Korrespondent im Ausnahmezustand

Wie Sie sicher wissen, bin ich ziemlich aktiv auf Twitter. Das ist derzeit ein hartes Brot, weil ich so viele Trolle wie nie zuvor wegblocken oder stummschalten muss. Trolle, die mich beleidigen oder bedrohen. „Hey Putschist, wenn du sie so sehr vermisst, kann ich für dich einen Platz im Knast besorgen!“, schreibt ein Süleyman Şahin (auf Englisch), dem es missfällt, dass ich die Verhaftung von Journalisten kritisiere.

Am Tag der großen Kundgebung „für Demokratie und Märtyrer“ hier in Istanbul gelang es Hackern sogar, meinen Twitter-Account für ein paar Stunden lahmzulegen. Mithilfe eines Freundes habe ich ihn wieder online bekommen. Die gesteigerte Troll-Aktivität hat natürlich mit der Stimmung in der Türkei und bei den Deutschtürken seit dem gescheiterten Militärputsch zu tun. Seither herrscht zumindest auf Twitter ein noch harscherer Ton als zuvor. Die vielbeschworene gesellschaftliche Versöhnung in der Türkei hat die sozialen Medien unberührt gelassen.

Fotos FN, 2016-08-07, Istanbul-Taksim-Yenikapi-Demo 506
Großkundgebung für „Demokratie und Märyterer“ am 7. August in Istanbul-Yenikapı

Abgesehen von diesem Stress ist die Lage für ausländische Journalisten in der Türkei allgemein seit dem Putschversuch nicht eben einfacher geworden. Die Polizei achtet den offiziellen gelben Presseausweis nicht mehr so wie früher, bei Versammlungen muss man aufpassen, nicht als „Spion“ oder unerwünschter Ausländer beschimpft zu werden, neulich drohte mir jemand bei einer „Demokratiewache“ ohne ersichtlichen Grund Prügel an.

Misstrauen gegenüber Ausländern

Die Entwicklung hatte allerdings schon vor dem 15. Juli eingesetzt. Einige Kollegen haben deshalb bereits das Handtuch geworfen und die Türkei verlassen; der Kreis der Korrespondenten wird überschaubarer. War meine Adresse in Istanbul früher ein Anlass für Neidgefühle, so bekomme ich jetzt Anrufe oder E-mails, wie lange ich denn noch bleiben möchte. „Wir machen uns Sorgen um Dich“, schreibt ein Freund.

Ich schaue öfter als früher über die Schulter, ob jemand hinter mir her ist. Ich frage mich öfter, ob beim Telefonieren gerade jemand mithört. Man kann es trotzdem nicht oft genug sagen: Es gibt ein normales Leben im Ausnahmezustand – mit Arbeiten, Ausgehen, Essen, Tanzen, Lachen. Sonst wäre es ja gar nicht auszuhalten.

In meinen ersten Jahren hier war es noch ein ausgesprochener Vorzug, ein deutscher Journalist zu sein. Das hat sich aber spätestens seit der Armenien-Resolution des Bundestages verändert. Das Klima ist rauer geworden. Viele Leute in der Türkei glauben, dass wir Korrespondenten kein faires Bild der Lage zeichnen (diesen Vorwurf erheben die regierungsnahen Medien stereotyp und täglich), dass wir die Türkei und Erdoğan herabsetzen und verleumden – was mir und allen Kollegen, die ich gut kenne, absolut fernliegt. Leider wird in der Türkei Kritik oft mit übler Nachrede gleichgesetzt oder verwechselt.

Die türkische Gesellschaft ist ohnehin in ihrer Masse mit einem gewissen Misstrauen gegenüber Ausländern ausgestattet, aber jetzt laufen so viele Verschwörungstheorien um, dass einem Angst und Bange werden kann. Die regierungsnahen Zeitungen hetzen gegen die USA, gegen Israel und zunehmend auch gegen die Mitgliedsländer der EU. Die EU wird plötzlich als „Quelle der Bedrohung“ bezeichnet. Europa habe seit dem Putschversuch „eine beschämende Position eingenommen und sich bemüht, die Türkei zu destabilisieren, ja sogar aufzulösen“, schreibt die besonders regierungsnahe Yeni Şafak. Das ist maßlos und offensichtlicher Unsinn.

