Alawiten und Alewiten

Knapp habe ich heute einen journalistischen GAU vereitelt, als ein Redakteur in Berlin in einem Artikel von mir auf das Wort Alawiten stieß und es in Alewiten umändern wollte, weil er glaubte, ich hätte mich verschrieben. Zum Glück telefonierten wir miteinander, und dabei erwähnte er beiläufig, dass er die Alewiten eigentlich für eine unproblematische Religionsgemeinschaft halte. Ich gab ihm Recht, sagte aber, dass ich auch nicht über Alewiten, sondern über die Alawiten-Sekte geschrieben hätte. „Gibt’s da denn Unterschiede?“, fragte der verblüffte Redakteur.

Es gibt Unterschiede. Grob gesprochen, konzentrieren sich die Alawiten in Syrien und der türkischen Provinz Hatay, während die Alewiten vor allem in Zentralanatolien und in Istanbul zu Hause sind. Beide leiten zwar ihren Namen her vom vierten Kalifen Ali, dem Schwiegersohn Mohhammeds, können zum schiitischen Glauben gerechnet werden, haben Elemente des Zoroastrismus (Glaube an die vier heiligen Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft) übernommen, glauben an die Wiedergeburt und beten nicht in Moscheen. Die Alewiten in der Türkei legen aber viel Wert darauf, nicht mit den syrischen Alawiten, der Sekte des regierenden Assad-Clans, gleichgesetzt zu werden. Sie betonen, dass sie eine völlig verschiedene Entwicklungsgeschichte, unterschiedliche Glaubensgrundsätze und ethnische Wurzeln besitzen.

Einige Leser/innen meines Blogs werden wissen, dass ich mich seit zwanzig Jahren journalistisch mit Sekten, speziell den Scientologen, befasse. Natürlich interessieren mich deshalb auch die Sekten im Nahen Osten, und je länger ich in Istanbul lebe, desto mehr religiöse und weltanschauliche Sondergruppen fallen mir auf. In dem folgenden Text, der in der Frankfurter Rundschau am 5. September leicht gekürzt erschienen ist, habe ich mir Gedanken über die besagte Alawiten-Sekte und ihre Verbindung mit dem mörderischen Überlebenskampf des Assad-Regimes in Syrien gemacht. Hier die ungekürzte Fassung:

„Unser Gott heißt Baschar“

Auf der Internet-Plattform Youtube sind Hunderte von Videos aus dem syrischen Bürgerkrieg zu sehen. Die von der Opposition hochgeladenen Filme getöteter Menschen und zerstörter Gebäude werden meist mit „Allahu akbar!“-Rufen unterlegt. „Gott ist der Größte!“ Doch es gibt auch Clips aus dem Innenleben der Schabiha genannten syrischen Regime-Milizen, die von den Handys getöteter Männer stammen. Auf einigen werden Gefangene gezwungen, den blasphemischen Slogan zu brüllen: „Unser Gott heißt Baschar“ – es ist, wie Deserteure immer wieder berichten, der Schlachtruf der Regimetreuen für Syriens Präsidenten Baschar al-Assad.


Baschar al-Assad

Der religiöse Faktor gewinnt im syrischen Bürgerkrieg immer größere Bedeutung, je brutaler der Kampf wird. Erklärungsversuche dafür müssen viele Faktoren einbeziehen. Nicht zuletzt bezieht der Konflikt seine apokalyptische Gewalt aus der Todesangst einer Sekte, die sich in der „Mutter aller Schlachten“ gegen eine internationale Verschwörung wähnt: die Alawiten, zu denen Baschar al-Assad und die meisten seiner Vertrauten zählen.

Es gibt etwa dreieinhalb Millionen Alawiten unter den 22 Millionen Syrern. Das sind rund 15 Prozent der Bevölkerung; 74 Prozent sind Sunniten, der Rest andere Gruppen. Alawiten besetzen die wichtigsten Schnittstellen des totalitären Staates: den Präsidentenpalast, das Kommando der syrischen Armee, alle Ebenen der Geheimdienste. Viele Angehörige der Schabiha-Banden sind Alawiten. Aber wer sind die Alawiten?

