Satire mit Kollateralschaden

Zurück aus einem Kurzurlaub in den USA, wo ich jeden Tag Realsatire in der Gestalt eines vulgär auftretenden Präsidentschaftskandidaten Donald Trump beobachten konnte, war das erste Thema, dem ich mich in Istanbul widmen musste, der deutsche Comedian Jan Böhmermann und sein als satirisch gepriesenes „Schmähgedicht“ auf den türkischen Präsidenten Erdoğan.

Ich kannte die Extra-3-Satire auf Erdoğan und fand sie prima. Das Böhmermann-Gedicht kannte ich nicht und hatte auch von dem Komiker bisher nur von ganz fern gehört. Also habe ich mir sein „Gedicht“ auf Youtube und die Medienberichte in Deutschland angeschaut. Den Text finde ich: dumm, pubertär und beleidigend. Und rassistisch – etwa so, wie ich die Polenwitze von Harald Schmidt rassistisch fand. Böhmermann erinnert mich an dürftige Scherze reißende Schulkameraden. Das deutsche Fernsehen auf türkischem TV-Niveau. Unterste Schublade.

(Nachtrag: Die Ehrfurchtsbezeugungen vor dem „klugen Komiker“, der angeblich „den Humorkonsens der Deutschen verletzen“ und „komplett dekonstruieren“ wollte, wie Hilmar Klute in der SZ schreibt, finde ich schon wieder realsatirisch. Wäre es so, warum suchte der „Meta-Satiriker“ Böhmermann dann wie ein Pennäler Hilfe beim Staatsminister Altmaier, als seine „Dekonstruktion“ die doch angeblich bezweckte Wirkung zeitigte?)

Fotos FN, 2016-04-12, Istanbul-Balkon-Böhmermann 007
Böhmermann in seiner Sendung, wie ihn das ZDF porträtiert.

Deshalb war ich überrascht, welchen medialen Sturm die Reaktion der türkischen Regierung in Deutschland auslöste. Natürlich ist es völlig überdreht, aus dem Schmähgedicht eine Staatsaffäre zu machen und – wie der türkische Vizepremier Numan Kurtulmuş – allen Ernstes von einem „schweren Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zu schwadronieren. Doch an eine vergleichbare Reaktion auf reale Untaten Erdoğans und der AKP kann ich mich nicht erinnern. Wieso erregt Erdoğans Wut auf einen unbedeutenden Komiker die Leute mehr als sein todbringender Krieg gegen die Kurden, die Unterdrückung der freien Presse oder die brandgefährliche Toleranz gegenüber Dschihadisten in der Türkei?

Simple Effekthascherei

Wie beschränkt ist das Gesichtsfeld vieler professioneller Kommentatoren oder auch des Springer-Verlag-Chefs Döpfner, die einen vulgären Witzreißer zum „genialen Satiriker“ adeln? Sind die Kollegen eigentlich noch bei Trost? Türken und Muslime darf man also ungestraft „Ziegenficker“ und „dumme Sau mit Schrumpelklöten“ nennen? Was, wenn ein türkischer Moderator den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland so betitelte? Wäre das dann auch Satire und alle würden den „Komiker“ bejubeln?

Nein, ich bin nicht damit einverstanden, den Fall Böhmermann zum Exempel für die Verteidigung der Meinungsfreiheit hochzujazzen. Satire ist kein Freibrief für Beleidigungen aller Art. Böhmermann ist nicht einmal originell. Er hätte in der Vergangenheit viele Gelegenheiten gehabt, sich satirisch mit Erdoğan auseinanderzusetzen. Doch er tat es erst, als er bemerkte, welchen Erfolg Extra-3 mit seinem Erdoğan-Clip hatte. „Das will ich auch“, hat er sich vermutlich gedacht. „Ich will auch fünf Millionen Klicks.“

Das ist simple Effekthascherei, und es wäre gut, wenn sich alle etwas abregten und sich mal wieder mit echten Problemen befassten. Wenn die Affäre überhaupt etwas Gutes hat, dann hoffentlich, indem sie wilhelminische Paragraphen im Strafrecht hinterfragt und eine neue Debatte über den Flüchtlingsdeal zwischen Merkel, der EU und Erdoğan anstößt. Mazedonien hindert in diesen Tagen Flüchtlinge mit Tränengas und Gummigeschossen am Grenzübertritt bei Idomeni. In der Ägäis sterben wieder Migranten beim Versuch, die griechischen Inseln zu erreichen. Das sind echte Skandale, anders als das geistlose Gedicht eines TV-Komikers.