Verständlicher Groll

Ein gewisser Groll ist gleichwohl verständlich, da die westlichen Regierungen es bis heute nicht fertigbrachten, nach dem blutigen Putschversuch, bei dem mehr als 240 Menschen ihr Leben verloren und das türkische Parlament von sieben Bomben getroffen wurde, wenigstens einen hochrangigen Politiker nach Ankara zu schicken. Eine solche Geste der Solidarität hätte nichts gekostet, aber enorme Sympathien eingebracht – und hätte dem Westen eine ganz andere moralische Autorität bei der Kritik der „Säuberungen“ und der Folter von Häftlingen verschafft. Leider sind unsere Regierungen derzeit mit Blindheit, strategischer Schwäche und leider auch Dummheit geschlagen.

Nicht zuletzt die Korrespondenten in der Türkei müssen das ausbaden. Bei AKP-Politikern stoßen wir beispielsweise auf großes Unverständnis, wenn wir uns gegen die Inhaftierung Dutzender türkischer Journalisten aussprechen – für sie sind sie mutmaßliche Terroristen. Auf der Straße wirft man uns vor, die Größe der Türkei nicht zu akzeptieren und sie zerstören zu wollen – dabei geht es um die Einhaltung der Menschenrechte. Vor wenigen Tagen wurde eine spanische Kollegin, der offenbar eine Nähe zu Gülen-Medien unterstellt wurde, festgenommen und abgeschoben; sie hatte zwar offenbar keine offizielle Akkreditierung, aber das spielte früher in der Türkei auch keine große Rolle. Die Kollegen vom ZDF sind neulich schon mal bei Dreharbeiten behindert worden. Noch sind das zum Glück anekdotische Einzelfälle.

Das Problem bei der täglichen Arbeit ist ein anderes. Die türkische Gesellschaft ist derzeit nicht ohne Grund von Angst durchzogen. Oppositions- wie Regierungsanhänger scheuen sich, mit Journalisten zu reden und sie scheuen sich noch viel mehr, ihren Namen zu nennen. Obwohl Zehntausende von den „Säuberungen“ betroffen sind, ist es mir bisher nicht gelungen, ganz normale Bürger, die suspendiert wurden, zu einem Gespräch darüber zu bewegen.

Nicht einmal Angehörige von Folteropfern, die ein Interesse daran hätten, die Fälle öffentlich zu machen, mögen mit der ausländischen Presse reden. Diese Zurückhaltung hat natürlich Auswirkungen auf die Qualität und Glaubwürdigkeit der Berichte. Ich hasse es, dass ich jetzt in jedem Text darauf hinweisen muss, dass Gesprächspartner ihren „wahren Namen nicht genannt haben möchten“. Es spricht allerdings auch nicht gerade für den Zustand der türkischen Demokratie.

Extreme Agenda

Extrem ärgerlich und unfair finde ich es aber, dass selbst im Fall, dass ein Regierungskritiker den Mut hat, sich offen zu äußern, Leute auf Twitter behaupten, man könne den Aussagen nicht trauen, da weder der Interviewte frei reden noch ich frei berichten könne (so geschehen als Reaktion auf mein Interview mit dem türkischen Journalisten und Buchautor Ahmet Şik).

Natürlich sind die Arbeitsbedingungen mitunter schwierig, natürlich unterliegen ausländische Korrespondenten besonderer Beobachtung durch den Staat, und natürlich muss man Vorsicht walten lassen beim Umgang mit Informanten und Gesprächspartnern. Aber anders als die türkischen Journalisten, die wieder im ausweglosen Kreislauf von Repression, Propaganda und Selbstzensur gefangen sind, können wir noch berichten, was ist. Anders als etwa in Ägypten müssen wir in der Türkei auch nicht um Leib und Leben fürchten.

Es gibt sogar eine Verbesserung gegenüber früher: Die AKP ist offener geworden, es ist einfacher, Termine mit AKP- und Regierungspolitikern zu bekommen. Vor dem Putschversuch war das fast unmöglich. Jetzt hat die Regierungspartei offenbar eingesehen, dass ein wenig Kommunikation ihrem Image und dem der Türkei nicht schaden kann. Erdoğan gibt den ausländischen Medien derzeit so viele Interviews wie wohl noch nie in seinem Leben.

