Hochzeit am Hof des Sultans

Es wird das gesellschaftliche Ereignis des Jahres in der Türkei. 6000 geladene Gäste aus aller Welt werden in einem Kulturzentrum am Atatürk-Flughafen von Istanbul feiern, dass Sümeyye Erdoğan, jüngstes der vier Kinder des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, endlich einem Mann ihr Jawort gibt.

Die 30-Jährige heiratet den sechs Jahre älteren Ingenieur Selçuk Bayraktar, Sohn eines mittelständischen türkischen Unternehmers, der Drohnen für die Armee produziert. Es wird – natürlich – eine Hochzeit der Superlative; sechs Straßen in Istanbul werden aus Sicherheitsgründen komplett abgesperrt, schließlich vermählt sich die Tochter des Sultans.

Fotos FN, 2016-05-13, Istanbul-Karaköy-Moda-Balkon 479
„Tausende bei der Hochzeit erwartet“ – so berichtet die Hürriyet Daily News über die Vermählungsfeier der Prinzessin.

Für Erdoğans islamische Vorzeigefamilie kommt die Hochzeit allerdings recht spät. Der Staatschef nutzt bekanntlich jede Gelegenheit, um den türkischen Frauen aufzutragen, möglichst früh zu heiraten und mindestens drei Kinder zu bekommen, um den Bestand des Volkes zu sichern. Sümeyyes ältere Schwester Esra ist schon am Ziel, hat dem Patriarchen seit ihrer Hochzeit 2004 drei Enkel geschenkt und außerdem einen Schwiegersohn, der als Nachfolger von Ahmet Davutoğlu im Amt des Ministerpräsidenten gehandelt wird. Berat Albayrak ist so glühend loyal, dass er das neue Kriterium für den türkischen Premier – ein „niedriges Profil“ – sicher spielend erfüllt.

Die kluge Lieblingstochter

Bei Esras und Berats Prunkhochzeit mit mehr als 10.000 Gästen dienten der jordanische König Abdullah, der pakistanische Präsident Pervez Musharraf, der griechische Premier Kostas Karamanlis und der rumänische Ministerpräsident Adrian Nastase als muslimisch-christliches Trauzeugenquartett. Bei Sümeyyes Feier soll angeblich Davutoğlu einer der Trauzeugen sein – eine weitere Demütigung, die er vermutlich wieder als Belohnung für seine Treue zum „Boss“ interpretiert.

Die verspätete Braut, die wie alle Frauen des Erdoğan-Clans in der Öffentlichkeit stets das muslimische Kopftuch und einen züchtig langen Mantel trägt, gilt als Erdogans Lieblingskind. Als der Vater während des schwersten Korruptionsskandals der türkischen Geschichte im Dezember 2013 seinen Sohn Bilal in einem abgehörten Telefongespräch mutmaßlich anwies, Millionen Dollar beiseite zu schaffen, forderte er ihn auch auf, sich dabei von Sümeyye helfen zu lassen, weil er sie offenbar für die Schlaueste in der Familie hält.

Islamische Generation

Wie ihre Schwester Esra studierte Sümeyye im Ausland – in den USA und an der renommierten London School of Economics -, weil Kopftücher damals an den türkischen Universitäten noch nicht erlaubt waren. Klug, konservativ, welt- und redegewandt symbolisiert die Politologin wie kaum eine andere junge Frau die neue islamische Generation der Erdoğan-Türkei. Sie vertritt diese auch offensiv, etwa als Vizepräsidentin des Frauenverbandes Kadem, der Erdoğans islamisch-konservativer Regierungspartei AKP nahesteht.

Dabei äußert sie eigene Ideen, die nicht unbedingt mit der Parteilinie harmonieren. Bei einer AKP-Konferenz in Brüssel erklärte sie 2015, dass muslimische Frauen „Gerechtigkeit und Gleichheit“ statt „Geschlechtergleichheit“ anstrebten. Im Islam, sagte sie, „muss der Mann der Frau einen Teil seiner Einkünfte abgeben, aber wenn sie arbeitet, ist sie nicht verpflichtet, ihr Geld dem Mann zu geben, sondern kann damit tun, was sie will“.

Anders als ihre Geschwister interessiert sich die jüngste Tochter für Politik und berät den Vater sogar bei seinen Amtsgeschäften „ehrenamtlich“, wie sie sagt – ein unschätzbares Pfund für dessen öffentliche Wirkung. 2015 war sie sogar als Parlamentskandidatin für die AKP im Gespräch, wurde dann aber doch nicht aufgestellt. Es hätte wohl das patriarchalische Idealbild gestört.

Die Liebe zum Kopftuch

Sümeyye vereint in sich auch andere Widersprüche der „religiösen Generation“, die der Islamist Erdoğan in der Türkei heranziehen will. Einerseits propagiert die zierliche Absolventin einer islamischen Imam-Hatip-Schule bei jeder Gelegenheit „muslimische Werte“ und verteidigt die ägyptischen Muslimbrüder und den palästinensischen Widerstand. Andererseits interessiert sie sich für moderne Kunst und Popkultur, mit der ihr Vater überhaupt nichts anfangen kann.

Als eine Istanbuler Galerie im Januar eine Ausstellung mit Arbeiten des britischen Street-Art-Künstlers Banksy zeigte, verblüffte Sümeyye die säkularen Besucher, indem sie im Szeneviertel Karaköy zur Vernissage erschien. Die Veranstalter nahmen es gelassen, im Gegensatz zu einem Theaterschauspieler in Ankara 2012, der sie während der Vorstellung verbal attackierte, weil sie in der ersten Sitzreihe Kaugummi kaute.

Schockiert verließ Sümeyye die Vorstellung. Aber sie nutzte den Eklat clever, um ihn politisch auszuschlachten und warf den Darstellern in den Medien vor, sie könnten es einfach nicht ertragen, eine Frau mit Kopftuch zu sehen, „ebenso wenig wie Bauern, bärtige Männer oder einfache Menschen, die ihren Bauch kratzen“. Aber keine Sorge, erklärte Sümeyye Erdoğan damals: „Ich werde auch weiterhin die Kunst, das Theater – und mein Kopftuch lieben.“

(Ausführliche Fassung eines Textes von mir, der am 14. Mai in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau erscheint.)

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2 Gedanken zu “Hochzeit am Hof des Sultans