Angriff auf die Pressefreiheit

Es waren dramatische Stunden in der gestrigen Nacht zum Sonnabend im und vor dem Redaktionshaus der regierungskritischen größten türkischen Tageszeitung Zaman. Gegen 23:30 Uhr begannen Einheiten der Anti-Terror-Polizei, mit Wasserwerfern und Tränengas gegen einige tausend Demonstranten vorzugehen, die gegen die angeordnete staatliche Übernahme und Zwangsverwaltung des Blattes protestierten. Man sah, wie sich die Menschen zu schützen versuchten, wie einige hinfielen, und man hörte Sprechchöre: „Die freie Presse lässt sich nicht verbieten!“, „Wir sind hier, um euch zu unterstützen!“.

Unter den Protestierenden waren viele Frauen, und diese trugen fast alle ein Kopftuch. Das ist bedeutsam, denn es zeigte, dass hier eine islamistische Regierung Gewalt gegen fromme Muslime einsetzte. Man konnte es von oben aus dem fünften Stock des Gebäudes gut beobachten. Ich war dort gegen 22:00 Uhr eingetroffen, weil ich Interviews machen wollte, bevor der staatliche Treuhänder anrückte und den neuesten Schlag gegen die Pressefreiheit in der Türkei umsetzte. Draußen regnete es in Strömen. „Das ist furchtbar, absolut furchtbar“, sagte Abdülhamit Bilici, der Zaman-Chefredakteur, „da draußen besprühen sie unsere Leser mit Pfeffergas.“

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Polizeiliche Stürmung der Zaman-Redaktionen. Auf dem Plakat steht: „Rührt die Zeitung nicht an!“

In den Räumen der Zaman-Redaktion herrschte eine Art geordnetes Chaos. Hunderte Journalisten waren im gesamten Gebäude, sie hatten noch eine Notausgabe der Zeitung fertiggestellt, mit schwarzem Titelbild und der Schlagzeile: „Verfassung außer Kraft“, was sich darauf bezieht, dass die türkische Verfassung in punkto Übernahme von Presseorganen durch den Staat absolute Klarheit an den Tag legt: Es ist verboten, selbst wenn kriminelle Handlungen nachgewiesen werden können. Die englischsprachige Ausgabe druckte eine schwarze Titelseite mit der Aufschrift: „Beschämender Tag für Pressefreiheit in der Türkei.“

Propaganda für Terrororganisationen?

Ich konnte kurz mit der Chefredakteurin der englischsprachigen Zaman-Ausgabe, Sevgi Akarçeşme, sprechen. Sie hatte seit 24 Stunden nicht geschlafen, Augenringe, ihre Schminke verlief ein bisschen, aber sie versuchte, tapfer und taff zu bleiben. „Wir wussten durch Drohungen der Pro-AKP-Presse und durch Tweets des Whistleblowers Fuat Avni, dass der Tag der Übernahme gekommen war. Wir waren schon lange als Ziel anvisiert. Es ist für uns keine Überraschung“, sagte sie. Sie sei müde und erschöpft, aber mit sich im Reinen: „Wir haben nichts, dessen wir uns schämen müssten. Wir haben nur Journalismus gemacht.“ Sie berichtete von zahlreichen Solidaritätsbesuchen anderer Journalisten während des ganzen Tages. Nur von regierungsnahen Medien sei kein einziger gekommen. Auch das ein Beleg für die tiefe Spaltung der Türkei.

Dann zeigte Sevgi Akarçeşme mir die inzwischen nachgereichte dreiseitige Begründung des Erdoğan-treuen Friedensgerichts. Ihr zufolge wird der Redaktion vorgeworfen, Propaganda für Terrororganisationen zu machen. Die Zeitung werde beschuldigt, neben der Gülen-Bewegung auch die verbotene Kurdische Arbeiterpartei PKK zu unterstützen. „Das ist unlogisch und ergibt überhaupt keinen Sinn.“ Aber es habe keinen Sinn, eine einstweilige Verfügung gegen die Übernahme zu beantragen. „Wir haben einen Präsidenten, der von sich sagt, dass er einen Verfassungsgerichtsbeschluss nicht anerkennt. Diese Gerichte wurden vom Regime installiert und sind nicht unabhängig, sie urteilen völlig willkürlich“, sagte sie. „Was hier geschieht, ist ungesetzlich, illegitim und ein schreckliches Zeichen für die türkische Demokratie. Es gibt keine Pressefreiheit in der Türkei mehr.“

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Sevgi Akarçeşme mit der gerichtlichen Verfügung.
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Vor dem Gebäude ging die Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern gegen Demonstranten vor.
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Nervöse Ruhe vor dem Sturm in der Zaman-Chefredaktion.

