Istiklal Caddesi nach dem Anschlag: Leere Läden

Am heutigen Montagabend habe ich wieder einen Spaziergang über die Istiklal Caddesi gemacht, wieder mit sehr mulmigem Gefühl im Bauch wegen der anhaltenden Terrorgefahr. Ich konnte feststellen, dass die Straße nicht unbelebt war, in jeder deutschen Kleinstadt würde sie immer noch als sensationell voll gelten, aber für ihre Maßstäbe war sie beunruhigend unbevölkert. Ich betrat die Istiklal Caddesi gegen 18:00 Uhr und verließ sie wieder gegen 21:00 Uhr, nachdem ich sie einmal vom Taksim bis zum Tünel und wieder zurück abgelaufen war.

Die Anspannung war deutlich zu spüren. Trotz starker Polizeipräsenz waren die Läden leer oder halbleer, überall standen die Verkäufer und Kellner tatenlos herum. Ich befragte einige zum Tagesgeschäft, und alle bestätigten mir, dass Kundenverkehr und Umsätze um 60 bis 80 Prozent eingebrochen seien. Im D-&-R-Buchladen sagte ein Verkäufer, tagsüber seien so gut wie keine Kunden gekommen, jetzt sei es geringfügig besser. Er schätzte, dass rund 70 Prozent weniger Leute den Laden besuchten als sonst um diese Tageszeit.

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Istiklal Caddesi, Montag, 18:00 Uhr. Um diese Zeit flanieren hier sonst Tausende.

Den Restaurants und Cafés geht es geringfügig besser, aber wenn man die Verhältnisse an normalen Tagen kennt, ist die Lage trotzdem dramatisch. Zum Beispiel saßen im Beyoğlu Halk Döner Restaurant, dem wohl beliebtesten Schnellrestaurant der Istiklal Caddesi nahe dem Taksim-Platz, in dem die Gäste normalerweise bis auf die Straße anstehen, gerade einmal zwei oder drei einsame Familien und Pärchen. Dort ist Platz für mehrere hundert Menschen!

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Beyoğlu Halk Döner: Gähnende Leere, wo die Gäste sonst bis zur Straße hinaus anstehen.
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80 Prozent weniger Kunden

Im „Demirören“-Kaufhaus sagte der junge Mann am Informationsschalter, das Einkaufszentrum würde normalerweise von rund 15.000 Menschen am Tag besucht. „Heute waren es bisher vielleicht 3000. Das ist tragisch. Alle Verkäufer drehen nur Däumchen.“ Er meinte, die Einbußen lägen bei rund 80 Prozent. Einige Läden in der Shopping Mall waren sogar ganz geschlossen, zum Beispiel „Tschibo“.

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Neue Sicherheitsschleusen im Kaufhaus „Demirören“.
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Normalerweise besuchen die Shopping Mall „Demirören“ 15.000 Leute pro Tag, im Moment gerade 3000-4000. In anderen Istanbuler Malls sieht es ähnlich aus.
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Der Selbstmordattentäter hatte sich am Sonnabendmorgen schräg gegenüber vom „Demirören“ direkt vor dem Accessoire-Laden „Şirin“ in die Luft gesprengt. Das durch die Explosion beschädigte Geschäft war noch immer mit einer Plane verhängt, davor legten Passanten weiterhin Nelken auf den Boden, klebten Beileidsbekundungen an die Wand und fotografierten sich gegenseitig mit ihren Handys.

Der etwa 30-jährige Ladenbesitzer schob gerade den Rollladen an der Tür von innen hoch, als ich dort eintraf und Fotos machte. Er sagte, seine Einrichtung und die Ware seien bei der Attacke zu 90 Prozent zerstört worden. Er verkaufte hauptsächlich Schals und Taschen. „Wir wissen noch nicht, ob wir vom Staat Unterstützung bekommen. Ich habe zwar eine Versicherung, aber es ist unklar, ob sie bei einem Schaden durch einen Terroranschlag zahlt.“

