Explosion in der Istanbuler Innenstadt

Gegen 16:20 Uhr am heutigen Montag erschütterte eine heftige Explosion unser Viertel Cihangir. Unser Wohnhaus schien kurz zu wanken, die Detonation war immens und erinnerte mich an Aleppo. Natürlich dachten die meisten Leute erst mal an einen Anschlag, zumal der Knall vom Taksim-Platz zu kommen schien. Überall stiegen Menschen auf die Dachterassen und blickten suchend in der Gegend umher. Auch ich ging hinaus auf den Balkon, konnte aber nichts sehen.

Im Internet fand ich dagegen sofort heraus, was wo wahrscheinlich passiert war. Es war absolut verblüffend zu erleben, wie effizient und schnell Twitter funktioniert. Innerhalb von zwei oder drei Minuten nach dem Knall war klar, dass die Explosion sich tatsächlich am Hang nahe dem Taksim-Platz ereignet hatte, nach fünf Minuten verdichtete sich die Gewissheit, dass es sich um eine Gasexplosion handelte, und kurz darauf tauchten auch bereits die ersten Fotos auf. Ein schnelleres Medium ist kaum vorstellbar.

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Istanbul-Cihangir heute Nachmittag, rund 100 Meter vom Explosionsherd.

Ich ging dann hinaus, um mir das Unglück aus der Nähe anzusehen und konnte feststellen, dass die Istanbuler Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienste wirklich sehr schnell und professionell den Unfallort abriegelten, Feuer löschten und Verwundete abtransportierten. Laut Medienberichten gab es fünf Verletzte. Zum Glück keine Toten.

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Blick in die Straße der Explosion von der entgegengesetzten Seite, etwa 300 Meter Luftlinie vom Taksim-Platz.
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Selbst in den Seitenstraßen gut 200 Meter vom Explosionsherd entfernt hatte die Druckwelle noch Fensterscheiben bersten lassen. Ich kam schon gar nicht mehr bis zu dem zerstörten Haus. Etwa eine halbe Stunde nach der Explosion versammelten sich vor den gelben Absperrbändern der Polizei bestimmt zwei Dutzend Kamerateams der verschiedenen Fernsehsender, und die Reporter setzten sich in Szene. Wenn sie doch so eifrig auch bei politischen Themen wären!

Die Gasexplosion gab womöglich einen kleinen Vorgeschmack darauf, was Istanbul im Fall eines Erdbebens erwartet. Dann wird es nicht nur eine, sondern viele solche Explosionen gleichzeitig geben, denn die Gasleitungen sind meistens – auch bei uns im Haus – abenteuerlich verlegt worden. Nach deutschen DIN-Vorschriften wären sie alle nicht genehmigungsfähig. Besser, man denkt nicht daran. Ich war aber ganz froh, dass wir uns vor einigen Monaten mal einen guten Feuerlöscher besorgt haben, für alle Fälle.

(Obwohl der Bürgermeister von Beyoğlu laut Hürriyet Daily News bestätigte, dass die Explosion von einem Gasleck verursacht wurde, spricht die Gasgesellschaft IGDAS am Dienstag offenbar von explodierten Gasflaschen, worauf mich Twitter-Nutzer hinwiesen. Was es nicht unbedingt besser macht. FN)

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Für die Feuerwehr war es schwer, in den engen Gassen zu rangieren.
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Das AKP-Wahlplakat zeigt den Bürgermeister und Bürgermeister-Kandidaten von Beyoğlu, Ahmet Misbah Demircan.
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