Istanbul und Aleppo I

Der September ist wahrscheinlich der schönste Monat in Istanbul. Endlich ist die brütende Sommerhitze verflogen, aber noch sind die Temperaturen höchst angenehm (heute um 27 Grad), selbst abends kann man noch im T-Shirt draußen sitzen. Drinnen muss ich den Ventilator nicht mehr anstellen, und die Mücken sind auch schon träge geworden. Ich glaube, ich würde den September als Reisemonat empfehlen, falls jemand einen Rat wünscht.

In diesem Blog soll sich zwar alles um Istanbul drehen, aber ich gehe davon aus, dass die geschätzten Leser/innen sich auch für die Welt drum herum interessieren. Wie ich letztens erwähnt habe, war ich zehn Tage in Syrien, davon vier Tage in der umkämpften Stadt Aleppo und habe dort versucht, möglichst viel wahrzunehmen und möglichst viele Informationen einzusammeln. Es wird ja immer geschrieben, dass wegen der restriktiven Einreisepolitik der syrischen Regierung für Journalisten viele Nachrichten aus dem Land nicht nachprüfbar seien. Das war genau mein Ansatzpunkt. Ich wollte Nachrichten überprüfen und Unbekanntes ans Licht holen. Im Übrigen war Aleppo im Osmanischen Reich die drittwichtigste Stadt nach Istanbul und Kairo.

Was einige Fakten und Ereignisse angeht, habe ich mir während meines Syrien-Aufenthaltes einen guten Über- und Einblick verschaffen können. Nach zahllosen Gesprächen mit Rebellen der Freien Syrischen Armee und dem eigenen Augenschein kann ich zum Beispiel feststellen, dass die Aufständischen zumindest im Bereich nördlich von Aleppo so gut wie keine Waffen oder Munition von außen als Unterstützung geliefert bekommen. Sie kaufen sich fast alles selbst und veräußern dafür inzwischen oft schon den Goldschmuck ihrer Ehefrauen – die traditionelle Sparreserve der Familien im Orient. Wenn einmal ein sympathisierender syrischer oder syrisch-amerikanischer Geschäftsmann eine Ladung Waffen finanziert, feiern sie das wie wir Weihnachten. Die türkischen Grenzposten drücken beim Waffenschmuggel beide Augen zu – aber konkrete Waffenhilfe des türkischen Staates, das haben mir FSA-Kommandeure berichtet, gebe es bisher ebenso wenig wie von anderen Staaten. Sie waren durchweg sehr unzufrieden damit. „Es gibt nur leeres Gerede“, sagte der FSA-Kommandeur Abu Ibrahim aus Azaz über die angebliche Waffenhilfe.

Ich möchte einige meiner Syrien-Artikel Ihnen hier im Blog zugänglich machen und fange an mit einer Reportage über die Kurdenviertel in Aleppo. Sie erschien in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau am 15. September (hier leicht erweitert).

Zwischen den Fronten

Die kurdischen Viertel der syrischen Stadt Aleppo sind bislang von den Kämpfen verschont geblieben. Aber jetzt bricht auch dort die blutige Wirklichkeit herein. Ein Kriegsbericht.

Walid Risho ist mit einer Gruppe von Nachbarn noch einmal auf das Dach des dreistöckigen Neubaus im Stadtbezirk Sheikh Maksoud in Aleppo gestiegen. Ein zwei Meter großes Loch klafft in der Betondecke, wo die Granate einschlug; Armierungseisen ragen grotesk verrenkt in die Luft, zwischen den überall verteilten Trümmern kann man Stahlstücke des Panzergeschosses finden. Es ist ein Uhr mittags, glühend heiß, und von hier oben lässt sich die wuchernde, chaotische Dachlandschaft der größten Stadt Syriens bis über das Stadtzentrum hinaus überschauen, denn Sheikh Maksoud liegt auf einem Hügel im Norden der Metropole. Hier leben fast ausschließlich Kurden, die sich bisher im Bürgerkrieg neutral verhalten.


Die Granate tötete am 6. September auf dem Dach dieses Hauses in Sheikh Maksoud acht Menschen und verwundete eine Frau schwer.

