Schneechaos in Istanbul

Istanbul versinkt im Schnee. Am Dienstagabend und am heutigen Mittwochmorgen morgen nutzte ich jede freie Minute, um auf den Straßen von Beyoğlu, Eminönü und Sultanahmet zu fotografieren, denn es gibt nur wenige Tage im Jahr, an denen sich Istanbul so winterlich zeigt. Was den Auslandskorrespondenten freut, ist für die meisten Einwohner allerdings der reine Horror. Seit Montag ist die Stadt einem Schneesturm ausgeliefert, der mal heftiger, mal auch etwas sanfter wütet. Heute nahm er die Ausmaße eines Orkans an, stundenlang blies der Wind Schneekristalle mit hoher Geschwindigkeit durch die Luft, zuweilen vermischt mit Hagelkörnern.

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Der Sturm zeitigte die erwartbare Wirkung. Schon nach den ersten Schneefällen brach der Verkehr in der 16-Millionen-Metropole praktisch zusammen. Wer nicht das Glück hatte, mit der U- oder Straßenbahn an sein Ziel zu kommen, stand entweder stundenlang frierend auf der Straße, um auf einen Bus zu warten, der vielleicht nie kam, saß den halben Tag im Stau fest oder versuchte, zu Fuß voranzukommen.

An den Metrobusstationen müssen sich absolut chaotische Szenen abgespielt haben, als auch dieses Verkehrsmittel ausfiel und hundertausende Pendler dort strandeten. Hunderte Flüge wurden gestrichen, ohne dass die Passagiere gewarnt worden wären (eine Maschine aus Beirut rutschte bei der Landung über die Piste und blieb in einer Schneewehe stecken, zum Glück). Viele Fähren liefen ebenfalls nicht aus.
Wie immer waren die Stadt und die Stadtväter auf eine voraussehbare Extremwetterlage absolut überhaupt nicht vorbereitet. Man mag sich wirklich nicht ausmalen, was das für den gar nicht so unwahrscheinlichen Fall eines schweren Erdbebens bedeutet.

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Kabataş
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Sultanahmet
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Mit qualmenden Reifen am Berghang

Aber es sind ja nicht nur die Behörden Schuld. Istanbuls Autofahrer verschwenden keinen Gedanken daran, dass im Winter Schnee vom Himmel fallen und Straßen vereisen könnten, obwohl das in all den Jahren, die ich inzwischen hier lebe, stets mehrere Tage der Fall war. Und so lässt sich immer das gleiche lustige Schauspiel bestaunen. Sobald die ersten Flocken fallen, schaffen es die PKW wegen ihrer abgefahrenen Reifenprofile und weil kein Mensch Schneeketten mitführt, nicht mehr die Hänge am Bosporus hoch, deren Steigung teils erheblich ist.

Als ich heute morgen aus der Tür trat, standen auf der Straße vor dem Haus Autos praktisch Stoßstange an Stoßstange, was sonst nie vorkommt – und alle rutschten um die Wette, keiner kam voran. Das Chaos wurde nicht geringer, als einige versuchten zu wenden und sich dabei mit qualmenden Reifen querstellten. Während die Bergstraßen blockiert waren, war die Hauptstraße unten in Tophane fußgängerfreundlich leer, kein Gestank, keine Raser. Vermutlich standen sie irgendwo in Şişli oder Beşiktaş im Stau. Ein Räum- oder Streufahrzeug habe ich weder heute noch gestern gesehen, nur städtische Schneeschipper in grünen Overalls in der Istiklal Caddesi.

Allein am Dienstag zählte die Polizei 841 Unfälle, die meisten Schnellstraßen und die Brücken waren dadurch blockiert, auch Krankenwagen und Polizei kamen praktisch nicht mehr durch. Da machte die Fahrt mit der Straßenbahn nochmal so viel Spaß wie sonst. Ich kam flott nach Sultanahmet, wo ich heute feststellte, dass anders als gestern abend jede Menge Touristen sich durch ein bisschen Schnee den Spaß am Staunen, Flanieren und Selfies produzieren nicht nehmen ließen. Eigentlich war sogar ziemlich viel los, wenn man bedenkt, dass gerade Februar ist.