Ich fragte eine ältere Dame, ob sie denn keine Angst habe, sich nach dem Anschlag noch auf der Istiklal-Straße zu bewegen? „Junger Mann, ich habe mein ganzes Leben hier verbracht und bin jeden Tag auf dieser Straße gewesen“, sagte sie. „Ich werde damit nicht aufhören, nur weil sich hier jetzt ein Verrückter in die Luft gesprengt hat!“

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Am Anschlagsort vor dem zerstörten „Şirin“-Laden.
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Ihre jüngere Begleiterin fügte hinzu: „Wo ist es denn noch sicher? Etwa in Paris oder Berlin? Wir dürfen uns unser Leben nicht wegnehmen lassen. Wir müssen zeigen, dass wir keine Angst haben.“ Beide erkannten allerdings mein Argument an, dass man besser auf die Warnungen der Deutschen Botschaft und des Auswärtigen Amtes gehört hätte. „Die Regierung hätte mehr für die Sicherheit tun müssen“, sagte die jüngere Frau.

Deutsche Einrichtungen im Visier

Deprimierend leer war es auch in der „Deutsch-Türkischen Buchhandlung“ ganz am Ende der Istiklal Caddesi kurz vor dem Tünel-Platz. Ein Besuch der Buchhandlung sei allen Bibliophilen ans Herz gelegt, der freundliche Eigentümer Thomas Mühlbauer ist ein „Istanbuler Deutscher“, der am Bosporus aufgewachsen ist und jeden Buchwunsch gern erfüllt. Vor einem halben Jahr ist die Buchhandlung auch zu einem Café umgebaut worden, in dem man alle gängigen Kaffeesorten und wunderbaren deutschen Käsekuchen bekommt. Empfehlenswert!

Eine junge Mitarbeiterin berichtete, dass es schon seit der deutschen Terrorwarnung am Donnerstag so leer im Laden sei. Mag sein, dass die Kunden besonders deutsche Einrichtungen meiden, weil die IS-Terroristen es offenbar besonders auf deutsche Einrichtungen abgesehen haben. Die deutsche Schule, die gleich um die Ecke liegt, blieb immer noch geschlossen, offiziell wegen der Terrorgefahr aufgrund des kurdischen Newroz-Festes, das am heutigen Montag gefeiert wird. Das Deutsche Generalkonsulat war allerdings geöffnet.

Die Mitarbeiterin erzählte mir einen typischen türkischen Witz, der gerade auf Facebook kursiert: „Der türkische Ministerpräsident Davutoğlu ruft Bundeskanzlerin Merkel an und fragt: ‚Frülein, ist es sicher, auf der Straße herumzulaufen?‘, und sie antwortet: ‚Nein, nein, es ist natürlich nicht sicher, bleib‘ zu Hause, Dunnkoff!‘“ („Frülein“ und „Dunnkoff“ steht so original lautmalerisch im türkischen Text.)

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Buchladen D-&-R
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Elektronikgeschäft Tekno SA.
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Schuhgeschäft „Greyder“.
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Eis- und Baklava-Café „Mado“.
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Ein Herrenbekleidungsgeschäft.

Heute habe ich den Anschlag in der Istiklal Caddesi in unseren Zeitungen kommentiert und darin geschrieben, dass man niemandem mehr guten Gewissens empfehlen kann, in der Türkei Urlaub zu machen, solange die Terrorgefahr anhält. Die Buchladen-Verkäuferin sagte, auch sie habe Bekannten aus Deutschland, die sie besuchen wollten, davon abgeraten: „zu gefährlich“.

Allerdings sagte sie auch, dass die Bürger sich die Istiklal Caddesi sich noch mehr wegnehmen lassen dürften, als es ohnehin schon durch deren fortschreitende Kommerzialisierung geschähe. Sie beklagte sich, dass die Bundeskanzlerin und die EU zu wenig täten, um die türkische Regierung von ihrer verhängnisvollen Konfrontationspolitik abzubringen, die das Land immer mehr destabilisiere.

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Überall leere Läden.
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Und hier ist mein Kommentar.

