Terror und Verschwörungstheorien

Anderthalb Wochen ist es jetzt her, dass mutmaßliche IS-Terroristen einen schrecklichen Anschlag am Istanbuler Atatürk-Flughafen ausführten, bei dem 45 Menschen getötet und 239 verletzt wurden. Mit viel Glück entging ich der Explosion. Ich war mit einer Gruppe deutscher Mitarbeiter einer Hilfsorganisation in der südostanatolischen Stadt Şanlıurfa gewesen und unser Rückflug nach Istanbul war ursprünglich so geplant, dass wir etwa zur Zeit des Anschlags gelandet wären. Aber wir buchten dann einen Flug, der zwei Stunden später ging.

Kurz vor dem Abflug in Şanlıurfa gegen 22:20 Uhr checkte ich nochmal meinen Twitter-Account. Dabei las ich die ersten „Breaking News“ über den Anschlag, die im schnellsten Medium der Welt gerade hereinkamen. Zu dem Zeitpunkt war zunächst von vier, dann von acht Toten die Rede. Die Nachrichten wurden immer verwirrender und grausiger. Ich erzählte meinen Mittreisenden davon, und wir fragten uns, ob das Flugzeug überhaupt starten könne, da uns klar war, dass die Behörden den Atatürk-Flughafen sperren würden.

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Explosionsstelle in der Ankunftshalle des Atatürk-Flughafens einen Tag nach dem Anschlag.

Ich sah mich im Flugzeug um: Die einheimischen Mitreisen ahnten offenbar nichts. Obwohl kaum ein Land so viele Twitter-Nutzer hat wie die Türkei, schienen die Leute im Flieger nicht dazu zu gehören. Sie unterhielten sich, lasen oder schliefen ein. Dann startete das Flugzeug. Ich glaube bis heute, dass der Kapitän nicht wusste, was in Istanbul vor sich ging.

Umleitung und Rückflug

Während des Fluges fragte ich mich die ganze Zeit: Wann wird sich der Kapitän wohl an uns wenden und von dem Ereignis berichten? Wie kann es sein, dass wir so ruhig auf Kurs bleiben? Und tatsächlich, nach etwa 50 Minuten, wir hatten gerade das obligatorische Pappbrötchen verspeist, meldete er sich und sagte, wegen eines Terroranschlags auf dem Atatürk-Flughafen müssten wir unsere Route ändern und würden nach Ankara fliegen. Auch auf den Bildschirmen wurde jetzt Ankara als Zielflughafen angezeigt.

Damit war klar, dass Atatürk gesperrt war. Ich wusste sofort, was das bedeutet, denn Cihangir, wo ich wohne, liegt unweit einer der Einflugschneisen. Wenn sie benutzt wird, kommen die Maschinen im Zweiminutentakt runter. Dutzende, wenn nicht Hunderte internationale Flugzeuge mussten jetzt umgeleitet werden, zunächst natürlich zum zweiten Istanbuler Flughafen Sabiha Gökçen, aber auch nach Ankara und Izmir, den beiden nächstgelegenen internationalen Airports. Wie konnte es also sein, dass unsere Regionalmaschine weiter nach Ankara flog?

Kaum hatte ich darüber mit meiner Sitznachbarin gesprochen, kam die nächste Durchsage: „Captain speaking…“. Rund hundert Kilometer vor Ankara drehten wir ab und flogen zurück, und zwar zum Flughafen der zentralanatolischen Stadt Kayseri. Die Mitreisenden blieben erstaunlich cool, Türken und Kurden eben. Nach der Landung gegen Mitternacht gab es zwar ein bisschen Durcheinander und Hektik, aber die Mitarbeiter von Turkish Airlines machten professionelle Durchsagen, Busse fuhren vor, und alle Fluggäste wurden in ein Fünfsternehotel gebracht, mit der Aussicht, am nächsten Tag nach Istanbul weiterzureisen.

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Durcheinander nach der Landung in Kayseri. Ein Mitarbeiter von Turkish Airlines bemühte sich redlich, alle Fragen der gestrandeten Fluggäste zu beantworten.
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„Breaking News“ – auf allen TV-Kanälen nur ein Thema – aber nur mit Standbild von der Flughafenfassade und blinkenden Blaulichtern, weil die Regierung mal wieder eine Nachrichtensperre verhängen ließ.

