Der letzte Sender

Es war der zweite schwere Schlag gegen kritische Medien nach dem gescheiterten Putsch, er erfolgte vor drei Wochen und traf diesmal die linken, kurdischen und alevitischen Spartensender, von denen sich einige zu respektablen, Türkei-weit beliebten Fernseh- oder Radiokanälen entwickelt hatten. Waren bei der ersten großen Zensuroperation wenige Tage nach dem Putschversuch 131 Medien betroffen, so ging die AKP-Regierung beim zweiten Schlag gegen 23 weitere vor.

Während die erste Aktion noch mit der Abwehr der bösen Gülenisten begründet wurde und damit noch eine gewisse, wenn auch sehr zweifelhafte Plausibilität beanspruchen konnte, wurden diesmal nicht einmal mehr ansatzweise glaubhafte Erklärungen geliefert. Was hat ein kurdischsprachiger Kinderkanal, der Zeichentrickfilme sendet, mit Panzern zu tun? Was ein linker, offensiv antimilitaristischer Sender mit putschenden Offizieren aus dem religiösen Lager? Antworten auf solche Fragen gibt es nicht.

fotos-fn-fuji-2016-10-08-istanbul-yoen-radyo-handwerkermarkt-287
Taksim-Platz in Istanbul, vergangene Woche.

Die Regierung verbirgt ihre Absichten nicht mehr: Es geht ihr offensichtlich darum, freie Meinungsäußerung und Kritik in den Medien komplett auszuschalten. Sie hat Angst vor Journalisten wie Can Dündar und Cengiz Çandar, die den Leuten die Wahrheit sagen. Letztlich ist es ganz einfach: Der Ausnahmezustand verleiht ihr die Macht, unabhängige Medien abzuschalten, also tut sie es.

Auch Cumhuriyet ist bedroht

Am Freitag schrieb Akın Atalay, Geschäftsführer der unabhängigen linken Tageszeitung Cumhuriyet, auf Twitter, dass die Regierung plane, durch eine anonyme Beschwerde beim Generalsekretariat des Staatspräsidenten die Verwaltung des Blattes zu übernehmen. Der Grund: angebliche Unregelmäßigkeiten bei der Wahl des Vorstands der Cumhuriyet-Stiftung 2014. Cumhuriyet ist die letzte einflussreiche und seriöse regierungskritische Zeitung in der Türkei, nachdem die großen liberalen Blätter wie Milliyet oder Hürriyet mehr oder weniger auf Linie gebracht wurden.

Der einzige regierungskritische TV-Sender, der noch übrig ist, heißt Halk TV, sendet auf eher amateurhaftem Niveau und darf wahrscheinlich noch weitermachen, weil er der größten Oppositionspartei CHP nahesteht. Selbst im EU-Ausland kann der türkische Staat offensichtlich solchen Druck auf Satellitenbetreiber ausüben, dass diese sich kleinlaut beugen. So warf der französische Betreiber Eutelsat den prokurdischen Sender MedNuce TV von seinem Satelliten.

Vor vier Tagen beendete Eutelsat dann auch die Ausstrahlung der Programme des in Schweden ansässigen kurdischsprachigen Nachrichtenkanals Newroz. Ankara zufolge unterstützen die Sender die in den USA, der EU und der Türkei als Terrororganisation verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK. Die beiden abgeschalteten Stationen bestreiten das und wollen Klage gegen Eutelsat einreichen.

Auf den Spuren Erdoğans

Das Ganze ist ein Trauerspiel – und möglicherweise ein Blick in die Zukunft, was uns in Europa eines vielleicht gar nicht so fernen Tages auch bevorsteht. Die Regierung in Ungarn kopiert die Türkei schon und soll nach Medienberichten im Hintergrund daran mitgewirkt haben, dass vergangene Woche die größte und wichtigste, älteste und angesehenste Oppositionszeitung des Landes, Népszabadság, eingestellt wurde.

Népszabadság ist bekannt für ihre kritische Berichterstattung über den Ministerpräsidenten Viktor Orbán. In den vergangenen Monaten schrieb die Redaktion immer wieder über Skandale aus Orbáns Umfeld. Jetzt heißt es, dass ein dem Regierungschef nahestehender Oligarch die Zeitung übernehmen könnte. Ungarn auf dem Weg Erdoğans?

Ich habe nach einem Hoffnungsschimmer gesucht, um nicht immer nur Schreckensnachrichten aus der Türkei zu verbreiten – und ihn tatsächlich gefunden. Davon handelt meine folgende Geschichte, die am Donnerstag in der Berliner Zeitung erschien, aber leider nicht online gestellt wurde. Das hole ich hiermit nach. Außerdem können Sie die Geschichte hier in einer längeren Version lesen.