Das Hauptproblem für journalistische Einzelkämpfer in der Türkei ist derzeit eines, das Kollegen in anderen Weltgegenden gern hätten: Die tägliche Agenda in der Türkei ist extrem divers. Hier passiert schon in „normalen“ Zeiten gefühlt dreimal so viel wie in Deutschland, und in diesem Jahr hat sich selbst dieses Extrem noch einmal exponentiell gesteigert. Als Korrespondent fühle ich mich oft wie Sisiphos. Man schafft es nie, das Geschehen auch nur annähernd abzubilden. Das einzige, was mir möglich scheint, sind kleine Augenblicksblitze zu senden aus einer schier unüberschaubaren Realitätsfülle – und zu hoffen, dass die geneigten Leser sich aus dieser und vielen anderen Quellen ein Bild zusammensetzen können, das der komplexen Wirklichkeit in der Türkei nahe kommt.

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Und hier ein Kommentar, den ich in der vergangenen Woche angesichts des Russland-Besuchs von Staatspräsident Erdoğan in Russland geschrieben habe (veröffentlicht in der Berliner Zeitung). Darin befasse ich mich auch mit der kläglichen Reaktion der EU-Staaten auf den versuchten Staatsstreich in der Türkei:

Erdoğans Suche nach einem Freund in Russland

Der Staatsbesuch des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan bei seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin in St. Petersburg soll nicht nur das Ende der Eiszeit besiegeln, das zwischen den beiden Staaten seit dem Abschuss des russischen Kampfjets durch die Türken im vergangenen November herrscht. Erdoğans erste Auslandsreise nach dem gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli ist auch ein Zeichen der tiefen Entfremdung der Türkei vom Westen und ein übergroßes Warnsignal für die Europäische Union, die sich im Umgang mit dem schwierigen Partner am Bosporus nach dem versuchten Staatsstreich wieder einmal kein Ruhmesblatt erworben hat.

Zu Recht versteht niemand in der Türkei, warum bis heute kein einziger westlicher Spitzenpolitiker nach Ankara gekommen ist, um die Regierung und die Bürger der Türkei ihrer Solidarität gegen die Putschisten zu versichern, während Putin sofort seine Unterstützung signalisierte. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise reiste die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in sieben Monaten viermal in die Türkei, nach dem blutigen Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung ließ sie es bei Kondolenzfloskeln bewenden. Erst drei Wochen nach dem Putsch bemühte sich am Montag mit dem Außenamts-Staatssekretär Markus Ederer erstmals ein Vertreter der Bundesregierung nach Ankara – viel zu spät, viel zu niedriger Rang. Die Türkei hatte mindestens Außenminister Steinmeier erwartet. Sie fühlt sich schlicht im Stich gelassen.

Gesten sind eine wichtige Währung in der Politik. Natürlich sind die Massenverhaftungen und mutmaßlichen Menschenrechtsverletzungen verstörend, doch um wie viel glaubhafter könnte der Westen sie kritisieren, wenn er seine Solidarität für die türkische Demokratie und ihre mutigen Demokraten sofort und unmissverständlich bekundet hätte. Jetzt haben nicht nur Anhänger der Regierung das Gefühl, dass vom Westen nichts Gutes mehr zu erwarten ist. Es verwundert dann nicht, dass Erdoğan sich nun andere Freunde sucht. Es ist höchste Zeit gegenzusteuern, denn die EU braucht die Türkei – nicht nur als Torwächter im Flüchtlingsdrama, sondern als Riegel der Stabilität gegen das Chaos des Nahen Ostens.

Foto: Frank Nordhausen

Sie können mir auf Twitter folgen: @NordhausenFrank

20 Gedanken zu „Korrespondent im Ausnahmezustand

  1. Zitat: „Leider wird in der Türkei Kritik oft mit übler Nachrede gleichgesetzt oder verwechselt.“
    Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Deine Türkei-Artikel strotzen nur so von übler Nachrede.

    Unterlasse bitte einfach deine Versuche, die türkische Gesellschaft zu spalten und hör auf mit deinem pathologischem Erdogan-Bashing. Danke.