Das war für mich keine Option, weil es viel zu unsicher war, ob der Flugverkehr in der Westtürkei tatsächlich am nächsten Tag (Mittwoch) schon wieder normal funktionieren würde. Ich musste ja über den Anschlag berichten, und sollte zu diesem Zweck besser in Istanbul sein. Also biss ich in den sauren Apfel und fuhr mit dem Überlandbus zwölf Stunden lang von Kayseri nach Istanbul. Keine Erfahrung, die ich unbedingt zur Nachahmung empfehlen kann, auch wenn die Busse natürlich allen modernen Anforderungen entsprechen und durchgängig die Autobahn benutzen. Trotzdem ist man anschließend ziemlich gerädert.

Ein Schrein für die Opfer

Inzwischen sind zehn Tage vergangen, trotz der wie üblich verhängten Nachrichtensperre sind einige Informationen über die Attentäter und ihre Vorgehensweise bekannt geworden.

Ich verbrachte das letzte Wochenende in Berlin und flog vom Atatürk-Airport ab. Der Betrieb läuft inzwischen wieder völlig normal, nur die Flughafenangestellten wirkten noch immer – verständlicherweise – gespannt und mitgenommen. Natürlich nutzte ich den Aufenthalt am Flughafen, um mich umzusehen.

Zunächst einmal bestätigte sich, dass die Berichterstattung weiter Teile der deutschen Medien falsch ist, wonach einer der Attentäter sich in der Abflughalle des internationalen Terminals in die Luft sprengte. Richtig ist vielmehr die Darstellung der meisten englischsprachigen Medien, dass die Explosionen vor oder in der Ankunftshalle des internationalen Terminals stattfanden, das ein Stockwerk unter der Abflughalle liegt.

In der Abflughalle konnte ich überhaupt keine Schäden sehen, dort haben die Mitarbeiter allerdings einen Schrein für die getöteten Kollegen und Polizisten aufgebaut, mit deren Fotos, einer riesigen türkischen Fahne und Hunderten roter Nelken. Dort verharren immer wieder Flughafenangestellte, Flugpersonal oder auch Reisende und gedenken der Toten.

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Schrein zum Gedenken an die ermordeten Mitarbeiter des Flughafens und der Fluggesellschaften.
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Steckt die CIA hinter dem Anschlag?

Am Mittwoch besuchte auch Präsident Erdoğan den Flughafen und die Gedenktafeln. Nach allem, was darüber berichtet wurde, hat er wie stets immer nur vom „Terrorismus“ und den „Terroristen“ gesprochen. Bis auf einen kurzen Moment direkt nach dem Anschlag vermied er es, den Begriff „Daesch“ oder „ISIS“ für die Mörder zu benutzen. Immer kommt er umgehend auf die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK zu sprechen, sodass sich im Bewusstsein vieler Türken die Überzeugung festgesetzt hat, dass der Terrorangriff von der PKK begangen wurde. Als kürzlich Taxifahrer im Fernsehen interviewt wurden, sprachen sie vom „PKK-Anschlag“ auf den Flughafen, als sei dies eine Tatsache – obwohl absolut nichts für eine Täterschaft der Kurden, aber alles für die der Dschihadisten spricht. Perfekte Propaganda.

Noch verrückter ist die zweite Verschwörungstheorie, die von den AKP-hörigen Medien verbreitet wird. Demzufolge wurde der Anschlag zwar vom IS verübt, doch hinter dem IS stehe in Wahrheit die amerikanische CIA (bzw. in einer anderen Variante die „höhere Kraft“, ein Codewort, mit dem Erdoğan im Allgemeinen Washington bezeichnet). „Die CIA steckt hinter den Angriffen!“, titelte zum Beispiel die islamistische Zeitung Yeni Akit am 30. Juni, zwei Tage nach dem Anschlag.

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Ankunftshalle des internationalen Terminals: Von Gewehrschüssen gesplittertes Panzerglas.
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Yeni Akit verbreitet auch die These, dass der IS, die PKK und die Gülen-Bewegung (die „Fethullaistische Terrororganisation“) allesamt CIA-Gründungen seien und von dieser gesteuert würden. Allen gängigen türkischen Verschwörungstheorien ist gemeinsam, dass ihre Urheber es vermeiden, den IS selbst verantwortlich zu machen – denn dann müssten sie sich der Tatsache stellen, dass es Muslime sind, die Muslime töten, zudem Muslime, die sich auf eine besonders „reine“ Auslegung des Korans berufen.

