Schulbeginn im Ausnahmezustand

In der vergangenen Woche war Schulbeginn für 18 Millionen türkische Kinder nach den Sommerferien. Für rund 1,5 Millionen Schüler begann das neue Schuljahr ohne die vertrauten Lehrer, denn sie waren entlassen oder beurlaubt worden, weil sie angeblich mit Terrorbanden sympathisieren. Der Lehrerausfall ist eine Katastrophe für das ohnehin angeschlagene Bildungssystem in der Türkei, besonders in den kurdischen Gebieten in Südostanatolien, wo ganze Schulen ohne Lehrer dastanden.

Um über das Thema zu berichten, besuchte ich das Büro der linken Lehrergewerkschaft Eğitim-Sen in Istanbul-Kadıköy und sprach dort mit dem lokalen Gewerkschaftsvertreter und einer suspendierten Lehrerin. Mein Artikel wurde zwar in mehreren Zeitungen veröffentlicht, aber leider nicht online gestellt. Deshalb stelle ich den Text in einer ausführlicheren Fassung jetzt hier ein.

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Riesige Plakate erinnern die Menschen in der Türkei ständig an den vereitelten Putschversuch vom 15. Juli. Seither ist nichts mehr, wie es vorher war.

Wie Erdogans Kulturkampf die Schulen trifft

Die Hiobsbotschaft steht auf einem fotokopierten Zettel. Er trägt die Unterschrift des Schulleiters und von Ayşegül Sancar. „Hiermit werden Sie ab sofort vom Unterricht suspendiert“, steht dort. Nichts weiter. „Es war ein Schock“, sagt die 25-jährige Englischlehrerin aus Istanbul, die eigentlich anders heißt, aber darum bittet, ihren echten Namen nicht zu nennen. „Ich hatte mich so sehr auf das neue Schuljahr gefreut.“

Am Montag hatte Ayşegül Sancar noch ihre neue Klasse an einem Istanbuler Gymnasium kennengelernt, sehr nette Schüler seien es, sagt die kleine Frau, die ihr dichtes schwarzes Haar zum Zopf gebunden trägt und sich sorgfältig geschminkt hat. Sie ist eine moderne, säkulare Türkin, selbstbewusst – und empört. „Am Nachmittag bekam ich den Anruf von der Schule, ich solle kommen, es gäbe eine wichtige Nachricht für mich. Dann gab mir der Direktor den Zettel mit der Beurlaubung. Unfassbar!“

Aysegül Sancar ist eine von mehr als 28.000 Lehrern in der Türkei, die seit dem Schulbeginn Anfang der Woche nicht mehr unterrichten dürfen, weil sie Kontakt mit der „Gülen-Bewegung“ oder der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK haben sollen, die die Regierung als Terrororganisationen betrachtet. Die Maßnahmen sind Teil der „Säuberungen“ nach dem vereitelten Putschversuch von Teilen des Militärs am 15.Juli.

Chaotische Zustände

Zwar hat sich wohl kein Pädagoge direkt am Staatsstreich beteiligt. Trotzdem sind aus keiner anderen Berufsgruppe mehr Menschen beurlaubt oder entlassen worden. Das hat einerseits damit zu tun, dass die Bewegung des Islampredigers Fethullah Gülen, die für den Putschversuch verantwortlich sein soll, besonders im Bildungssektor aktiv war. Zum anderen gelten viele Lehrer in den Kurdengebieten als Anhänger der prokurdischen Linkspartei HDP, die die Regierung als legalen Arm der PKK ansieht.

Allein in der Kurdenhochburg Diyarbakır fehlen jetzt 4300 Unterrichtskräfte, in der südtürkischen Provinz Hatay sind es 900. Zahlreiche Schulbücher wurden nicht ausgeteilt, weil sie angeblich Passagen mit Gülen-Ideologie enthalten. Die chaotischen Zustände widerlegten Beteuerungen des Ministerpräsidenten Yıldırım von der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP, es werde trotz der Ausfälle keinen Lehrermangel geben. Tatsächlich hat das Bildungsministerium noch längst nicht alle fehlenden Stellen mit Ersatzlehrern besetzt.

„Das alles ist vollkommen absurd“, sagt Ayşegül Sancar, „denn ich habe nicht das Geringste mit Gülen oder der PKK zu tun.“ Worum es bei ihrer Suspendierung wirklich geht, steht in einem verklausulierten Satz eines Ministererlasses, den sie ebenfalls als Kopie erhielt – nämlich um „Personen an den Schulen, die an Aktivitäten teilnahmen, die den Kampf gegen den Terror oder die Ausgangssperren unterminierten und die Fortsetzung des Unterrichts verhinderten“.

