Ein Sänger und seine Religion

Ein jüdischer Musiker vertritt die Türkei beim Eurovision Song Contest in Baku und wird wegen seines Glaubens von Ultrakonservativen angefeindet. Ich hatte die Gelegenheit, Can Bonomo bei der Vorstellung seines Liedes vergangene Woche im Fernsehstudio des staatlichen Senders TRT in Istanbul beobachten zu können. Im Publikum waren zahlreiche namhafte türkische Sängerinnen und Sänger, Schauspieler, Fernsehmoderatoren – aber auch einige Dutzend Teenager hatten es geschafft, ins Studio zu gelangen, um ihren Star begeistert zu feiern. Bonomo ist wirklich ein netter Kerl, im riesigen Pulk der Fernsehteams und Reporter, die sich anschließend um ihn drängten, war es leider unmöglich, ihm eine vernünftige Frage zu stellen. Er wirkte nach seinem Auftritt zwar immer noch ein bisschen aufgeregt, aber auch bewundernswert professionell und irgendwie cool. Interessant war, dass beim Stehempfang kein Alkohol gereicht wurde. „Das ist TRT, die werden von der AKP kontrolliert!“, sagte meine türkische Begleiterin – und die Partei des Regierungschefs Erdoğan nennt sich bekanntlich islamisch-konservativ. Die Istanbuler Schickeria scheint sich daran gewöhnt zu haben, etwaiger Protest Weiterlesen

Fetih 1453 – welch wunderbare Armee!

Der türkische Historienfilm „Fetih 1453“ (Eroberung 1453) erregt die Gemüter. Worum es im teuersten türkischen Films aller Zeiten geht, macht schon sein Vorspann klar, der aus einer der Hadithen des Propheten Mohammed zitiert: „Wahrhaftig, ihr werdet Konstantinopel erobern! Welch wunderbarer Führer wird euch führen, und welch wunderbare Armee wird das sein!“

In den folgenden 160 Minuten zeigt „Fetih 1453“ den Osmanen-Sultan Mehmed II. und seine Armee bei der Belagerung und Erstürmung von Konstantinopel im Jahr 1453. Das 17 Millionen Dollar teure Historiendrama des türkischen Regisseurs Faruk Aksoy, das vergangene Woche weltweit startete, zog bereits Weiterlesen

Wie in Reinickendorf

Dolmus und Minibus heißen die beliebtesten Verkehrsmittel Istanbuls, weil sie fix, flexibel, billig und wegen des sozialen Kontaktes im Fahrgastraum sogar vergnüglich sind. Der Bürgermeister von Istanbul wollte die Sammeltaxis im Januar abschaffen, hat aber sehr schnell eingesehen, dass das ein Fehler war und den absurden Vorschlag flugs zurückgenommen. Ich habe darüber eine Reportage für die Berliner Zeitung verfasst, die mich u.a. in das Büro des mächtigen Minibus-Verbandes Istanbuls führte, dessen Präsident mich an einen Boxer erinnerte und der auch genauso redete, äußerst selbstbewusst und mit John-Wayne-Stimme. Er führte mir mit Beispielen vor Augen, dass die Weltstadt Istanbul ohne die 12000 in seinem Verband organisierten Fahrer ins Chaos steuern würde. Am Ende unseres zweistündigen Gespräches Weiterlesen

Syrischer Alptraum

Angesichts der furchtbaren Nachrichten, die während der letzten Tage aus Syrien kommen, erscheint mir das das Leben hier in Istanbul wie ein Traum. Friedlich, bürgerlich, menschlich. Aber Syrien ist das direkte Nachbarland der Türkei, dort sterben jeden Tag Menschen. Wenn ich Kollegen treffe, dann reden wir natürlich auch darüber, wie man angemessen journalistisch reagiert. Von einem syrischen Freund, der gerade in Antakya an der syrischen Grenze ist, weiß ich, dass dort jeden Tag westliche Journalisten mithilfe von Schmugglern die Grenze überqueren. Sie wollen der Welt ein Bild davon vermitteln, wie die syrischen Regierungstruppen gegen die Aufständischen vorgehen. Mein Freund sagt, dass es hauptsächlich Fernsehteams und Fotoreporter sind. Es ist ein Risiko, sagt er, Weiterlesen

Katzen statt Kinder

Katzen sind die Maskottchen Istanbuls, ihre heimlichen Prinzessinnen und Prinzen. Sie wärmen sich auf Autodächern, kuscheln in Hauseingängen und stolzieren mit prüfenden Nüstern an den Schälchen und Näpfchen entlang, die ihnen die katzenliebenden Istanbuler auf den Bürgersteig stellen – um sich dann zwischen Trockenfutter, Fisch, Fleisch, gekochten Nudeln oder Milch zu entscheiden. Manche werden vom vielen Essen so rund und schläfrig, dass man aufpassen muss, sie auf dem Trottoir nicht zu treten. Denn sie denken gar nicht daran, aus dem Weg zu schleichen. Zumindest bei uns im wohlhabenden Stadtviertel Cihangir ist das so. Als wir herzogen, bemerkten wir nicht nur Weiterlesen