Erdoğan hat schon gewonnen

Was die „Satire“ zudem in der Türkei anrichtet, steht auf einem ganz anderen Blatt. Mir ist schon klar, dass viele Inländer in einem beschränkten Kreis leben und denken, selbst in Zeiten der Globalisierung. Trotzdem kann es nicht schaden, vor einer öffentlichen Äußerung einen Moment zu überlegen, was diese vielleicht für andere Menschen in anderen Ländern bedeutet.

Das Böhmermann-Gedicht nutzt Erdoğan innenpolitisch, weil es von gravierenden Problemen ablenkt, weil es Feindbilder stärkt, sich als Angriff auf alle Türken lesen lässt und infolge der seltsamen Reaktion der Bundeskanzlerin Merkel die innertürkische Hexenjagd auf Kritiker legitimiert. Den bizarren Streit mit Böhmermann, Deutschland, Merkel hat der türkische Präsident schon jetzt gewonnen.

Falls Merkel die Strafverfolgung in der Bundesrepublik nicht zulässt oder falls Erdoğan vor einem deutschen Gericht unterliegt, kann seine Propagandamaschine dies als weiteren Beweis für die Beleidigung, Diskriminierung und Feindschaft gegenüber ihm und mit ihm gegenüber allen Menschen in der Türkei und den Muslimen ausschlachten. Für Deutsche in der Türkei, gerade auch deutsche Journalisten, kann die dumme „Satire“ bedeuten, dass wir noch mehr angefeindet und bedroht werden (woran die AKP-nahe Presse bereits übt). Danke, Jan Böhmermann.

(Zweiter Nachtrag: Am heutigen Dienstagabend rief mich ein in Istanbul lebender Deutschtürke an, der von sich sagte, dass er „traurig und entsetzt“ über Böhmermanns Text und dessen mediale Verteidigung in Deutschland sei, weil er sich damit auch persönlich beleidigt fühlte. Er sagte: „Was Böhmermann sagt, hat wohl jeder Türke in Deutschland schon zu hören bekommen. Nur öffentlich traut sich keiner, das zu sagen. Ich glaube, der Mann hat einfach ausgesprochen, was viele über uns Türken denken. Warum er das macht, würde ich gern wissen. Was ist nur los in Deutschland?“ Ich vermute mal, dass es noch andere Deutschtürken gibt, die ebenfalls keine dekonstruktivistische Bildung genossen haben und ähnlich empfinden.)

Hier der Text zur Böhmermann-Rezeption in der Türkei, den ich am gestrigen Montag für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau verfasst habe:
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Wie der Fall Böhmermann in der Türkei eine Hexenjagd legitimiert

Was auch immer sich Jan Böhmermann mit seiner Schmähkritik gedacht haben mag, für den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan lieferte der ZDF-Satiriker einen ganzen Sack Munition gegen Kritiker und für die fortschreitende Einschränkung der Pressefreiheit im eigenen Land. Erdoğan-Anhänger in der Türkei erkennen in der Satire eine gezielte Kampagne des Westens gegen ihren Präsidenten und ihr Land insgesamt. Gleichzeitig half Böhmermann dem Staatschef, den Gesichtsverlust durch das Extra-3-Satirevideo „Erdowie Erdowo Erdoğan“ zu begrenzen. Mit türkischen Untertiteln versehen war dieser Clip, der das autoritäre Gebaren Erdoğans auf Korn nahm, zum Quotenhit bei Youtube-Nutzern und Quell zahlreicher Erdoğan-Witze in den sozialen Medien der Türkei geworden.