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Eminönü
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Die Magie Istanbuls

Genau wie mich trieb es Istanbuler Kameraprofis und -amateure in Scharen hinaus in Kälte und Schneetreiben, um Bilder einzufangen, wie sie einst den Fotografen Ara Güler berühmt gemacht haben. Auch wenn die Magie der Stadt an so vielen Orten hinwegrestauriert und -modernisiert wurde, an Tagen wie heute wirkt das alte Istanbul plötzlich wieder wie hingezaubert an all die mystischen Orte, die wir von tausend Schwarzweißfotos kennen.

Mein Lieblingsplatz an solchen Tagen ist die Galatabrücke mit den unvergleichlichen Stadtpanoramen zu beiden Seiten des Goldenen Horns, mit den charakteristischen Istanbuler Fähren, mit den Anglern, die jedem Wetter zu Dutzenden trotzen.

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Galata-Brücke
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Auf der Brücke traf ich im heftigsten Schneesturm gegen 14:00 Uhr dann auch einige Kollegen, die sich wie ich an Ara-Güler-Motiven versuchten. Aber auch erstaunlich viele Touristen waren immer noch unterwegs und fotografierten sich gegenseitig oder mit den Schneemännern, die überall plötzlich Gestalt annahmen.

Wenn ich meine Bilder durchsehe, dann fällt mir als größter Unterschied zu früher auf, dass garantiert immer irgendjemand in der Landschaft herumsteht und mit dem Smartphone knipst. Häufig sich selbst. In der Istiklal Caddesi gelang es mir nur mit viel Glück, Fotos von der Straßenbahn im Schneetreiben zu machen, ohne einen Selfie-isten im Bild zu haben. Glücklicher Ara Güler! Über solche Probleme musste er sich in den Fünfzigern noch keine Gedanken machen. (Übrigens war die gerade beendete Ausstellung mit seinen Bildern im Berliner Willy-Bandt-Haus fabelhaft.)

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Istiklal Caddesi
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Autoren-Selfie mit Touristen-Selfie.

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12 Gedanken zu “Schneechaos in Istanbul

  1. Stöbere gerade, ob meine Liebste wohl heute nen Flieger in Istanbul besteigen kann, der abheben darf. Gestern wurden ja alle gestrichen.
    Welch wunderschöne Bilder von Dingen, die man sonst nur im Sommergewand kennt und schön zu sehen, dass viele offensichtlich auch Ihre Freude an der weißen Pracht haben.
    Danke schön!

  2. Schöne Bilder *
    Habe gestern dieses noch sehr viel mehr in natura gesehen.
    Danach bin ich dann mit 6 Stunden Verspätung am Flughafen Atatürk abgeflogen. Die Fahrt zum Flughafen habe ich in weiser Voraussicht
    mit Straßenbahn und Metro unternommen.

  3. Danke für den schönen Artikel und die tollen Fotos. Da haben sie ja wohl das beste aus der Situation gemacht.
    Meine Frau hat es leider ganz hart getroffen. Am Dienstag konnte sie aufgrund des einsetzenden Schneefalls ihren Flieger nach Hause nicht mehr erreichen. Folge Übernachtung am Airport..Am Mittwoch ging nichts mehr..egal wohin. …eigentlich sollte es nach Stuttgart gehen. Es folgte die zweite Nacht am Flughafen. .Umbuchungen nach München. .Salzburg oder Innsbruck klappten auch nicht. ..derweil sitze ich hier im Stubaital mit unseren Kindern und zwanzig Freunden die mit ihr Geburtstag feiern wollten :-)..
    Gerade hat der erste Flieger aus Istanbul mit ihr abgehoben. ..Ziel Venedig. .Dort Übernachtung und dann mit dem Zug am nächsten Tag über Mestre Verona nach Innsbruck. ….Ende einer Odyssee. .ich hoffe mal.
    Achso in 7 Tagen wandern wir als Familie aus…nach Istanbul. .

  4. Nicht nur diese Fotos sind toll,auch die Berichte sind immer gut recherchiert.
    Ich hatte auch das Glück die Ara Güler Ausstellung zu sehen und war begeistert.
    Liebe Grüsse von einer Berlinerin vom
    gestern ebenfalls verschneiten und heute
    ungastlichen,stürmischen Mittelmeer