Buzzcocks in Beyoğlu

Was Istanbul von Kairo unterscheidet und mit Berlin verbindet, ist das kulturelle Angebot. Wie oft haben wir uns in Kairo – wo ich in den vergangenen vier Jahren viel Zeit verbracht habe – gefragt, was man abends unternehmen könne, und dann darauf geeinigt: am besten zu Hause fernsehen. Selbst das wurde immer öder, nachdem die ARD ihr Programm vom Hotbird-Satelliten genommen hatte, eine Katastrophe für die deutsche Expat-Community und die Urlauber im Mittelmeerraum, aber generell für germanophile Menschen in der Welt da draußen. Es ist völlig unverständlich, wie man (verzeihen Sie den Ausdruck) so bekloppt sein kann, einen kulturellen Botschafter vom Rang der ARD für weite Teile der Welt einfach zu kappen. Es blieben auf dem Satelliten das ZDF – und RTL2 in Schweizer Mundart. Wie gut, dass irgendwann die Revolution ausbrach Weiterlesen

Valentinstag

Gestern war Valentinstag, der in der nicht-christlichen Türkei erstaunliche Resonanz findet. In Deutschland habe ich an diesem Tag zwar auch weniger die inspirierende Liebe des Heiligen Valentins als vielmehr eine PR-Aktion der Blumenhändler wahrgenommen. So ist es auch in der Türkei, einerseits. Andererseits scheint mir der Hype hier in Istanbul stärker, als ich es je in Berlin erlebt habe, oder ich achte einfach mehr darauf. Überall warben in der letzten Woche Plakate für den „Sevgililer Günü“, den „Tag der Liebenden“, wie er auf Türkisch heißt, die Blumenhändler hatten besonders viele Auslagen auf die Bürgersteige gestellt. Und plötzlich fielen mir die zahlreichen eng umschlungenen jungen Liebenden – ja, auch junge Damen mit Kopftuch! – in der Straßenbahn auf.

Um mehr zu erfahren, fragte ich meine türkische Mitarbeiterin Weiterlesen

Überraschende Wende im mysteriösen Fall des Hussein Harmusch

Im vergangenen November hatte ich in der Berliner Zeitung über den dramatischen Fall des syrischen Armeedeserteurs Oberstleutnant Hussein Harmusch berichtet. Harmusch war im Juni 2011 aus Syrien in die Türkei geflüchtet und lebte samt Familie in einem Flüchtlingslager bei Antakya. In zahlreichen Fernsehinterviews beschuldigte er die syrische Führung schwerer Menschenrechtsverletzungen und gründete schließlich die „Freie Syrische Armee“ – der sich inzwischen mehr als 10000 Deserteure angeschlossen haben sollen (der türkische Außenminister Davutoglu nannte heute sogar die Zahl 40000). Hussein Harmusch war ein heißblütiger, unerschrockener Mann, über den mir ein türkischer Offizieller sagte, man habe ihn einfach nicht kontrollieren können, er sei zu eigenwillig gewesen. Das syrische Regime setzte angeblich eine Belohnung von 100000 Dollar auf seinen Kopf aus. Der Oberstleutnant verschwand dann plötzlich am 29. August und tauchte zwei Wochen später im syrischen Staatsfernsehen wieder auf, wo er mit angstgeweiteten Augen Regimepropaganda aufsagte. Der Auftritt wurde von der syrischen Regierung als großer Publicitycoup verbucht. Danach gab es von Harmusch kein Lebenszeichen mehr.

Damals kursierten unter Exilsyrern in der Türkei Weiterlesen

Ein Ausflug zu Ikea

Die Gelegenheit eines (fast) arbeitsfreien Tages habe ich heute ergriffen, um zu Ikea im Bezirk Bayrampaşa zu fahren. Das ist von Cihangir gesehen auf der anderen Seite des Goldenen Horns, und man kommt recht zügig hin, wenn man die U-Bahn nimmt. Als ich aus dem Waggon ausstieg, wurde ich fast zum Einkaufszentrum „Forum Istanbul“ geschoben, so viele Menschen waren dorthin unterwegs. Natürlich, schoss es mir durch den Kopf, immer der gleiche Fehler – du darfst nicht am Wochenende zum Einkaufen fahren, weil dann halb Istanbul auf die selbe Idee kommt!

Im „Forum Istanbul“, dessen Dimensionen Weiterlesen

Wintertage

Es gab nur eine kurze Pause von wenigen Tagen mit Temperaturen bis zu 15 Grad und wärmender Sonne – doch jetzt hat der Winter Istanbul wieder voll im Griff. Auf allen Dächern liegt Schnee (auf den Straßen bleibt er nicht liegen, weil die Temperatur stets um den Gefrierpunkt schwankt), die Flocken wirbeln herum, und je nach Stärke des Schneegestöbers verschwindet der Bosporus völlig aus dem Blickfeld oder taucht dann wundersamerweise sonnenbestrahlt wieder auf. Klar, dass die Schiffe im Dunst deutlich mehr hupen, um nicht zusammenzustoßen. Sie fahren so langsam, als tasteten sie sich durch das weiße Nichts. Nachts geht von ihren Tröten ein seltsam beruhigendes Gefühl aus. Solange gehupt wird, ist die Welt in Ordnung.

Doch die unten am Bosporus wohnenden Istanbuler Weiterlesen