—————————————————————————————-

Bis zum letzten Ton
Der beliebte Istanbuler Radiosender Yön sollte bereits abgeschaltet sein, doch er sendet unverdrossen weiter

Die Musik hat den türkischen Radiosender Yön bekannt gemacht, und die Musik könnte ihn in seiner schwersten Stunde retten. Schwermütige Lieder sind es, die hier laufen, obwohl der Sender eigentlich schon abgeschaltet ist. Senderchef Yüksel Mansur Kılınç lächelt traurig bei der Frage, wie das möglich sei. „Man hat uns vom Satelliten genommen, aber unsere terrestrischen Frequenzen sind intakt. Wir werden bis zur letzten Minute senden“, sagt der schlanke grauhaarige Mann im Sendestudio im Bezirk Okmeydanı auf der europäischen Stadtseite von Istanbul. An der Wand hinter ihm lehnen eine Bağlama und ein Divan, Instrumente für Musiker, die im Studio improvisieren.

fotos-fn-fuji-2016-10-08-istanbul-yoen-radyo-handwerkermarkt-015
Senderchef Yüksel Mansur Kılınç im Studio von Yön Radyo. Yön bedeutet Richtung.

Türkü heißt die Art von Volksmusik, die zu bewahren sich Yön Radyo auf die Fahnen geschrieben hat. Im Sender herrscht am Wochenende reger Betrieb, Kılınç muss Unterstützer und Kollegen anderer Medien begrüßen, die ihm und den 15 Mitarbeitern ihre Solidarität versichern wollen. Gerade ist der 55-jährige sozialdemokratische Abgeordnete Erdoğan Toprak, Chefberater des CHP-Vorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu, eingetroffen. „Yön Radyo ist unglaublich populär. Diese Musik lieben wahrscheinlich die meisten Menschen in unserem Land“, sagt der Politiker. „Der Sender leistet einen unendlich wichtigen Beitrag zur Erhaltung der anatolischen Kultur.“

Völlig überrascht

Der Sendestopp erfolgte per Regierungsdekret am Tag, als der Nationale Sicherheitsrat unter dem Vorsitz des mächtigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan beschloss, den Ausnahmezustand um weitere drei Monaten zu verlängern. Yön Radyo wurde daraufhin am 29. September zusammen mit 22 anderen türkischen Radio- und Fernsehstationen abgeschaltet, einen Tag später die Webseite gesperrt. Die Radiomacher waren völlig überrascht. Als sie sich an die staatliche Medienaufsicht RTÜK wandten, konnten sie nicht erfahren, was man ihnen eigentlich vorwirft. „Eine offizielle Erklärung gibt es wohl erst, wenn die Polizei anrückt“, sagt Senderchef Kılınç.

Yön Radyo gilt als alevitischer Sender, er wurde einst gegründet, um der religiösen Minderheit der Aleviten eine – musikalische – Stimme zu geben. „Man kann uns unmöglich mit Terror in Verbindung bringen“, sagt Kılınç. „Ich weiß persönlich, dass der Ministerpräsident Binali Yildirim selbst unseren Sender hört. Er war genauso überrascht wie wir, als er von der Schließung erfuhr. Also bleibt die Frage: Warum?“

Der Senderchef weiß natürlich, was in den Verfügungen steht, die man den Kollegen bei den anderen geschlossenen linken, kurdischen und alevitischen Sendern übergeben hat: „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ oder „Verbindungen zu Terrororganisationen“. Sie haben in den letzten Tagen Besuch von der Polizei bekommen, bis die Polizei sie in den Live-Sendungen unterbrach und ihr Equipment beschlagnahmte. Yön Radyo wartet noch auf das Erscheinen der Staatsmacht. Die Schließung der Sender, darunter ein Kinderkanal und der populäre linke, kurdischsprachige Nachrichtenkanal IMC-TV, wirkt umso unverständlicher, als einige zu jenen gehörten, die sich während des Putschversuchs vom 15. Juli von Anfang an klar gegen die Aufrührer positionierten.

„Klassische Putsch-Tradition“

Die Regierung nennt ihre Maßnahmen gleichwohl „notwendige Säuberungen“. Unmittelbar nach dem gescheiterten Putsch waren bereits 131 Medien, Verlage und Medienvertriebe verboten worden, denen eine Nähe zur Bewegung des in den USA lebenden Islampredigers Fethullah Gülen unterstellt wurde, welche Erdoğan für den Staatsstreich verantwortlich macht. Mindestens 120 Journalisten und Autoren sind laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) in Untersuchungshaft, mehr als 2000 Journalisten haben ihre Arbeit verloren.

„Jetzt gehen sie gegen die Sender der ethnischen und sozialen Minderheiten vor“, sagt Emma Sinclair-Webb, die HRW-Sprecherin in der Türkei, und spricht von Zensur. Der CHP-Vorsitzende Kemal Kılıçdaroğlu bezeichnet die Maßnahme der Regierung als eine „klassische Putsch-Tradition“. „Die Demokratie wächst mit einer freien Presse, die sich zivilen Staatsstreichen und Diktaturen nicht unterwirft“, schrieb er auf Twitter.

fotos-fn-fuji-2016-10-08-istanbul-yoen-radyo-handwerkermarkt-004
CHP-Abgeordneter Erdoğan Toprak, Senderchef Yüksel Mansur Kılınç.

