Shampoo-Werbung mit Adolf Hitler gestoppt

Würden Sie von diesem Mann ein Shampoo kaufen? Eine türkische Kosmetikfirma glaubt fest daran. Vier Tage lang flimmerte ein 17 Sekunden langer Werbespot mit einem tobenden Adolf Hitler über türkische Bildschirme. Immer wieder. Darin brüllt der Diktator die Kunden auf Türkisch mit Untertiteln in Gastarbeiterdeutsch an: „Warum benutzt du Frauenshampoo, wenn du kein Frauenkleid trägst? Jetzt gibt es das hundertprozentige Männershampoo: Biomen.“ Und dann: „Echter Mann, benütze Biomen!“

Als ein Sturm der Entrüstung losbrach und türkische Zeitungen den Spot „verkommen“ und „faschistisch“ nannten, als der Istanbuler Oberrabbiner Weiterlesen

Frühlingsfest

Seit vier Tagen haben wir richtigen Frühling in Istanbul, und da es mein erster Frühling hier ist, bin ich noch ganz verblüfft, wie schnell und selbstverständlich er sich auf Straßen und Plätzen breit macht. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt – und plötzlich ist es warm. Es war gerade einen Tag Frühling, als schon die Büsche und Bäume erblühten. Von bitter kalt hat sich das Wetter auf sommerlich warm eingepegelt – und mit einem Mal ist die Stadt wie verwandelt. Diese besondere Istanbuler Melancholie, die Orhan Pamuk als „hüzün“ bezeichnet und die uns nun vier Monate begleitet hat, sie scheint wie weggeblasen. In den Straßencafés ist kein freier Platz mehr zu finden, sogar die Touristen Weiterlesen

Zensur aus Fürsorge: Wie das türkische Internet nach regierungskritischen Begriffen und Bildern durchsucht wird

Jeder Internetnutzer in der Türkei kennt das Spiel: Der Versuch, eine Wett- oder Pornoseite zu öffnen, wird von den türkischen Sittenwächtern zuverlässig unterbunden. Ähnlich ist es mit politischen Anstößigkeiten: Hier sorgen Ankaras Zensoren für ein weitgehend minderheiten-, vor allem kurdenfreies Netz. Zur Rechtfertigung der drakonischen Netzkontrolle bezieht sich die türkische Regierung oft auf den berüchtigten Artikel 301 des Strafgesetzbuches, der „die Beleidigung des türkischen Volkes, der Republik und der Regierung“ unter Strafe stellt. Zensur sei außerdem nötig aus Fürsorge für die Bürger. Diese Fürsorglichkeit Weiterlesen

Bittersüße Freude

Fast täglich erschüttern Fälle von Gewalt gegen Frauen die Türkei. Vergangene Woche legte eine junge Frau in der westtürkischen Stadt Kütahya ihr 15 Monate altes Baby, gehüllt in ein Laken, im Keller eines Wohnblocks ab. Sicherheitskameras haben aufgezeichnet, dass die Mutter eine kurze Notiz daneben legte. Auf ihr stand: „Ich wurde vergewaltigt. Der Vater weigert sich, das Kind anzuerkennen. Wenn meine Familie davon erfährt, werden sie uns beide töten. Der Staat wird besser auf sie Acht geben, als ich es kann.“ Gleichzeitig veröffentlichte die Parlamentskommission für Menschenrechte in Ankara erschreckende Zahlen. Laut Polizeistatistik Weiterlesen

Rembetiko in Istanbul

Ein bisschen neidisch hatten wir in den vergangenen Tagen auf die Wetterkarten geschaut, die Deutschland als Frühlingsland priesen – aber jetzt ist der Lenz auch nach Istanbul gekommen. Die Kinder in der Schule gegenüber (die wegen eines Feiertags gerade wieder mit einem gigantischen Atatürkposter geschmückt ist) spielten heute schon in kurzen Hemden auf dem Hof. Ihr Morgenappell fiel auch länger aus als sonst und hat mich wie jeden Montag aus dem Tiefschlaf gerissen. Ich warte auf den Wochenenanfang, an dem endlich morgens Ruhe herrscht. Die regierende AKP hat ja schon den Militärunterricht abgeschafft, vielleicht folgt demnächst auch das Ende des Morgenappells. Obwohl – mir würde auch etwas fehlen. Heute immerhin Weiterlesen

Lebst du schon oder malochst du noch?