    • PS: Wobei ich sagen muss, dass obiger Artikel noch „einigermaßen“ Objektiv ist. Eben ein erster Schritt. Danke dafür, Frank.

      • Wobei ich sagen muss, dass ich mich freuen würde, wenn Sie mich in Zukunft siezen, schließlich kennen wir uns nicht. Ist vielleicht altmodisch, aber ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste 🙂

        • Einfach öfters mal etwas respektvoller über Erdogan und die türkische Bevölkerungsmehrheit berichten, dann klappt das meinetwegen auch mit dem „Sie“.

    • @Severim

      Für die türkische Gesellschaftsspaltung hat schon jemand „anders“, der Hobbydemokrat, dafür gesorgt.

      Die „er“ mit seinen Handlungen, Schauspielkünsten, nach dem Putschversuch versucht wieder zu Recht zu rücken.

    • Naja, da überschätzen Sie die Möglichkeiten der Medien. Nicht einmal wenn ich es wollte, könnte ich die türkische Gesellschaft spalten. Mal abgesehen davon, dass nur ein paar Hanseln hier in der Türkei meine Artikel lesen (können). Im Übrigen sorgt für die Spaltung der Gesellschaft in der Türkei nahezu perfekt schon der große, starke, immer dröhnend daherredende Herr, den man hier den „Boss“ nennt. FN

      • Ich fürchte, die Möglichkeiten der Medien kann man gar nicht überschätzen, es heisst schließlich nicht umsonst, die Feder ist schärfer als das Schwert.
        Mit dieser Macht sollte man verantwortlich umgehen und nicht so, wie es in Deutschland läuft:
        https://m.youtube.com/watch?v=wSQAx-xyJ3A
        Sonst darf man sich nicht wundern, dass Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland brennen – und eben nicht in der Türkei!

        • Es freut mich ja, dass Sie den Medien so viel Macht zumessen, allein mir fehlt der Glaube. Ein simples Beispiel: Was meinen Sie, wie oft ich geschrieben habe, dass die meisten syrischen Flüchtlinge in der Türkei NICHT in Lagern leben, sondern nur etwa zehn Prozent von ihnen? Wenn ich dann in Deutschland bin und mit Freunden rede, glauben das nach wie vor die allermeisten, und selbst Zeitungsredakteure, die es nun wirklich langsam wissen müssten, reden von den „Flüchtlingen in den Lagern“ (natürlich nicht bei der Berliner Zeitung!). Und das ist nur EIN Beispiel. Ich bin seit bald 30 Jahren Journalist, da verliert man einige Illusionen. FN

          • Gerade als Deutscher sollte man die Macht und die damit einhergehende Verantwortung der Medien nicht leugnen, es hiesse, die Lehren aus dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte (Stürmer, Völkischer Beobachter) zu vergessen.
            Und wer diese Lehren aus der Vergangenheit vergisst, der Gerät in Gefahr, diese zu wiederholen.

          • Da sind Sie bei mir an der falschen Adresse, mein Leben lang habe ich mich kritisch mit dem Nationalsozialismus und Faschismus befasst. Aber mal ehrlich, Hetzblätter wie in der Türkei (Yeni Akit, Yeni Safak, Yeni Söz, Sözcü und wie sie alle heißen) wären in Deutschland längst verboten. Und weiter: „Armenier“ als Schimpfwort; der grassierende Antisemitismus; Verschwörungstheorien, wohin man blickt; Ruf nach der Todesstrafe – man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Das schlägt mir als Deutscher allerdings schwer auf den Magen und ist nur auszuhalten, weil es auch noch eine „andere Türkei“ gibt. Meine Meinung. FN

  2. Armenier als Schimpfwort? Nein, andere Völker als Schimpfwort zu benutzen ist eine deutsche Projektion, die Türken gingen zu Hunderttausenden auf die Strassen mit Schildern, auf denen stand: „Wir alle sind Armenier, wir alle sind Hrant Dink“.
    Sowas wäre in Deutschland unvorstellbar, da gibt es das „schöne“ deutsche Wort „Rassenstolz“. Wegen falscher Freunde wie „Sie“ hat sich bereits 1982 Artin Penik verbrannt, Freunde, die vorgeben, auf der Seite der richtigen Türken zu stehen, in Wirklichkeit aber das Volk spalten wollen.