Von Weitem hört man Gewehrfeuer und die Einschläge der Mörsergranaten, die wie Donnerschläge bei einem Sommergewitter klingen. Über dem Osten der Stadt, den die Freie Syrische Armee (FSA) beherrscht, steigen weiße, graue, schwarze Rauchsäulen in den Himmel. Plötzlich deuten die Männer nach oben. „MiG“, rufen sie. Ein winzig wirkendes Kampfflugzeug ist wie aus dem Nichts im blauen Himmel aufgetaucht und fliegt elegant aussehende Kurven, bis es in den Sinkflug übergeht und die erste Bombe fallen lässt. Ein gewaltiger Knall fegt über die Häuser. Wenig später steigt eine schwarze Wolke aus dem Kleineleuteviertel Bustan al-Bashaa, das neben Sheikh Maksoud liegt.


Die Wucht der Explosion riss die Außenwand der Wohnung im dritten Stock weg; glücklicherweise waren die Bewohner nicht da. Im Hintergrund Rauch von einem Bombenabwurf über dem Viertel Bustan al-Bashaa.

„Was haben wir getan, um so gestraft zu werden?“

Der Jet dreht eine weitere Runde und lädt seine todbringende Fracht nun über den weiter südlich gelegenen Stadtteilen Arkoub und Hanana ab, die bisher weitgehend unzerstört sind. Alle drei Quartiere haben die FSA-Rebellen im Lauf der letzten zwei Wochen erobert. Damit kontrollieren sie jetzt nicht mehr nur den sunnitischen Osten und Süden der Viermillionenmetropole, sondern auch zentrale gemischt-religiöse und gemischt-ethnische Stadtviertel, in denen Araber, Kurden und Armenier zusammen leben. Wieder dringt der tiefe Bass einer Explosion durch die Körper der Menschen. „Besser, wir gehen runter vom Dach“, sagt der 32-jährige Kramladenbesitzer Walid Risho. „Wer weiß, sonst nimmt der Pilot uns noch ins Visier.“

Im unverputzten Treppenhaus des dreistöckigen Neubaus sind auf den Stufen und Wänden noch die Spuren des Bluts der Toten zu sehen, die die Menschen hier am Donnerstag vor einer Woche nach unten getragen haben. Es dunkelte schon, als die Granate einschlug. „Die Nachbarn saßen wie immer zusammen auf dem Dach und tranken Tee, weil es oben am Abend kühler ist“, erzählt Walid Risho von dem Tag, der das Leben in den Kurdenvierteln von Aleppo noch schwerer gemacht hat. „Dann kamen die Granaten. Die erste streifte ein Nebenhaus und richtete kaum Schaden an. Die zweite krachte genau auf den Platz, wo die neun Nachbarn saßen.“ Acht Menschen, drei Männer, drei Frauen und zwei Kinder, waren sofort tot. Eine weitere Frau liegt noch mit schweren Verletzungen im Krankenhaus.

Im obersten, dem dritten Stockwerk herrscht Verwüstung, die Familie, die hier wohnte, hat ihre wenigen Habseligkeiten in einer Ecke aufgeschichtet. Durch das Loch in der Decke sieht man den Himmel. „Die Leute waren zum Glück nicht da“, sagt Walid Risho. Eine Treppe tiefer steht der Tagelöhner Ibrahim Ali, 34, in seinem Wohnzimmer vor seinem wertvollsten Besitz, der Schrankwand mit Fernseher und Satellitenempfänger, und wirkt jetzt, Tage nach der Katastrophe, noch immer verstört. „Was haben wir getan, um so gestraft zu werden?“, fragt er.

Er stand auf der engen, von zwei- und dreistöckigen Häusern gesäumten Straße, die im Süden des labyrinthischen Armenviertels Sheikh Maksoud liegt, als das Inferno begann. Im Abstand von einigen Minuten feuerte ein Panzer der Regierungsarmee fünf Granaten auf ein Areal von etwa fünfzig Quadratmetern ab – in eine Gegend, von der die Anwohner sagen, dass es hier noch nie Kämpfe, nicht einmal Bewaffnete gab.


Der Tagelöhner Ibrahim Ali (links; vor der Schrankwand in seinem Wohnzimmer). Sein Nachbar Sardar Abdelhanan hilft ihm finanziell über die Runden.


Der Einzelhändler Walid Risho, der seinen Kramladen im Haus gegenüber betreibt, hat die tragischen Ereignisse als Augenzeuge miterlebt.

