Vom Türkenmuskel und verdächtigen Studenten

Inzwischen hat die Türlei bei Olympia auch eine Goldmedaille gewonnen, und zwar durch Servet Tazegül im Taekwondo. Insgesamt ist ihr Abschneiden bisher aber – angesichts einer Bevölkerung von 75 Millionen Menschen – ziemlich blamabel. Die Türken sind einfach nicht sehr sportiv. Zum Beispiel sehe ich unten am Bosporus zwar hin und wieder jemanden joggen, aber das sind meist Ausländer. Und die Fitnessclubs hier in der Gegend sind auch nicht gerade der Renner. Man möge es mir verzeihen, aber die Türkei hat eher noch eine 50-er Jahre-Bevölkerung, die mehr Wert legt auf gutes Essen und Trinken und, das ist nun südliche Sitte, die Siesta. Bewegung gehört nicht unbedingt zum Alltag, lieber nimmt man das Auto oder Taxi. Nicht umsonst spricht man hier vom „Türkenmuskel“, der sich unweigerlich nach vollendetem 25. Lebensjahr um die Körpermitte bildet (bei mir hat er sich hier leider auch entwickelt, aber ich bin ja auch schon etwas älter).

Wie finde ich nun eine Überleitung zu einem anderen Thema? Nun, etwas brachial: Keine Lässlichkeit, sondern eine Menschenrechtsverletzung ist es, junge Leute, die sich für Ideale einsetzen, ewig lange ins Gefängnis einzusperren, und das zumeist mit lächerlichen Begründungen. Es ist unglaublich, aber wahr: In der Türkei sitzen nach offiziellen Angaben des Justizministeriums vom vergangenen Mittwoch fast 2500 Studenten und minderjährige Oberschüler in Haft, weil sie angeblich Terroristen oder Unterstützer von Terroristen sind. In Wahrheit handelt es sich in 90 Prozent der Fälle um junge Kurden, die vielleicht mal demonstrieren waren oder auf einem Plakat kostenlose Bildung gefordert haben. In den USA würde man das staatlichen Rassismus nennen, und das Ergebnis ist: Entweder werden die jungen Leute traumatisiert und depressiv – oder man macht sie durch die Kriminalisierung erst zu Staatsfeinden.

Das Vorgehen ist allerdings sehr asiatisch. Die Regierung sagt den unbequemen Individualisten damit: „Wir sind für Reformen zuständig, und wir wissen, wie es richtig ist. Einmischung von unabhängigen Menschen dulden wir nicht.“ In den vergangenen Wochen habe ich mich intensiv mit den inhaftierten Studenten befasst und darüber auch einen Artikel geschrieben, der heute in der Berliner Zeitung erschienen ist. Leider musste er für den Druck stark gekürzt werden, so dass ich hier jetzt die ungekürzte Fassung einstelle.

Verhaftung im Studentenwohnheim
Von Frank Nordhausen

Der Istanbuler Justizpalast, im vorigen Jahr fertig gestellt, gilt als das größte Gerichtsgebäude Europas. Das Grüppchen von Demonstranten vor dem Eingang des riesigen Rundbaus wirkt in diesem Moment noch kleiner, als es ohnehin ist. Tapfer bauen sich zwei Dutzend Studenten hinter einem Transparent auf, auf dem steht: „Freiheit für Emine Akman und alle anderen inhaftierten Studenten!“ Ahmet Saymadi, ein vollbärtiger junger Mann, Student der Soziologie, hält eine kurze Rede. „Emine wurde mitten in der Nacht verhaftet, als sie eine Freundin besuchen wollte“, sagt er. „Sie sitzt jetzt seit fast einem Jahr im Gefängnis, weil sie angeblich eine Terroristin ist. Diese Anklage ist lächerlich.“


Die Demonstranten vor dem Istanbuler Justizpalast, links im Bild Ahmet Saymadi

Eine halbe Stunde später, ein enger, fensterloser Gerichtssaal, vorn in großen Messinglettern ein Motto des Staatsgründers Atatürk: „Das Recht ist die Grundlage des Staates.“ Die Angeklagte Emine Akman, Studentin der Publizistik an der staatlichen Istanbuler Marmara-Universität, wird hereingeführt. Eine zierliche junge Frau mit lockigem schwarzen Haar, bestickter weißer Bluse und Blue Jeans. Als sie ihre Freunde und Familie sieht, winkt sie ihnen zu. Dann betreten die drei Richter den Raum, und der Vorsitzende fragt die Angeklagte, was sie begehre. „Ich möchte aus der Untersuchungshaft entlassen werden“, sagt Emine Akman.

