Der Mega-Stromausfall

Zuerst merkte ich am heutigen Dienstag nichts vom massivsten Stromausfall der Türkei seit 15 Jahren, weil ich mit meinem Laptop auf dem Sofa im Internet surfte. Als der TTNET-Router ausfiel, kam mir das auch nicht komisch vor, weil es fast schon Routine ist. Ich behalf mir wie immer mit dem (viel zu langsamen) Turkcell-Datenstick. Als ich gegen elf Uhr ins Badezimmer ging und das Licht anschalten wollte, funktionierte es nicht. Okay, dachte ich, mal wieder ein kleiner Stromausfall. Die häufen sich in letzter Zeit, sind aber meist nach einer oder zwei Stunden wieder behoben.

Erst gegen 11:45 Uhr stieß ich beim Durchsehen von Twitter-Meldungen auf die Nachricht des Tages: „Blackout in der halben Türkei.“ Ich suchte gezielt weiter und fand die Nachricht mehrfach und dramatisch bestätigt. Eisenbahn, Tram- und Metrolinien stoppten, Gewerbegebiete mit Dutzenden Fabriken standen still, auf den Flughäfen zwischen Adana und Ankara herrschte Chaos, viele Menschen mussten aus stecken gebliebenen Fahrstühlen befreit werden. Mindestens 44 der 81 türkischen Provinzen (nach anderen Quellen bis zu 79 Provinzen) waren stundenlang ohne Strom. Nur in der südostanatolischen Provinz Van soll es keinerlei Probleme gegeben haben, weil sie während der kritischen Stunden vom Iran mit Strom versorgt wurde.

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Abgesperrter Metro-Eingang „Taksim“. Nichts ging mehr im elektrischen Nahverkehrsnetz.

Als Ursache meldete die halbstaatliche Nachrichtenagentur Anadolu unter Berufung auf Verantwortliche des Netzbetreibers TEIAS, ein Problem an den Übertragungsleitungen an der Ägäis habe den Blackout verursacht. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu sagte gegenüber Journalisten, man untersuche alle möglichen Ursachen für den Ausfall. Auch ein Sabotageakt werde nicht ausgeschlossen. Zu jener Zeit war der Twitter-Hashtag #Buradaelektrikyok („Hier gibt’s keinen Strom“) bereits auf dem Weg, das weltweite Thema Nummer eins zu werden. Ironische Gerüchte kursierten: Waren mal wieder Katzen schuld? Der „Parallelstaat“ (diese Anschuldigung wurde am Mittwoch von der regierungsnahen Zeitung Star ernsthaft erhoben). Oder war es gar ein Testlauf der AKP für den Wahltag?

Und das war noch nicht alles an diesem Dienstag, aber davon später.

Jetzt gab ich die Meldung an meine Twitter-Follower weiter und beschloss, zum Taksim-Platz zu gehen, um mich selbst davon zu überzeugen, dass die Megametropole Istanbul komplett lahmgelegt war – und was das wohl bedeutete. Als ich den Taksim erreichte, war zwar der Metro-Eingang gesperrt und davor standen zwei TV-Reporter, aber eigentlich war das Auffälligste, dass es nichts Auffälliges gab. Gut, einige Male fuhren Feuerwehrautos mit heulenden Sirenen vorbei, doch auch das ist so ungewöhnlich nicht. Die Restaurants und Cafés waren offen und hatten Licht, die Kebap-Verkäufer säbelten fröhlich das Fleisch vom Spieß herunter, in den Hotels liefen die Rolltreppen.

