Das Debakel der türkischen Meinungsforscher

Meine türkischen Freunde haben das Wahlergebnis vom vorvergangenen Sonntag noch immer nicht verdaut, geschweige denn begriffen. Es ist ja auch schwer zu verstehen: Da wird die Regierungspartei am 7. Juni krachend abgewählt, ihrem Boss gefällt das nicht, er setzt Neuwahlen an, und dann gewinnt die Partei praktisch alle verlorenen Stimmen wieder zurück. Man könnte glauben, dass Präsident Recep Tayyip Erdoğan Recht hatte mit seiner Einschätzung nach der ersten Wahl, sein Volk habe sich schlicht verwählt und werden den „Fehler“ beim nächsten Mal schon „korrigieren“. Das Ergebnis zumindest hat ihm Recht gegeben.

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Kundgebung der AKP in Istanbul-Yenikapı eine Woche vor der Wahl (alle weiteren Fotos stammen ebenfalls von dieser Veranstaltung).

Es gibt in Europa vermutlich keinen regierenden Politiker, der es an taktischer Finesse mit Erdoğan aufnehmen kann. Einen Verlust von fast neun Prozent der Wählerstimmen innerhalb von fünf Monaten komplett zu drehen, ist eine innenpolitische Meisterleistung, die wahrscheinlich erst künftige Historiker richtig werden würdigen können. Für uns Zeitzeugen liegen viele Faktoren im Moment noch im Nebel, aber einige lassen sich im Abstand von einer Woche jetzt immerhin klarer sehen. Darüber werde ich in meinem nächsten Blogeintrag schreiben.

Wieso lagen die Wahlforscher so falsch?

Hier zunächst ein Wort zu den türkischen Meinungsforschern: Ich hoffe, dass wir irgendwann nochmal eine überzeugende Erklärung dafür bekommen, warum sich praktisch alle der rund ein Dutzend Institute, auch die AKP-nahen Agenturen, so fundamental irren und mit einer Ausnahme das Wahlergebnis nicht einmal annähernd richtig prognostizieren konnten. Fast alle hatten die Juniwahlen im Großen und Ganzen zutreffend vorhergesagt.

Jetzt sahen sie zwar sämtlich den Wiedereinzug der prokurdischen Linkspartei HDP ins Parlament korrekt voraus, aber sie prophezeiten Erdoğans islamisch-konservativer AKP lediglich leichte Gewinne im Bereich zwischen 42 und 43 Prozent. Tatsächlich holte die Partei aber 49,4 Prozent der Stimmen, 4,5 Millionen mehr als am 7. Juni und damit nur 0,4 Prozent weniger als bei ihrem bisher höchsten Sieg im Jahr 2011. Nur die (als seriös geltende) Umfragefirma A&G von Adil Gür kam zwei Tage vor der Wahl auf eine Prognose von 47,2 Prozent, was immerhin in die Nähe des Endresultats lag, aber immer noch außerhalb der eigenen Fehlertoleranz von 1,5 Prozent. Die türkischen Meinungsforscher wird dieses Debakel noch lange verfolgen.

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Die am nächsten liegende Vermutung ist natürlich, dass die Wahlen von der AKP manipuliert wurden. Der wunderbare, humorvolle Wirtschaftsjournalist Emre Deliveli von der Hürriyet Daily News hat in einem interessanten Text genau diese Frage gestellt. Er wurde von seinem Arbeitgeber gefeuert, weil er die Zensur seiner Kolumne nicht hingenommen und sie dem britischen Independent zum Druck angeboten hatte, der sie am Freitag online stellte.