Es hat in Istanbul ein Unglück gegeben, dass die Menschen immer noch sehr bewegt – in der Nacht von Sonntag zu Montag brannten innerhalb von drei Minuten in einem westlichen Vorort Zelte ab, in denen Bauarbeiter untergebracht waren. Sie hatten, da es kalt war und schneite, Elektroheizer angestellt, einer geriet wohl in Brand, und in Windeseile standen die Zelte in Flammen. Elf Bauarbeiter starben. Sie erstickten und verbrannten. Nach und nach kommen jetzt die Schlampereien der verantwortlichen Firmen ans Licht – und dazu gehört auch der Hamburger Projektentwickler ECE, der auf der Großbaustelle ein neues Einkaufszentrum errichtet. Derzeit läuft das beliebte Schwarze-Peter-Spiel: Jeder schiebt einem anderen Weiterlesen

Aleviten, Islamisten, Liberale

Es sind bewegte politische Zeiten in der Türkei, und an meinem Wohnort im Zentrum Istanbuls habe ich die Gelegenheit, die Reaktionen des „Volkes“ stets ungefiltert mitzuerleben. Gestern abend zum Beispiel demonstrierten am Taksim-Platz Tausende Aleviten gegen die Verjährungseinstellung des Ermittlungsverfahrens um die Sivas-Morde. In der mittelanatolischen Stadt Sivas hatten islamische Fundamentalisten 1993 während eines alevitischen Kulturfestivals ein Hotel belagert und angezündet, in dem vorwiegend alevitische Musiker, Schriftsteller, Dichter und Verleger logierten, darunter Kinder und Jugendliche. Mehr als 30 Menschen verbrannten in dem Hotel; die wütende Menge hinderte sie an der Flucht nach draußen. Nur wenige überlebten, darunter der Autor Aziz Nesin, dem die Attacke Weiterlesen

Sexueller Missbrauch und „entsetzliche Gewalt“ in türkischen Gefängnissen

Nun hat auch die Türkei ihren Missbrauchsskandal. Was in Deutschland die Heimkinder waren, die Schüler in Internaten und katholischen Elitegymnasien, das sind in der Türkei kurdische Kinder, die in Zuchthäusern einsitzen, weil sie angeblich Terroristen sind. „Einige unserer Freunde wurden Dutzende Male von gewöhnlichen Mitgefangenen vergewaltigt. Was sie uns antaten, kann man nicht in Worte fassen“, berichtete der 15-jährige H. K. der Reporterin Zeynep Kuris über seine Erlebnisse im Jugendgefängnis Pozanti im südtürkischen Adana.

Die Journalistin der prokurdischen Presseagentur Dicle schrieb die Geschichte auf, eine linke Zeitung in Istanbul Weiterlesen

Flohzirkus

Politisch gesehen war die vergangene Woche in der Türkei ziemlich ereignisreich. Am wichtigsten waren ein Missbrauchsskandal in türkischen Jugendgefängnissen und die Verabschiedung des Gesetzes gegen häusliche Gewalt durch das Parlament in Ankara, das jetzt nur noch von Präsident Abdullah Gül unterzeichnet werden muss, um in Kraft zu treten. Das Gesetz geht sogar über entsprechende Regelungen in Deutschland hinaus und ist durchaus geeignet, Frauen und Kindern einen soliden Schutz zu gewähren – wenn es denn von Polizei und Justiz auch entsprechend angewendet wird. Und daran sind in der patriarchalisch geprägten Macho-Republik Türkei Weiterlesen

Parallelgesellschaften

Nach einem kurzen Deutschland-Ausflug bin ich wieder in Istanbul angekommen und habe zuerst festgestellt, dass das Wetter sich kaum von Norddeutschland unterscheidet, es ist kalt, aber sonnig. Wer glaubt, dass Istanbul mediterranes Klima habe (wie die meisten meiner Bekannten), der liegt definitiv falsch. In diesem Winter hat es hier bedeutend mehr geschneit als in Berlin, wenn ich den Berichten meiner Berliner Freunde glauben kann und ihre Angaben mit dem Wetter am Bosporus vergleiche. Aber diesmal war ich auch in Hamburg und habe dort an einem Kongress von Turkologen teilgenommen. Turkologen sind Akademiker, die sich mit der Türkei befassen, mit ihrer Geschichte, Politik, Wirtschaft, Kultur, und sie sind an deutschen Universitäten meist den Islamwissenschaftlern angegliedert. Ich habe gelernt, dass es nicht sehr viele Turkologische Fakultäten in Deutschland gibt, dass diese Weiterlesen