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Fernsehreporter im Nieselregen vor dem abgesperrten U-Bahn-Eingang.
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Die rettenden Generatoren

Ich fand schnell heraus, warum Istanbul, jedenfalls am Taksim-Platz, weiter funktionierte, als wäre nichts passiert. Wen ich auch fragte, Gewerbetreibende, Hotelmanager oder das Personal im Starbucks, sie alle berichteten mir, dass sie sofort ihre Generatoren angeworfen hätten, als der Strom um 10:36 Uhr ausfiel und nicht zurück kam. „Wir haben überhaupt kein Problem, wir können den Betrieb aufrechterhalten, solange es Kraftstoff gibt“, sagt der Empfangschef im luxuriösen Hotel „Marmara Taksim“ – ein riesiger Kasten mit 20 Stockwerken, für den man gewiss viel elektrische Energie benötigt. Anders als die Privatwirtschaft hatte der Staat kein Generatoren-Backup, abgesehen von den Krankenhäusern – denn auf den Flughäfen beispielsweise ging offenbar nichts mehr.

In der Patisserie Sütaş in der Istiklal Caddesi erläuterte mir der amtierende Hauptkellner gegen ein Uhr mittags, dass sie zwei Generatoren besäßen. „Der erste ist gerade abgelaufen, jetzt haben wir den zweiten angeworfen.“ Zur Not müsse eben Diesel nachgekauft werden (später las ich, dass sich an den Tankstellen lange Schlangen von Kunden mit Kraftstoffkanistern bildeten). Überall das gleiche Bild, ob im „Sugarstep“-Laden für coole Turnschuhe oder im „Bambi“-Schnellrestaurant: Dank Generator business as usual. Es brummte und knatterte überall, für die Umwelt war das sicher ein schwarzer Tag. Zum Glück hielt der Nieselregen die Luft atembar.

Der erste Laden ohne Generator, auf den ich stieß, war eine Wechselstube, aber auch dort blies niemand Trübsal. „Stimmt, wir haben keinen Generator“, sagte der 32-jährige Ersan Akcı hinter seiner Glasscheibe. „Macht aber nichts, Bruder. Wir haben ja Taschenrechner!“ – „Und der Kurs?“, fragte ich irritiert, denn die elektronischen Anzeigetafeln mit den aktuellen Dollar- und Euro-Kursen blieben schwarz. „2,78 Lira für einen Euro“, sagte Ersan Akci. „Wir haben ja Handys, so kennen wir die aktuellen Werte.“

Während das Geschäft der Wechselstube brummte, sah es nebenan in der Traditionsapotheke “Rebul 1895 Eczane“ schon trüber aus, sie wirkte wie eine dunkle Höhle, so ganz ohne Licht. „Wir haben keinen Generator, weil der Boss zu knauserig war“, erklärte mir der 34-jährige Apotheker Emre Cirlik. „Deshalb kamen heute nur vier Kunden. Der Boss hat gesagt, dass er jetzt einen Generator kauft.“ Nebenan, im Tattoo-Studio „Ink City“, sahen es die vollbärtigen, in schwarzes Leder gekleideten, gut trainiert wirkenden Betreiber lockerer und zuckten mit den Schultern. „Wir hatten heute keine Kunden, aber was soll’s. Inşallah kommt der Strom bald wieder, dann kommen auch die Kunden. Was sollen sie tun ohne Strom? Sie schlafen.“

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Ersatzstrom dank Generator.

Ein schwarzer Tag für die AKP-Regierung

Mochten auch die Tattoo-Kunden schlafen, die Touristen waren munter. Im „Starbucks“ traf ich Silke Schwerzler, 29, aus München, die mit einer Freundin zum ersten Mal in Istanbul war. Sie hatten über RBNB eine Ferienwohnung gemietet und festgestellt, dass es am Morgen kein warmes Wasser in der Dusche gab. „Wir dachten, das ist normal hier und haben uns nicht gewundert“, sagte die junge Lehrerin. „Und der Touristenbus fährt ja auch.“ Ich nahm die Anregung auf und fragte die Fremdenführer, die am Doppeldecker „Big Bus“ auf Kunden für ihre Stadtrundfahrt warteten, ob es Probleme gebe? „Überhaupt nicht“, erwiderte die 25-jährige Aslı Yiki in fließendem Englisch, „im Gegenteil, es kommen mehr Touristen, weil sie in ihren Hotels nichts machen können.“