Gute Sicherheitsarchitektur

In der Ankunftshalle arbeiteten die Aufräumkräfte wie die Roboter, aber sie hatten noch längst nicht alle Spuren der Detonationen und Feuergefechte beseitigen können. Am letzten Wochenende waren schon fast alle gesprungenen Panzerglasscheiben der Sicherheitsschleuse ausgetauscht worden. Das Glas ist gut, es hat den Schüssen aus automatischen Gewehren standgehalten.

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Ankunftshalle des internationalen Terminals: Die Explosionsschäden sind hinter Stellwänden verborgen.
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Rechts die Sicherheitsschleuse, links hinten der Ausgang für die ankommenden Fluggäste mit Stellwand zur Abdeckung der Explosionsschäden.

Überhaupt muss man die Sicherheitsarchitektur der türkischen Flughäfen loben. Wegen der Gefahr durch kurdische Attentäter wurden alle Airports der Türkei seit den 1990er-Jahren mit zwei Sicherheitsschleusen ausgestattet, die jeder Reisende passieren muss: Erstens beim Betreten des Flughafens, zweitens nach der Passkontrolle beziehungsweise bei regionalen Flügen nach dem Einchecken und vor den Abfluggates.

Weil man auch am Eingang zur Ankunftshalle durch eine elektronische Kontrolle muss, kann niemand einfach mit einer Sprengstoffweste in das Flughafengebäude hineinspazieren. Das ist ein gewaltiger Sicherheitsvorsprung türkischer Flughäfen vor den meisten anderen in der Welt, selbst dem von Tel Aviv in Israel, dessen Sicherheitsarchitektur jetzt immer so gelobt wird.

Nachdem ich schließlich in Berlin-Tegel landete, bekam ich einen Schreck, als ich die vielen Menschen in der Ankunftshalle des C-Terminals sah: Dort kann jeder ohne Kontrolle hinein. Ich war heilfroh, als ich den Bereich durchquert hatte und draußen stand, wo die Taxen warten.

Ohne die Eingangskontrollen hätten die Attentäter in Istanbul weit größeren Schaden angerichtet. Aber diese erste Barriere hielt zunächst stand. Sie konnten sie nur überwinden, indem sie um sich schossen und einer der Angreifer sich in der Sicherheitsschleuse nahe der Geräte zum Durchleuchten des Gepäcks und der Passagiere in die Luft sprengte.

Helden der Polizei

Das entstehende Chaos nutzte der zweite Terrorist nach bisherigem Kenntnisstand, um an den Durchleuchtungsapparaten vorbei in die Ankunftshalle hinein zu laufen. Er kam bis zur automatischen Tür, hinter der normalerweise zwei oder drei Zollbeamte die Ankommenden mustern. Dort sind leichte Metallbarrieren, an denen Taxifahrer, Touristenbegleiter, Firmenmitarbeiter oder Angehörige – oft mit Namensschildern – auf die ankommenden Fluggäste warten.

An dieser Stelle schoss ein mutiger einfacher Polizeibeamter namens Yasin Durna mit seiner Dienstwaffe auf den Angreifer und streckte ihn nieder. Den Ablauf hat eine Überwachungskamera festgehalten. Der Mann fiel auf den Boden, der Polizist lief auf ihn zu, bemerkte die Sprengstoffweste und rannte davon, um sich in Sicherheit zu bringen. Kurz darauf zündete der Terrorist den Sprengsatz. Der Polizist wurde schwer verletzt, überlebte aber.

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Der neue Ausgang liegt direkt neben dem beschädigten alten Ausgang, an dem jetzt hinter den Stellwänden gearbeitet wird. Auf dem Bild sind Leute zu sehen, die auf Ankömmlinge warten – wie am Abend des Terroranschlags. Unten: Zwei improvisierte Anzeigetafeln. Darunter: Ankommende Fluggäste. In einer ähnlichen Situation zündete der Attentäter seinen Sprengsatz.
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Es ist bisher unklar, wie viele Menschen der Terrorist an dieser Stelle in den Tod riss. Aber es wären vermutlich sehr viel mehr gewesen, wenn er es durch die Tür in die Halle mit den Gepäckbändern oder gar bis zur Passkontrolle geschafft hätte, wo immer Hunderte Menschen zwischen Stahlbarrieren vor den Schaltern auf ihre Abfertigung warten. Dort gibt es keinen Schutz vor Kugeln, und man kann sich wegen der Barrieren nicht schnell in Sicherheit bringen. Der mutige Polizist hat vermutlich sehr vielen Menschen das Leben gerettet.

