1. Mai in Istanbul – Rollkoffer, Blumen, Tränengas

Nun habe ich das Tränengas aus meinen Haaren gewaschen und damit auch die Erinnerung getilgt an all jene Istanbuler Demonstrationstage, die der Geruch unweigerlich mit sich bringt. Gegen alle Vernunft hatte ich gehofft, dass der heutige 1. Mai friedlich verlaufen möge, aber natürlich hat er mir den Gefallen nicht getan. Genauer, die Polizei tat es nicht, zumindest nicht dort, wo ich mich aufhielt. Aber der Reihe nach.

Der 1. Mai ist für die Istanbuler Arbeiter und die Linke ein bedeutsamer Tag des Erinnerns. Am 1. Mai 1977 versammelten sich rund eine halbe Million Menschen zur traditionellen Mai-Demo auf dem zentralen Taksim-Platz, als plötzlich von zwei Hochhäusern scharf auf sie geschossen wurde. Seit dem blutigen Mai `77, der sich tief ins kollektive Gedächtnis der türkischen Linken eingegraben hat, ist der „Tag der Arbeit“ in Istanbul an den Taksim-Platz gebunden und immer auch ein Gedenken an die mehr als 30 Toten. „Erdogan geht nach Gallipoli, um an den Sieg von Gallipoli zu erinnern. Wir gehen zum Taksim-Platz, um an das Massaker vom Taksim-Platz zu erinnern“, sagte heute eine Istanbulerin zu einem US-amerikanischen Kollegen, der mir davon erzählte. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

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1. Mai, Taksim-Platz. Ein großes Polizeirevier.

Die türkische Regierung und der übermächtige Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan sind aber anderer Meinung. Sie behaupten, dass das Volk am 1. Mai nicht auf dem Taksim-Platz der Toten gedenken dürfe, weil es dort zu „Chaos“ und „Unfrieden“ kommen könne. Einen Beleg dafür haben sie nicht, denn als die AKP-Regierung Erdoğans sich 2010 erstmals wieder traute, das Herz Istanbuls am 1. Mai für eine Großkundgebung freizugeben, passierte – nichts.

Hunderttausende versammelten sich auch in den beiden Folgejahren vollkommen friedlich auf dem Taksim-Platz. 2012 habe ich das selbst miterlebt, ein fabelhaftes, gewaltiges Fest von bis zu einer Million Menschen, bei dem Sozialdemokraten, Kemalisten und Liberale einträchtig ihre Fahnen neben denen von Kommunisten, Stalinisten, Kurden, Feministinnen und selbst den Regenbogenbannern von LGBT-Aktivisten schwenkten. Es war ein umwerfend friedliches Erlebnis von Gemeinsamkeit, das ich der zersplitterten türkischen Linken überhaupt nicht zugetraut hätte. Nur am Rand kleinerer Demo-Züge kam es zu einzelnen Prügeleien mit der Polizei, aber nicht auf dem Taksim-Platz.

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Der Taksim-Platz am 1. Mai: kapalı – abgesperrt.
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Absurde Veranstaltung

Mag sein, dass es diese Demonstration der Solidarität war, verbunden mit gehöriger Kritik an der Regierung, die Erdoğan einen solchen Schreck einjagte, dass er solche Bilder nie wieder sehen mochte. 2013 wurde die 1.-Mai-Demo auf dem Taksim-Platz verboten, weil dort Bauarbeiten stattfanden. Man konnte das Verbot wegen der klaffenden Baugruben sogar nachvollziehen.

Da die Gewerkschaften sich aber trotzdem am symbolischen Ort versammeln wollten und die Polizei Order hatte, sie nicht durchzulassen, brannte Istanbul. Das war sozusagen das Vorspiel zu den Gezi-Protesten, die Ende Mai begannen und bei denen der Platz eine neue symbolische Qualität gewann, als er drei Wochen lang der vom (jungen) Volk besetzte Schauplatz eines türkischen „Woodstock“ wurde.