    • Hallo Herr Severim (wäre übrigens fair, wenn Sie nicht unter Pseudonym schreiben würden, das tue ich schließlich auch nicht), es gibt unzählige Beispiele für die Verwendung des Wortes Armenier als Schimpfwort durch AKP- und andere Politiker, ich nenne gleich ein paar aktuelle Beispiele. Übrigens sind die Hunderttausenden, die für Hrant Dink auf die Straße gingen, andere als jene, die jetzt meistens zu sehen sind. Und hören Sie bitte mit der unsinnigen Behauptung auf, ich wolle das türkische Volk spalten.
      Zu den Armeniern nur ein paar Beispiele.
      Bei der Großkundgebung am 7. August in Yenikapi saßen die Patriarchen der griechisch-orthodoxen und der armenisch-orthodoxen Kirchen direkt vor der Rednertribüne. Trotzdem bezeichnete der Chef der MHP, Devlet Bahceli, die Putschisten als „Saat der byzantinischen und armenischen Banden“. – Im August 2014 sagte Erdogan im türkischen Fernsehen: “Man hat mich einen Georgier genannt. Ich entschuldige mich dafür, aber sie sagten sogar noch etwas Schlimmeres: Sie nannten mich einen Armenier. Aber ich bin ein Türke.“ – 2015 verklagte der Bürgermeister von Ankara, Melih Gökçek, den Journalisten Hayko Bağdat, weil er ihn „Armenier“ genannt hatte. Das sei „eine Beleidigung und Verleumdung“. –
      Brauchen Sie noch mehr Beispiele? Der Rassismus gegenüber Armeniern ist in der Türkei tief verwurzelt, können Sie jeden Armenier hier fragen. Ein seltsamer „Rassenstolz“. ´FN

      • Und woher stammen diese Informationen? Aus der BILD-Zeitung?
        Nein, meinen Namen werde ich nicht nennen, denn ich lebe in einem Land, in welchem der Verfassungsschutz eine Untergrundorganisation namens NSU dafür bezahlt hat, Türken zu töten. Bezahlt mit Steuergeldern, die dieser Staat von eben diesen Getöteten kassiert hat. Dennoch ist deutschen Journalisten weiterhin eher Erdogan ein Dorn im Auge. Das Hetzen haben deutsche Journalisten nicht verlernt.

        • Nun machen Sie mal halblang. Man kann sich auch nicht ewig hinter dem schrecklichen Versagen des Staates (in Sachen NSU) verstecken. Ich bin gegenüber allen Leuten misstrauisch, die sich hinter der Anonymität im Netz verstecken. – Die Informationen sind übrigens alle frei zugänglich und aktenkundig (TV-Aufzeichnung bzw. Prozessakten). Googeln Sie mal. Im Übrigen war ich selbst auf der Großkundgebung am 7. Juli und habe Herrn Bahceli gehört und auch Herrn Yildirim, der von „Kreuzfahreren“ sprach – wie sich die christlichen Patriarchen da wohl gefühlt haben? – Ich habe hier mit vielen Armeniern zu tun, die haben momentan alle Angst. Alle. Aber das kann man sich in Deutschland vielleicht nicht vorstellen. FN

  3. Die türkische Demokratie, die sich am 15. Juli als so wehrhaft erwiesen hat und in welchem kürzlich die Zivilgesellschaft erfolgreich einen Militärputsch verhindert hat, wird in den westlichen Medien dafür kritisiert, Erdogan hervorgebracht zu haben. Ihm wirft man Unterdrückung der Meinungs- und Pressefreiheit vor, ebenso sein Vorgehen gegen die Opposition.

    Fairerweise ist der deutschen Öffentlichkeit zugute zu halten, dass sie kein Türkisch versteht und daher auf Informationen aus zweiter Hand angewiesen ist. Ich hingegen verstehe Türkisch und kann Erdogans Reden zuhören. Die Schlagzeilen, welche nach Erdogans Reden die deutschen Nachrichten beherrschen, lösen bei mir Kopfschütteln aus.