Gewerkschaft: „Entlassungen sind illegal“

Bis zu den Sommerferien hatte die junge Frau in Mardin in Südostanatolien unterrichtet. Es war ihre erste Stelle nach der Universität, die Arbeit machte ihr Spaß. Damals gab es in vielen Städten des Kurdengebiets heftige Gefechte zwischen jugendlichen PKK-Anhängern und Sicherheitskräften. „Die Unruhen beeinträchtigten den Unterricht, deshalb rief unsere Gewerkschaft zu einem eintägigen Streik gegen die Gewalt und für den Frieden auf“, erzählt Aysegül Sancar.

Rund ein Drittel der Kollegen an ihrer Schule folgte dem Aufruf. „Sie alle sind jetzt suspendiert worden. Sie sitzen zu Hause und wissen nicht, was sie tun sollen.“ An ihrer Stelle wurden Universitätsabsolventen mit Kurzzeitverträgen angestellt. Die beurlaubten Lehrer bekommen nur noch ein Drittel ihres Gehalts, umgerechnet rund 250 Euro. „Viel zu wenig zum Überleben, zumal wenn sie Kinder haben.“

Ayşegül Sancar wohnt in Istanbul bei ihren Eltern, sodass sie sich um die Miete und ihren Lebensunterhalt keine Sorgen machen muss. Sie sitzt im hellen Büro der linken Lehrergewerkschaft Eğitim-Sen im Bezirk Kadıköy auf der anatolischen Stadtseite, um sich beraten zu lassen: Hat die Interessenvertretung Vorschläge? Was kann man tun? Der lokale Gewerkschaftsvertreter Turgut Yokuş, 49, gelernter Grundschullehrer, ein drahtigerMann, kann ihr wenig Hoffnung machen.

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Gewerkschaftsvertreter Turgut Yokuş.

„Wir werden alle rechtlichen Mittel gegen die illegalen Suspendierungen ausschöpfen und notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen“, antwortet er. „Wir werden protestieren und demonstrieren. Diese Entlassungen sind vollkommen illegal und nur durch die Notdekrete wegen des Ausnahmezustands überhaupt möglich.“

Gleichschaltung der Schulen

Rund 11500 Mitglieder von Eğitim-Sen wurden vorvergangene Woche beurlaubt, der Gewerkschafter befürchtet, dass 2500 weitere Kollegen folgen werden. „Alle wegen des eintägigen Streiks“, sagt er. Außerdem seien 70 Mitglieder komplett aus dem Schuldienst entlassen worden. Der Grund? „Bevor sie zu uns kamen, waren sie Mitglied einer anderen Gewerkschaft, die der Gülen-Bewegung nahestand. Da die Regierung über Listen aller Gewerkschaftsmitglieder verfügt, hat man sie aus diesem Grund gefeuert.“
Keiner der Kollegen habe irgendetwas mit dem Putschversuch zu tun, meint Turgut Yokus. „Sonst hätten man sie ja verhaftet.“

Er glaubt, dass es der Regierung darum gehe, gewerkschaftlich organisierte Lehrer aus dem Schuldienst zu entfernen. „Sie wollen die Macht der Arbeitnehmervertretungen brechen.“ Diese Strategie verfolge die AKP des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan bereits seit ihrer Machtübernahme vor 14 Jahren. Eğitim-Sen hatte einst 200.000 Mitglieder, inzwischen sind es nur noch 125.000. Aber es gehe auch um einen Kulturkampf. „Sie wollen die Schulen in ihrem Sinne gleichschalten und strikt religiöse Pädagogen an den Schulen unterbringen – das ist Erdogans Traum von einer frommen Generation.“

Die Anhänger Erdoğans seien Ideologen, statt Wissenschaft und Säkularismus wollten sie Religion und Moral. In den Klassenzimmern herrsche jetzt Zweifel und Argwohn, sagt der Gewerkschafter, denn das Ministerium habe alle Lehrer aufgerufen, „Agenten“ zu melden. „Niemand weiß mehr, wem er trauen kann. Das hat es in der türkischen Geschichte noch nie gegeben.“

