwitzplatz, mit ihrem sonntäglichen Katerfrühstück, dick eingepackt in Wintermantel, Mütze und Schal, aber mit dem wohligen Gefühl, dass die Sonne sie nicht vergessen hat. Und wenn dann auch noch die Verkäuferin lächelt – was will man mehr?

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In Berlin gibt es die O2-Halle …

… und in Istanbul die von den mächtigen türkischen Banken errichteten Konzertsäle. Gestern abend fuhren wir in den Finanzbezirk Levent, wo Istanbul aussieht wie Frankfurt am Main. Wir wollten die algerische Sängerin Souad Massi in der Konzerthalle der IS-Bank erleben. Ich muss an dieser Stelle lobend erwähnen, wie gut das öffentliche Nahverkehrssystem von Istanbul ausgebaut ist. Die Metro brachte uns vom Taksim-Platz in vier Stationen zum Ziel. Schlecht ist nur, dass es kein Kurzstreckenticket gibt (oder wir haben das noch nicht entdeckt). Mit dem sogenannten Akbil, einer Chipkarte bzw. einem schlüsselgroßen Anhänger, die man an den Metro-Eingangssperren über ein Terminal streicht, wird das Geld für eine Fahrt elektronisch abgebucht; den Akbil kann man an speziellen Automaten aufladen. Ohne Akbil kostet eine Fahrt – egal wie viele Stationen – immer 2,00 Lira (0,85 Euro), und bei jedem Umsteigen muss neu bezahlt werden. Längere Fahrten in der Stadt können deshalb teurer sein als mit der BVG in Berlin. Mit Akbil wird es billiger, nämlich voller Preis bei der ersten Fahrt und beim Umsteigen nur noch die Hälfte.

Wir mussten aber nicht umsteigen, und das Ziel war Weiterlesen

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Ein Tag im Gedenken an Hrant Dink

Der gestrige Tag stand in Istanbul ganz im Gedenken an Hrant Dink, den bedeutenden armenischen Journalisten und Intellektuellen, der am 19. Januar vor fünf Jahren hier in der Innenstadt ermordet wurde. Erschossen von einem 17-jährigen nationalistisch aufgehetzten jungen Mann aus der Schwarzmeerstadt Trabzon, der von dunklen Kräften des „tiefen Staates“ als Vollstrecker benutzt worden war. Mich hat an dem Fall, abgesehen von der politischen Dimension, immer auch die kriminalistische Seite interessiert. Denn die Geschichte hinter dem Mord, über die inzwischen trotz aller Vertuschungsversuche einiges bekannt ist, erinnert frappierend an die Thriller von Stieg Larson, mit dem kleinen Unterschied, dass sie real ist. Ein aufrechter Journalist, der für eine kleine, aber bedeutende und unbequeme Zeitung arbeitet (Agos wirkt wie Millenium), im Fadenkreuz undurchschaubarer politischer Verschwörungen, die nie wirklich aufgedeckt werden. Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht zu Verschwörungstheorien neige, aber hier in der Türkei übertrifft die Wirklichkeit zuweilen die Fantasie der begabtesten Thriller-Autoren.

Der Mord an Hrant Dink, einem Mann, der für die Versöhnung von Armeniern und Türken eintrat, hat tiefe Spuren in der türkischen Gesellschaft hinterlassen. Deshalb ging das Entsetzen Weiterlesen

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Zurück am Bosporus

Werte Leserinnen und Leser, nach einer längeren Urlaubs- und Krankheitspause – mir wurden in Berlin die Mandeln entfernt – bin ich seit gestern zurück in Istanbul. Am meisten überrascht war ich darüber, dass der Winter, den ich bei meiner Abreise vor einem Monat eigentlich in Berlin vermutet hatte, sich hier am Bosporus breit gemacht hat. Gestern hatten wir regelrechtes Schneetreiben, ein Wetter, wie man es sich zu Weihnachten in Berlin gewünscht hätte. Heute morgen sah die Stadt dann zauberhaft weiß aus und so ganz anders als gewohnt. Doch nicht alles am Schnee ist schön: Gestern brach erwartungsgemäß der Verkehr total zusammen, man hörte und sah allenthalben die Feuerwehr ausrücken, teils mit großen Leiterwagen. Die Fähren über den Bosporus funktionierten aber tadellos.

Bewundernswert ist einmal mehr Weiterlesen

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