Terroranschlag mit Ansage

Am gestrigen Sonnabendmorgen, einem neblig-trüben Tag, saß ich nach dem Frühstück an einem Artikel über die Türkei im Zeichen von Gewalt und Terror, als mich kurz nach elf Uhr eine gute türkische Freundin anrief. „Frank, weißt Du es schon? Es ist etwas Schreckliches passiert, es gab einen Terroranschlag in der Istiklal Caddesi.“ Um Gottes Willen, dachte ich, jetzt ist passiert, was wir alle lange befürchteten, aber nie aufschrieben, um es nicht zu beschwören. Ein Anschlag in der Istiklal Caddesi, der berühmten Straße der Unabhängigkeit, der prächtigen früheren Grand Rue de Pera! Praktisch jede Istanbul-Touristin und jeder Tourist kennen diese Straße.

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Polizisten sperren die Istiklal Caddesi kurz nach dem Anschlag am Sonnabend.
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Regelmäßige Leser meines Blogs wissen um meine Hassliebe zu dieser Straße, die trotz der Wunden, die ihr der AKP-Neokapitalismus täglich schlägt, immer noch ein einzigartiger Anziehungspunkt Istanbuls ist. Bis zu 2,5 Millionen Menschen passieren diese wichtigste Einkaufs- und Vergnügungsmeile der Metropole täglich und machen sie damit zur meistfrequentierten Straße Europas. Magazine bebildern Berichte über Istanbul gern mit Tele-Aufnahmen der Menschenmassen, in deren Mitte wie ein überdimensionales Spielzeug eine rote Straßenbahn zu schwimmen scheint.

Meine türkische Freundin sprach von bislang zwei Toten und einem Dutzend Verletzten – eine außerordentlich geringe Opferzahl, glücklicherweise, angesichts der Alptraumszenarien, die sich besorgte Istanbuler schon lange ausmalen. Eine Terrorattacke auf der Istiklal Caddesi um 19 oder 20 Uhr abends am „passenden Ort“ gezündet, könnte Hunderte Menschen in den Tod reißen. Die Frage, warum der Anschlag am späten Vormittag erfolgte, wenn die Straße vergleichsweise leer ist, sollte mich und viele Kollegen noch den ganzen Tag über beschäftigen.

Deutsche Terrorwarnung rettet Leben in Istanbul

„Meine Familie ist dir unglaublich dankbar“, fuhr meine türkische Freundin fort. „Denn deine Warnungen haben dazu geführt, dass meine Cousine heute nicht zur Klavierstunde in der Istiklal Caddesi gegangen ist, die sie normalerweise sonnabends um elf Uhr genau dort besucht, wo die Bombe explodierte.“

Die Freundin hatte mich am Freitagabend noch einmal angerufen, um nachzufragen, was ich von den Warnungen der deutschen Botschaft in Ankara und des Auswärtigen Amtes in Berlin hielte, in denen von einer konkreten Gefahr durch einen Terroranschlag auf deutsche Einrichtungen in Ankara und Istanbul die Rede war und dringend dazu geraten wurde, den Taksim-Platz, die von ihm wegführende Istiklal-Caddesi und die angrenzenden Gassen zu meiden.

Die Terrorwarnung wurde am Donnerstag ausgesprochen, deutsche diplomatische Vertretungen, deutsche politische Stiftungen und deutsche Schulen in Ankara und Istanbul sollten bis zum Sonntag geschlossen bleiben. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sprach in Berlin von „sehr konkreten und sehr ernstzunehmenden Hinweisen, dass terroristische Attentate gegen unsere deutschen Vertretungen innerhalb der Türkei vorbereitet seien“. In beiden Städten fuhren daraufhin gepanzerte Fahrzeuge der Polizei vor den ohnehin gut gesicherten Vertretungen auf.

Der Außenminister hatte alle Bundesbürger außerdem gebeten, die offiziellen Reisehinweise des Auswärtigen Amtes in den nächsten Tagen sehr sorgfältig zu beachten. Auf seiner Internet-Homepage riet das Amt zu erhöhter Vorsicht in Istanbul, Ankara und anderen Großstädten der Türkei. Menschenansammlungen, auch auf öffentlichen Plätzen und vor touristischen Attraktionen, sowie der Aufenthalt nahe Regierungs- und Militäreinrichtungen sollten gemieden werden.