In mehreren Städten des Südostens gingen Schüler in den vergangenen Tagen auf die Straße mit Plakaten wie „Lasst meine Lehrer in Ruhe!“. Die Proteste wurden von der Polizei gewaltsam aufgelöst, zahlreiche Menschen festgenommen. Dabei habe es in den Kurdengebieten schon vorher massiven Lehrermangel gegeben, sagt Turgut Yokuş. „Jetzt fehlen landesweit 100.000 Lehrkräfte – so viele Ersatzlehrer gibt es gar nicht. Und das Geld, um sie zu bezahlen, ist auch nicht vorhanden. Die Schulen sind auf das Chaos nicht vorbereitet.“ Der Gewerkschafter sagt, nicht einmal die Putschgeneräle von 1980 seien so brutal gegen die Gewerkschaften vorgegangen. Er verschränkt die Arme und sagt: „Was wir gerade erleben, ist absolut beängstigend.“

Broschüre über Märtyrer für Grundschüler

Die Regierung aber zeigt sich unbeeindruckt. Ministerpräsident Yıldırım sagte am ersten Schultag zu Lehrern: „Zeigen Sie keinerlei Nachsicht mit Kollegen, die der Gülen-Bewegung oder der PKK helfen! Lasst sie nicht in eurer Mitte leben!“

Auch ganz direkt steht das neue Schuljahr im Zeichen der aktuellen Politik. Alle Kinder mussten am Montag an einer Schweigeminute und einem Gebet für die Putschopfer teilnehmen und bekamen zwei Videos von der Niederschlagung des Putschversuchs gezeigt. Den Grundschülern wurde zudem eine Broschüre über den „ Triumph der Demokratie und unsere Märtyrer“ in die Hand gedrückt, mit vielen Fotos von Panzern und Toten.

Das Heft erklärt, was ein Putsch ist, wie „das Volk“ die Putschisten und Verräter besiegte und wie viele „Helden“ dabei starben, mit vielen Fotos, die die Folgen der Gewalt zeigen. Es enthält einen „Eid auf die Märtyrer“ mit der Textzeile: „Ich werde dieses Land, das ihr mit eurem noblen und sauberen Blut tränktet, unter allen Umständen mit meinem Leben schützen, so wie ihr es getan habt.“ „Das ist nicht angemessen für Kinder“, sagt Turgut Yokuş. „Das kann sie sogar traumatisieren.“

Ayşegül Sancar hat versucht, sich den neuen Ritualen zu entziehen, hat die Videos nicht angeschaut und die Broschüre nicht gelesen. „Ich bin extrem wütend”, sagt sie und lässt ihre dunklen Augen blitzen. „Ich habe meinen Schülern nichts angetan, ich habe mich im Gegenteil für sie eingesetzt – und werde jetzt dafür bestraft?“. Sie sagt, noch sei sie bereit, für ihre Rückkehr in den Schuldienst zu kämpfen, noch habe sie Hoffnung. „Aber wenn das nicht funktioniert, dann werde ich ins Ausland gehen. Ich checke bereits Webseiten aus Kanada.“

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Gewerkschafter Turgut Yokuş ist schon rein funktionstechnisch ein Kämpfer. Am Donnerstag, einen Tag nach dem Gespräch mit ihm, kamen staatliche „Inspektoren“ und stellten sein Gewerkschaftsbüro auf den Kopf. Hier steht er auf der Terasse des Büros mit Blick auf den Hafen von Kadıköy.

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2 Gedanken zu “Schulbeginn im Ausnahmezustand

  1. Die Lehrerin; „…Sie ist eine moderne, säkulare Türkin, selbstbewusst …“ hört sich nach der Beschreibung nach einer säkularen Kemalistin oder einfach ausgedrückt nach einer postmodernen Türkin an.

    Wie es aussieht geht die „islamisch-konservativen“ Regierungspartei AKP nicht nur gegen Gülenisten und PKK-Anhänger vor, sondern auch gegen Postmoderne bzw. Kemalisten.

    Wie das bereits Bassam Tibi analysiert hat in seinem Beitrag vom 17.08.2016. Die Auseinandersetzung mit den Gülenisten ist nur ein Nebenschauplatz. -> http://www.wiwo.de/politik/ausland/islamisten-an-der-macht-erdogan-und-die-akp-begraben-die-saekulare-tuerkei/14022620-all.html

    P.S: Herr Nordhausen ein Interview mit Herr Tibi würde ich ihnen wärmstens empfehlen. Sie beschäftigen sich wie Herr Tibi ziemlich ähnliche Themengebiete (Syrien inkl. Flüchtlinge, Sekte; Türkei – AKP – Wählerschaft usw.).

  2. Sie haben mich nicht verstanden oder wollen mich nicht verstehen. Ich habe selbstverständlich nichts gegen die Menschen, die Erdogan wählen und das auch nirgends geschrieben. Ich bin bloß kein Fan des „großen Bosses“ und seiner Truppe. Okay? FN