„Treuhänder“, die den Bankrott anstreben

Auch Abdülhamit Bilici, der Zaman-Chefredakteur, fand in all der Aufregung und Nervosität noch ein paar Minuten für ein Gespräch, in dessen Verlauf er aber immer wieder ans Handy ging oder jemand in den Konferenzraum kam und Neuigkeiten verkündete. „Der Zweck dieser Maßnahme ist klar: Das Regime will alle kritischen Medien in der Türkei mundtot machen. Mindestens 85 Prozent aller Medien stehen bereits unter der Kontrolle der Regierung. Der Journalismus ist unter einem Druck, wie es ihn noch nie gab in diesem Land.“

Der freundliche, relativ ruhig wirkende Journalist sagte, man könne den rasanten Abbau des Rechtsstaates und der Demokratie nur noch mit Sarkasmus ertragen: „Ich quittiere all diese antidemokratischen Maßnahmen mit einem Lachen und empfehle das auch allen anderen. Wir haben Familien, wir müssen irgendwie überleben.“ Was er erwarte? „Sie werden unser Unternehmen in den Bankrott treiben. Denn wenn sie die Haltung der Blätter ändern, werden die Leser sich abwenden. Das ist dann nicht mehr unsere Zeitung. Es ist das Ende für Zaman. Mindestens 2000 Mitarbeiter werden ihre Arbeit verlieren.“

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Abdülhamit Bilici, besorgt.
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Solidaritätsbesuch von der CHP: Von links Bilici, CHP-Abgeordneter Barış Yarkadaş, Sevgi Akarçeşme, CHP-Abgeordneter Kadri Enis Berberoğlu.
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Knapp zehn Minuten, bevor der Polizeieinsatz vor dem Gebäude begann, trafen drei Parlamentsabgeordnete der größten Oppositionspartei CHP ein. Kadri Enis Berberoğlu war selber 40 Jahre lang Journalist, früherer Redakteur bei Hürriyet, Cumhuriyet und Radikal und Manager bei CNN Türk. Er sei gekommen, um seine Unterstützung und Solidarität für die Zaman-Kollegen ausdrücken, sagte er. „Das ist nicht nur ein Anschlag auf die freien Medien, es ist auch ein Beispiel für das totale Versagen der Justiz.“

Antiterrorpolizei in Redaktionsräumen

Dann ging alles sehr schnell. Gegen 23:45 Uhr waren Schreie und Sprechchöre vom Treppenhaus her zu hören. „Sie kommen“, rief jemand. Im Nu rannten die Redakteure, Techniker, Anwälte ins das offene, helle Treppenhaus mit seinen Balustraden und schauten ohnmächtig zu, wie die Antiterrorpolizei ihre Redaktionsräume besetzte, um den drei Zwangsverwaltern den Zugang zu öffnen. Sprechchöre hallten durch das Haus: „Diebe raus!“ und „Die freie Presse kann man nicht mehr verbieten!“ Die Stürmung konnte nicht live übertragen werden, da die Überwachungskameras ausgeschaltet worden waren. Doch drehten zwei oder drei kleine Teams dennoch, was geschah.

Im Nachhinein finde ich es erschütternd und beschämend, dass sich außer mir offensichtlich keine Vertreter westlicher unabhängiger Medien im Zaman-Gebäude aufhielten, um über die Stürmung zu berichten, immerhin eine Welt-Nachricht. Ich hätte erwartet, mindestens BBC, CNN und Vertreter großer Agenturen anzutreffen. Aber da war niemand.

Tränengas drang von außen ins Gebäude, verursachte Schmerzen, Weinkrämpfe, Atemnot. Die Mitarbeiter blieben absolut friedlich, aber als die Polizei sie massiv bedrängte, gab es immer wieder laute Rufe und Gerangel. Ohnehin ging die Polizei sehr robust vor, einige Beamte zeigten auch vor Frauen keinen Respekt und setzten ihre Schilde gegen sie ein. Dann wurden die Journalisten und anderen Mitarbeiter nach und nach aus dem Gebäude geführt. Obwohl die Journalisten mit dem Angriff gerechnet hatten, wurden sie von der Wucht des Ereignisses emotional überwältigt. Einige weinten, und nicht wegen des Gases. „Ich habe hier 19 Jahre gearbeitet, das ist meine Heimat“, sagte der Leitende Redakteur Celil Sağir mit Tränen in den Augen. Es wurde eine sehr lange, traurige Nacht.