Seither ist der Taksim noch mehr zum Stachel im Fleisch der Regierung geworden, auch weil sie sich der selbst entworfenen Logik von Zeichen und Kampf und „Sieg“ nicht entziehen kann. Deshalb wird der 1. Mai nun jedes Jahr zu einer absurden Veranstaltung, bei der sich der Staat mit immer gewaltigerem Aufwand und Kosten nicht entblödet, den Istanbulern den öffentlichen Raum zu nehmen und ihre Stadt einen Tag lang komplett lahmzulegen.

Es wäre am besten, wenn die Demonstranten den Wahnsinn einfach ignorierten und – beispielsweise – zu Hunderttausenden an einem anderen Ort demonstrierten. Aber auch sie sind im Ritual gefangen, und so kommt es immer wieder zu den martialischen Bildern, die die Regierung sich wünscht und zu ihrer Rechtfertigung braucht: Molotow-Cocktail- und Steinewerfer, Feuer und Rauch.

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Nur ausgesuchte Demonstranten wurden durchgelassen. Am Atatürk-Denkmal legten Mitglieder der regierungsnahen Gewerkschaft Hak-Iş Kränze nieder.
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Jährlicher Ausnahmezustand

So war es auch heute wieder. Eigentlich hatte ich gar keine Lust, mir den jährlichen Ausnahmezustand zuzumuten und wollte lieber einfach die himmlische Stille genießen, die Erdoğan der Metropole an diesem einen Tag im Jahr verordnet. Sie können das vermutlich kaum nachfühlen, aber nur am 1. Mai wecken mich hier keine Presslufthämmer, Autohupen und Schiffshörner. So auch heute. Der Autoverkehr in unserem Viertel Cihangir war eingestellt, die Bosporusfähren verkehrten nicht, die ganze Stadt war abgedimmt, morgens war es noch dunstig, dann schien die Sonne vor tiefblauem Himmel.

Andererseits hatte es auch sein Gutes, unterwegs zu sein. Denn nur am 1. Mai sind wesentliche Verkehrsadern Istanbuls autofrei zu erleben. Für diejenigen unter uns, die sich noch an die Ölkrise von 1973 erinnern: genau so ist das. Man kann auf dreispurigen Straßen in aller Ruhe spazieren gehen. Eine einzigartige Erfahrung in einer Stadt, die Mexico City inzwischen den Rang bei den meisten und längsten Staus der Welt abläuft.

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Autofreie Millionenstadt.
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Ich lief aber erst den Berg hoch zum Taksim-Platz, der mit Absperrgittern und viel Polizei wieder komplett abgeriegelt war. Da mein offizieller Presseausweis bei (fast) allen Sperren als Sesam-öffne-dich funktioniert, konnte ich auf dem Platz eine kleine Delegation der konservativ-regierungsnahen Gewerkschaft Hak-Iş dabei beobachten, wie sie am Atatürk-Denkmal Kränze für die Toten von 1977 niederlegte und über „Demokratie“ und „Freiheit“ schwadronierte. Ein Delegationsmitglied antwortete auf meine Frage, wie er die Vollsperrung der Istanbuler Mitte bewerte: „Das ist normal. Man weiß nie, was die Chaoten anrichten.“

Mit diesem Argument könnte auch Berlin am 1. Mai regelmäßig den Ausnahmezustand ausrufen. Aber bei uns dürfen die Gewerkschaften natürlich vor dem Reichstag ihre Kundgebungen abhalten, obwohl in Kreuzberg randaliert wird. Ich habe es oft selbst erlebt: Zehntausende feiern friedlich das Myfest, ein paar hundert Gewaltbereite zoffen sich mit der Polizei. Wird deswegen die ganze City gesperrt? No way. Den Taksim am 1. Mai abzuriegeln, das ist wie in Berlin die Gegend um den Reichstag und das Brandenburger Tor für Gewerkschaftsdemos zu sperren. Undenkbar.