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Perfide Terrortaktik

Der Anschlag von Istanbul lässt ein Schema erkennen, das furchterregend ist. Wie bei der Attacke im Januar nahe der berühmten Blauen Moschee in Istanbul, bei der zwölf deutsche Urlauber starben, wurde wieder eine Touristengruppe aus einer Nation angegriffen, die der Islamische Staat (IS) als Feind betrachtet. Und wieder hat der IS peinlichst versucht, Opfer unter der türkischen Bevölkerung zu vermeiden. Das würde auch erklären, warum sich der Attentäter am einem Vormittag und nicht abends in die Luft sprengte. Denn dann sind in der Istanbuler Haupteinkaufsstraße Istiklal Caddesi Zehntausende Menschen unterwegs, türkische Opfer wären unvermeidlich gewesen.

Die Terrorstrategen in ihrem syrischen „Kalifat“ wissen, dass tote Türken sie die heimlichen Sympathien, die sie in Teilen der türkischen Bevölkerung noch genießen, kosten würden. Zudem wäre der türkische Staat gezwungen, mit aller Härte gegen sie vorgehen. Eine Härte, die der IS nicht brauchen kann, denn die Türkei ist immer noch Rückzugsraum für seine Kämpfer und Gefolgsleute. Noch hat der IS auch eine durchlässige Grenze zur Türkei, während Ankara andererseits gegen die syrischen Kurdengebiete eine Mauer errichtet.

Nach diesem neuen Anschlag kann man es keinem Europäer, Amerikaner, Israeli oder Russen mehr guten Gewissens empfehlen, Istanbul oder die berühmten türkischen Badeorte am Mittelmeer zu besuchen. Da es schwieriger ist, die Feinde in Berlin, London oder Tel Aviv zu treffen, wählt der IS die Türkei, wo ihm die Besuchergruppen praktisch entgegen kommen. Im Moment scheinen die Dschihadisten auf Deutsche zu zielen, bedenkt man die Bedrohungslage und Schließung der diplomatischen und anderer deutscher Institutionen in der Türkei. Wer trotzdem eine Reise in die Türkei wagt, sei dringend gewarnt, sich nicht in größeren Gruppen zu bewegen.

Die perfide Strategie des IS trifft aber auch die Türkei selbst ins Mark. Der Tourismus ist die zweitgrößte Industrie im Land; er ernährt Millionen von Menschen. Man darf den neuen Anschlag in der polizeilich extrem gut gesicherten Istiklal Caddesi deshalb getrost auch als Warnung an die Regierung in Ankara lesen: Greift ihr uns an, dann greifen wir euch an – überall.

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Den folgenden Text habe ich am gestrigen Sonntag über den Tag nach dem Terroranschlag geschrieben. Er ist gekürzt in der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung erschienen. Ich habe die neuesten Erkenntnisse über den Terrorbomber aktuell hinzugefügt.

Istanbul am Tag nach dem Terroranschlag

Einen Tag, nachdem ein Selbstmordattentäter auf der Haupteinkaufsmeine Istanbuls vier Menschen mit in den Tod riss und 39 teils schwer verletzte, bewegen sich die Leute vorsichtig, als liefen sie auf Watte. Ohne die Fußballfans, die sich vor dem Lokalderby Galatasaray gegen Fenerbahce in Stimmung bringen, wäre die Istiklal Caddesi, die belebteste Straße Europas, auf der sich sonst Zehntausende drängeln, wohl fast menschenleer.

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Polizei vor dem Französischen Kulturinstitut.
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Fußballfans fotografieren sich gegenseitig vor dem Galatasaray-Fan-Shop.

Einen Anschlag in dieser Fußgängerzone hatten viele befürchtet, spätestens seit sich ein Selbstmordattentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in der Istanbuler Altstadt nahe der berühmten Blauen Moschee im Januar in die Luft sprengte und dabei zwölf deutsche Touristen tötete. Diesmal traf es eine Reisegruppe aus Israel. Drei Todesopfer sind Israelis, ebenso wie zehn der Verletzten. Außerdem wurde ein Iraner getötet. Deutsche befinden sich laut Angaben des Auswärtigen Amtes nicht unter den Opfern. Israelische Medien meldeten, dass ihre Landsleute zu einer Reisegruppe gehörten, die zu einem kulinarischen Ausflug nach Istanbul gereist war. Noch kurz vor dem Anschlag machten sie ein Gruppenfoto, auf dem sie sorglos lächelnd zu sehen sind.