Darin schreibt Deliveli unter Berufung auf eine (kompliziert zu lesende) wissenschaftliche Wahlanalyse des Ökonomen Erik Meyersson, dass „die Auszählungsresultate der AKP- und HDP-Stimmen konsistent mit irgendeiner Form von Fälschung“ seien, vor allem außerhalb der fünf bevölkerungsreichsten türkischen Provinzen Istanbul, Ankara, Izmir, Bursa und Adana, während die Ergebnisse der sozialdemokratisch-kemalistischen CHP keine besonderen Auffälligkeiten zeigten. Ich zitiere aus den letzten beiden Absätzen von Emre Delivelis Artikel:

„Meyersson unterstreicht, dass ‚diese Analyse Belege enthält, die mit einer großangelegten Wahlmanipulation konsistent wären, diese allerdings nicht beweisen‘. Ich persönlich sehe keine größeren Probleme mit seiner Methodik. (…) Ich werde das letzte Wort Meyersson überlassen: ‚Der Erdrutschsieg der AKP vom Sonntag bedeutet ein bemerkenswertes Comeback für eine Regierung, die laut der überwältigenden Mehrheit der Wahlforschungsinstitute im Begriff war, ihre Niederlage vom Juni zu wiederholen. Viele weisen nun mit dem Finger auf diese Meinungsforscher (und generell alle Analysten) und stellen die Frage, wie sie dermaßen falsch haben liegen können. Aber was, wenn sie gar nicht falsch lagen?“

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Befragte belogen die Forscher aus Scham

Eine seltsame Unregelmäßigkeit bedarf, wie ich finde, in jedem Fall einer Erklärung: Wieso waren am 1. November mehr als zwei Millionen mehr Wähler registriert als am 7. Juni? Der Anstieg von 54,8 Millionen auf 56,9 Millionen Wähler innerhalb von fünf Monaten ist auffällig. Besonders, wenn man bedenkt, dass in den vier Jahren zuvor nur etwa genauso viel neue Wähler registriert wurden.

Wenn wir aber, wie fast sämtliche Beobachter, annehmen, dass die Resultate nicht manipuliert wurden, dann bietet die türkische Journalistin Pinar Tremblay die bisher einzige gut recherchierte Analyse des Meinungsforscherversagens in der US-basierten politischen News- und Essay-Plattform zum Nahen Osten, Al-Monitor. Sie stellt dazu nach Gesprächen mit acht Meinungsforschern von verschiedenen Agenturen drei Thesen auf:

Erstens machte die AKP einen Teil der Verluste vom Juni, als sie in jeder der 85 Wahlprovinzen absackte, wieder wett, indem sie es schaffte, ihr diskreditiertes Image bis zum November wieder ins Positive zu wenden. Ein Wahlforscher erklärte, dass sogar AKP-Stammwähler im Juni und Juli scharfe Kritik an der Partei übten, diese Kritik ab Anfang August aber verstummte (eine Beobachtung, die ich bei Straßenumfragen ebenfalls machte). Im September hätten die Menschen dann nicht mehr über Korruption oder wirtschaftliche Sorgen, sondern vor allem über Chaos, Anarchie, die verpatzte Regierungsbildung und den steigenden Dollarkurs geklagt.

Offenbar wirkte die Regierungspropaganda nach dem Terroranschlag von Suruc und dem wiederaufgeflammten Krieg mit der PKK, wonach nur eine AKP-Alleinregierung Chaos und Gewalt beenden könne. Die Meinungsforscher erkannten diesen Trend nicht, weil viele Befragte ihre geänderte Meinung nicht offenlegten, da sie sich schämten, trotz der Korruptions- und anderer Vorwürfe für die AKP zu stimmen. „Mögliche AKP-Wähler belogen die Interviewer schlicht über ihre Präferenz, weil ihre Moralvorstellungen mit ihren wirtschaftlichen und physischen Sicherheitsbedenken kollidierten“, schreibt Tremblay.

