Die Regenbogentreppe von Beyoğlu

Am heutigen Sonnabend erwies sich die Weisheit des Bezirksbürgermeisters von Beyoğlu, dem Istanbuler Stadtteil, in dem wir leben. Die „Regenbogentreppe“ ist wieder da! Das heißt, sie war natürlich nicht weg, aber sie hatte zwischendurch ihre Farbe verloren. Und jetzt strahlt sie (fast) wieder so schön bunt wie zuvor.

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Aber der Reihe nach. Vor drei Tagen ging ein Foto durch die sozialen Netzwerke und wurde zum Liebling der Massen. Darauf eine Betontreppe, die von der Uferstraße am Bosporus in Fındıklı den Hügel hinauf nach Cihangir führt (beides sind Unterbezirke von Beyoğlu). Es gibt in der Gegend mindestens fünf solcher Stufen, eine in bejammernswerterem Zustand als die nächste, zerrüttet von den Istanbuler Winden und Wettern und Bauarbeitern.

Niemand kümmert sich je darum, schon gar nicht die Stadtverwaltung, deren Aufgabe es wäre. Touristen bemerken die Treppen gar nicht, weil sie sie nicht benutzen und weil ohnehin kein Mensch, der seine Sinne beisammen hat, sie benutzen würde – außer den Anwohnern wie wir, die keine Wahl haben.

Nun, am Mittwoch werden auch Fremde diese eine Treppe bemerkt haben, denn statt in Rost- und Graubraun strahlte sie plötzlich in Regenbogenfarben. Am Donnerstag erreichte die Nachricht dann die „alten“ Medien. Die Bezirkspolitiker der AKP gerieten in Wallung: Farben in der Stadt – reckt da die Gezi-Bewegung ihren Kopf aus dem Pflaster? Und Regenbogen – war da nicht was? Um in keinen unschicklichen Verdacht zu geraten, den gleichwohl niemand aussprach, erhob sich ein anschwellender Chor aus dem Rathaus in Beyoğlu: „Das Farbmonster muss weg! Es ist illegal! Es wird womöglich Nachahmer anstiften!“

Als die Istanbuler am Freitag aufwachten, hatte sich der farbige Treppen-Schwan wieder zurückverwandelt in das graue Bröckelbeton-Entlein. Ein Aufschrei der Anwohner folgte. Und der Bürgermeister Ahmet Misbah Demircan erklärte: „Wir wissen nicht, wer das war.“ Später räumte er ein, dass Bezirksmitarbeiter das Grau verstrichen hätten; sie hätten nämlich „auf eine Beschwerde reagiert“.

Inzwischen hatten die Zeitungen aber herausgefunden, wer die 200 Stufen bunt angemalt hatte: Kein Schwulenbewegter, sondern Hüseyin Çetinel, ein 64-jähriger, verheirateter Anwohner, der sich (wie wohl wir alle im Viertel) seit Jahr und Tag darüber ärgerte, wie die Treppen immer weiter verfielen. „Ich habe für 1500 Lira 40 Kilo Farbe gekauft und gestrichen. Das war’s“, sagte er. „Ich wollte ein Lächeln auf die Gesichter der Leute zaubern.“

Nach der Zerstörung seiner Arbeit wurde der neue Twitter-Hashtag #resiststeps tausendfach angeklickt, und der Aufruf: „Nehmt eure Pinsel und kommt am Sonnabend nach Beyoğlu“, wurde zum Renner in den sozialen Netzwerken.

Man weiß spätestens seit den Ereignissen im Gezi-Park, dass Bürgernähe nicht zu den Primärtugenden der Istanbuler Stadtregierung gehört. Doch diesmal strafte die Verwaltung die Miesepeter Lügen. Der Bürgermeister von Beyoğlu stellte sich vor die Kameras, erklärte seine persönliche Betroffenheit und versprach, dem Bürgerwillen zu folgen. Auf Twitter gab er folgenden bemerkenswerten Kommentar ab: „Wir haben unsere Arbeit getan. Wir werden die Anwohner zusammenrufen und ein kleines Plebiszit veranstalten. Meine Wahl ist Ja. Ich hoffe, die Anwohner sehen das genauso.“ Er fügte hinzu: „Ich kann sagen, dass eine wundervolle Ära farbiger Treppen in Beyoğlu anbrechen wird.“

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Diesen Anstrich hat die Stadt bezahlt.

Als ich heute Nachmittag an der Treppe vorbei ging, glänzte sie wieder bunt wie der schönste Regenbogen. Und Bezirksbürgermeister Demircan, der übrigens wie Tayyip Erdoğan im (grauen!) Istanbuler Kleineleuteviertel Kasımpaşa aufwuchs, verkündete stolz: „Das hat die Regierung veranlasst, weil die Bürger sich mehr Farbe im Viertel wünschen.“ Dann folgte eine herrliche Erklärung, wie sie nur in der Türkei denkbar ist: „Einer unserer Bürger traf eine Entscheidung und bot Beyoğlu dieses wunderbare Projekt an. Leider machte er einen methodischen Fehler. Nicht nur stellte er keinen Antrag beim Bezirk, er informierte auch die Anwohner nicht über sein Vorhaben.“

Einen Antrag im Bezirk? Egal. Das Ergebnis zählt. Beyoğlu ist doch nicht Schilda, und unser Bezirksbürgermeister ist nicht Tayyip Erdoğan. Aber es kommt schon darauf an, wer die Farbe verstreicht.

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