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Antiterrorpolizei stürmt das Zaman-Gebäude.
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Arbeit unter Polizeiaufsicht

Am heutigen Sonnabend, dem 5. März, mussten die Mitarbeiter ihre Arbeit unter Polizeiaufsicht versehen. Sie konnten das Haus nur nach eingehender Kontrolle ihrer Personalien betreten. „Die Polizei ist überall, im Gebäude, außerhalb, überall“, sagte eine Redakteurin am Telefon. Vor dem Gebäude in Istanbul-Yenibosna ging die Aufstandspolizei erneut gegen etwa 2000 Demonstranten vor und produzierte hässliche Bilder von blutenden Kopftuchfrauen. Die Protestierenden riefen: „Bilici rein – Treuhänder raus!“

Derweil wurden der Zaman-Chefredakteur Abdülhamit Bilici von den eingesetzten Treuhändern mit formlosem Schreiben gekündigt. Und gerade als die Sonntagszeitungen fertig waren und an die fertigen Layouts an die Druckerei geschickt werden sollten, stellten die Kollegen plötzlich fest, dass alle Server und Internetverbindungen blockiert waren.

„Das bedeutet, dass wir die Sunday’s Zaman nicht drucken können“, berichtete ein Redakteur am heutigen Samstagabend am Telefon. „Falls morgen doch eine Zeitung an den Kiosken liegt, stammt sie nicht von uns. Dasselbe gilt für die türkischsprachige Zaman.“ Die Treuhänder haben bereits angekündigt, dass sie die redaktionelle Linie ändern werden – vermutlich wie bei den im Oktober besetzten Redaktionen von Bugün und Millet, die zu Propagandaorganen der Regierung wurden, die deshalb niemand mehr lesen wollte und in der vergangenen Woche ihr Erscheinen einstellten. Eine merkwürdige Vorstellung von der Aufgabe eines Treuhänders.

Zu den gerichtlich bestellten Zaman-Treuhändern gehört der Rechtsanwalt Metin Ilhan, bei dem es sich nach Informationen der Zeitung Die Welt um einen früheren Funktionär der AKP-Lobbyorganisation Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) aus Köln handelt. Die UETD fungierte oft als Veranstalter von Kundgebungen mit Recep Tayyip Erdoğan.

Eine problematische Zeitung

Für Recherchen über die bedrohte Pressefreiheit in der Türkei war ich zuvor schon mehrmals in der Zaman-Redaktion gewesen. Kürzlich hat die Gewerkschaftszeitschrift Publik eine Reportage von mir zum Thema veröffentlicht. Ich stieß bei Gesprächen mit anderen türkischen Journalisten über die bedrohte Zaman immer wieder auf Vorbehalte nach dem Motto: „Die haben früher für Erdoğan geschrieben und sind Mitschuld an den faschistischen Zuständen. Sie sind Erdogans Mittäter. Denen weine ich keine Träne nach.“

Diese Haltung ist verständlich, da Zaman mit ihrer Berichterstattung dazu beitrug, im Rahmen der Ergenekon-Verfahren nicht nur ranghohe Militärs, sondern auch prokurdische Politiker und linke Journalisten wie Ahmet Şik und Nedim Şener zu kriminalisieren. Als Journalisten der Nachrichtenseite Oda TV vorgeworfen wurde, Teil der Ergenekon-Verschwörung gegen Erdoğans Regierung zu sein, schrieb der damalige Zaman-Chefredakteur Ekrem Dumanlı: „Einige, die sich Journalisten nennen, benutzen diesen Beruf als Rüstung, hinter der sie psychologische Kriege führen.“ Auch Erdoğan war dem Haus verbunden. Beim Gründungsempfang von Today’s Zaman 2007 war er persönlich anwesend, und noch 2012 hielt er neine Lobrede zu Zamans 25. Geburtstag.