Mit seinem Nachschlag entlastete Jan Böhmermann den Präsidenten bei dessen untauglichem Versuch, das harmlose Extra-3-Filmchen als Majestätsbeleidigung aus dem Internet entfernen zu lassen. Zwar hatte der deutsche Botschafter in Ankara, Martin Erdmann, bei seiner Einbestellung ins türkische Außenministerium die Pressefreiheit in Deutschland verteidigt und erklärt, dass keine deutsche Regierung diese antasten werde. Doch als Bundeskanzlerin Angela Merkel das Böhmermann-Video „inakzeptabel“ und „bewusst verletzend“ nannte, das ZDF sich entschuldigte und das Video aus seiner Mediathek entfernte, verschmolz beides in der öffentlichen Wahrnehmung in der Türkei zu einer einzigen Staatsaffäre, bei der sich der Staatschef im Recht fühlen konnte. Zweimal bereits demonstrierten Erdoğan-Anhänger vor dem ZDF-Büro in Istanbul mit Plakaten wie: „Das ZDF muss dafür bezahlen!“.

Mehr als 1800 Beleidigungsklagen

Als Ergebnis der Affäre bleibt den meisten Türken wohl in Erinnerung, dass ihr Präsidenten auch im westlichen Ausland nicht folgenlos beleidigt wird. Der „Boss vom Bosporus“ (Extra-3) führt bekanntlich einen verbissenen Krieg gegen Kritiker und hat seit seiner Wahl zum Präsidenten schon mehr als 1800 Journalisten, Oppositionspolitiker, Künstler, Hausfrauen und sogar Schüler persönlich wegen „Beleidigung“ verklagt. Der Fall Böhmermann verleiht dieser Hexenjagd eine ungeahnte Legitimität.
Kein regierungsnahes Blatt vergaß zu erwähnen, dass dem „unanständigen Böhmermann“ (Sabah) bei einer Verteilung bis zu drei Jahren Haft drohen, und alle zitierten den Merkel-Spruch, wonach „die Pressefreiheit nicht schrankenlos“ sei. Besonderes Aufsehen erregte der Erdoğan-treue TV-Kanal „A Haber“ mit einer „Reportage“ vor dem Tor des ZDF in Mainz, worin sich der Reporter Mevlüt Yüksel über vorbeieilende ZDF-Mitarbeiter empörte, die angeblich nicht mit ihm reden wollten – obwohl er sie gar nicht ansprach. Die Krawallsendung, die immer am Samstagabend läuft, heißt „Yaz Boz“, auf Deutsch „Schreib! Zerstör!“ und ist beste Realsatire.

„Ist das die deutsche Gastfreundschaft?“, fragte Yüksel, der zweifelhafte Berühmtheit erlangte, als er 2013 ein gefälschtes Interview mit der CNN-Chefkorrespondentin Christiane Amanpour publizierte. Als ein ZDF-Mitarbeiter mit einem anderen Herrn sprach und dabei die Hände in den Hosentaschen behielt, kommentierte Yüksel: „Schauen Sie genau hin: Das ist die Pressefreiheit in Deutschland! Das ist beleidigend!“. Schließlich ließ er einen Deutschtürken zu Wort kommen, der eine gängige Verschwörungstheorie Erdoğans und seiner Anhänger kolportierte: „Das ZDF greift immer Erdoğan und die Türkei an, weil es nicht will, dass die Türkei sich zur Regionalmacht entwickelt. Dabei können die Deutschen nicht einmal einen Flughafen in Berlin bauen.“

Die Distanzierung der Bundeskanzlerin Merkel von Böhmermanns Gedicht bedeute nicht, dass die Deutschen ihre „Feindschaft“ gegenüber Erdoğan und der Türkei überwunden hätten, kommentierte auch die Zeitung Yeni Safak.

(Das Video in deutscher Übersetzung gibt es hier.) Die liberalkonservative Hürriyet kommentierte die „Reportage“ mit den Worten: „Das ZDF mag den türkischen Präsidenten beleidigt haben, aber ‚A Haber‘ hat die Intelligenz der türkischen Zuschauer beleidigt.“

Bemühung um verbale Abrüstung

Dass der Springer-Chef Mathias Döpfner dem ZDF-Comedian inzwischen zu Hilfe eilte, hat das Erregungsniveau der Pro-Erdoğan-Medien erwartungsgemäß noch gesteigert. Das Boulevardblatt Takvim schrieb am Montag über Döpfner: „Was für ein Dummkopf!“. Der Chef des Mediengiganten springe einem „Vulgär-Comedian“ bei, „um den Skandal unter dem Signum der Pressefreiheit zu vertuschen“. Tatsächlich könnte sich Döpfners Engagement rächen, denn er liefert Erdoğan damit zusätzliche Munition gegen die ungeliebte Dogan-Mediengruppe und ihr journalistisches Flaggschiff Hürriyet. Der türkische Partner des Axel-Springer-Verlags steht ohnehin schon unter erheblichem Zensurdruck.