Das alte Leben war ärmlich, aber sicher

Wie immer war die Gasse stark belebt, Männer und Frauen saßen vor ihren Häusern und tranken Tee, Kinder spielten. Auch Ibrahim Alis Kinder, der fünfjährige Dejuar, die fünfzehnjährige Hanifa und die dreijährige Amina. Ali war im Gespräch mit zwei Freunden. Als die Granate ins Dach seines Wohnhauses krachte, breitete er die Arme schützend über seine Kinder aus und brachte sie in eine Nische zwischen den Häusern. Dann hastete er los, um nach seiner Frau zu sehen. In Panik nahm er aber den falschen Hauseingang und betrat das ähnlich aussehende Nebengebäude.

Als er verwirrt und fast besinnungslos vor Angst wieder nach unten kam, traf eine weitere Granate ein Taxi, das gerade durch die Gasse fuhr; darin verbrannten vier Menschen. Das Geschoss zerstörte auch eine Starkstromleitung, Funken sprühten in der Dunkelheit, überall war Rauch, Menschen schrien. Ibrahim Alis Kinder standen direkt daneben. „Ich habe in dem Nebel nach meinen Kindern gesucht. Nachdem ich sie gefunden hatte, halfen mir Nachbarn in ein Auto und fuhren uns zum Krankenhaus. Im Arm hielt ich die kleine Amina“, berichtet der Tagelöhner mit tonloser Stimme. „Amina fühlte sich so feucht an. Erst nach einigen Minuten merkte ich, dass ihr Kopf fast völlig vom Rumpf abgetrennt war.“

Amina ist tot, Dejuar liegt mit einer schweren Kopfverletzung auf der Intensivstation eines Krankenhauses im benachbarten Kurdenviertel Al-Ashrafiya, die zierliche Hanifa ist wie durch ein Wunder nur leicht verletzt worden. Aber sie wirkt verschreckt, traumatisiert. „Sie kann nachts nicht mehr schlafen“, sagt Ibrahim Ali. Er schläft auch schlecht, wie wohl die meisten Menschen in Sheikh Maksoud und Al-Ashrafiya. „Wegen der Bomben. Ich bin nervös geworden“, sagt er. Er ist wie alle Nachbarn davon überzeugt, dass sein friedliches Viertel absichtlich beschossen wurde und insgesamt 22 unschuldige Menschen dafür getötet wurden. „Sie wollen uns in diesen Krieg hineinziehen“, sagt er. Wer? „Das Regime, es hat mir meine Tochter genommen. Aber auch die Freie Armee. Würden beide nicht aufeinander schießen, hätten wir unser altes Leben noch.“


Blick über die Dächer von Sheikh Maksoud

Das alte Leben, es war einfach und ärmlich, aber sicher. Es blieb auch sicher, als im Zentrum der Stadt erstmals auf Demonstranten geschossen wurde. Und im Grunde ist es hier, in Sheikh Maksoud, immer noch sicher. Die Läden haben geöffnet, die Menschen sitzen auf der Straße und unterhalten sich, die zahllosen Nähereien gehen ihrer Arbeit nach. In den beiden Kurdenvierteln mit ihren rund 600.000 Einwohnern hatten die sozialistische Kurdenpartei PYD, ein Ableger der verbotenen türkischen Arbeiterpartei PKK, und ihr neu gegründeter Demokratischer Volksrat (Tev Dem) bereits vor rund einem Jahr begonnen, sich auf den Ernstfall vorzubereiten.

Mit der Erfahrung von mehr als dreißig Jahren konspirativer Arbeit hat Tev Dem in wenigen Wochen eine parallele kurdische Selbstverwaltung auf die Beine gestellt. Ohnehin war die Regierung in Sheikh Maksoud und Al-Ashrafiya kaum vertreten, abgesehen von den Grundschulen und der Geheimdienstzentrale. „Als die Kämpfe in Aleppo begannen, haben wir das Regime freundlich gebeten, unser Gebiet zu verlassen. Und das hat es getan“, sagt der 43-jährige Tev-Dem-Funktionär Ghareb Heso im „Volkshaus“ in Sheikh Maksoud, einem zweistöckigen Gebäude, das der provisorischen Volksregierung seit dem Sommer 2011 erst als Zentrale und nun als Rathaus dient.

Die stolze Stadt wird zum apokalyptischen Alptraum

Ghareb Heso ist ein freundlicher Mann mit buschigem Schnurrbart, der unter einem riesigen Foto des in der Türkei inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan seine zahlreichen Komitees koordiniert, die das Leben in den kurdischen Stadtvierteln so normal wie möglich gestalten sollen. Es gibt Komitees für die Verteidigung, die Versorgung mit Mehl, die Betreuung von Flüchtlingen und vieles mehr. Wie Inseln der Ruhe liegen die zwei kurdischen Quartiere in einem Ozean der Gewalt.