Kılıçdaroğlus Chefberater Toprak spricht im Sendestudio vom „Versuch Erdoğans, eine Diktatur in diesem Land zu errichten“: „Sie wollen in den Medien und der Kultur niemanden mehr dulden, der nicht wie sie selber denkt. Sie wollen den pluralistischen Diskurs in der Gesellschaft beenden.“ Der Politiker ist jetzt ganz konzentriert. „Ich höre Yön Radyo seit 15 Jahren und es entführt mich immer wieder in meine Kindheit. Ich will nicht zulassen, dass es verschwindet. Aber leider hat Erdoğan das Parlament de facto ausgeschaltet, und wir können nur noch protestieren.“

Mit Yön Radyo werde ein Medium zerstört, das wie kein anderes für die tolerante Tradition in der anatolischen Kultur stehe, in der alle Religionen und Sprachen in Frieden koexistieren können, fügt Senderchef Yüksel Mansur Kılınç hinzu. Darum gehe es auch immer wieder in den Liedern, die der Sender ausstrahle. Die Songs aus den verschiedensten Regionen hätten die Zeiten überdauert, weil alevitische Sänger sie weiterverbreiten. Deswegen werde die Türkü-Musik oft mit den Aleviten in Verbindung gebracht. „Aber es ist eigentlich die Musik aller Anatolier. Wir sind ein Sender für alle Menschen in der Türkei.“

Kılınç hat Yön Radyo 1994 gegründet. Heute gehört es zu den 20 quotenstärksten Radiosendern der Türkei und liegt in Istanbul sogar unter den ersten zehn. „Seit wir über Satellit senden, haben wir türkischen Folk in der Welt bekannt gemacht. Eine repräsentative Umfrage ergab 2002 sogar, dass wir der meistgehörte Radiokanal bei Türken in Deutschland waren.“ Auch Musikwissenschaftler schätzten den Sender für ihre Forschungen. Wer solle denn noch türkischen Folk verbreiten, wenn Yön Radyo nicht mehr da sei, fragt der Radiomann?

Einzig der Wortanteil des Senders, der rund 30 Prozent ausmache – Nachrichtensendungen und Talk-Shows -, könnte das Vorgehen der Behörden vielleicht erklären, meint er. Dort kommen Politiker aller Richtungen zu Wort, auch von der prokurdischen Linkspartei HDP, die von den AKP-nahen Sendern nicht eingeladen werden. „Aber wir sind nicht links, wir sind nicht rechts“, sagt Kılınç, „wir haben immer fair berichtet und sind deshalb im Gegensatz zu den meisten anderen noch nie abgemahnt oder verklagt worden. Noch nie! Aber wir lassen uns auch nicht zensieren und verteidigen die Meinungsfreiheit. Vielleicht ist das der Grund.“ Vielleicht geht es schlicht darum, dass die Regierung überhaupt kein Medium mehr dulden will, das in der Lage ist, kritische Nachrichten zu verbreiten.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer

Inzwischen sind berühmte Schauspieler und Musiker und ein weiterer Parlamentsabgeordneter ins Yön-Studio gekommen. Sie erzählen, dass ein bekannter Fernsehmoderator entgeistert in seiner Live-Sendung fragte: „Wenn sie Yön Radyo dichtmachen, welche Musik sollen wir dann hören?“ Yüksel Mansur Kılınç spricht von dem kleinen Hoffnungsschimmer, der ihm hilft, weiterzumachen und nicht zu verzweifeln. „Ist es nicht seltsam, dass man alle anderen Sender total abgeschaltet hat und wir können immer noch senden? Könnte es sein, dass sie sich noch einmal beraten? Dass die starke Reaktion der Hörer sie beeindruckt? Dass sie uns doch am Leben lassen?“

Bis zu diesem Sonntag, dem 16. Oktober, konnte Yön Radyo in Istanbul noch empfangen werden. Noch sendet der Kanal auf der terrestrischen Frequenz.

fotos-fn-fuji-2016-10-08-istanbul-yoen-radyo-handwerkermarkt-009
Abgeordneter Toprak und Yön-Radyo-Chef Kılınç mit dem Autor.

Fotos: Frank Nordhausen (2), privat (1)
Sie können mir auf Twitter folgen: @NordhausenFrank

2 Gedanken zu „Der letzte Sender

  1. Und immer schön weiter gegen die Türkei hetzen, das ist dem deutschen Untertan die Sinnerfüllung seines Lebens.

    • Dieser Artikel beschreibt die Realität in der Türkei ( sehr traurig ) und hat absolut nichts mit Hetze zu tun.

Kommentare sind geschlossen.