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Polizeiabsperrungen rund um die Istiklal Caddesi.
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Einmischung in innere Angelegenheiten?

Am Freitag berichteten dann verschiedene Medien in der Bundesrepublik, dass der Bundesnachrichtendienst eine Warnung von türkischer Seite erhalten habe, wonach die Bedrohung von Attentätern der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) ausgehe. Drei ausländische Geheimdienste hätten dem Bundesnachrichtendienst Name und Foto eines angeblich für den Anschlag vorgesehenen Täters übermittelt, berichtete der Spiegel. Als Ziel seien konkret deutsche Einrichtungen in der Türkei gewesen, meldete auch das rbb-Inforadio. Die Tage bis zum Sonntag seien als Zeitraum genannt worden. Der Hinweis sei vom US-Geheimdienst CIA, dem türkischen Geheimdienst MIT und dem Sicherheitsapparat der kurdischen Peschmerga gekommen.

Die Warnungen der deutschen Regierung fanden ein gewaltiges Echo in den Weltmedien – und in sozialen Internetmedien der Türkei. Dagegen reagierten die offizielle Türkei und die AKP-hörigen Medien verschnupft bis aggressiv auf die, wie sie fanden, deutsche Anmaßung, sich in innere Angelegenheiten ihres Landes einzumischen.

Vorwurf der Panikmache

Am deutlichsten wurde der von Ankara eingesetzte Istanbuler Gouverneur Vahip Şahin, der die die Entscheidung zur Schließung der Einrichtungen in scharfer Form kritisierte. Er rief die Bürger auf, Ruhe zu bewahren. Die Informationen der Deutschen seien unbestätigt und nicht mit den türkischen Behörden abgesprochen, sagte er. „Wir rufen die Öffentlichkeit auf, nicht in Panik zu verfallen, nur unseren Bekanntmachungen und keinen fremden, sensationellen Quellen und Gerüchten zu vertrauen.“ Dies würden die türkische Öffentlichkeit „negativ beeinflussen“, hieß es. Er warf den Deutschen praktisch Panikmache vor.

Das türkische Bildungsministerium ließ sogar Ermittlungen gegen die deutsche Schule in Istanbul einleiten, weil die Entscheidung, sie zu schließen, eigenmächtig erfolgt sei, obwohl sie dem türkischen Bildungsministerium unterstellt sei.. Deutschland trage mit der „skandalösen Entscheidung“ dazu bei, die Bevölkerung nervös zu machen, schrieb die AKP-treue Zeitung Sabah. Man darf gespannt sein, ob die Ermittlungen jetzt weiter verfolgt werden.

Das Dementi sollte verängstigte Bürger beruhigen, die sich im Internet darüber austauschten, dass es auch vor dem verheerenden Autobombenanschlag in Ankara am vergangenen Sonntag entsprechende Warnungen gegeben hatte, die ebenfalls von Ausländern kamen. Zwei Tage vor dem Angriff, bei dem 37 Menschen getötet wurden, hatte die dortige US-Botschaft nach Terrorwarnungen türkischer Behörden amerikanische Staatsbürger aufgefordert, belebte Plätze zu meiden und zu Hause zu bleiben.

Seltsam nur, dass die türkischen Behörden ihre eigenen Terrorwarnungen der Öffentlichkeit offenbar nicht zumuten wollten. Das führte zu einem extremen Misstrauen in Teilen der Bevölkerung. Und deshalb rief mich meine türkische Freundin am Freitagabend an. Ich erwiderte: „Wenn die deutsche Botschaft warnt und der deutsche Außenminister die Warnung mitten in sensiblen Gesprächen mit der Türkei über die Flüchtlingskrise wiederholt, dann ist das absolut ernst zu nehmen. Ihr solltet die Istiklal Caddesi und den Taksim-Platz unter allen Umständen meiden!“

Belebt wie immer am Freitagabend

Ich räume ein, dass ich selbst mich nicht an meine eigene Empfehlung hielt. Als neugieriger Journalist wollte ich gestern Abend unbedingt erkunden, wie die Istanbuler und die Touristen auf den deutschen Alarm reagierten. Mit einem riesigen Kloß im Bauch lief ich zusammen mit Bekannten im Eilschritt vom Taksim-Platz bis zum Galatasaray Lisesi, dem französischen Gymnasium, das etwa in der Mitte der Einkaufsstraße liegt. Ich habe die Istiklal in den letzten Wochen immer mit einem mulmigen Gefühl betreten, aber noch nie habe ich die Gefahr körperlich so stark empfunden.