Verstörte Touristen

In Istanbul wirkte das ganze Zentrum wie eine Geisterstadt und wenig einladend. In der Haupteinkaufsstraße Istiklal Caddesi, die sonst bis zu 2,5 Millionen Menschen täglich bevölkern: fast nur Polizisten. Und auch ein paar völlig verunsicherte Touristen mit ihren Rollkoffern, die weder ein Taxi noch ihr Hotel finden konnten, da ja alle Wege versperrt waren.

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Istiklal Caddesi.
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Weil mich Polizisten an einer Sperre wider Recht und Gesetz nicht durchlassen wollten, musste ich einen gewaltigen Umweg laufen, um die Uferstraße nach Beşiktaş zu erreichen, wo sich Gewerkschafter und Anhänger von Oppositionsparteien versammelten. In den zwei Wegstunden traf ich viele Türken, die die Umstände mit Fassung aufnahmen und verstörte Touristen, die mit ihren Stadtplänen nicht zurecht kamen. „It’s really inconvenient. Nobody told us before“, beklagten sich zwei junge Frauen aus Taiwan. „Es ist total idiotisch, heute verdiene ich nichts“, sagte ein Fremdenführer. Und eine Türkin, der ich von der autofreien Stadt vorschwärmte, meinte: „Ich mag‘s nicht ohne Autos, weil ich jetzt ein Taxi brauche.“ Ein Argument, das eine Gruppe Urlauber aus Freiburg auf deutsche Art konterte: „Hätten wir das gewusst, hätten wir uns Fahrräder gemietet.“ Fahrräder! In Istanbul!

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Auf dem Weg nach Beşiktaş: Fast menschenleere Straßen.
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Unterwegs nach Beşiktaş traf ich die hochgeschätzte Kollegin Özlem Topçu von der ZEIT und ihren Partner, was den langen Fußmarsch zu einem kurzweiligen Vergnügen machte. In Beşiktaş war es wie im vergangenen Jahr: rund 2000 Leute, die friedlich Fahnen schwenkten und manchmal Parolen riefen, in denen es um „Diebe“ und die AKP ging. Sie verhandelten zu diesem Zeitpunkt bereits über eine Stunde mit der Polizei, um zum Taksim-Platz marschieren zu dürfen. Die Staatsmacht wollte aber nur 300 Leute passieren lassen und verlor wohl irgendwann die Geduld. Heißt: Es flog Tränengas, und alle rannten. Ich habe keine Provokationen von Seiten der Demonstranten gesehen. Einzelne sollen aber Flaschen auf die Polizei geworfen haben, wie ich später hörte.

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Vor dem Sturm in Beşiktaş.
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Die Reaktion war völlig unverhältnismäßig. Es gab auch keine akustische Warnung vor dem Einsatz des Tränengases. Man fragt sich, was die türkische Polizei eigentlich aus jenem EU-Twinning-Projekt gelernt hat, mit dem sie 2012/13 u.a. von deutschen Beamten in punkto Demonstrationsbewältigung geschult wurde. Ich hatte zwar meine Gasmaske dabei, aber der Filter war verbraucht. Bis ich einen neuen Filter aufgeschraubt hatte, brauchte ich ein paar Minuten, und die waren höllisch. Ich bekam keine Luft mehr und dachte für einen Moment, ich müsse sterben, da ich leider in eine Sackgasse gerannt war und die Polizei immer noch hinterher feuerte. Sie schoss auch mit Plastikmunition, deren schockartige Wirkung ich bei den Gezi-Protesten am eigenen Körper erlebt hatte. Sehr schmerzhaft.

Endlich hatte ich die Gasmaske auf dem Kopf und konnte wieder atmen! Dann verfolgte ich eine Weile das bekannte Katz- und Maus-Spiel von Polizei und Demonstranten in den kleinen Gassen, wobei ich während der folgenden anderthalb Stunden in Beşiktaş keine Gewalt der Protestler beobachten konnte, nur verbale, wegen des Gaseinsatzes verständliche Wutausbrüche. In diesem Mittelstands- und Studentenviertel hatte die Polizei wahrlich kein Heimspiel, die Anwohner buhten sie aus, klatschten, wenn sie abzog und riefen: „Mörder Polizei, haut ab aus Beşiktaş!“ Und den Klassiker: „Überall ist Taksim, überall ist Widerstand!“