Ghareb Heso vom kurdischen Demokratischen Volksrat (Tev Dem) in Sheikh Maksoud.

Nur eine einzige Hauptstraße führt nach Norden in die befreite kurdische Region um die Kleinstadt Afrin, doch kontrolliert das Regime dort noch einen Straßenabschnitt mit Checkpoints. Es wird auch von Banden berichtet, die Flüchtlinge ausrauben. „Die Leute, die Verwandte im Umland haben, sind jetzt weitgehend weg“, sagt Ghareb Heso. „Dafür kommen jeden Tag Flüchtlinge aus den umkämpften Stadtgebieten zu uns, die wir in den Schulen unterbringen und verpflegen.“ Tev Dem habe zwar rechtzeitig Vorräte an Grundnahrungsmitteln angelegt, doch spitze sich die Versorgungslage dramatisch zu. Bereits jetzt reiche das Brot nicht mehr aus für alle.

Der Tev-Dem-Führung in Aleppo macht auch die militärische Lage Sorgen. Die Kurden achten zwar auf strikte Neutralität, lassen bei Provokationen nicht zurückschießen, aber sie fürchten die Launen der Diktatorenclique in Damaskus. „Das Regime wird diesen Kampf verlieren“, sagt Ghareb Heso. „Die Frage ist nur, wen es noch mit sich in den Untergang reißt.“ Den Granatenangriff auf Sheikh Maksoud betrachtet er als Geste der Einschüchterung. „Baschar al-Assad sagt uns damit, wagt euch nicht zu weit vor.“

Deshalb hat Tev Dem die Rache sorgfältig dosiert. Sämtliche noch in Afrin verbliebenen Einrichtungen des Regimes wurden am vergangenen Sonnabend von bewaffneten Kurden umstellt und die Mitarbeiter aufgefordert, sich zu ergeben. Nur die Soldaten des Militärgeheimdienstes leisteten Widerstand, gaben nach zweistündigem Gefecht aber schließlich auf. „Auf diese Weise haben wir Afrin nun völlig befreit“, sagt Ghareb Heso mit dem Anflug eines Lächelns; die Geheimdienstmänner säßen im Gefängnis; es habe nur drei Verwundete gegeben. Als Antwort zerstörte ein Bomber am Dienstag ein beliebtes kurdisches Ausflugsrestaurant bei Afrin. Zwei Menschen ließen ihr Leben. Das sei furchtbar, sagt der Kurdenführer, aber noch halte man die Balance. Noch seien die Angriffe auf die Kurden nichts im Vergleich zu dem Inferno in den arabischen Vierteln von Aleppo.

Die schöne und stolze Stadt Aleppo, das wirtschaftliche Zentrum Syriens, hat sich in einen apokalyptischen Alptraum verwandelt. Sunnitische Quartiere wie Salaheddin oder Asamiya sind bereits weitgehend zerstört, Hunderttausende Einwohner sind geflohen, eine Autofahrt durch die Stadt ist ein Risiko, das täglich Menschenleben fordert. Auf den Dächern zerbombter Hochbauten lauern Scharfschützen des Regimes, die auf alles schießen, was sich bewegt, bis zu drei Kilometer weit. Kampfjets vom Typ MiG-16 fliegen Tag und Nacht Angriffe auf die Frontlinie, die vom Osten her inzwischen die historische Altstadt erreicht hat. Wenn es dunkelt, kommen die Hubschrauber und feuern Maschinengewehrgarben in die Häuserschluchten. Jeden Tag sterben hier unbeteiligte Zivilisten.

Auf der Intensivstation

Die Rebellen antworten mit einem Arsenal, das täglich besser wird, weil es den Rebellen immer wieder gelingt, gegnerische Posten und Lager zu überrennen, Waffen und Munition zu erbeuten. Doch sie verfügen bisher nicht über Raketen, um Hubschrauber und Bomber vom Himmel zu holen. Noch verschanzen sich die Regierungstruppen in der historischen Zitadelle aus dem 13. Jahrhundert und vor allem in den hochgesicherten Arealen um das moderne Stadtzentrum nordwestlich der Altstadt. „Wenn wir das Zentrum haben, haben wir Aleppo“, sagen Kämpfer der FSA. Denn dort konzentrieren sich alle wichtigen Einrichtungen des Regimes – Geheimdienstzentralen, Staatsbank, Behörden. Weiter im Westen liegen dann die wohlhabenderen Viertel der Stadt, die von den Kämpfen bisher unberührt blieben.