Und ich erschrak. Denn die enge Straßenschlucht war so belebt wie stets am Wochenende. Tausende Menschen drängten sich aneinander und an den unzähligen Geschäften, Restaurants und Imbissbuden vorbei. Sie lachten, plauderten, flirteten. Auffällig war nur, dass man kaum westliche Gesichter sah. Aber westliche Touristen sind seit dem Anschlag vom Januar in Sultanahmet, bei dem zwölf Deutsche starben, ohnehin selten geworden im Stadtbild.

Wahnsinn, dachte ich, wenn hier jetzt ein Attentäter zuschlägt! Gerade drei oder vier Tage zuvor hatte ich erlebt, wie panisch Polizisten ein Teilstück der Straße räumten und mit gelbem Band absperrten, weil dort ein herrenloser Rucksack lag. Sie waren extrem nervös.

Entsprechend froh war ich, als wir vor dem Galatasaray Lisesi nach rechts in die Fischrestaurantgasse abbogen und durch die kleinen Gassen mit ihren Bars und Musikklubs gingen. Hier war die Stimmung anders. Diese Kneipen, in denen vor allem einheimische junge Leute verkehren, waren für einen Freitagabend schlecht besucht. Die Istanbuler übten sich in Vorsicht. Völlig zu Recht, wie sich Am Samstagmorgen herausstellte.

Kreisende Hubschrauber, Sirenen von Krankenwagen

Nach dem gestrigen Anruf meiner Freundin griff ich sofort meine Kamera und das Notizbuch, vergewisserte mich, dass ich den Presseausweis dabei hatte und ging so schnell wie möglich über Seitenwege zur Istiklal Caddesi auf Höhe des Kitschkaufhauses „Demirören“, das Internetmeldungen als Tatort nannten. Schon unterwegs waren die Straßen in Cihangir auffallend leer, und wer draußen war, starrte sorgenvoll auf sein Smartphone. Touristen mit Rollkoffern irrten orientierungslos durch die Gassen.

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Kommentar eines unbekannten Sprayers.

Man hörte den Hubschrauber knattern und die Sirenen der Krankenwagen. Ich kam erreichte die Einkaufsstraße, als mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten sie gerade abriegelten, schaffte es noch, ein paar Fotos zu machen, als ich auch schon abgedrängt wurde. Hypernervöse Spezialpolizisten wprüften meinen Presseausweis, forderten den Fotochip aus meiner Kamera, ließen aber von mir ab, als ein Vorgesetzter sie zur Ordnung rief.

Es war etwa 11:40 Uhr, die Polizei begann, das gesamte Areal um die Istiklal Caddesi weiträumig abzusperren. Noch waren aber Augen- und Ohrenzeugen zu finden, die ihre frischen Eindrücke von der Tat schildern konnten. Ahmet, ein 20-jähriger saudischer Tourist, der mit einem Freund drei Tage in Istanbul verbringen wollte, erzählte von dem Knall, den beide hörten, als sie in ihrem Hotel beim Frühstück saßen. „Klar habe ich Angst“, sagte er. „Wir werden deshalb heute abreisen und an die Küste fahren, wo es hoffentlich nicht so gefährlich ist.“

Coole Touristen

Die meisten Touristen, die ich im Lauf des Tages sprach, waren aber erstaunlich cool und sagten, in jeder großen Stadt müsse man mit dem Terror rechnen. „Wir sind viel gewöhnt, wir kennen diese Art von Konflikten“, sagte eine elegant gekleidete, ältere, aus dem Iran stammende Amerikanerin, die ihre Tochter besuchte, die seit ein paar Monaten in Istanbul lebt, nur eine Seitenstraße von der Istiklal Caddesi entfernt. „Und selbst in Los Angeles haben wir neulich einen Terroranschlag erlebt, in San Bernardino. Es gibt keinen Ort, an dem man absolut sicher ist.“ Die Tochter nickte und sagte: „Wir haben seit dem Anschlag auf die Touristen in Sultanahmet im Januar damit gerechnet, dass etwas in der Istiklal Caddesi passiert.“