So hatte der Blackout für manche sogar etwas Gutes. Am härtesten traf es in Istanbul wohl die Fahrgäste der Metrolinie „Marmaray“, die im Tunnel tief unter dem Bosporus verkehrt. Als der Strom ausfiel, mussten sie mehrere hundert Meter weit durch die Tunnelröhre laufen, bis sie das Tageslicht erreichten. In Istanbul war das gesamte elektrische Nahverkehrssystem bis gegen ein Uhr mittags unterbrochen. Der Stromausfall legte auch in anderen großen Städten wie Ankara und Izmir den elektrischen Personennahverkehr still.

Der Stromverbrauch der Türkei hat in den vergangenen Jahren aufgrund des massiven Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums stark zugenommen. Offenbar hat das Leitungssystem mit dem zunehmenden Verbrauch nicht Schritt gehalten. Aber was die wahren Gründe für den dramatischen Stromausfall waren, war am heutigen Dienstag noch nicht zu erfahren. Für die regierende AKP ist das Ereignis kein gutes Omen im beginnenden Parlamentswahlkampf. Sie war ja vor 13 Jahren auch mit dem Versprechen angetreten, die Infrastruktur des Landes in Ordnung zu bringen.

In den Privathaushalten kehrte der Strom erst Stunden später zurück – und war dann anfangs, zumindest bei uns in Cihangir, auch nicht stabil. Jetzt habe ich Licht, Internet und warmes Wasser. Aber vorhin, so gegen 16:00 Uhr, nach rund fünfeinhalb Stunden Stromausfall, spürte ich die Abhängigkeit von der Elektrizität. Zuerst gab mein alter Computer den Geist auf, anschließend mein Handy, und dann leerte sich auch der Ladezustand meines neuen Laptops beängstigend schnell.

Mittlerweile sind alle Geräte wieder aufgeladen, immerhin. Aber am heutigen Dienstag habe ich verstanden, was die Türkei von Deutschland oder den Niederlanden unterscheidet, die vor wenigen Tagen ja auch einen massiven Blackout hatten – hier sind die Leute für den Notfall gerüstet. Sie können improvisieren. Zumindest so lange, wie der Kraftstoff reicht.

Gewaltakte schwächen die Stabilität der Türkei, stärken die AKP

Doch mit dem massivsten Blackout seit dem verheerenden Erdbebeben von 1999 in Izmit am Marmarameer war der „Horror-Dienstag“ noch nicht vorbei. Kaum war zumindest die Stromversorgung für den öffentlichen Personennahverkehr wiederhergestellt, kam die Nachricht, dass Terroristen der marxistisch-leninistischen Untergrundorganisation DHKP-C einen Staatsanwalt im Justizpalast in Istanbul-Çağlayan in ihre Gewalt gebracht hatten.

Staatsanwalt Mehmet Selim Kiraz ermittelte in dem politisch bedeutsamen Fall Berkin Elvan. Der 15-jährige Jugendliche war bei den Gezi-Protesten im Sommer 2013 von einer Tränengaskartusche der Polizei am Kopf getroffen worden, als er laut Angaben seiner Eltern Brot vom Bäcker holen wollte. Er starb nach neun Monaten im Koma und wurde zu einem Symbol der Protestbewegung, nachdem der damalige Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan ihn öffentlich als „Terroristen“ bezeichnet hatte. Die Geiselnehmer forderten von jenen Polizisten, die für Elvans Tod verantwortlich seien, ein Geständnis „live im Fernsehen“ und die Einstellung aller Verfahren gegen Menschen, die wegen der Teilnahme an Demonstrationen für den getöteten Jugendlichen gerichtlich verfolgt würden. Bisher wurde der Todesschütze nicht ermittelt.