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Viele Wähler entschieden sich erst im letzten Moment

Der zweite Grund für das Versagen der Meinungsforscher war der hohe Anteil unentschlossener Wähler, die sich buchstäblich erst in der Wahlkabine für die AKP entschieden. So erkannte die renommierte Umfrage-Firma MetroPoll zwar im Oktober, dass der AKP-Stimmenanteil anstieg, nicht aber dessen Ausmaß. Murat Sarı von der Konsensus-Agentur spricht ebenfalls vom sichtbaren Anstieg der AKP-Stimmen, doch habe man keinen Einblick mehr in die Stimmung während der letzten zehn Tage vor der Wahl gehabt, weil Wahlumfragen während dieser Zeit in der Türkei verboten sind. Alle interviewten Institutschefs sagten, dass sie angesichts der hohen Zahl unentschiedener Wähler den plötzlichen Umschwung zugunsten der AKP nicht erkennen konnten. „Ich glaube, dass der Meinungsbildungsprozess der Wähler bis zum letzten Tag anhielt“, erklärte Ozer Sencar von MetroPoll. „Wir können davon ausgehen, dass die Letztentschlossenen etwa 6 Prozent des AKP-Stimmenzuwachses ausmachten.“

Tremblay schreibt zu Recht, dass man auch anhand der wenigen Wahlkundgebungen kein klares Bild gewinnen konnte, denn die Wähler seien unmotiviert und die Veranstaltungen schlecht besucht gewesen. Auch das kann ich aus eigener Anschauung bestätigen: Zur letzten großen Kundgebung von Ahmet Davutoğlu in Istanbul-Yenikapı kamen eine Woche vor der Wahl höchstens 20.000 Anhänger – lächerlich wenige im Vergleich etwa zu Erdoğans Auftritt vor der Präsidentenwahl im vergangenen Jahr am gleichen Ort, die mehr als eine Million Menschen besuchten.

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Allianzen der letzten Minute

Als dritten Faktor nennt Pinar Tremblay „Allianzen der letzten Minute zwischen der AKP und kleinen, aber effektiven Gruppen, die die Wähler motivierten“. Auch die regierungsnahen Medien spielten dabei eine wichtige Rolle. So verkündete die Erdoğan-treue Zeitung Sabah nur einen Tag vor der Wahl, dass die islamistische Glückseligkeitspartei (Saadet Partisi) und der bedeutende, mit dem türkischen Muslimbrüder-Ableger Milli Görüş verbundene islamische İsmailağa-Orden nun auch die AKP unterstützten. Beiden Organisationen folgen erhebliche Wählergruppen in Istanbul und anderen Provinzen. Saadet kam im Juni landesweit noch auf 2,1 Prozent der Stimmen und sackte jetzt auf 0,7 Prozent ab, man kann davon ausgehen, dass ihre Wähler komplett zur AKP wechselten. Die kurdische islamistische Hüda-Par-Partei, die im Juni noch mit Einzelkandidaten angetreten war, verzichtete diesmal darauf. Die Mehrzahl ihrer Wähler dürfte sich ebenfalls für die AKP entschieden haben. Pinar Temblay kommt zu folgendem Schluss: „Wenn überhaupt, konnten die Meinungsforscher nur wenige Anzeichen dieser Hintertür- und Letzte-Minute-Allianzen kleiner, aber effektiver Gruppen mit der AKP erkennen.“

Die Angaben der Meinungsforscher bestärken meine Sicht, dass es der AKP nicht gelungen ist, neue Wählerschichten zu erschließen, sondern dass sie nur ihre alte Klientel, die wegen der Korruptionsvorwürfe und der verschlechterten Wirtschaftslage an ihr zu zweifeln begann und ihr im Juni einen Denkzettel erteilte, wieder zurückholte. Hinzu kamen ultrakonservativ-islamistische Wähler, die mit dem „Ernst der Lage“ geködert wurden. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Opposition mit der richtigen Strategie ein AKP-Wechselwählerpotential von bis zu neun Prozent der Stimmen erreichen kann. Vielleicht, in vier Jahren.

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(Alle Fotos copyright Frank Nordhausen)

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Ein Gedanke zu “Das Debakel der türkischen Meinungsforscher

  1. Ohne die ca. 4 Prozent, die die AKP von ehem. MHP Waehlern bekommen hat, würde die AKP nun nicht allein regieren können. Durch Anbiedern bei einem Teil der MHP’ler, namentlich Tuğrul Türkeş und seinen Anhaengern, wurde dies erst möglich. (P.S.: İhr blog ist super! Freue mich immer über İhre aktuellen Stimmungsbilder von İstanbul.)