Beten zu Hause statt in der Moschee

Der amerikanische Journalist und Arabienkenner Theo Padnos formuliert es so: Wer eine angenehme Religion suche, die den harmonischen Einklang mit den Elementen der Natur herstelle, der sei bei den Alawiten richtig. Die ursprünglich Nusairier genannten Alawiten glauben, dass alle Menschen einmal Sterne waren und jede fromme Seele nach dem Tod wieder ihren Platz im Firmament einnehmen kann. Alawiten feiern den zoroastrischen Frühlingsbeginn Nowruz und sogar christliche Feste wie Weihnachten. Obwohl sie sich als Muslime begreifen, trinken sie Wein bei ihren Zeremonien, fasten nicht während des Ramadan, laden den Koran mit esoterischen, geheimen Bedeutungen auf. Sie beten traditionellerweise auch nicht in Moscheen, sondern mit der Familie zu Hause oder im Freien. Den vierten Kalifen Ali, ihren Namensgeber („Ali-Anhänger“) vergöttlichen sie als Heiligen.

Entstanden ist der Kult im 10. Jahrhundert in den Küstenbergen Nordsyriens. Jahrhundertelang wurden die Alawiten als Ketzervereinigung isoliert, drangsaliert, verfolgt. Dann nutzten sie ihre historische Chance für einen Sicherheitsraum. In den 1960-er Jahren gelang es der kleinen levantinischen Sekte, den neuen syrischen Staat zu übernehmen. Es waren die französischen Kolonialherren, die ihnen den Weg in Verwaltung und Militär geebnet hatten. Nach dem zweiten Weltkrieg sahen die Alawiten zudem in der sozialistischen Baath-Partei und deren panarabischen Ideologie einen Weg aus ihrer engen Sektenidentität. Sie sammelten sich vor allem in der Armee und der panarabischen Baath-Partei und sorgten dafür, dass loyale Verbündete in den staatlichen Sicherheitsapparat aufrückten. Das Militär war auch das Sprungbrett für den ehemaligen alawitischen Luftwaffenoffizier Hafiz al-Assad, als er 1970 putschte und damit die Familienherrschaft begründete.

Nachdem ihr geglückt war, wovon viele Sekten träumen – die Übernahme eines eigenen Staatswesens –, musste die Gemeinschaft alles tun, um von der Mehrheit der sunnitischen Muslime Syriens akzeptiert zu werden. Das führte zu einem paradoxen Ergebnis. Hafiz al-Assad, de facto das Oberhaupt der Gläubigen, der die Alawiten als Basis seiner Macht in dem angestrebten säkularen Staat brauchte, sorgte für ihren sozialen Aufstieg, Bildung und Wohlstand. Nepotismus führte zur immer massiveren Überrepräsentation von Alawiten in den staatlichen Institutionen.

Um nicht als religiöse Minderheit angreifbar zu sein, unterdrückte Assad zugleich radikal jede Äußerung der alawitischen Religion. Er befahl seinen Glaubensgenossen, sich an die sunnitische Mehrheitsreligion anzupassen und ließ in Alawitendörfern Moscheen bauen. Das Alawitentum ließ er zu einer Art Jugendweihe degradieren, wie ein alawitischer Blogger unter dem Pseudonym Khudr schreibt: „Das ‚Initiationsritual‘ männlicher Alawiten in die Religion besteht darin, ein paar Hände zu küssen und einen wahrhaft lächerlichen Text aus einem kleinen Büchlein auswendig zu lernen.“

Von der Ali- zur Assad-Sekte

Assad senior sei es stets nur darum gegangen, die Sekte zum Herrschaftsclan umzuformen, formuliert ein anderer syrischer Blogger namens Karfan, aus dieser Masse konnten dann die „gehirngewaschenen, gut organisierten Einheiten rekrutiert werden, aus denen die Elitetruppen des Regimes bestehen“. Die Folge sei, dass alles Schlechte des Regimes inzwischen mit dem Namen der Alawiten verknüpft würde. „Wir haben keine Zukunft, jedenfalls keine, auf die man sich freuen könnte“, meint Karfan. Syrienkenner beschreiben das heutige Alawitentum als eine Art Stammesidentität. Alawit wird man durch die Geburt – und bleibt es lebenslang, gerade auch in den Augen der „anderen“. In den Flüchtlingslagern in der Türkei kann man jetzt wieder hören, was viele Sunniten von den Alawiten halten. „Teufelsanbeter“ seien sie, „Ungläubige“.