An der strategisch wichtigen Straßenkreuzung zwischen Al-Ashrafiya, Sheikh Maksoud, dem Christenviertel Al-Midan und dem bombardierten Bustan al-Bashaa haben die Kurden das Sagen. Die syrische Armee und die FSA haben ihre Sandsäcke in Blickweite aufgebaut, nur rund 500 Meter entfernt. „Wir sind hier, um unsere Leute im Viertel zu schützen“, erläutert Akram Damardash, ein 41-jähriger Schuster turkmenischer Herkunft. Er hat das Kommando über den kurdischen Posten, seine Kalaschnikow hat er selbst von einem Schmuggler erworben, für rund 1 800 Dollar. „Dafür habe ich meinen Fernseher und Goldschmuck meiner Frau verkauft“, sagt er.


Der Turkmene Akram Damardash

Alle seine Männer hätten sich ihre Waffen selbst besorgt, auch die Munition. Mit großen Betonbrocken haben Akram Damardash und seine Leute die Kreuzung so abgeriegelt, dass kein Auto durchbrechen kann. Hinter vier Sandsackstellungen achten junge, mit automatischen Gewehren bewaffnete Männer auf jede Bewegung. Die Männer arbeiten in zwei Schichten, auch Araber und Christen seien dabei. „Wir wollen nicht, dass hier bei uns geschossen wird.“ Zwischen den Fronten die Neutralität zu wahren, das ist ein Balanceakt, der bisher nur funktioniert, weil die Kurden sich in Aleppo zu keiner Gegenwehr provozieren lassen.


Beide Fotos: Kurdischer Checkpoint an der strategisch wichtigen Kreuzung zwischen den Kurdenvierteln Al-Ashrafiya und Sheikh Maksoud sowie dem christlichen Al-Midan und dem von der FSA eroberten Viertel Bustan al-Bashaa (in Blickrichtung geradeaus).

Für Ibrahim Ali, den Vater der getöteten Amina, bedeutet das keinen Trost. Jeden Tag geht er ins Krankenhaus in Ashrafiya, um nach seinem fünfjährigen Sohn Dejuar zu sehen, der dort auf der Intensivstation liegt. Das Krankenhaus verfügt über gute Geräte, aber über viel zu wenige Betten, es fehlen Antibiotika und vor allem Blut. Täglich müssen schwer verwundete Patienten aus den Kampfgebieten versorgt werden. Die Hälfte der Ärzte ist geflohen, die restlichen zehn arbeiten 16 Stunden am Tag. „Wir brauchen Chirurgen“, sagt der junge Anästhesiearzt Hawar Jafar. „Vor allem aber benötigen wir Blut, egal welche Blutgruppe. Unsere Reserven gehen zu Ende.“


Die Intensivstation des Krankenhauses in Ashrafiya. Rechts im Bett der vom Granatsplitter schwer verwundete fünfjährige Dejuar Ali, neben ihm seine Schwester Hanifa. Vorne rechts der Vater Ibrahim Ali. Im Bett links liegt ein Mann, der in Bustan al-Bashaa von einer Gewehrkugel in die Brust getroffen wurde. Bild unten: Dejuar Ali.

Dann geleitet der Arzt Ibrahim Ali in die Intensivstation, wo der kleine Dejuar neben einem schwer verletzten kurdischen Zivilist aus Bustan al-Bashaa liegt. Dejuars Haut wirkt fast durchsichtig, er hängt an verschiedenen Maschinen, Schläuche führen in seine Arme, Sonden registrieren seine Lebenssignale. Wenn er atmet, gibt er ein leises Röcheln von sich. „Ich hoffe, dass er durchkommt“, sagt Ibrahim Ali mit weit aufgerissenen Augen. Dann müssen alle wieder das Zimmer verlassen. Von draußen dröhnt der Knall einer Bombe. Der freundliche Anästhesiearzt sagt leise beim Abschied: „Der Junge wird es wohl nicht schaffen.“


Der Autor (zweiter von links) bei einem Besuch der Redaktion der Wochenzeitung Ronahi in Sheikh Maksoud mit kurdischen Journalisten.