Mads Buus, 27, Angestellter einer Schiffsreederei in Kopenhagen, der mit einem Freund eine Woche Urlaub in Istanbul verbringt, zeigte sich wie viele andere Touristen relativ unbeeindruckt – obwohl ihr Hotel in Sichtweite zum Anschlagsort liegt. „Angst habe ich nicht“, sagte er. „Aber ein bisschen unheimlich ist es schon.“ Sein Freund ergänzte, offenbar herrsche in der Türkei eine „schreckliche Politik“, womit er die Regierung Erdoğan meinte.

Erroll Shporta aus der Stadt Prizren im Kosovo wollte in Istanbul eine Woche in sicherer Umgebung, wie er meinte, Ferien machen. Sein Hotel war knapp 30 Meter entfernt vom Tatort. Als er die Detonation hörte, bekam der schmale Mittfünfziger furchtbare Angst um seine Frau. „Sie wollte einen Einkaufsbummel machen. Ich versuchte, sie übers Handy zu erreichen, aber ich hörte nur eine türkische Ansage. Also rannte ich aus dem Hotel auf die Straße.“ Die Bilder des Anschlags verstörten ihn: Er sah eine große Blutlache auf dem Pflaster, abgerissene Gliedmaßen und etwa zehn leblose Körper. „Ich wollte gucken, ob meine Frau dort lag, aber Polizisten kamen und drängten alle Leute in die Seitenstraße ab.“

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Erroll Shporta aus dem Kosovo.

Weil vermutlich viele Leute versuchten, ihre Angehörigen zu erreichen, waren die Mobilfunknetze überlastet. Der Kosovo-Albaner hatte große Angst um seine Frau. Er musste bange Minuten überstehen, bis sie glücklicherweise die Hotelrezeption anrief und ihm ausrichten ließ, dass es ihr gut gehe. „Ich war so erleichtert“, sagte Erroll Shporta und zog an seiner Zigarette. „Sie war auf der anderen Seite der Istiklal Caddesi und konnte nicht zurück, weil die Polizei alles absperrte.“ Er merkte an, das ein Bekannter ihm von der deutschen Terrorwarnung erzählt habe. „Aber ich hielt das für einen Witz. Im Kosovo haben wir Terror und Krieg erlebt, aber doch nicht in Istanbul!“

„Auch Ausländer“

Später erklärte der türkische Gesundheitsminister Mehmet Müezzinoğlu, dass beim zweiten Selbstmordanschlag innerhalb einer Woche in der Türkei fünf Menschen getötet und 39 verletzt worden seien, sieben von ihnen schwer. Die Toten seien neben dem Angreifer drei Israelis und ein Iraner, 24 der Verletzten seien Ausländer, darunter weitere zehn Israelis. Auf Twitter kursierte die Meldung der oppositionellen Zeitung Sözcü, dass er den ungeheuerlichen Satz gesagt habe: “Wir verlieren menschliche Leben, auch wenn es sich um Ausländer handelt.”

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin wurde kein deutscher Staatsbürger getroffen. Das Ministerium riet Deutschen in der Stadt sofort weiterhin zu großer Vorsicht. „Reisenden in Istanbul wird geraten, öffentliche Plätze, auch touristische Attraktionen und allgemein Menschenansammlungen in den nächsten Tagen zu meiden“, hieß es am späten Samstagnachmittag in einem aktualisierten Reise- und Sicherheitshinweis. Am Mittag hatte das Ministerium Touristen sogar empfohlen, in ihren Hotels zu bleiben.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoğlu sagte bei einem Besuch im Iran: „Der Terror hat sein hässliches Gesicht gezeigt.“ Auch Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu und der stellvertretende Ministerpräsident Numan Kurtulmuş verurteilten den Anschlag aufs Schärfste. Eine Mediensperre wurde erlassen, die sich jedoch nicht auf offizielle Verlautbarungen bezieht.

