Der Cappuccino-Index

Neulich war ich zwei Tage in Berlin, weil eine 90-minütige TV-Dokumentation über den Geheimdienst der Scientology-Organisation, deren Autor ich bin, erstmals im Fernsehen ausgestrahlt wurde (bei ARTE). Das Ereignis sollte zusammen mit der Filmcrew und Freunden gebührend gefeiert werden, was wir dann auch taten. Für mich war es einer dieser Blitzbesuche in Berlin, die mich kurz aus dem Istanbuler Alltag reißen und zu Vergleichen der Lebensumstände geradezu nötigen. Wie immer empfand ich Berlin als ungemein beruhigend für die Nerven, weil es dort so ruhig und gelassen zugeht, weil vergleichsweise wenige Autos herumfahren und die Leute im allgemeinen viel Zeit zum Leben, Lesen und Entspannen zu haben scheinen. Man kann sich – aus der Istanbuler Hektik kommend – wunderbar fallen lassen. Das sprichwörtliche Berliner Tempo, das Journalisten und Schriftsteller der Gründerzeit bis in die 30er Jahre Weiterlesen

Am Plastikstrand

Liebe Blogleser/innen, auch ein Journalist braucht mal Ferien. Das ist der Grund, warum Sie in den vergangenen zwei Wochen nichts von mir gehört haben. Jedenfalls nicht an dieser Stelle und nicht vom Bosporus. Den größten Teil dieser Zeit habe ich in Nordzypern verbracht, einem wunderschönen Flecken Erde und nur knapp anderthalb Flugstunden von Istanbul entfernt. Aber weit genug vom Rummel der 15-Millionen-Metropole. Natürlich hat mich dort sehr schnell die aktuelle Politik wieder eingeholt, denn die Menschen im türkischen Norden der Insel blicken derzeit gespannt auf den 1. Juli, wenn der Süden bzw. die Republik Zypern die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt. Die Türkei als Besatzungs- und Schutzmacht des Inselnordens hat ja bereits angekündigt, dann die Beziehungen zur EU einzufrieren. Abgesehen von den manchmal absurd anmutenden politischen Kapriolen Weiterlesen

Tahir-Platz? Taksim-Platz!

Nach einer siebentägigen Dienstreise in die Kaukaususrepublik Armenien bin ich gerade rechtzeitig zum 1. Mai wieder nach Istanbul zurückgekehrt. Wie schon in den Vorjahren seit 2009 – seit die Maiumzüge der Gewerkschaften zum Taksim-Platz wieder gestattet sind – füllte er sich mit Hunderttausenden Menschen. Ich fühlte mich sofort an den Kairoer Tahrir-Platz vor einem Jahr erinnert. In der Zeit meiner Korrespondententätigkeit ist es die bislang mächtigste Kundgebung, die ich in Istanbul erlebt habe. Laut der türkischen Boulevardzeitung Posta waren es 1,5 Millionen – neuer Rekord für den Taksim-Platz. Und durchaus Tahrir-Qualität, wenn auch keine Revolution ausgerufen wurde. Aber die Linken und die zivilgesellschaftlichen Gruppen der Türkei vergewisserten sich sozusagen ihrer durchaus vorhandenen Stärke. Das Wetter war prächtig, die Menschen gut gelaunt. Sie zogen aus drei Richtungen als Sternmarsch ins Stadtzentrum. Da der Bürgermeister den öffentlichen Nahverkehr praktisch lahmgelegt hatte, Metro, Metrobusse und Straßenbahnen nicht fuhren, war der gestrige Dienstag zugleich Weiterlesen