Der neue Dreißigjährige Krieg

Zurück von meiner Reise nach Kurdistan (Nordirak) und vor allem nach Nordsyrien ins dortige Kurdengebiet namens Rojava bin ich noch immer dabei, meine Eindrücke zu ordnen und zu verarbeiten. In Syrien war ich, wie mir schien, der einzige westliche Ausländer und fiel dementsprechend auf wie ein bunter Hund. Umso wichtiger war es mir, so viele Impressionen mitzunehmen und Informationen aufzusaugen, wie überhaupt nur möglich. Ich habe neun Notizbücher vollgeschrieben.

Nach acht Tagen im Bürgerkriegsland kam mir der Nordirak bei der Wiedereinreise vor wie ein Konsumparadies und erscheint mir Istanbul jetzt wie ein friedvoller prächtiger Traum. Aber auch Istanbul liegt nur knapp zweieinhalb Flugstunden entfernt von einem der grausamsten Gemetzel der Neuzeit, das nicht nur mich an die Zeit des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland erinnert, inklusive marodierender Horden und ausländischer Mächte mit großem Appetit auf leichte Beute.

Mit Lastwagen, so erfuhr ich in der syrisch-kurdischen Stadt Serekaniye (Ras al-Ain), haben Islamisten, aber auch ganz normale Syrer und angeblich sogar Türken die Beute abtransportiert, nachdem sie systematisch kurdische Häuser geplündert hatten – und die Ware dann in die Türkei zum Verkaufen geschafft. Man kann nur hoffen, dass es nicht dreißig Jahre dauert, bis ein „Westfälischer Frieden“ für das geschundene Syrien möglich wird.

Ich werde über meine Erkenntnisse sicher den ein oder anderen Artikel schreiben. Die ersten sind jetzt bereits erschienen: Hier mein Text über den Einsatz deutsch-französischer Milan-Raketen durch Dschihadisten gegen die syrischen Kurden und hier mein Kommentar zur skandalösen Ignoranz des Westens und der Weltgemeinschaft gegenüber den syrischen Kurden, die nicht mit einer eigenen Delegation nach Montreux zu den angeblichen Friedensverhandlungen fahren durften, obwohl sie ein bedeutender militärischer und politischer Player im Land sind.

In Istanbul ist übrigens schon der Frühling ausgebrochen, natürlich metereologisch und nicht politisch. Gestern habe ich tatsächlich eine leibhaftige Mücke erledigt. Im Januar! Nun gilt es abzuwarten, ob der Winter noch einmal zurückkehrt.

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5 Gedanken zu “Der neue Dreißigjährige Krieg

  1. Hallo ich möchte mich als Kurde ganz herzlich bei ihnen bedanken, besonders zu Zeiten wo jeder nur an sein eigenes wohl denkt.

    Wir kurden werden so oft übergangen und übersehen, wenn in der Vergangenheit über Kurden berichtet wurde dann meist nur um diese zu kriminalisieren.
    Deswegen freut es mich umsomeher, dass sich jemand für uns einsetzt ohne Hintergedanken zu haben

  2. Was ich nicht verstehe: Welchen Anlass hat „der Westen“ – gerade zur Zeit – , die Sichtweise der Türkei bezüglich der syrischen Kurden zu übernehmen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

    Viele Grüße

    P.S.: Danke für die interessanten Hintergrundinformationen!

    • Hallo Herr Becker, die Erklärung dafür scheint mir auf der Hand zu liegen: Bündnispolitik. Die Türkei ist ein wichtiger Bündnispartner der NATO und liegt an einer bedeutenden geopolitischen Schnittstelle. Also macht man nichts, was den Partner verärgern könnte. Meiner Meinung nach ist das der falsche Weg. Zumal es sich um ein Déja Vu handelt, siehe Nordirak, den die Türkei auch jahrelang bokottierte und mit dem sie heute glänzende Geschäfte macht. Aber Barzani ist auch ein Konservativer, während viele syrische Kurden säkular eingestellt sind.

  3. Es stellen sich für mich eine Reihe von Fragen, die ich nicht ketzerisch meine, wenn sie auch so klingen.
    Sehen Sie in diesem Konflikt die Kurden pauschal als die „Guten“, die von allen anderen „Bösen“ unterdrückt werden/wurden.
    Welche Ethnie haben die Türken, die sich an den Unterdrückungen der Kurden beteiligen? Oder ist das der türkische Staat?
    Sind die sunitischen als auch die alewitschen Kurden gleichermaßen die Unterdrückten?
    Welche Kurden waren es, die sich vor ca. einem Jahr mit dem PKK-Ableger im Norden Syriens verbündet hatten und die anderen Ethnien im Norden bekämpften?

    • Hallo Berkay, danke für Ihre Fragen, die sich natürlich nicht mit zwei oder drei Zeilen beantworten lassen. Ich sehe die Kurden keinesfalls pauschal als die „Guten“ an, das wäre auch vollkommen unjournalistisch. Aber sie sind zweifellos dasjenige Volk im Nahen Osten, das sein legitimes Menschenrecht der Selbstverwaltung und Selbstregierung bisher (von kurzen Unterbrechungen abgesehen) nicht ausüben konnte. Die Unterdrückung der Kurden war stets staatlich organisiert, ob nun von Ankara, Bagdad, Damaskus oder Teheran aus. FN