Der Attentäter

Der Selbstmordattentäter Mehmet Öztürk war ein Anhänger der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), wie der türkische Innenminister Efkan Ala erklärte. Der 1992 geborene Mann stammte aus dem südanatolischen Gaziantep in der Nähe der syrischen Grenze. Wie türkische Medien berichteten, hätten die Eltern ihren Sohn vor rund drei Jahren vermisst gemeldet; er habe sich in Syrien dem IS angeschlossen.

Am Montag wurden weitere Einzelheiten bekannt. Türkische Medien berichteten, dass der Attentäter die israelische Touristengruppe verfolgte, nachdem sie ihr Hotel verließen. Er soll vorher vor dem Hotel auf die Gruppe gewartet haben, schrieben Sözcü und Milliyet. Öztürk wurde demnach im September in der südtürkischen Provinz Kilis zusammen mit seinem jüngeren Bruder Y. von der türkischen Polizei festgenommen, als sie illegal aus Syrien in die Türkei einreisten. Er wurde dann in der Stadt Elbeyli verhört, aber wieder freigelassen, weil kein Haftbefehl für ihn vorlag.

Der 18-jährige Y. Öztürk und ein weiterer Bruder, der 22-jährige Gökhan Öztürk, wurden am Sonntag von der Polizei festgenommen und vernommen. Beide sollen angeblich ebenfalls IS-Anhänger und öfter nach Syrien und zurück in die Türkei gereist sein. Die Polizei durchsuchte außerdem mehrere „sichere Häuser“ des IS in der Millionenstadt Gaziantep, die aber alle bereits verlassen waren. Als strategischen Kopf der IS-Anschläge in Istanbul nennen die Zeitungen den türkischen Staatsbürger Yunus Durmaz, der auch als Abu Ali und „Emir“ von Gaziantep bekannt ist.

Die Dschihadistenmiliz bekannte sich allerdings bis Montagabend nicht zu der Tat – ähnlich wie bei vier anderen schweren Anschlägen in der Türkei in den letzten neun Monaten, die alle ihr zugeschrieben werden. Fünf Verdächtige, die etwas mit dem Anschlag zu tun haben könnten, wurden laut türkischen Regierungsangaben festgenommen.

Deutsche Terrorwarnung nach Geheimdienstinformationen

Inzwischen warnt Israel seine Bürger eindringlich vor Reisen in die Türkei. Es könnte weitere Attentate und eine „konkrete Bedrohung“ von Touristen in dem Land geben, teilt der Nationale Sicherheitsrat des Landes auf seiner Webseite mit. Die deutschen Botschaft in Ankara und des Auswärtigen Amtes in Berlin waren schon am Donnerstag von einer konkreten Anschlagsgefahr auf deutsche Einrichtungen in Ankara und Istanbul ausgegangen und hatten geraten, die den Taksim-Platz nahe der Istiklal-Caddesi zu meiden. Deutsche diplomatische Vertretungen, politische Stiftungen und Schulen in Ankara und Istanbul wurden bis zum Wochenende geschlossen.

Die offenbar außerordentlich detaillierten Warnhinweise kamen laut einem Spiegel-Bericht vom US-Geheimdienst CIA, dem türkischen Geheimdienst MIT sowie dem Sicherheitsapparat der irakisch-kurdischen Peschmerga. Gleichwohl hatten türkische Regierungsvertreter abgewiegelt, am deutlichsten der Istanbuler Gouverneur Vahip Sahin, der die die Entscheidung zur Schließung der Einrichtungen in scharfer Form kritisierte und den Deutschen Panikmache vorwarf.

Anschlag trotz massiver Polizeipräsenz

Drei junge Männer aus Frankfurt am Main, die über das Wochenende nach Istanbul gereist sind, um sich das Fußballspiel anzusehen, kennen die Warnung und sind trotzdem in der Istiklal Caddesi unterwegs. „Wir haben die Explosion gesehen“, erzählt der 27-jährige Unternehmensberater Özgün Can, der einen modern gestutzten Vollbart trägt. „Wir waren vielleicht hundert Meter entfernt. Erst habe ich gar nicht begriffen, was los war. Dann rannten plötzlich viele Menschen auf uns zu, die laut schrien und weinten. Sofort haben wir kehrt gemacht und sind so schnell wie möglich in die Seitenstraßen gerannt.“

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Die drei Fußballfans aus Frankfurt: Özgün Can (links), Jonas Matuschka und ein weiterer Freund.

