Ferienende

Flüchtlingsmassen, Antänzer, Diebe und Bettler – all die Leute, die Deutschland angeblich überrennen und „umvolken“, haben wir nicht gesehen. Für die Panik, die aus vielen Kommentaren und wohl auch den Wahlerfolgen der AfD spricht, konnte ich keinen Anlass entdecken. Dass die „Herrschaft über Volk und Gebiet entgleitet“, wie die FAZ raunt, dass „Notstandsregime“ und „Auflösung des Staates“ drohen, ist dem Augenschein nach pure Fantasie. Aber auch Aggression und Hass, die ich aus zahllosen Onlinekommentaren kenne, waren nicht zu bemerken.

Meine Ferien in Deutschland haben einiges gerade gerückt. Es ist eben doch ein Unterschied zwischen eigener Anschauung und medialer Vermittlung. Zwischen der Wahrnehmung Deutschlands aus der Ferne und der erlebten Realität klaffte wieder eine solche Kluft, dass ich daran zweifelte, ob die Medien überhaupt noch in der Lage sind, Wirklichkeit einigermaßen getreu abzubilden.

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Nordseelandschaft.

Mit meiner alten Mutter haben wir zehn Tage an der Nordsee verbracht und viel Glück mit dem Wetter gehabt. Überwältigend war mein Eindruck einer Gesellschaft, der es an nichts fehlt, die nach wie vor einen erstaunlichen Wohlstand genießt und im Prinzip auch sehr zivilisiert miteinander umgeht. Nun gut, das ist auf einer Ferieninsel kaum anders zu erwarten. Aber es war auch während der gesamten Anreise mit dem Auto von Berlin nicht anders. Wir sahen fast nur weiße und häufig blonde Menschen, kaum „Südländer“ und schon gar nicht Leute, die man als Flüchtlinge hätte identifizieren können.

Unter Deutschen

In Kieler Schloss besuchten wir ein klassisches Konzert, bei dem ich unter 1000 Gästen zwei (!) Asiaten und einen (!) möglichen Türken ausmachen konnte. Als wir morgens an der Hafenpromenade frühstückten (sehr empfehlenswert!), zählte ich unter Hunderten Spaziergängern und Joggern vier oder fünf Menschen, die nicht norddeutsch aussahen. Auf unserer Urlaubsinsel ein ähnliches Bild. Es gab Ausländer, aber das waren Dänen oder Engländer. Araber haben wir nicht erblickt. Die einzigen Türken am Platz betrieben einen Schnellimbiss. Die Strandkörbe waren überwiegend von älteren Semestern biodeutscher Herkunft belegt.

Das alles war schon sehr merkwürdig. Deutschland erregt sich über Flüchtlinge, aber man sieht sie nicht. Ich stellte fest: Eigentlich hat sich gar nichts geändert, außer dass sich die Leute über ein Problem aufregen, das in weiten Teilen des Landes offensichtlich nicht existiert. Aber selbst Freunde reden so: „Es kommen zu viele, Obergrenzen sind nötig, wir können nicht jeden aufnehmen.“ Dabei kann man von der Türkei lernen, dass alles möglich ist, wenn man es nur will und nicht gegen die Neuankömmlinge hetzt.

Vielleicht bin ich schon zu lange weg. Ich kann nichts Tolles daran finden, ein reindeutsches Deutschland auf immer und ewig zu konservieren. Nur unter Deutschen zu sein, zumal meist Leuten fortgeschrittenen Alters wie ich selbst, das ist nicht besonders sexy. Und noch ist Deutschland viel, viel deutscher, als ich es mir von der Türkei aus überhaupt vorstellen konnte. Jedenfalls in Schleswig-Holstein.

Zum Glück gibt es Berlin

Hätte es nicht die tolle Natur, den Matjes, die Friesentorten und meine Reisegefährten gegeben, wäre mir die Nordseeinsel bald über gewesen. Alles ist fertig, glatt, sauber, geregelt – und elend langweilig. Hinzuzufügen wäre, dass ich wieder mal über das deutsche Preiswunder staunte. Cappuccino, Bier, ganze Mahlzeiten waren oft günstiger als in Istanbul. Deutschland, du hast es gut. Aber du weißt es nicht.

Wenn alles so deutsch ist, so ordentlich und preiswert, warum nur sind dann so viele Menschen unzufrieden und wählen die Rechten? Und das auch noch auf meiner Lieblingsinsel Usedom? Auf dem Rückweg von der Nordsee nach Berlin hörten wir die verheerenden Wahlergebnisse aus Mecklenburg-Vorpommern im Radio. Ich kenne Usedom gut und war unzählige Male dort, seit ich Anfang der 1990er Jahre mithelfen konnte, die Scientologen von dort zu verjagen (siehe mein Buch „Der Sekten-Konzern“). Sie wollten auf der Insel eine Art Sekten-Utopia errichten.

Damals in den 90-ern wurde Usedom runderneuert, heute brummt der Tourismus, wer etwas aus sich machen will, hat viele Chancen. Inzwischen las ich, dass sich die Leute über schlechten Internetempfang beklagen. Über fehlende Busverbindungen. Dass sie die Globalisierung fürchten. Und das soll der Grund für die verheerenden Wahlergebnisse auch in den prosperierenden Seebädern sein?

Berlin, zum Glück, ist anders. Nichts verkörpert die Stadt für mich mehr als ein U- oder S-Bahn-Abteil: als Ort, an dem die ganze Welt sich für Minuten versammelt, wieder trennt und neu zusammensetzt. Die Berliner Mischung: Männer in Radlerhosen, Tätowierte, Gepiercte. Touristen aus Spanien und Neuankömmlinge vom Balkan. Berlinerinnen in knappsten Shorts neben streng verhüllten Muslimas. Keine vier Menschen sprechen dieselbe Sprache. Man hört Türkisch, Polnisch, Russisch, Serbisch, Rumänisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, zunehmend Arabisch, aber die Lingua Franca ist Deutsch. Wer etwas vom anderen wissen will, nutzt das Deutsche. Das hat mich angerührt und stolz gemacht auf jenen Ort in Deutschland, der die Welt beherbergt und das Zeug hat, die Globalisierung wacker zu bewältigen: Berlin.

Hinweis: Mein Blog war eine Weile wegen technischer Probleme nicht erreichbar. Das tut mir leid, es gibt leider immer wieder Probleme mit dem WordPress-Programm. Viele Grüße an alle Leser/innen. FN

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3 Gedanken zu “Ferienende

  1. Und das soll jetzt all die anderen turkophoben Nordhausen-Artikel ungeschehen machen? Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.

    • Turkophob? Wie kommen Sie denn darauf? Wenn Sie meine Artikel und mein Blog verfolgen, wissen Sie, dass das Unsinn ist. Mit den meisten Türken habe ich kein Problem. Istanbul liebe ich. Ich kann nur Herrn Erdoğan und seinen Leuten nicht so furchtbar viel abgewinnen. FN