    Ein Beispiel waren die Schlagzeilen, Erdogan hätte sich in seiner Kölner Rede gegen eine Integration der Türken in Deutschland ausgesprochen. Erst nach einer Weile war im Internet der Wortlaut seiner inkriminierten Rede abrufbar. Für jeden ist nun ersichtlich, dass er sich sehr wohl für Integration aussprach.

    Aber da war es schon zu spät, denn während sich die Wahrheit noch die Stiefel anzieht, läuft die Lüge bereits 7 mal um die Welt. Und so behaupten deutsche Politiker bis zum heutigen Tage, Erdogan hätte sich gegen Integration ausgesprochen und würde es noch weiterhin tun.

    Hier der Link zum Wortlaut zu seiner in den deutschen Medien skandalisierten Rede:

    http://www.sueddeutsche.de/politik/erdogan-rede-in-koeln-im-wortlaut-assimilation-ist-ein-verbrechen-gegen-die-menschlichkeit-1.293718

    Zitate daraus: „Sie können sich im heutigen Deutschland, in Europa von heute, in der heutigen Welt, nicht mehr als „der Andere“, als derjenige, der nur vorübergehend hier ist, betrachten, Sie dürfen sich nicht so betrachten.“

    Und er kritisiert seine Landleute auch: „Schauen Sie, viele unserer Kinder hier lernen im frühen Alter keine Fremdsprachen. Diese Kinder werden mit Deutsch erst dann konfrontiert, wenn sie mit dem Schulbesuch beginnen. Und das führt dazu, dass diese Kinder im Vergleich zu den anderen Schülern, die Schullaufbahn mit einem Nachteil von 1 – 0 beginnen müssen. Doch würde es für Sie und für Ihre Kinder in jeder Hinsicht vorteilhaft sein, wenn Sie die Möglichkeiten maximal ausschöpfen, die das hiesige gute Schulsystem Ihnen bietet. Sie werden einen Beruf ausüben, Sie werden öffentliche Dienste in Anspruch nehmen. Wenn Sie die Sprache des jeweiligen Landes nicht beherrschen, nicht lernen, so fallen Sie unweigerlich in eine Situation der Benachteiligung.“

    Weiter sagt er: „Wenn Sie die Sprache des jeweiligen Landes nicht beherrschen, nicht lernen, so fallen Sie unweigerlich in eine Situation der Benachteiligung.“

    Zusammengefasst kann man also sagen, er spricht sich sehr wohl für Spracherwerb und Integration aus. Aber das sind alte Kamellen, gegenwärtig wird Erdogan wegen seiner Reaktion nach dem Putschversuch kritisiert. Eine Kritik, die nur von Menschen kommen kann, die in ihrem Elfenbeinturm sitzen, ob sich dieser nun im Bistro „Kitchenette“ im Marmara-Hotel oder sonst wo befindet. Den Bezug zur Realität, zu den Menschen auf der Strasse haben diese Kritiker längst veroren – wenn sie ihn denn je hatten.

  4. Hallo Herr Nordhausen,

    ich bin Deutsch-Türke und war bis nach dem Putschversuch großer Erdogan-Kritiker. Jetzt beäuge ich ihn immer noch kritisch, aber nicht mehr so wie zuvor und habe sogar kleines bisschen Hoffnung, dass wir die Kritiker in ihm vielleicht getäuscht haben.
    Ich habe sogar den Putsch bis einpaar Tage danach für eine Inszenierung Erdogans gehalten. Ich habe vor dem Putschversuch meine Informationen über die Türkei nur aus den deutschen Medien bezogen. Nach dem Putschversuch haben mir aber die Informationen in den deutschen Medien nicht ausgereicht, ich war extrem neugierig und ich habe angefangen türkische Medien zu lesen/schauen (Cumhuriyet & CNN Türk). Irgendwann bin ich auf Youtube auf eine fast sechs Stunden lange Aufzeichnung mit der damaligen rechten Hand von Gülen gestoßen (Nurettin Veren) und habe daraufhin erstmals das wirkliche das Ausmaß und die Gefahr der Gülen-Bewegung erkannt. Ich war regelrecht schockiert und habe paar Tage gebraucht um die ganzen Infos einzuordnen. Herr Veren hat quasi mit Gülen die ganze Bewegung 35 Jahre lange aufgebaut. Sie waren sich so nahe, dass Gülen allen seinen sechs Kindern ihre Namen geben wollte und auch durfte. Vorher war ich immer der Meinung, dass Erdogan die Gülen-Bewegung nur dämonisiert, um sie wegen Machtfragen auszulöschen. Ich wusste aber ehrlich gesagt vor dem Putsch auch nicht so wirklich etwas über die Gülen-Bewegung, nur das was man halt in den deutschen Medien sieht/liest. Auch in der Türkei haben aber viele die Warner vor der Gülen-Bewegung für Verschwörungstheoretiker gehalten.