Die Today’s-Zaman-Chefredakteurin Sevgi Akarçeşme sagt dazu: „Wir haben Fehler gemacht und haben uns geändert. Frühere Fehler können aber kein Grund dafür sein, uns jetzt die Solidarität zu verweigern.“ Tatsächlich haben die Zaman-Redakteure in Kommentaren und Kolumnen inzwischen häufig für ihre Fehler Abbitte geleistet. Sie haben selbst immer wieder Solidarität mit bedrohten Medien gezeigt und an den Mahnwachen für die inhaftierten Cumhuriyet-Redakteure Can Dündar und Erdem Gül vor dem Hochsicherheitsgefängnis in Silivri westlich von Istanbul teilgenommen. Doch Zaman wurde erst nach Gülens Bruch mit Erdoğan zu einem regierungskritischen Blatt.

Die Zeitungen der Feza-Gruppe waren journalistisch problematische Produkte, weil sie immer wieder von Gülen-Propaganda durchsetzt waren. Man muss allerdings sagen, dass diese Propaganda stets deutlich erkennbar und gekennzeichnet war und die Zeitungen im Übrigen einen seriösen Journalismus betrieben, wie er in der Türkei die absolute Ausnahme ist. Die Cihan-Nachrichtenagentur war die einzige außer der staatlichen Agentur Anadolu, die umfassend über die Wahlergebnisse und Hochrechnungen berichtete und allein dadurch einen disziplinierenden, demokratischen Einfluss ausübte. Wer das leichtfertig wegwischt, weiß nicht, was er tut. Durch die Übernahme Zamans verstummt eine der vernehmbarsten Oppositionsstimmen der Türkei. Wer mich kennt, weiß, dass ich das nicht leichtfertig schreibe, schließlich habe ich mich zwanzig Jahre lang mit Sekten beschäftigt und einige Bücher zum Thema veröffentlicht.

Gestern kamen viele Journalisten, türkische und westliche, in den Redaktionen vorbei, um ihre Solidarität auszudrücken. Aber in der Türkei sind nicht mehr viele übrig, die es noch wagen, diese Solidarität öffentlich zu machen. Ein Blick auf die Zeitungskioske zeigte am heutigen Sonnabend, dass die meisten Blätter die Welt-Nachricht vom Sturm auf Zaman nicht auf ihren Titelseiten vermeldeten – inzwischen ist nicht nur das Fernsehen, sondern auch die Presse in der Türkei in großen Teilen gleichgeschaltet. Eigentlich trauten sich das nur die oppositionellen Zeitungen wie Taraf, Birgün, Sözcü und Cumhuriyet – und immerhin auch noch die handzahm gewordene Hürriyet. „Diktatur-Justiz“, titelte die linke Tageszeitung Birgün und schrieb: „Die Zwangsverwaltung für eine Zeitung bedeutet, dass alle Zeitungen, die der Regierung nicht genehm sind, unter Zwangsverwaltung gestellt werden können.“

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Bilder von der Erstürmung des Zaman-Gebäudes in der Nacht zum Sonnabend.
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Bevor ich gestern zum Zaman-Haus fuhr, habe ich einen Text verfasst, der unter anderem in der Frankfurter Rundschau erschien. Hier eine etwas erweiterte Fassung.

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Polizei stürmt regierungskritische Zeitung

Zaman, die auflagenstärkste Tageszeitung der Türkei, wird unter staatliche Aufsicht gestellt. Am Abend dringt die türkische Polizei gewaltsam in das Redaktionsgebäude in Istanbul ein – und geht mit Tränengas gegen die protestierende Menge vor, wie türkische Internetmedien berichten.

Die Aktion war lange erwartet worden, doch sie erschütterte die Türkei trotzdem im Mark. Zaman, die auflagenstärkste Tageszeitung des Landes, wird unter staatliche Aufsicht gestellt. Ein Istanbuler Sondergericht habe dies angeordnet und werde eine neue Führungsriege für die Zeitung ernennen, berichtete die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu am Freitagnachmittag. Eine Begründung für die Übernahme wurde in dem Bericht nicht genannt. Kurz nach Bekanntwerden der Nachricht verschlossen Mitarbeiter die Stahltore um das Betriebsgelände mit Vorhängeschlössern und versammelten sich zum Protest vor dem fünfstöckigen modernen Verlagsgebäude der Feza-Mediengruppe im Istanbuler Stadtviertel Yenibosna.

