Die Glorie der Osmanen

„Das prächtige Jahrhundert“, eine türkische TV-Soap über den Osmanen-Sultan Süleyman den Prächtigen im 16. Jahrhundert, macht zurzeit mal wieder Schlagzeilen in der Türkei. Nein, nicht wegen der entzückenden deutsch-türkischen Schauspielerin Meryem Uzerli, die die Haremsdame Hürrem spielt, sondern weil die profane Darstellung der glorreichen Vergangenheit dem neuen türkischen Sultan Tayyip E. nicht passt. Der Regierungschef hasst die Serie, seit sie im Januar 2011 startete, und er hasst sie noch mehr, weil sie sich seither zum erfolgreichsten TV-Straßenfeger der Türkei entwickelte.

Ein Drittel der Bevölkerung sitzt am Mittwochabend vor dem Fernseher, um die Palastintrigen und -amouren in der nunmehr dritten Staffel zu verfolgen. Diese unverblümte „private“ Darstellung des Osmanenherrschers war ein Schock für die Türken, die derlei „Realismus“ wegen der sonst üblichen Verklärung der Vergangenheit nicht gewöhnt waren – doch jetzt haben sie sich so sehr daran gewöhnt, dass sie die Soap gar nicht mehr missen möchten. Erdoğans Zorn trifft also indirekt auch die Untertanen, die sich an der boulevardesken Enthüllung der wahren Natur ihrer Machthaber ergötzen – und damit vielleicht auch seine Autorität in Frage stellen. Schließlich spricht er ja immer unverblümter neo-osmanische politische Fantasien aus.

Nun, zu dem Thema habe ich einen kleinen Text geschrieben, der etwas gekürzt vergangenen Sonnabend in der Berliner Zeitung erschien (1.12.2012, nicht online). Hier meine Komplettversion:

Von Algerien bis kurz vor Wien

„Tayyip Erdoğan der Prächtige“ – ein als Sultan verkleideter Regierungschef zierte dieser Tage das Titelbild der türkischen Tageszeitung Söscü. Als Kommentar zur neuesten Kulturkritik des Ministerpräsidenten. „Ein osmanischer Sultan erobert Länder und nicht Frauen“, so könnte man die Wutrede Erdoğans zusammenfassen, die er anlässlich einer Flughafeneinweihung im westtürkischen Küthaya hielt. Objekt seines Zorns war die Fernsehserie „Muhteşem Yüzyıl“ („Das prächtige Jahrhundert“), die beliebteste TV-Serie in der Türkei und ein Verkaufsschlager im Nahen Osten.

In der einmal wöchentlich ausgestrahlten Soap Opera geht es um den Osmanensultan Süleyman den Prächtigen, der im 16. Jahrhundert zwar mit seinem Heer bis vor Wien zog, viel mehr Zeit aber im Palast bei den Haremsdamen verbrachte. Historisch nicht unkorrekt zeigt die Serie einen Machthaber, der Rotwein trinkt, der geschlechtlichen Liebe frönt und von den Palastintrigen nur die Hälfte mitbekommt. Die Serie läuft seit Januar 2011, jetzt in der dritten Staffel und beschäftigt in tragenden Rollen zwei deutschtürkische Schauspielerinnen, die das Publikum mit ihrem charmanten Akzent und Aussehen begeistern.

Der konservative Herr Erdoğan stößt sich an den lasziven Szenen, vor allem aber am Gesamtbild. Er rührte die Serie mit den Angriffen der Opposition auf seine außenpolitischen Ambitionen in Syrien, Gaza und im Sudan zusammen: „Wir zeigen Interesse an allem und überall, und das hängt mit unserer Vergangenheit zusammen. Sie aber kennen unsere Vorfahren und Väter nur aus ,Muhtesem Yüzyil‘. Doch so einen Süleyman kennen wir nicht.“ Osmanenherrscher müssten hart sein, meinte Erdogan, und bat die Justiz, gegen die untürkischen Künstler die „richtige Entscheidung“ zu treffen. Damit konterkariert er freilich das Bild, das sein Außenminister Davutoğlu von der „Soft-Power“-Türkei zu zeichnen versucht: Sanft, vermittelnd, friedensstiftend. Keinesfalls neo-osmanisch! „Wir sind bewegt vom Geist, der das Osmanische Reich gründete“, donnerte hingegen Erdoğan. „Wir müssen überall dorthin gehen, wo unsere Vorfahren gewesen sind“ – also von Algerien bis kurz vor Wien?

Da nicht wenige Türken das Kostümspektakel offenbar für bare historische Münze nehmen, haben die Zeitungen eine Armada von Geschichtsprofessoren um Aufklärung gebeten. Die Gelehrten weisen einerseits nach, dass „Muhteşem Yüzyıl“ keine Dokumentation ist, erteilen aber auch dem Regierungschef schlechte Noten. Er hatte nämlich behauptet, dass Süleyman I. seine Regierungszeit von 1520 bis 1566 nicht in Haremsbetten, sondern „30 Jahre lang auf dem Rücken des Pferdes“ verbracht habe. Alles falsch, sagt Professor Feridun Emecen. „Es waren nur 13 Feldzüge und höchstens zehn Jahre zu Pferde.“ Also doch Hedonismus statt Heroismus. Staatspräsident Abdullah Gül sieht die Sache locker. Bei der Verleihung seinen Kultur- und Kunst-Preises sagte er am Donnerstag: „Die Tatsache, dass historische Persönlichkeiten in Filmen oder TV-Serien behandelt werden, heißen wir willkommen.”

Hinzuzufügen wäre noch, dass der Regierungschef sich zwar über den Schaden am Osmanen-Image aufregt, den die Fernserie angeblich anrichtet. Die viel gravierenderen Anschläge, die seine Regierung, die Regierungspartei AKP und auch er selbst dem historischen Andenken zufügen, nimmt er offenbar gar nicht wahr: zum Beispiel jene furchtbare Betonmonsterbrücke über das Goldene Horn, die den Blick auf das Meisterwerk des osmanischen Stararchitekten Sinan, die prächtige Süleymaniye(!)-Moschee und damit die historische Silhouette Istanbuls, demnächst völlig ver- und entstellen wird. So wird die Osmanenglorie des „prächtigen Zeitalters“ stärker und dauerhafter ruiniert, als es eine Soap Opera im Fernsehen je könnte.

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