Er ist ein Held wie auch einige seiner Kollegen, die bei dem Anschlag getötet wurden. Die Sicherheitskräfte waren aufmerksam und entdeckten einen dritten Terroristen, weil er wie seine beiden Komplizen trotz der Hitze von über 30 Grad eine Jacke trug (um die Sprengstoffweste zu verbergen). Sie hielten ihn für einen Dieb, fragten über Funk nach, wie sie sich verhalten sollten und bekamen den Befehl: „Folgt dem Mann!“. Nach Darstellung der Behörden bemerkte der Dschihadist die Verfolger und flüchtete in das Parkhaus gegenüber dem Terminal, wo er dann ein Stockwerk höher rannte und seine Sprengladung vor der Abflughalle detonierte. Er tötete niemanden außer sich selbst, verletzte aber einige Menschen.

Attentäter aus der ehemaligen Sowjetunion

In der Ankunftshalle des internationalen Terminals richteten die Explosionen starke Schäden an: Löcher klafften in der Decke, Scheiben gingen zu Bruch, Kioske und Stände von Telekomfirmen wurden stark beschädigt. Am vergangenen Wochenende war der am schwersten getroffene Bereich um den Ausgang hinter den Gepäckbändern bereits mit Stellwänden abgesperrt, so dass man fast gar keine Spuren der Explosionen mehr sehen konnte.

Die Angreifer wurden inzwischen identifiziert. Sie stammen aus Usbekistan, Kirgisien und Dagestan, also aus muslimischen Gebieten Russlands und der ehemaligen Sowjetunion. Die beiden Männer, die in die Sicherheitsschleuse der Ankunftshalle gingen, sollen Rakim Bulgarow und Wadim Osmanow heißen und russische Pässe besessen haben. Sie hatten offensichtlich noch das Fastenbrechen im Ramadan vollzogen, bevor sie mit dem Taxi zum Flughafen fuhren, um Menschen zu ermorden.

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Mit diesem Foto aus der Überwachungskamera des Flughafens berichtete die Hürriyet Daily News über die Identität zweier Attentäter (Screenshot).

Völlig unklar ist, ob weitere Personen an dem Angriff beteiligt waren. In Berichten türkischer Medien war von bis zu sieben Terroristen die Rede, aber die Behörden bleiben bisher eine Aufklärung schuldig. Laut der halbstaatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu sollen die Angreifer ursprünglich geplant haben, in der Sicherheitsschleuse Geiseln zu nehmen, mit ihnen ins Terminal einzudringen und sich dort in die Luft zu sprengen. Da sie aber den Verdacht der Polizei erregten, hätten sie den Plan nicht ausführen können.

Viel mehr Sicherheit geht nicht

In westlichen Medien wurde Kritik an den Vorfeldkontrollen der Autos und Taxis geäußert. Rund 150 Meter vor dem Airport-Gebäude ist ein Polizeiposten, an dem die ankommenden Fahrzeuge gemustert und manchmal angehalten werden. Würden alle Autos hier kontrolliert, würde ein enormer Stau entstehen und der Flughafenbetrieb nicht mehr funktionieren. Ich glaube, dass man die Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr entscheidend verbessern kann, ohne das Prinzip Massenflugverkehr in Frage zu stellen.

Was möglich ist, wird getan: Mittlerweile wurden die Sicherheitsmaßnahmen am Atatürk-Flughafen noch einmal deutlich verstärkt. Es gibt weit mehr mit Maschinenpistolen bewaffnete Patrouillen als zuvor, überhaupt mehr Polizisten, neue Betonbarrieren vor dem Terminal. Taxifahrer werden geschult, um auffällige Personen zu erkennen (es ist nicht bekannt, was man ihnen beibringt).

Wichtig erscheint mir jetzt vor allem eine Verbesserung der Sicherheitsarchitektur in der Ankunftshalle. Denn die Angreifer haben sie offenbar bewusst als primäres Ziel ausgewählt, weil sie die sicherheitstechnisch schwächste Stelle des internationalen Terminals darstellt. Hier habe ich außer in der Sicherheitsschleuse früher fast nie bewaffnete Polizei gesehen, die Zollbeamten tragen keine Waffen.

Mit ihrer Taktik des Doppelexplosionsschlags wäre es den IS-Terroristen fast gelungen, in den Passkontrollbereich vorzudringen, was augenscheinlich ihr Ziel war. Man kann nur vermuten, warum sie dorthin wollten: Weil dort mehr Menschen sind als im Ausgangsbereich, weil dort der verhasste Alkoholverkauf in den Duty Free Shops stattfindet und vor allem, weil man dort westliche Ausländer treffen kann, die im Transit reisen.