Am Abend dringt die türkische Polizei gewaltsam in das Redaktionsgebäude der oppositionellen Zeitung in Istanbul ein. „Das ist das Ende der Pressefreiheit in der Türkei“, sagte Sevgi Akarçeşme, die Chefredakteurin des englischsprachigen Schwesterblattes Today’s Zaman, zu den demonstrierenden Journalisten. Sie bezeichnete die Übernahme als „beschämenden Tag für die Medienfreiheit in der Türkei“ und sagte: „Mit dem heutigen Tag wurde die Verfassung außer Kraft gesetzt. Wir erwarten, dass der Treuhänder die Mitarbeiter entlässt und die Zeitungen zum Sprachrohr der Regierung macht, wie in früheren Fällen. Damit zerstören sie den Verlag, weil niemand die Zeitungen mehr kaufen wird.“ Die türkische Verfassung verbietet ausdrücklich die staatliche Beschlagnahme von Verlagen, Druckhäusern und Produktionsmitteln der Medien.

Ähnlich äußerte sich der Geschäftsführende Redakteur des Blattes Celil Sağir gegenüber der FR. „Wir erwarten, dass der Treuhänder die Mitarbeiter entlässt und die Zeitungen zum Sprachrohr der Regierung macht, wie in früheren Fällen“, sagte er am Telefon. „Damit zerstören sie den Verlag, weil niemand die Zeitungen mehr kaufen wird. Wenn es uns nicht mehr gibt, bleiben nur noch zwei größere kritische Zeitungen übrig, die aber bei weitem nicht so hohe Auflagen haben. Europa muss endlich die Dramatik erkennen.“ Die beispiellose Operation erfolgt kurz vor dem EU-Türkei-Gipfel am Montag in Brüssel, bei dem es wieder um die Flüchtlingskrise gehen soll. Ein offener Affront gegen die EU und ihre Werte.

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Mehr als tausend Klagen

Zaman ist das publizistische Flaggschiff der sogenannten Gülen-Bewegung. Das Netzwerk des in den USA lebenden liberalen Islampredigers Fethullah Gülen war jahrelang ein enger Verbündeter der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP in der Türkei. Doch dann enthüllten Staatsanwälte im Dezember 2013 die schwerste Korruptionsaffäre des Landes, die das unmittelbare Umfeld des damaligen Minister- und heutigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan betraf.

Seither betrachtet Erdoğan den Prediger als Staatsfeind Nummer eins, nennt die Bewegung „Fethullah-Gülen-Terror-Organisation“ und wirft ihr vor, hinter den Ermittlungen zu stecken und damit einen Staatstreich geplant zu haben. Hunderte Staatsanwälte und Zehntausende Polizeibeamte wurden suspendiert, degradiert, entlassen oder wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation angeklagt. Allerdings wurden dafür bislang keinerlei Beweise vorgelegt.

Die ehemals regierungsnahe Zaman hat sich inzwischen zu einem oppositionellen Blatt gewandelt, das auch von Erdoğan-Wählern gelesen wird, weil es konservative und islamische Werte vertritt. Im letzten Sommer hatte das Blatt noch fast eine Million Auflage, ist jetzt aber laut offizieller Statistik auf 650.000 abgerutscht.

Erdoğan hatte die Bürger mehrfach öffentlich aufgefordert, Zaman nicht mehr zu lesen. Zudem wurden bedeutend weniger Anzeigen geschaltet, da Firmen, die inserieren wollen, laut Aussage der Zaman-Verantwortlichen „von ganz oben“ mit dem Entzug staatlicher Vergünstigungen bedroht werden. Der privaten Eigentümergesellschaft Feza-Holding gehören außer den beiden Tageszeitungen noch die zweitgrößte türkische Nachrichtenagentur Cihan und das wöchentliche Nachrichtenmagazin Aksiyon.

Neben der linksliberalen Tageszeitung Cumhuriyet mit rund 55.000 Exemplaren Auflage ist Zaman bislang die letzte einflussreiche und seriöse Bastion des kritischen Journalismus in der weitgehend gleichgeschalteten Presselandschaft der Türkei. Mehr als tausend Klagen, oft wegen „Beleidigung des Staatspräsidenten“, sind laut Celil Sagir deshalb gegen ihre Redakteure anhängig.

Die Redaktionen von Zaman und ihrer Schwestermedien sind bereits mehrfach drangsaliert worden. Im November wurden die Redaktionsräume bei einer großen Razzia durchsucht. Damals vermutete die Staatsanwaltschaft, dass die Zaman-Druckerei eine freie Ausgabe der zuvor unter Regierungsaufsicht gestellten Zeitung Bugün drucken würde. Kurz vor der Parlamentswahl im November wurden damals die Fernsehsender Bugün TV und Kanaltürk sowie die konservativ-liberalen Zeitungen Bugün und Millet wegen angeblicher Terrorunterstützung der Eigentümergesellschaft Ipek-Koza-Holding staatlichen Zwangsverwaltern übergeben.