Beweise unnötig

Dann redet ihr Anwalt. „Sie wurde verhaftet aufgrund eines Fotos, das eine Terroristin zeigt, der sie angeblich ähnlich sieht. Doch es gibt keinen einzigen Beweis gegen sie“, sagt er. „Sie ist offenbar verdächtig, weil sie nicht mehr bei ihren Eltern wohnt.“ Er stellt die Anklage in einen größeren Zusammenhang und spricht davon, dass hunderte Studenten derzeit in der Türkei inhaftiert seien. Er erklärt, dass die türkische Justiz im Auftrag der Regierung und mit unerbittlichem Eifer vor allem linksgerichtete und kurdische Studenten verfolge – im Rahmen einer Repressionswelle gegen Organisationen, denen die Unterstützung kurdischer Autonomiebestrebungen vorgeworfen werde. „Auch Emine Akman ist Kurdin“, sagt er. Die Richter ziehen sich zur Beratung zurück.

Im Gang vor dem Saal Im Gang vor dem Saal ist es heiß und schwül. Emine Akmans Vater, ein Arbeiter mit mächtigem Schnurrbart, sagt, dass seine Tochter im Traum nicht zu den Dingen fähig sei, die man ihr vorwirft. „Sie hat nichts getan. Sie hat sich nie für Politik interessiert. Das tut sie erst, seit sie im Gefängnis ist.“ Ihre Mutter, Anfang vierzig, hat ein Kopftuch mit Häkelrand angelegt, wie es Brauch ist in den Kurdengebieten Ostanatoliens, woher die Familie ursprünglich stammt. „Emine ist misshandelt worden. Sie musste sich nackt ausziehen, und ein Polizist hat sie angespuckt“, sagt sie.

Neben Emines Mutter steht eine junge Frau. Özge Tuna, 21 Jahre alt, Pädagogikstudentin, das dunkle Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Sie erzählt, dass sie vier Monate in derselben Großzelle mit Emine Akman und 28 weiteren Studentinnen eingesperrt war – alle unter dem Vorwurf der Propaganda für eine terroristische Organisation. „Aber ich weiß nicht, warum ich wirklich inhaftiert wurde, denn es gab gar keine Anklageschrift“, sagt Özge Tuna, die sich als politisch links bezeichnet. „Ich weiß nur, dass die Polizei morgens um fünf ins Studentenheim kam, die Tür aufbrach und mich mitnahm.“ Sie weiß auch nicht warum sie vor zwei Tagen plötzlich wieder freikam. Sie sagt, dass Emine sie mit ihrer Willenskraft beeindruckt habe. „Sie lässt sich nicht unterkriegen. Sie hat mir beigestanden. Jetzt hoffe ich natürlich, dass Emine auch frei gelassen wird.“

Verhaftet wegen eines Plakats

An diesem Tag haben einige Reporter den Weg ins Gericht gefunden. Das hat mit einer anderen jungen Frau zu tun, die auch unter dubiosen Umständen verhaftet wurde. Sevil Sevimli, eine türkischstämmige Französin, Studentin der Kommunikationswissenschaften aus Lyon, wurde Anfang Mai in der westanatolischen Provinzstadt Eskişehir festgenommen, drei Autostunden von Istanbul entfernt. Begründung: Mitgliedschaft in der verbotenen Revolutionären Volksbefreiungspartei-Front DHKP-C, einer kommunistischen Politsekte, die den bewaffneten Umsturz propagiert.

Sevil Sevimli ist wie Emine Akman möglicherweise zum Verhängnis geworden, dass ihre Eltern kurdischer Abstammung sind und sie eine selbstbewusste moderne Frau. Aber bei ihr nehmen die Türkei und die ganze Welt Notiz davon, wie die türkische Justiz mit unbequemen Studenten umgeht. Denn Sevil Sevimli hat nicht nur die türkische, sondern auch die französische Staatsbürgerschaft. Das hat die Botschaft Frankreichs in Ankara auf den Plan gerufen. Und sie besitzt eine Mutter, die trotz beschränkter Mittel in die Türkei reist und immer wieder vor der Haftanstalt für Sevils Freilassung protestiert. Das machte die französische Presse aufmerksam. „Ich werde nicht weggehen, bevor Sevil nicht frei ist“, hat die Mutter der Pariser Tageszeitung Le Monde erklärt. Sevil Sevimlis Anwalt sagte, seiner Mandantin gehe es schlecht, weil sie über die Haftdauer und die Haftgründe im Unklaren gelassen werde.