Als Gegenleistung für das Opfer ihrer religiösen Identität bot Hafiz al-Assad den Alawiten eine neue Heimat im „tiefen Staat“. Khudr schreibt darüber: „Der einzige Treffpunkt oder Versammlungsraum für Alawiten, an dem wir nicht etwas zu sein vorgeben mussten, was wir nicht waren, war tief im Allerheiligsten des Sicherheitsstaates. Wir fanden uns wieder in der exklusiven Sicherheit der Geheimdienste, der Republikanischen Garde, den Offiziersakademien und den Arbeiter- und Bauernsyndikaten der Küstenregion; in den vom Regime sanktionierten und gegründeten Institutionen, die unsere Identität mit dem Sicherheitsapparat und dem Assad-Regime verbanden.“

Hafiz al-Assad gab den Alawiten sogar einen neuen Gott – sich selbst. Geschickt an die Tradition anknüpfend, transformierte er die Ali- in eine Art Assad-Sekte, die die Bürger mit einem aufdringlichen, unislamischen Personenkult überzog, der nach seinem Tod 2000 auf seinen Sohn Baschar übertragen wurde.


Büste von Hafiz al-Assad in einer von Kurden gestürmten Geheimdienstzentrale im nordsyrischen Afrin

Der Arabist Theo Padnos berichtet, wie er das religiöse Wesen des Assadismus begriff, als ihm ein Syrer von den Ereignissen im Januar 1994 nach dem Unfalltod von Hafiz al-Assads Sohn Basil, dem designierten Kronprinzen, erzählte. Die Alawiten seien damals in eine Art kollektive Schockstarre verfallen, drei Tage hörte das Land auf zu arbeiten. „Kurz nach Basils Tod verwüstete eine Gruppe junger Alawiten einen Friedhof in Damaskus nahe dem Haus meines Nachbarn. Sie widmeten sich dem Bereich für die Piloten und Soldaten, die in den Kriegen mit Israel gefallen waren – die Märtyrer-Ecke – egal ob die Grabsteine Sunniten oder Alawiten gehörten. Mein Nachbar erklärte mir die Bedeutung: Die gläubigen Alawiten konnten es nicht ertragen, dass Basil auf der gleichen Stufe des Märtyrerhimmels wohnen sollte wie andere, geringere Wesen.“

Blasenrealität abgeschotteter Sekten

Das Problem ist nur: Die Alawiten sind – als „Ketzer“ – in der Krise ganz auf sich selbst gestellt. Auch wenn viele von ihnen die Korruption des verrotteten Systems ablehnen – für „Assad-Gläubige“ ist Rebellion keine Option. So machen sie ihr Schicksal vom Überleben des Regimes abhängig. Zwar kennen viele Sekten das Gefühl einer permanenten Bedrohung, das ihre Führer fördern, um den inneren Zusammenhalt zu stärken. Doch in Syrien ist es real. Mehr als alles andere fürchten die Alawiten die Rache der Sunniten für die blutige Niederschlagung des islamistischen Aufstandes von 1982 in Hama, der bis zu 30.000 Tote kostete. Als die Proteste gegen Assad 2011 begannen und der Präsident die ersten Wochen nicht nutzte, um die Macht unblutig dem Volk zu übergeben, sondern auf Demonstranten schießen ließ, setzte der sektiererische Paranoia-Reflex voll ein – und wurde zu einer sich selbst bewahrheitenden Prophezeiung. Sami Baschar vom oppositionellen syrischen Nationalrat berichtet, wie eine Gruppe von Bürgern damals versuchte, mit Assad zu sprechen. „Er verstand gar nicht, was wir wollten.“ Ein halbes Jahr später riefen die Demonstranten: „Kein Wort mehr! Hau ab, Baschar!“, und: „Alawiten ins Grab!“. Die Alawiten reagierten darauf, indem sie sich um den Assad-Clan scharten.