Sein Freund Jonas Matuschka, ein 29-jähriger Krankenpfleger mit kurzen blonden Haaren, berichtet, dass die Polizei enorm schnell zum Anschlagsort kam. „Es dauerte nur zwei Minuten, dann waren Dutzende Polizisten da.“ Wie mir einmal türkische Polizeioffiziere erzählten, sind um die Istiklal Caddesi ständig mindestens tausend Zivilpolizisten im Einsatz, am Wochenende bis zu 2000 (damit bekam die Stadt das massive Problem der Taschendiebe in den Griff).

„Es macht einen sehr nachdenklich, dass der Anschlag trotz dieser Polizeidichte nicht verhindert werden konnte“, sagt Matuschka. Die jungen Deutschen haben unzählige Telefonate mit ihren besorgten Eltern, Freunden und Freundinnen geführt, um ihnen mitzuteilen, dass es ihnen gut gehe. Sie überlegen noch, ob sie am Abend wirklich zum Fußballspiel gehen sollen. Da wissen sie noch nicht, dass das Match am späten Nachmittag wegen einer neuen Anschlagswarnung des türkischen Geheimdienstes kurzfristig verschoben wird.

Verschiebung des Lokalderbys wegen Terrorwarnung

Am Montag berichtete Hürriyet unter Berufung auf Geheimdienstquellen, dass die Verschiebung des Spiels aufgrund von Geheimdienstinformationen erfolgte, wonach IS-Terroristen eine ähnliche Attacke auf die Zuschauer wie in Paris im vergangenen November planten. Nach dem Spielschluss wollten sie demzufolge eine Selbstmordbombe zünden, wenn die Fans aus dem Stadion strömten und dann in die Menge schießen. Die Verantwortlichen hätten noch überlegt, das Spiel ohne Zuschauer stattfinden zu lassen, entschlossen sich dann aber zur vorläufigen Absage.

Am Sonntagmittag versammeln sich etwa 50 Männer an der Explosionsstelle, an der die Spuren des Attentats so gut wie beseitigt worden sind. Sie legen rote Nelken ab, türkische Fahnen und Plakate, auf denen überwiegend das Selbe steht: „Wir haben keine Angst. Wir sind hier. Wir werden uns nicht (daran) gewöhnen.“ Einige sind Händler aus angrenzenden Geschäften. „Ich habe wirklich keine Angst, denn ich bin ein guter Muslim und glaube ans Schicksal“, sagt der 28-jährige Erkan, der am Atatürk-Flughafen arbeitet. „Wer weiß, ob die Warnungen nicht gerade die Terroristen angelockt haben“, gibt er eine verbreitete Verschwörungstheorie regierungsnaher Medien wieder.

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Sonntag, an der Explosionsstelle.
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Aufräumarbeiten.
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Anders als Erkan und seine Freunde, anders auch als viele Touristen, die erstaunlich gelassen reagieren, sind die meisten Menschen, die in den Läden und Restaurants der Istiklal Caddesi arbeiten, tief verunsichert. „Es ist Glück im Unglück, dass der Anschlag mittags geschah, als nicht so viele Leute auf der Straße waren“, sagt die 22-jährige Studentin Hülya, die im „Demirören“-Kaufhaus nur rund 30 Meter entfernt vom Tatort, an der Information arbeitet.

Im Kaufhaus wurden die Sicherheitsmaßnahmen extrem verschärft, sechs Sicherheitsbeamte filzen jetzt die Besucher am Eingang. „Diese IS-Leute sind doch überall, sie können jeden Moment wieder zuschlagen!“ sagt Hülya. „Ich liebe die Türkei, aber jetzt will ich am liebsten so schnell wie möglich weg. Das alles ist ein einziger Alptraum.“

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Alle Fotos: Frank Nordhausen

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