Angst vor neuen Anschlägen

Das Istanbuler Zentrum war gestern so leer, wie ich es noch nie erlebt habe, selbst nicht während der Gezi-Unruhen, wenn die Polizei mal wieder das Gassengewirr um die Istiklal Caddesi geräumt und mit Gas eingenebelt hatte. Die ganze Gegend wirkte, als sei sie zum Stillstand gekommen. Verlassen, depressiv, trostlos. Der ständige Nieselregen trug viel zu dem apokalyptisch anmutenden Szenario bei.

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Leere Gassen rund um die Istiklal Caddesi.
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Selbst am Galataturm, einer Top-Sehenswürdigkeit, waren nur wenige Touristen.

Anders als viele Feriengäste, die den Terror offenbar bereits als Reiserisiko betrachten, war den von mir befragten Istanbulern die Dramatik des Geschehens absolut bewusst. Entweder übten sie sich in Zweckoptimismus, wie ein Souvenirverkäufer nahe dem Galataturm, der vom „Schicksal“ redete und davon, dass die Touristen vielleicht ein oder zwei Tage Angst hätten, dann aber wieder durch das Viertel flanieren würden. „Sie kommen immer wieder.“ Er hatte natürlich von der deutschen Terrorwarnung gehört, hielt sie aber für ein Komplott des bösen Westens, um Panik unter den Türken zu schüren. Der Mann hatte vielleicht die Schlagzeile der AKP-nahen Tageszeitung Akşam gelesen, die diesen Verschwörungsunsinn verbreitete: „Terror nach deutscher Art“.

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Dieser junge Türke arbeitet in einem Restaurant an der Istiklal Caddesi. Er hatte sich kurz hingelegt, wachte durch die Explosion auf und filmte mit seinem Handy, wie die Polizei am Tatort erschien. Er sagte: „Ich werde mir einen neuen Job suchen. Hier wird es zu gefährlich.“
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Ein Buchhändler nahe dem Taksim-Platz sprach davon, dass nach einem Terroranschlag vor vier Jahren die Kunden schon eine Stunde später wieder ganz normal in seinen Laden eingekehrt seien. „Die Leute kommen ganz sicher wieder zurück“, meinte er. Allerdings habe sich doch etwas geändert: „Vor vier Jahren hatte ich keine Angst. Jetzt habe ich Angst.“ Auch am Sonntag sei mit Anschlägen zu rechnen, von der PKK genau wie vom IS. „Das kurdische Newruz-Fest steht vor der Tür (am 21. März), und die PKK hat schon mit Gewalt gedroht. Aber der IS ist genauso gefährlich.“

Er sagte, der Terror sei wohl nicht mehr zu stoppen, die Türkei jetzt endgültig ein Land des Nahen Ostens geworden, „voller Chaos und Gewalt“. Als ich ihn fragte, ob die Regierung seiner Meinung nach etwas dagegen tun könne, antwortete er: „Es ist zu spät. Sie hätten eine andere Syrienpolitik machen müssen, aber jetzt ist es unmöglich.“

„Jeder hat Panik, jeder hat Angst“

Der freundliche etwa 35-jährige Buchhändler wollte mir seinen Namen ebenso wenig wie fast alle anderen befragten Istanbuler nennen. Immerhin antwortete er noch auf „kritische“ Fragen über die Regierung und ihre Verantwortung. Die meisten anderen reagierten darauf nur mit einem Schulterzucken und der Floskel, die ich inzwischen nur zu gut kenne: „Das ist Politik, dazu kann ich nichts sagen.“

Ein 25-jähriger Kellner namens Batuhan aus dem Weinlokal Pano Şaraphanesi nahe dem Galatasaray Lisesi redete sehr offen über seine Gefühle. „Jeder hat Panik, jeder hat Angst“, sagte er. „Ich bin noch immer nervös.“ Batuhan glaubt, dass der erneute Anschlag sich sehr negativ auf den Tourismus auswirken werde. „Wir hatten schon nach dem Anschlag in Sultanahmet weniger Touristen, jeder hat Kunden verloren, aber jetzt wird es richtig schlimm werden. Und alle warten voller Anspannung darauf, was morgen zum Newruz passiert. Alle sind extrem vorsichtig.“ Die Regierung müsse ihrer Aufgabe nachkommen und die Bevölkerung besser schützen, fügte er hinzu. „Sie hätten uns warnen können, so wie es die Deutschen gemacht haben.“

