Pride Parade in Istanbul

Na bitte, geht doch! Am heutigen Sonntag fand in der Istanbuler Innenstadt eine Großdemonstration junger, säkularer Menschen statt, während der die Polizei kein Tränengas verschoss und keinen Wasserwerfer einsetzte, und siehe da – der Umzug durch die Istiklal Caddesi lief absolut friedlich ab. Die Polizisten hatten Spaß, die Demonstranten putzten die Lampen der Wasserwerfer mit bunten Puscheln, und am Ende gingen alle nach drei Stunden ruhig nach Hause oder wohin immer es sie zog. Alle lachten, sangen, tanzten, umarmten und küssten sich.

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Es war der Tag der LGBT Pride Parade. LGBT heißt lesbisch, schwul, bisexuell und transgender und ist eine Bezeichnung für alle unter uns, die sich nicht zu den Heterosexuellen zählen. In der Türkei gibt es, auch wenn das viele in Europa nicht glauben werden, eine sehr lebendige LGBT-Gemeinde, die sich seit elf Jahren mit einem jährlichen Umzug in Istanbul an die Öffentlichkeit traut. Das erfordert in der Türkei immer noch Mut, denn die Gesellschaft ist im allgemeinen extrem konservativ und patriarchalisch strukturiert. Man kann sie wohl mit den 1960-er Jahren in der Bundesrepublik vergleichen.

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Aber Istanbul ist eben unter anderem auch eine moderne europäische Stadt mit unzähligen Subkulturen, zu denen sich die LGBT zählen. An der heutigen Pride Parade, die um 17:00 Uhr am Taksim-Platz begann, nahmen wohl mehrere Zehntausend Menschen teil. Es waren so viele, dass es anfangs ewig lange überhaupt nicht voran ging. Als ich dann gegen 19:00 Uhr die Mitte der Fußgängerzone am Galatasaray Lisesi erreichte, war in beiden Richtungen kein Ende absehbar, und die Leute liefen sehr gedrängt.

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Tolle Performance.
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Viele hatten sich bunt angezogen, hatten Regenbogenfahnen dabei, Tröten und Trillerpfeifen, mit denen sie in der engen Häuserschlucht einen Höllenlärm veranstalteten. Man sah Drag Queens, Lederschwule, wild geschminkte und exotisch gekleidete Frauen und Männer, vor allem aber ganz normale Türken, die der Welt einfach sagten: „Leute, wir sind anders, und wir fühlen uns wohl dabei!“ Sie riefen lustige und ernste Parolen wie „Wir sind laut, wir sind stolz“, „Wir werden mit Liebe gewinnen“ oder „Nieder mit dem Rassismus“. Und sangen Lieder wie „Those were the days, my friend…“

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Er trug eine Mütze aus der DDR.
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Die Polizei war da, hielt sich aber zurück und war sogar zu Scherzen aufgelegt.

Aus Solidarität hatten das britische und niederländische Generalkonsulat Regenbogenfahnen aufgezogen, natürlich nicht die stets schwer verbarrikadierten Russen, die wegen Putins Schwulenphobie vom Publikum mit dem entsprechenden Pfeifenkonzert bedacht wurden.

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Am russischen Generalkonsulat: Demonstranten behängten das Tor mit Plakaten.
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Er war vielleicht nicht einer Meinung mit den Schwulen und Lesben, verkaufte ihnen aber gern bunte „LGBT“-Anstecker.
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Nicht viele wollten seine Kastanien.
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Seine Maiskolben liefen besser.
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Und er machte Musik, als ob es nicht schon genug Klangkulisse gab.

Am Rand sah man belustigte Müllmänner und Kastanienverkäufer, total verwirrte arabische Touristen, aufgeregte türkische Jungmachos, die sich nicht einkriegten, wenn sie die Drag Queens sahen, und auch konservative Familien, die sich das Spektakel wohl mit einer Mischung aus Neugier und Abscheu betrachteten, ihren Mienen nach zu urteilen.

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Die einen waren begeistert, die anderen verstört.
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Dieser Verkäufer von Istanbul-Souvenirs hatte Spaß.
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Sie guckte etwas belustigt und irritiert auf die ausgelassenen Demonstranten.
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Sie trug ein Kopftuch, war aber trotzdem neugierig.
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Er wusste nicht so recht, was er von all dem halten sollte.
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Sie zeigten eine gewisse Skepsis. Einkaufen wollte auch keiner.

Frauen mit Kopftüchern waren im Umzug selbst nicht zu sehen, aber doch am Wegesrand, eine Mittzwanzigerin fragte ich nach ihrer Meinung, und sie antwortete, dass jeder nach seiner Facon leben und glücklich werden solle. A propos glücklich: Seit dem Gezi-Park-Fest im vergangenen Jahr habe ich nicht mehr so viele glücklich wirkende Menschen auf einem Fleck gesehen. Der Umzug hat großen Spaß gemacht, man würde wünschen, dass Premier Erdoğan und andere Politiker sich einmal ein Bild davon machten, wie bunt und vielfältig ihre Gesellschaft in Wahrheit ist. Bis Istanbul einen schwulen Bürgermeister hat, wird es wohl noch eine Weile dauern.

Aber sehen Sie selbst – weitere Eindrücke, die ich mit der Kamera gesammelt habe.

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Die Pride Parade ganz zu Beginn, nahe dem Taksim-Platz.
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Melonen als Brüste.
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„Homophobie Nein!“
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Viele hatten sich ihre eigenen Plakate gemalt und mitgebracht. Es ist nicht unbedingt leicht, sich zu seiner anderen Sexualität zu bekennen als die Mehrheit.
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Selfie vor dem Wasserwerfer – und die Polizei ließ es geschehen.
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Auch aus dem Iran waren Teilnehmer gekommen.
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Eine riesige Regenbogenfahne wurde zum Happening verwendet.
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… ebenso diese Fahne.
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Alle hatten sich lieb …
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… und hatten gute Laune.
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… viele waren zu Späßen aufgelegt.
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Tschüs bis zum nächsten Mal!
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2 Gedanken zu “Pride Parade in Istanbul

  1. Danke für diesen tollen Bericht und die vielen Fotos vom Istanbul Gay Pride !

  2. ich schreib auch danke für deine bilder hier.

    “ die menschen sind nicht gleich – aber gleichwertig “ carolin emcke