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Zaman-Redakteure wollen weitermachen

Auch diese Firmengruppe stand der Gülen-Bewegung nahe. Ihre vier Medien wurden umgehend auf Regierungspropaganda umgepolt, wonach sie praktisch niemand mehr sehen oder lesen wollte. Die Auflage von Bugün und Millet sackte um 95 Prozent ab. In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass der Sende- und Druckbetrieb komplett eingestellt wurde. „Man hat sie mundtot gemacht“, sagt Celil Sağir von Today’s Zaman. „Für unsere Zeitungen ist das Gleiche zu erwarten. Erdogan will alle zum Schweigen bringen, die noch an die Korruptionsaffären erinnern.“ Anders als die Ipek-Koza-Holding ist die Feza-Gruppe jedoch ein reiner Medienkonzern. „Der Text der Verfassung ist in diesem Fall glasklar“, sagt Celil Sağir. „Was die Regierung und die Justiz mit uns vorhaben, verstößt gegen die Verfassung und ist absolut illegal. Doch was ist von einer Regierung und einem Präsidenten zu halten, der öffentlich erklärt, dass er die Verfassung nicht achtet?“

Nachdem das türkische Verfassungsgericht vergangene Woche entschieden hatte, den Cumhuriyet-Chefredakteur Can Dündar und seinen Ankara-Korrespondenten Erdem Gül aus der 92-tägigen Untersuchungshaft wegen angeblicher Spionage zu entlassen, hatte Erdogan öffentlich erklärt, sich nicht an den Spruch zu halten. „Ich werde weder der Entscheidung Folge leisten, noch habe ich Respekt vor ihr“, sagte er.

In ersten Reaktionen verurteilten internationale Journalisten- und Menschenrechtsorganisationen die staatliche Übernahme von Zaman. Von einer „massiven Verletzung des Rechts und der Pressefreiheit“ sprach die US-Menschenrechtsorganisation Freedom House. Amnesty International bezeichnete die Operation als „neueste zutiefst beunruhigende Attacke der türkischen Behörden auf kritische Medien“. Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, sagte: „Damit werden die letzten Reste der Pressefreiheit in der Türkei ausgehebelt.“ Er appellierte deshalb erneut an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier, gegenüber türkischen Spitzenpolitikern auf die Einhaltung der Pressefreiheit zu pochen. „Es wäre makaber, wenn die Bundesregierung im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise einen Kotau vor Erdogan macht, während die letzten Kritiker seiner Politik in der Türkei mundtot gemacht werden.“ Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 149 von 180 Staaten.

Die Zaman-Redakteure wollen trotzdem weitermachen, selbst wenn sie jetzt ihre Arbeitsplätze verlieren. „Was hier heute geschieht, ist purer Faschismus. Es macht mich ungeheuer traurig“, sagt Celil Sağir, der seit 19 Jahren für die Mediengruppe arbeitet. „Aber wir werden die Pressefreiheit verteidigen. Wir werden weiter schreiben.“

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Zaman-Konferenzraum.

(leicht bearbeitet am 7. März 2016)

Fotos: Frank Nordhausen

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4 Gedanken zu “Angriff auf die Pressefreiheit

  1. Danke für die objektive und kritische Bewertung. Die Verfassung in der Türkei ist in der Türkei ausser Kraft gesetzt worden. Eine neue Diktatur wurde errichtet und alle Kritiker werden eins nach dem anderen ausser Kraft gesetzt bzw. mundtot gemacht. Die Flüchtlingsdramatik wird von dem neuen Diktator als Tauschmittel gegen Unterdrückung benutzt.

  2. Danke für den ausführlichen Bericht und Ihre Einschätzungen / Erklärungen über die frühere und jüngste Ausrichtung von ‚Zaman‘.

  3. Möglicherweise erkennen diejenigen der hiesigen „Aktion Sorgenbürger“ nun endlich, wie es aussieht, wenn aus unabhängiger Presse staatlich gelenkte „Lügenpresse“ gemacht wird.

  4. Ich werde die CDU solange nicht mehr wählen bis die schäbigen Verhandlungen mit der Türkei aufhören. Und das nach 40jähriger treuer CDU Anhängerschaft.
    Gruß Walter