Bei dem Terrorangriff kamen keine Menschen aus westlichen Ländern ums Leben, was vor allem damit zu tun hat, dass kaum noch westliche Touristen nach Istanbul einreisen. Als ich am vergangenen Montag aus Berlin nach Istanbul zurückkam, standen zwar jede Menge Deutschtürken neben mir an der Postkontrolle, aber keine erkennbaren „Bio-Deutschen“. Deshalb wäre es nur an der Transit-Passkontrolle möglich gewesen, Westler in nennenswerter Zahl zu töten. Das verhinderte der tapfere Polizeibeamte.

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Überall im Flughafen wurden türkische Fahnen zum Gedenken an die Toten aufgehängt.
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IS-Sympathien in der türkischen Bevölkerung

Auffallend ist, dass sich der IS zwar sofort zu Attentaten in Paris, Brüssel, Kairo oder schiitischen Vierteln von Bagdad bekennt, aber nie zu Anschlägen in der Türkei (mit Ausnahme der Tötung von IS-kritischen syrischen Journalisten). Die Urheberschaft des IS für einige der schwersten Terrorangriffe des letzten Jahres in der Türkei (in Diyarbakır, Suruç, Ankara und Istanbul) kann aber als erwiesen gelten und wird auch von der türkischen Regierung nicht geleugnet.

Warum ist das so? Die naheliegende Antwort lautet, dass der IS sich zweifellos vorhandene Sympathien in der türkischen Bevölkerung nicht verscherzen will. Der Terror soll die Regierung in Ankara warnen und in die Schranken weisen, weil sie sich der internationalen Anti-IS-Koalition angeschlossen hat. Deren Angst vor der Wahrheit hat der IS in seinem zynischen Kalkül bereits berücksichtigt.

Bedenklich ist, dass Erdoğan und die politische Führung sich auf diese Vorlage einlassen, indem sie zwar nach außen hin den IS der Morde bezichtigen, nach innen aber von dunklen Mächten und der PKK-Urheberschaft raunen. Doch das Doppelspiel kann nicht gutgehen. Es wird nur dazu führen, dass der IS neue Rekruten in der Türkei gewinnt, solange Erdoğan ihn nicht mit mindestens der gleichen Schärfe bekämpft, mit der er gegen die PKK oder die Gülen-Bewegung vorgeht.

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Folgenden Kommentar habe ich nach dem Anschlag verfasst, der als Leitartikel in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau veröffentlicht wurde:

Erdoğan verliert die Kontrolle

Der türkische Präsident versöhnt sich mit Israel und Russland, um wenigstens an einigen Fronten Ruhe zu haben. Aber der größten Gefahr, dem IS-Terror, ist er nicht gewachsen.

Luftballons, Lobreden, lachende Gesichter – während die Welt um die 45 Opfer des Terroranschlags am Istanbuler Flughafen Atatürk trauerte, Beisetzungen stattfanden und Ärzte um das Leben von Schwerverletzten rangen, feierte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan am Freitag die Eröffnung einer Autobahnbrücke. Als wäre nichts gewesen, geht die politische Führung des Landes nach dem fünften schweren Anschlag dieses Jahres zum Alltag über. Die Botschaft des mächtigen Staatschefs ist so unmissverständlich wie verstörend: Er lächelt den Terror der Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) einfach weg.

Trotz der gravierenden staatlichen Sicherheitslücken ist bisher kein türkischer Politiker zurückgetreten. Zwar wurden auch diesmal wieder zwei Dutzend Islamisten festgenommen, aber erfahrungsgemäß sind die meisten bald wieder frei. Der frühere Ministerpräsident Ahmet Davutoglu sagte dazu im letzten Jahr: „Wir haben eine Liste möglicher Selbstmordattentäter in der Türkei, aber wir können sie nicht verhaften, bevor sie handeln.“

Längst scheint Erdoğan und seiner islamisch-konservativen Regierungspartei AKP die Kontrolle über die Islamisten im Land entglitten zu sein, obwohl die Türkei noch vor drei Jahren als Stabilitätsanker im Nahen Osten galt. Erdoğan befindet sich in der Lage von Goethes Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr loswird. Experten sprechen von Hunderten IS-Zellen in ostanatolischen Städten, aber auch in Ankara und Istanbul, die auf Sympathie in Teilen der Bevölkerung treffen. Eine Umfrage der Istanbuler Kadir-Has-Universität Ende des letzten Jahres ergab, dass 13,6 Prozent der Türken den IS nicht als Terrororganisation betrachten und 22 Prozent ihn nicht für eine Bedrohung der Türkei halten.