Nach Angaben des Istanbuler Polizeichefs Selami Altinok stürmte eine Spezialeinheit der Polizei am Dienstagabend gegen 20:30 Uhr den Raum im Justizpalast, in dem sich die Geiselnehmer mit dem Staatsanwalt verschanzt hielten, nachdem darin Schüsse gefallen seien. Zuvor seien sechsstündige Verhandlungen ergebnislos verlaufen, man habe handeln müssen. Mehmet Selim Kiraz erlag im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Unklar blieb, warum die Polizei einschritt, ohne zu wissen, ob der Strafverfolger verletzt worden war. Auch andere Fragen bleiben offen, vor allem: Wer hat die tödlichen Kugeln auf Mehmet Selim Kiraz abgefeuert? Wie konnten die Täter mit ihren Waffen in das hochgesicherte Gericht gelangen?

Die Ende der 1970-er Jahre gegründete DHKP-C soll mehrere hundert Angehörige haben und wird von den USA, der EU und der Türkei als terroristische Organisation gelistet. Sie verübte seit 2001 mehrere tödliche Anschläge in Istanbul und bekannte sich zum Selbstmordanschlag auf die US-Botschaft in Ankara 2013, bei der auch ein Wachmann getötet wurde. In der Türkei werden ihr häufig „als übliche Verdächtige“ Verbrechen zugeschrieben, die sie nicht unbedingt verübt haben, wie die bisher unaufgeklärten Autobombenanschläge von Reyhanlı 2013, die mehr als 50 Tote forderten. Immer wieder wurden der DHKP-C Verbindungen zum „tiefen Staat“ unterstellt.

Die beiden erschossenen Geiselnehmer vom Dienstag im Alter von 24 und 28 Jahren sind nach Polizeiangaben inzwischen (d.h. am Mittwoch) identifiziert worden. Bittere Ironie: Ihr Opfer Mehmet Selim Kiraz galt als jemand, der wirklich an der Aufklärung der Gezi-Todesfälle interessiert war und diese vorantrieb. Mag sein, dass die beiden Terroristen wirklich so verblendet waren, dass sie glaubten, sie müssten Berkin Elvan rächen, weil es sonst vermeintlich niemand tat. Wenn es so war, haben sie der Aufklärung einen Bärendienst erwiesen. Oder ihre Tat wurde vom „tiefen Staat“ eingefädelt, von dem jetzt wieder häufiger die Rede ist.

Sicher ist, dass Geiselnahmen, Überfälle auf Parteibüros (wie am Mittwoch in Istanbul geschehen), und Terroranschläge (wie sie zwei Personen am Mittwochnachmittag am Polizeihauptquartier in Istanbul versuchten) nur jene stärken, gegen die die Terroristen zu kämpfen vorgeben – die AKP und die Regierung, die jetzt darauf verweisen kann, wie gut es war, dass sie die neuen Sicherheitsgesetze im Parlament durchgebracht hat. Premier Davutoğlu hat am Mittwoch dann auch erklärt, dass man nun das Demonstrationsrecht noch restriktiver anwenden werde – als hätten die Anschläge irgendetwas mit öffentlichen Protesten zu tun. Ich habe zu den Ereignissen am Mittwoch auch einen Kurzkommentar geschrieben, den Sie hier finden.

Am Mittwochnachmittag wurde im Gerichtsgebäude in Istanbul-Çağlayan eine Trauerzeremonie für den getöteten Staatsanwalt abgehalten, an der hunderte Justizmitarbeiter und auch Mitglieder der Regierung teilnahmen. Der türkische Justizminister Kenan Ipek sagte bei der Feier, „jene dunklen Kräfte“, die „die Pistole auf unsere Nation richten“, würden verfolgt und zur Rechenschaft gezogen. Das Justizgebäude soll in Zukunft Mehmet Selim Kiraz‘ Namen tragen. Wenn es so kommt, ist es gut.

(Text überarbeitet am Mittwoch, 1. April.)

Sie können mir auf Twitter folgen: @NordhausenFrank

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