    Ich bezweifele mal, dass sie kein Türkisch können und dementsprechend auch noch wenig bis gar nichts über den Herren Veren wissen. Aber vielleicht finden sie irgendjemanden der bereit ist 5 Stunden 38 Minuten live zu übersetzen: https://www.youtube.com/watch?v=zj4jPurjdK8

    Ich halte Herrn Veren für sehr glaubwürdig und er hat auch genug Belege in Papierform, die seine Behauptungen untermauern.

    Ich habe das Gefühl, dass die deutschen Korrespondent in der Türkei ohne Sprachkenntnisse gar nicht das Ausmaß der Gülen-Bewegung begriffen haben und dementsprechend in ihrer Berichterstattung so krass vom Meinungsbild der Türken abweichen. Für die Türken geht Erdogan so hart gegen Polizisten, Richter und Staatsanwälte vor, weil hinter jedem quasi ein Gülenist stecken könnte und wenn man sich die Story von Herr Veren anhört, scheint das eine berechtigte Angst zu sein. In den deutschen Medien wird aber das Bild vermittelt, dass Erdogan nur ihm kritisch stehende Polizisten, Richter und Staatsanwälte entlässt. Das ist jedenfalls das Bild, welches mir von den deutschen Medien vermittelt wurde, bis ich angefangen habe auch türkische Quelle zu lesen. Und ich kann verstehen, dass sie das wohlmöglich so sehen, wenn man das Ausmaß der Infiltrierung durch die Gülen-Bewegung noch nicht begriffen hat.

    Die Gülenisten haben nicht nur Herr Ahmet Sik verhaften lassen, sondern eine ganze Reihe weiterer Journalisten, die über die Bewegung berichtet oder ihr gegenüber kritisch gegenüber standen. Herr Veren z.B. behauptet, dass er in den Jahren zwischen 2003-2014 oft versucht hat mit Journalisten über das Thema Gülen zu sprechen und keiner etwas veröffentlichen wollte. Ein TV-Sender habe sogar eine Reportage mit ihm gemacht und es danach nicht ausstrahlen dürfen. Im Jahre 2006 kam er dann doch mal bei Kanaltürk auf Sendung, paar Tage später gab es eine Razzia bei dem TV-Sender und der Sender musste letztendlich an die Gülen nahe Ipek-Holding verkauft werden: http://odatv.com/fethullah-gulene-bir-zamanlar-en-yakin-isim-kanalturke-el-koyma-operasyonunu-yazdi-1008161200.html

    Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn deutsche Korrespondenten ihre eigenen Recherchen zum Thema Gülen machen würde, denn diese Organisation hat allem Anschein nach auch hier in Deutschland begonnen die Politik zu infiltrieren: http://www.mdr.de/exakt/guelen106-downloadFile.pdf

    • Liebe Blogleserinnen und -leser, ich freue mich über (fast) jede Zuschrift, aber solche langen Texte lasse ich in Zukunft nicht mehr zu. Hier mache ich noch eine Ausnahme, aber fassen Sie sich bitte in Zukunft kurz. Im Interesse aller Leser. FN

    • Also lieber Cihan, bevor einem Journalisten solche Vorwürfe gemacht werden, sollte schon zuerst einmal selbst mehr Wille zu unabhängiger Recherche erkennbar gemacht werden, als sich neben Hörensagen einer über fünfstündigen Aufzeichnung von CNN Türk auf einer für Fälschungen bekannten Videoplattform zu bedienen, die anscheinend so neutral auch nicht ist:
      https://en.wikipedia.org/wiki/CNN_T%C3%BCrk#Controversy

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