Unterdessen bemühte sich der deutsche Türkei-Botschafter Martin Erdmann um verbale Abrüstung. In einem seitenlangen Interview mit der Oppositionszeitung Cumhuriyet versuchte er, die unterschiedliche politische Kultur und das Verständnis der Pressefreiheit in der Türkei und in Deutschland zu erklären. In Deutschland mische sich die Regierung nicht in die Kunstfreiheit ein und habe dem ZDF keine Befehle erteilt. „Ich persönlich bedauere diese Ausstrahlung“, sagte Erdmann zur Böhmermann-Satire. „Aber die Grenzen zieht in Deutschland das Strafrecht.“

Ein Gedanke zu „Satire mit Kollateralschaden

  1. Bereits nach der Erstausstrahlung des Songs in extra3 dachte ich, dass das Herr Erdogan nicht gefallen wird. So war es dann auch. Bis dahin war es noch amüsant. Dann kam Herr Böhmermann mit seiner schlechten Satire, um es sachlich zu halten. Warum er extra3 auf diese Weise toppen wollte erschließt sich einem nicht. Möglicherweise wollte er tatsächlich die Quote verbessern oder er vertraute auf seine Stärken in Sachen Satire – nicht umsonst bekommt er Preise dafür. Schade nur, dass Herr Erdogan nicht wie Frau Merkel reagiert
    http://m.sz-online.de/sachsen/merkel-beleidigungen-ohne-folgen-3195105.html
    und sich um wichtigere Dinge kümmert. Aber so ist er nicht wie wir wissen. Es ist im Gegenteil ein gefundenes Fressen für ihn.

    Nach einigen Recherchen gehe ich nicht davon aus, dass die Erlaubnis der Regierung nach §104a StGB erteilt wird. Das wäre meines Erachtens eher der Fall bei der Dame in Sachsen, aber nicht bei einer Satire wie die von Böhmermann. Eine private Klage nach §185 StGB kann Erdogan machen. Vielleicht hätte ich das auch gemacht. Beleidigungsklagen gibt es bekanntlich wie Sand am Meer. Sollen die Gerichte sich mit diesem kniffligen Fall beschäftigen. Pech für Herrn Böhmermann wenn er verurteilt wird. Ob er das wird ist wirklich sehr spannend https://www.tagesschau.de/inland/tuerkei-boehmermann-109.html

    Interessant finde ich immer wieder, dass die Türken wohl nur wenig Selbstbewusstsein haben. Wieso denkt Ihr Deutschtürke so? Wieso glauben scheinbar viele Türken an Angriffe von fremden Mächten, die der Türkei permanent schaden wollen? Reizfiguren sind doch zurecht nur Herr Erdogan und seine Freunde. Und denen gegenüber muss man stark und konsequent entgegentreten. Und nicht so wie man permanent den Eindruck hat, also kuschen bis man Bauchschmerzen davon bekommt. Erdogan und seine Berater sind richtig clever und nutzen jede Schwäche, so im Fall Böhmermann, wie auch in der Flüchtlingskrise, wo man eher einen gackernden Hühnerhaufen als konsequent und vor allem gemeinsam handelnde EU-Mitglieder hat.

    Ich hoffe schwer, dass das Thema Böhmermann schnell wieder aus der Presse verschwindet. Es ist es nicht wert angesichts der von Ihnen angesprochenen menschlichen Probleme in Griechenland. Es ist wirklich eine Schande und Frau Merkel mit Regierung hält sich nun stark zurück angesichts der Wahlumfragen. Wer übrigens gestern Frontal21 gesehen hat, der sah, dass auch wir in Sachen Flüchtlinge die Standards nicht vollständig erfüllen in den Flüchtlingsunterkünften (Vergewaltigungen, Verfolgung von Christen und Homosexuellen). (http://webapp.zdf.de/beitrag?aID=2715892&title=Schutzlos-im-Fluechtlingsheim). Es gibt also genug andere wichtigere Themen als diese „Satire“. Als weiteres Beispiel führe ich noch die beunruhigenden und um sich greifenden Einbruchdiebstähle von kriminellen Banden an.

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