Viel zu späte Reaktion auf den islamistischen Terror

Um den syrischen Diktator Baschar al-Assad zu stürzen, unterstützte die Türkei moderate ebenso wie dschihadistische Rebellengruppen im Nachbarland. Ausländische Islamisten nahmen den Weg ins Kampfgebiet über den „Dschihad-Highway“ durch die Türkei, die auch der IS bis vor kurzem noch als Rückzugsraum nutzen konnte. Zwar erklärt Erdoğan jetzt, die IS-Terroristen hätten „nichts mit dem Islam zu tun“ und „gehören in die Hölle“. Das „Kalifat“ aber betrachtet sich sehr wohl als islamisch und die Türkei als Feind, seitdem diese sich der internationalen Anti-IS-Koalition anschloss und den USA erlaubte, die Luftwaffenbasis Incirlik für Angriffe auf IS-Positionen zu nutzen.

Während der Staat auf Angriffe von Rebellen der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK mit unnachgiebiger Härte reagiert, erfolgte die Reaktion auf den islamistischen Terror viel zu spät und viel zu schwach. In Istanbuls zentraler Fußgängerzone Istiklal Caddesi wird jede linke Demonstration unterbunden, doch vor drei Wochen durften dort 5000 Islamisten unter Polizeischutz teils mit IS-Parolen gegen Israel protestieren.

Mit seiner atemberaubend schnellen Wiederannäherung an Israel, Russland und Ägypten versucht Erdoğan jetzt, wenigstens einige Fronten zu stabilisieren, die er mit seinem Konfrontationskurs geschaffen hat. Das ist vernünftig, doch verfolgt der Präsident mit dem neuen Pragmatismus weniger das Ziel, den Islamismus einzudämmen, als die schlingernde Wirtschaft zu konsolidieren, um sein wichtigstes politisches Ziel zu erreichen: die Einführung eines exekutiven Präsidialsystems, das ihm die alleinige Herrschaft im Land auch juristisch sichern würde. Wer diesen Kurs kritisiert und auf die anhaltenden Defizite in der Terrorabwehr hinweist, muss mit Konsequenzen rechnen.

Geschwächte Terrorabwehr

Am Freitag wurde die Webseite der regierungskritischen Zeitung „Yeni Hayat“ ohne Gerichtsbeschluss gesperrt, weil sie aus einer Anklageschrift gegen IS-Terroristen zitierte, wonach in der Türkei 150 Selbstmordattentäter des IS auf ihre Einsatzbefehle warten. Kurdische oder linke Oppositionelle werden wegen angeblicher „Terrorpropaganda“ eingesperrt. Statt des IS in Syrien wird vor allem die PKK im Nordirak bombardiert. Tausende Staatsanwälte und Polizeioffiziere wurden suspendiert oder versetzt, weil sie angeblich der zur Terrorgruppe erklärten moderat-islamischen Gülen-Bewegung nahestehen.

Die Folge: Die türkische Terrorabwehr ist geschwächt und hat nicht genug Personal. Die politische Führung verkennt, dass die Türkei inzwischen genauso im Visier der Dschihadisten ist wie die muslimischen Staaten Mali, Tunesien, Bangladesch oder Irak. Die Terrorplaner wollen „abtrünnige“ Regierungen strafen und „ungläubige“ Ausländer töten. In der Türkei können sie beide Ziele gleichzeitig treffen und sich dabei wie Fische im Wasser bewegen.

Indem Erdoğan an den falschen Fronten kämpft, öffnet er den Gotteskriegern immer neue Räume. Weglächeln wird ihm nicht helfen. Er braucht jetzt im Innern den gleichen Pragmatismus wie in der Außenpolitik. Es ist höchste Zeit, die Front mit den Kurden zu begradigen. Sonst läuft die Türkei Gefahr, ins Chaos zu stürzen.

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Taxis vor der Ankunftshalle des internationalen Terminals, Montag, 4. Juli, nach Mitternacht. Hier begannen die Terroristen ihren Angriff. Sechs Taxifahrer starben.
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Noch immer gibt es Spuren im Glas.
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Fotos: Frank Nordhausen & privat.

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