Personenkult um Baschar a-Assad

Regimetreue sagen, der Westen wolle Syrien dasselbe Schicksal wie dem Irak bereiten, und nur Präsident Baschar al-Assad stehe dem noch im Weg. Es gebe einen ausländischen Masterplan für die Unterjochung der gesamten Region. Die meisten Kämpfer der Freien Syrischen Armee seien keine Syrer, sondern ausländische Islamisten. Es ist, als ob diese Menschen in einer Art Blase leben, die sie von der Realität abschottet. Denn in Wahrheit fürchtet der Westen den Syrien-Konflikt und scheut nichts so sehr wie eine direkte militärische Intervention.

Wer sich mit der Psychologie abgeschotteter Sekten wie Scientology oder den Zeugen Jehovas befasst, dem ist diese Blasenrealität nur allzu bekannt. Was nicht passt, wird ausgeblendet oder passend gemacht. Es entsteht eine Welt aus Schwarz und Weiß, Freund und Feind. In Syrien, das von einer hochkomplexen multiethnischen und multireligiösen Realität geprägt ist, sind die Gräben zwischen den Gruppen im Verlauf des Konflikts und mehr als 25.000 Toten stetig tiefer geworden. In Tunesien und Ägypten haben Armeegeneräle ihre Diktatoren rechtzeitig hinausgedrängt oder abgesetzt und dadurch den Bürgerkrieg verhindert. Wer sich fragt, warum Ähnliches nicht auch in Syrien geschieht, der stößt unvermeidlich auf den religiösen Grundkonflikt der Rivalität zwischen Sunniten und Alawiten. Die Alawitengeneräle stehen fest zu Assad. Die Armeedeserteure, die abtrünnigen Offiziere und Regimefunktionäre sind fast durchweg Sunniten.

Apokalyptischer Religionskrieg

Die New York Times wies darauf hin, dass die Kämpfe in Syrien auch deshalb so erbittert geführt werden, weil die Alawiten fürchten, mit der Machtübernahme durch die sunnitische Mehrheit breche die Apokalypse an. Die Zeitung zitiert einen Vertreter des irakischen Großajatollahs Ali as-Sistani: „Wir hoffen auf das Überleben Baschar al-Assads, aber die Prophezeiungen in den schiitischen Büchern lassen seinen Tod erwarten.“ Mit entsetzlichen Blutbädern sei zu rechnen. Als Baschar al-Assad jetzt im syrischen Staatsfernsehen eine „globale Schlacht“ ankündigte, war der apokalyptische Sound unüberhörbar. Seltsam erscheint nur, dass der schwache, konfirmandenhaft wirkende Mann diese Rolle ausfüllt. Aber er hält die Zügel auch nicht allein in der Hand, sondern ist nur die Galionsfigur – „unser Gott“ – einer kollektiven alawitischen Führung. Deshalb kann er nicht einfach ins Flugzeug steigen und fliehen wie der tunesische Präsident Ben Ali oder wie einst der indische Guru Bhagwan, als dessen Sekte sich 1985 im amerikanischen Oregon von einer Verschwörung bedroht fühlte und Vorbereitungen für den bewaffneten Endkampf gegen die anrückende Nationalgarde traf.


Zerschossene Bilder des Assad-Clans in einer von Kurden gestürmten Geheimdienstzentrale im nordsyrischen Afrin

Ende August soll der frühere libanesische Informationsminister Michel Samaha, ein Christ, gestanden haben, dass Baschar al-Assad ihm persönlich Befehle erteilt habe, terroristische Attacken im Libanon durchzuführen. Es ging darum, den wichtigsten christlichen Bischof im Libanon zu ermorden und den Anschlag auf die Sunniten zu schieben. Die Mordpläne zeigen, wie das Regime daran arbeitet, jene Situation herbeizuführen, vor der es ständig zu warnen vorgibt: einen apokalyptischen Religionskrieg.

Das erinnert an die Sekte Aum Shinrikyo in Japan, die das Armageddon, das sie beschwor, 1995 schließlich mit tödlichem Sarin-Gas selbst zu erzeugen versuchte. Auch im syrischen Sektenszenario kann niemand mehr garantieren, dass nicht einzelne Einheiten oder die Alawiten-Führung die Todesspirale weiter drehen.

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