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Polizei feuert Tränengas, Demonstranten rennen.
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Einzelne werfen Steine nach dem Tränengaseinsatz.
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Barrikadenbauer und Politessen

Eine Szene blieb mir im Gedächtnis. Eine mutige, etwa 40-jährige Frau baute sich vor einer Polizeikette auf und schimpfte: „Wie könnt ihr euren Kindern in die Augen schauen, wenn ihr das eigene Volk verprügelt? Wir geben euch Blumen, ihr schießt!“ Dann fragte sie den Hauptwachtmeister: „Warum setzt ihr Tränengas gegen friedliche Leute ein?“ Seine Antwort: „Warum werft ihr auch mit Blumen?“ Die Blumen sollten Gesten des Friedens sein.

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Empörte Frau schimpft auf Polizisten.
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Nicht alle lassen sich aus der Ruhe bringen.
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Ständig kreisen Hubschrauber in der Luft. Der gesamte Polizeieinsatz kostet viele Millionen – für einen fragwürdigen „Sieg“.

Nun ja. Ich hatte genug beobachtet und ging gegen 17:00 Uhr wieder zum Taksim-Platz, wo ich nur Polizisten, Tauben und Reporter sah, die sich vor dem Hintergrund des riesigen weiten Platzes (auf dem man locker eine Million Menschen unterbringen könnte) gegenseitig interviewten. Als ich nach einer Weile den Heimweg antrat, beobachtete ich Bilder wie im letzten Jahr. Polizisten, die entspannt Tee tranken, Fußball spielten, mit Politessen flirteten. A propos: Auswärtige Beamte hatten zur Unterscheidung rote Westen bekommen. Unter ihnen waren auffallend viele Frauen. Vielleicht gibt es wegen der vielen Entlassungen Gülen-naher Polizisten nicht mehr so viele Männer bei der türkischen Polizei. Oder man ersetzt die Gülenisten durch Frauen. Das wäre mal eine gute Neuigkeit aus der Türkei.

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Türkische Selbstorganisation: Auf dem Rückweg von der Demo ist für alle gut gesorgt.
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Taksim-Platz am späten Nachmittag: Polizisten, Tauben und die große Leere.
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Ansonsten, business as usual. Die Presseagenturen taten der AKP den Gefallen und publizierten vor allem Bilder von Molotow-Werfern, Barrikadenbauern und Brandstiftern. Ich habe solche Szenen heute nicht gesehen. Sie spielten sich wohl vor allem im Stadtviertel Okmeydanı ab, in dem viele radikale Linke und Kurden leben, die die Polizei regelrecht hassen – was zum Teil nachfühlbare Gründe hat. Ich habe einen Tag erlebt, an dem friedliche Menschen, die ihr Demonstrationsrecht in Anspruch nehmen wollten, daran mit Gewalt gehindert wurden. Den Ausnahmezustand in der 16-Millionen-Metropole hat einzig und allein die Regierung zu verantworten mit ihrer provozierenden, verrückten und langfristig nicht durchsetzbaren Sperrung des symbolischen Herzens der Stadt.

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Gelangweilte Reporter auf dem Taksim-Platz. Über Leere lässt sich schlecht berichten. Die Lösung: Man filmt sich gegenseitig.
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Auch die Polizei langweilt sich. Dagegen helfen Selfies, Chillen und Tee.
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Von der Polizei besetztes Cihangir.
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Endlich autofrei: Istanbul wie bei den Osmanen.

(bearbeitet und aktualisiert am 2. Mai)

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Ein Gedanke zu “1. Mai in Istanbul – Rollkoffer, Blumen, Tränengas

  1. Schön geschrieben!
    Ich lebe in Kadikoy auf der asiatischen Seite, einer Hochburg so ziemlich aller Gegner der AKP und kann berichten: es war nichts los. Gar nichts! Nur eine Handvoll externer Polizisten in roten Westen, die sich langweilten.