Sevil Sevimli kam vor elf Monaten im Rahmen des europäischen Erasmus-Programms für ein Auslandsjahr in die Türkei. Die 21-Jährige steht zwar politisch links, weit links sogar, aber das ist weder in Frankreich noch in der Türkei ein Verbrechen. Oder doch? Wie Tausende Studenten auf dieser Welt verehrt Sevil Sevimli Karl Marx, und auch in Eskisehir engagiert sie sich, geht zu Demonstrationen und zu Konzerten linker Protestmusiker. Am 10. Mai gerät sie in Eskişehir in eine Razzia der Polizei gegen die DHKP-C und wird zusammen mit drei türkischen Kommilitoninnen festgenommen. Der Vorwurf gegen sie lautet auf Mitgliedschaft in einer bewaffneten terroristischen Organisation.

Eine offizielle Anklage gibt es bisher nicht. Den Namen der Extremistentruppe habe sie in den Vernehmungen zum ersten Mal gehört, sagt ihr Anwalt Sami Kahraman. Über Einzelheiten wird sie aber gar nicht befragt, sondern: Warum sie im April nach Istanbul zu einem Konzert der Agitpropband Grup Yorum gefahren sei? Warum sie am 1. Mai mitdemonstriert habe? Warum sie dort ein Plakat, auf dem kostenlose Bildung gefordert wurde, getragen habe? Am 1. Mai sind Millionen Menschen in der Türkei für mehr Arbeiterrechte und bessere Bildung auf die Straße gegangen, und das Konzert der linken Band besuchten über 3000 Fans. „Alle Versammlungen, wegen der sie verhört wurde, sind völlig legal“, sagt der Anwalt. Dass die 19-Jährige schließlich am vergangenen Montag auf freien Fuß gesetzt wird bis zu ihrem Prozesstermin am 26. September, hat nur einen Grund: Der internationale Druck hat die Justiz nun zum Einlenken gebracht. Am Montag wurden sie und ihre drei Mithäftlinge aus der Haft entlassen. Bis zum Prozess, der für den 26. September angesetzt ist, darf Sevil Sevimli auf freiem Fuß bleiben.

Jeden kann es treffen

„Dieses Glück haben die vielen anderen Inhaftierten leider nicht“, sagt Ahmet Saymadi und spricht ganz offen von politischer Justiz. Wer wie Sevil Sevimli zum Beispiel mit einem Transparent für kostenlose Bildung protestiert, könne als Mitglied der DHKP-C anklagt werden, weil diese auch für bessere Bildung eintritt. „In einem anderen Fall hieß es in der Anklageschrift, die Täterin habe eine Demonstration zum Frauentag am 8. März besucht. Offenbar, weil dort für Rechte demonstriert wurde, für die sich auch Extremisten engagieren.“ Das Problem sei das geänderte Anti-Terror-Gesetz von 2005, sagt Ahmet Saymadi. „Es kann so frei interpretiert werden, dass man praktisch jeden als Terrorsympathisanten oder sogar Mitglied einer extremistischen Organisation anklagen kann, wenn er nur an einer Veranstaltung teilnimmt, auf der irgend ein anderer irgend etwas über eine illegale Organisation sagt. Genau das ist Sevil Sevimli passiert.“ Dieses Gesinnungsstrafrecht sei 2008 auch noch vom Obersten Gerichtshof als rechtmäßig bestätigt worden. „Danach begannen die Massenverhaftungen von Studenten.“

Der gnadenlose Umgang der Justiz mit seinen Mitstudenten hat Saymadi so empört, dass er vor einem Jahr mit Freunden die „Plattform Solidarität mit den verhafteten Studenten“ gründete; eine von mehreren ähnlichen Initiativen. „717 inhaftierte Kommilitonen sind uns inzwischen bekannt, darunter etwa 100 Frauen. Alle wurden wegen angeblicher Unterstützung des Terrorismus inhaftiert“, sagt er. Im Durchschnitt säßen sie zwei Jahre lang, die meisten bisher ohne Urteil im Gefängnis. „Außerdem hat man mehr als 1500 Oberschüler eingesperrt.“ Auch ihnen werde meist Propaganda für eine illegale Organisation vorgeworfen, für die DHKP-C oder die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK. Rund 3500 Studenten würden jedes Jahr aus politischen Gründen von türkischen Universitäten exmatrikuliert. Dabei sei kaum einer überhaupt Mitglied in irgendeiner Organisation. „Soweit wir es überschauen, hat auch keiner der Inhaftierten Gewalt gegen jemanden ausgeübt.“

