Terroranschlag in Ankara

Wieder ein Terroranschlag in Ankara, 37 Tote, 120 Verletzte – die Attentäter trafen Familien, Kinder, Studenten … Es ist entsetzlich, die Türkei wird zu einem unwirtlichen Ort, an dem man sich eigentlich nirgends mehr sicher fühlen kann. Ich spüre das gerade stärker, weil ich am Wochenende in Nordzypern war, einem ruhigen, friedlichen Flecken Erde. Auch dort herrschten einmal schlimme Zustände, aber das ist eine andere Geschichte.

Den Anschlagsort in Ankara kennt jeder, der die türkische Hauptstadt besucht. Am Kizilay-Platz sind immer viele Menschen, am Wochenende aber noch deutlich mehr als sonst, weil die Leute den angrenzenden Park und die vielen Geschäfte der Gegend besuchen. Die unabhängige türkische Internetplattform Bianet sammelt die Geschichten der Opfer und publiziert sie zu deren Gedenken – auf Englisch, sehr lesenswert.

Die Regierung macht die PKK für den Massenmord verantwortlich, aber es bleibt abzuwarten, ob sich das bewahrheitet. Schnelle Schuldzuweisungen seitens der Regierung müssen mit äußerster Vorsicht aufgenommen werden. Bei den vorhergehenden Anschlägen in Ankara hatten die Behörden zunächst falsche oder irreführende Angaben gemacht, die sie später korrigieren mussten.

Mein Blog wird sich in Zukunft ein bisschen verändern. Die Berliner Zeitung hat ihrem Online-Auftritt einen Facelift verpasst, und dabei soll auch der „Gruß vom Bosporus“ aktueller und vor allem häufiger auftreten. Gut so. Sie werden an dieser Stelle jetzt häufiger Texte lesen, die ich für die Druckausgaben geschrieben habe. Hier kommt mein Kommentar zum Ankara-Anschlag für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau:

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Verunsicherter Scheinriese

Das Tempo, in dem die Terroranschläge in der Türkei aufeinander folgen, nimmt beängstigende Ausmaße an. Knapp vier Wochen nach einer verheerenden Selbstmordattacke ist im Regierungsviertel der türkischen Hauptstadt Ankara erneut eine Bombe detoniert und hat zahlreiche Menschen in den Tod gerissen. Die Terroristen agieren scheinbar ungehindert und können selbst dann mitten im politischen Zentrum des Landes zuschlagen, wenn den Sicherheitsdiensten handfeste Warnungen zu Zeitraum und Ort einer möglichen Attacke vorliegen.

Der starke Staat, den der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan propagiert, wirkt wie ein Scheinriese, der nicht in der Lage ist, die Bevölkerung zu schützen. Das Land mit der zweitgrößten Armee der Nato erscheint im Innern hilflos und schwach. Erdoğan hat Polizei, Militär und Geheimdienste in einen Dreifrontenkrieg gehetzt, der ihre Kräfte überfordert: gegen die kurdische PKK, die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) und die islamische Gülen-Bewegung.

Kein Mittel Erdoğans hat bisher gegen den Terror geholfen, er hat eher Öl ins Feuer gegossen. Seit er den Friedensprozess mit den Kurden aufkündigte, ist der Bürgerkrieg im Südosten wieder voll entbrannt. Seit die Türkei radikale Rebellen im syrischen Bürgerkrieg unterstützte, ist sie zum Transitland und Rückzugsraum auch für Dschihadisten geworden. Jetzt geht vom IS eine große Gefahr für die Türkei im eigenen Land aus, denn die Radikalen sind in den grenznahen Regionen, aber auch in den Metropolen des Landes präsent und bauen ihre Netzwerke aus. Schließlich hat die Hexenjagd gegen die Gülenisten die Terrorabwehr geschwächt, weil dabei hunderte erfahrene Ermittler bei Justiz und Polizei versetzt oder entlassen wurden.

Es wird der Türkei nicht helfen, jetzt wieder PKK-Stellungen im Nordirak zu bombardieren. Nötig wäre es dagegen, den Dialog mit allen gesellschaftlichen Kräften neu zu starten, auf nationale Einheit zu setzen und mit demokratischen Reformen den Weg in die EU zu festigen. Sonst läuft die Türkei Gefahr, von einem Hort der Stabilität im Nahen Osten zu einem weiteren Problemfall zu werden. Europa braucht die Türkei nicht nur in der Flüchtlingskrise. Es sollte seinen ganzen Einfluss in Ankara geltend machen, um seine weitere Destabilisierung zu verhindern.

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