Als Einwohner Istanbuls konnte ich dem jungen Mann nur beipflichten. Ich halte das Verhalten der türkischen Behörden für extrem verantwortungslos und bin froh, dass unsere Regierung alle deutschen Staatsbürger zur Vorsicht mahnte und damit vielleicht dazu beigetragen hat, dass kein Deutscher unter den gestrigen Opfern ist und möglicherweise weniger andere Menschen auf der Istiklal Caddasi waren als sonst. Ich glaube, die Bundesrepublik hat in Istanbul Leben gerettet.

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Istiklal Caddesi, am Tünel-Platz.

Dank an die Deutschen

Die Istanbuler dankten es den Deutschen. Auf Twitter sandten viele Botschaften unter dem Hashtag: #DankeSchönDeutschland. Sie hätten wegen der Terror-Information zentrale Plätze gemieden, so der Tenor. „Wenn Deutschland nicht gewarnt hätte, gäbe es viel mehr Tote und Verletzte“, hieß es in einem Tweet.

Viele Bürger fühlten sich Deutschland zu Dank verpflichtet, weil sie nach einer Warnung der deutschen Botschaft Plätze wie die Istiklal-Straße oder den Taksim-Platz gemieden hätten. „Wenn ihr uns nicht gewarnt hättet, dann hätte es in Istanbul heute ein Massaker gegeben. Ihr habt das gemacht, was unsere Regierung unterlassen hat, danke“, schrieb eine Twitter-Nutzerin. Eine andere berichtete, dass das deutsche Rundschreiben sie davon abgehalten habe, mit einer Gruppe von 67 Schülern die Einkaufsstraße zu besuchen.

Einige Türken hingegen beschuldigten die Bundesrepublik, mit den Attentätern unter einer Decke zu stecken, weil sie ihre Einrichtungen geschlossen hatte.

Der Istanbuler Gouverneur Vahip Şahin, der die Deutschen so harsch für ihre Terrorwarnungen kritisiert hatte, musste dann gestern öffentlich Zahlen von Toten und Verletzten vortragen – live im Fernsehen. Es sagte viel aus über den Zustand der türkischen Medien aus, dass niemand ihm die Frage stellte, warum er die Bevölkerung nicht – wie die Deutschen – gewarnt habe?

Natürlich ist bisher auch weder von seinem noch vom Rücktritt anderer Behördenvertreter die Rede. Und erstaunlicherweise hat sich Staatspräsident Erdoğan bis zu diesem Zeitpunkt – Sonntagmorgen – noch gar nicht geäußert. Er spricht sonst zu Allem und Jedem. Dafür wurden Twitter und Facebook wieder einmal abgeschaltet.

Die Spur führt zum „Islamischen Staat“

An den Polizeiabsperrungen traf ich immer wieder Journalistenkollegen, und eigentlich alle zerbrachen sich den Kopf, warum sich ein Selbstmordattentäter in der belebtesten Straße der Metropole am Sonnabendmittag und nicht am -abend in die Luft gesprengt hatte. „Das ergibt irgendwie keinen Sinn“, sagten sie. Während die Regierung zunächst wieder vorschnell die PKK aus mögliche Täter ausmachte, verdichtete sich am Nachmittag der Verdacht, dass es sich um einen IS-Dschihadisten handelte, und zwar offenbar um genau jene Person, die den deutschen Behörden namentlich als Gefährder genannt worden war: Savaş Yildiz, der schon lange auf der polizeilichen Fahndungsliste von Selbstmordattentätern steht.

Gegen den 33-Jährigen wird als möglichem Urheber der Sprengstoffattacken gegen Büros der prokurdischen Linkspartei HDP in Mersin und Adana am 18. Mai 2015 kurz vor den Juniwahlen ermittelt. Er stand laut Hürriyet auch auf einer polizeilichen Liste möglicher IS-Mitglieder, die aus Syrien in die Türkei eingereist sind und Selbstmordattentate planten. Noch am Sonnabend wurden Blutproben seines Vaters in Adana genommen und nach Istanbul zur Untersuchung geschickt. (Später stellte sich heraus, dass Yildiz doch nicht der Täter war.)