Eines sei dagegen sicher, erklärt der junge Mann: „Etwa 90 Prozent der jungen Häftlinge sind Kurden.“ Sie seien ins Visier der Justiz geraten, seit die konservativ-religiöse Regierung diese aufforderte, verstärkt gegen kurdische Autonomiebestrebungen vorzugehen. „Doch die Propaganda, derer sie beschuldigt werden, besteht meist nur in der Forderung nach kostenloser Bildung oder nach Unterricht in kurdischer Sprache.“

Die berüchtigten Sondergerichte, die für diese Art von Prozessen bisher zuständig waren, hat die Regierung mittlerweile aufgelöst, nachdem die Kritik aus dem Ausland immer lauter wurde und auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Türkei immer wieder verurteilte. Ob es etwas hilft – da ist Ahmet Saymadi skeptisch.

Auch Emine Akman findet bei ihren Richtern kein Erbarmen. Im Istanbuler Gerichtspalast warten ihre Freunde und Verwandten am Dienstag vor einer Woche auf den Beschluss des Gerichts. Nach zehn Minuten tritt ein Anwalt vor die Tür des Verhandlungssaals und sagt: „Emine Akman wird nicht frei gelassen, denn die Vorwürfe gegen sie sind schwer wiegend. Die nächste Anhörung ist am 3. Dezember.“ Entsetzt schlägt Emines Vater die Hand vor den Mund. Ihre Mutter und ihre Freundin Özge Tuna fangen an zu weinen. Umarmen sich. Schluchzen. Özge Tuna sagt: „Ich hatte solche Hoffnung“ – sie kann nicht weitersprechen, fängt sich dann wieder – „Emine sollte nicht im Gefängnis sein, sondern ihr Examen machen. Ich hoffe sehr, dass sie stark bleibt.“

2824 Studenten und Oberschüler sitzen nach Angaben des türkischen Justizministeriums derzeit im Gefängnis. 609 von ihnen und weitere 178 Kommilitonen, die gegenwärtig auf freiem Fuß sind, sind wegen Mitgliedschaft in einer bewaffneten Terrororganisation angeklagt. Hunderte weitere Studenten erwarten nach Angaben von Solidaritätsgruppen ihren Prozess wegen angeblicher Propaganda für eine illegale Organisation.

3 Gedanken zu „Vom Türkenmuskel und verdächtigen Studenten

  1. mit Begeisterung lese ich immer Ihre Blogs.
    Die Auffassung,daß die in Istanbul nicht viel Fitness gemacht wird muß ich widersprechen.
    Kommen Sie nach der asiatischen Seite.In Kadiköy – Caddebostance am Sahil Yol sehe ich ab morgens 6 Uhr schon die“ Läufer „oder auch sogenannte „Geher“
    Türk.Frauen gehen lieber .Wo Sie wohnen ist es natürlich nicht so gut für Fittness.
    Dort wird mehr getrunken und gegessen.
    Kommen Sie also rüber zur Bagdat Strasse da wird dann auch am Abend gut gegessen und getrunken .Zwei Strände sind auch zum reläxen geeignet.Den Moda Club in Moda kann ich auch empfehlen,wo sich die bessere Gesellschaft trifft. Viel Spass und Erfolg noch in Istanbul.
    Gruß aus Berlin Charlottenburg

    • Lieber Herr Walter,

      Sie haben natürlich Recht, auf der asiatischen Seite wird viel mehr Sport getrieben. Von dort kommen ja auch immer die Segelboote, die uns am Wochenende durch ihren Anblick erfreuen. Aber ob es wirklich ein Massenphänomen ist? Ich glaube, das muss mal recherchiert werden. Und danke, dass Ihnen der Blog gefällt! FN

  2. Die Segelboote haben ihre Liegeplätze in Tuzla sowie Kalamis auf der Asiaseite und Ataköy auf der Europaseite.Im Herbst ist dann wieder Regatta
    und im “ Reina “ wird der Pokal ueberreicht.Hoffentlich sind sie dabei und berichten .

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