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Ein ungeheurer Verdacht: Wollte der Terrorist die Friedensmütter töten?

Der Attentäter habe seinen Sprengsatz ursprünglich an einem Ort mit noch deutlich mehr Passanten detonieren lassen wollen, sagte ein Vertreter der türkischen Behörden laut der Agentur Reuters. Die Polizei habe ihn von diesem Vorhaben jedoch abgebracht, sodass es vergleichsweise wenige Todesopfer gebe. Nimmt man die vorliegenden Indizien zusammen, dann ergibt sich ein ungeheurer Verdacht: Wollte der Attentäter die Samstagsmütter vom Galatasaray-Platz treffen?

IS-Mitglieder haben in der Türkei mehrere schwere Anschläge mit Dutzenden Toten begangen, die auf Kurden und die Bewegung für Frieden in den Kurdengebieten zielten: In Suruç, Diyarbakır und Ankara. Es liegt nahe anzunehmen, dass der Istanbul-Attentäter sein Ziel geändert hat, als klar wurde, dass die Deutschen gewarnt und praktisch nicht mehr anzugreifen waren. Warum sonst sollte er um 11 Uhr vormittags mit einer Sprengstoffweste in der Istiklal Caddesi herumlaufen?

Seit 1995 treffen sich am Platz vor dem Galatasaray-Gymnasium in der Mitte der Straße jeden Sonnabend gegen 11:30 Uhr die sogenannten Samstags- oder Friedensmütter zu einer Mahnwache. Es handelt sich um Angehörige und Mütter von in Kurdistan und der Türkei „verschwundenen“ Oppositionellen, Journalisten und Demokraten, von denen jede Spur fehlt. Hunderte Menschen, die womöglich von Todesschwadronen entführt und ermordet wurden.

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Der Zeitpunkt des gestrigen Anschlags – kurz nach 11 Uhr – würde zu meiner Hypothese ebenso passen wie der erklärte Krieg des IS gegen die säkularen Kurden und dass der mutmaßliche Täter Savaş Yildiz offenbar bereits kurdische Einrichtungen angegriffen hatte. Die linken Kurden der PYD, YPG oder PKK sind die erklärten Todfeinde des IS: weil sie die effektivsten Kämpfer am Boden sind, weil sie ihm die Schlappe von Kobane beigebracht haben, und natürlich, weil sie säkular und links sind („Kommunisten“ im IS-Jargon). In den Tod riss der Attentäter dann gestern allerdings keine Kurden, sondern Israelis.

Die Türkei – ein gefährliches Reiseland?

Als ich am späten Nachmittag gegen 17:00 Uhr einmal das gesamte abgesperrte Areal umrundet und am westlichen Ende der Istiklal-Straße angelangt war, hatten die Verkehrsbetriebe immerhin einen Eingang der Metrostation Şişhane wieder für Fahrgäste geöffnet. Die Tünel-U-Bahn war noch immer geschlossen. Am Tünel-Platz stand ein älteres Ehepaar aus Athen mit seinen Rollkoffern an der Polizei-Absperrung und bat durchgelassen zu werden, da sie zu türkischen Freunden wollten.

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Das griechische Ehepaar Karasavva an der Polizeabsperrung am Tünel-Platz.

„Wir wollen unsere Freunde besuchen, wie jedes Jahr. Jetzt wissen wir nicht, wie wir zu ihnen durchkommen sollen“, sagte Frau Avra Karasavva. Die beiden Griechen waren überrascht, als ich ihnen von der deutschen Terrorwarnung erzählte. Davon hatten sie nichts gewusst. „Ich finde das alles sehr Furcht einflößend“, sagte die ernst wirkende, elegant gekleidete Dame. „Die Istiklal Caddesi haben wir beide immer geliebt, wir gingen hierher, um Kaffee zu trinken. Wir sind gern nach Istanbul gekommen. Aber vielleicht wird es jetzt zu gefährlich, in die Türkei zu reisen.“

Überarbeitet und mit Fotos versehen am 20.3.2016. Alle Fotos: Frank Nordhausen.

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