All inclusive

Die vergangenen vier Tage verbrachte ich auf einem deutsch-türkischen Medienseminar in Antalya, das die deutsche Botschaft in Ankara ausrichtete (vielen Dank an dieser Stelle nochmals für die interessante und gelungene Veranstaltung!). Für mich war es der erste Besuch in Antalya überhaupt. Die am schnellsten wachsende Stadt der Türkei ist vielen Deutschen aus einem Urlaub sicherlich gut bekannt. Wir waren in einem riesigen Hotelkomplex am Meer untergebracht, der zu unser aller Erstaunen um diese Zeit des Jahres komplett ausgebucht war – hauptsächlich mit deutschen Rentnern. Ich habe in diesen Tagen zum ersten Mal überhaupt erlebt, was „all inclusive“ bedeutet und was industrielle Ferien sind bzw. welche Wahrheit in dem Wort Tourismusindustrie liegt.

In dieser Fünfsterne-Hotelmaschine blieb man praktisch den gesamten Tag kaserniert, weil es erstens umständlich war hinauszukommen – man musste endlos durch eine wenig attraktive Landschaft aus Beton, offenenen Abwasserkanälen und verwahrlosten Wiesen laufen, um dann ein wenig einladendes Einkaufzentrum zu erreichen -, weil zweitens die hübsche Altstadt von Antalya eine halbe Autostunde entfernt lag und weil es drittens buchstäblich alles auch dort drin gab, und zwar für umsonst. Entsprechend viel Alkohol kam zum Einsatz. Die deutschen Rentner wurden dabei beobachtet, wie sie, offenbar aus lauter Langeweile, „Sekt mit Bier“ verlangten, gemischt natürlich. Am besten war das über die Maßen abwechslungsreiche und gute Essen, sodass ein türkischer Kollege meinte, dereinst im Paradies könne auch nicht viel mehr geboten werden.

Geschüttelt und gerührt

Wie in Erfahrung zu bringen war, kann man von Deutschland aus im Winter Zwei-Monats-Pauschalreisen in ein solches Resort für 1500 Euro buchen, inklusive der Flüge. Das dürfte viele der älteren Herrschaften allein wegen der gesparten Heiz- und Lebensmittelkosten billiger kommen, als zu Hause zu bleiben. In unserer rund 30-köpfigen Journalisten- und Expertengruppe herrschte Konsens, dass vier Tage Aufenthalt trotzdem das Äußerste waren, was man sich dort zumuten konnte. „Ich fühlte mich wie im Gefängnis“, sagte eine Kollegin am Abfahrtstag, und ich antwortete: „Schwer zu glauben, dass sich das jemand freiwillig antut.“ Aber vielleicht hilft es, sich in der Gemeinschaft Hunderter anderer Rentner unter der südlichen Sonne weniger allein zu fühlen als daheim im feuchtkalten deutschen Winter. Keine Ahnung.


Blick zur benachbarten Hotelmaschine


Ganz tapfere Rentner trauen sich auch im Winter an den Strand


Hotelresort in Antalya, russischer Stil

Ein Schlüsselerlebnis war für mich der Abschlussabend in der riesigen sogenannten „Buddha Bar“ des Hotels (das übrigens einem Buddy des türkischen Regierungschefs Erdoğan gehört), wo sich die Rentner gepflegt und für umsonst die Kante gaben. Obwohl, von wegen gepflegt. Ich bestellte einen Scotch, weil ich über dem Tresen eine Flasche Johnny Walker Black Label stehen sah, aber der Barkeeper griff stattdessen unter den Tresen, zog eine dubios aussehende Flasche hervor, goss ein Glas halbvoll und schüttete Eis darauf (was bei Scotch eine Sünde ist). Ich fragte ihn nach dem Label, und er antwortete patzig: „Das ist Whisky“. Aha. Ich begriff, dass sich der Teufel wie immer im Kleingedruckten verbirgt. Wer sagt denn, dass es in einem Fünsterne-All-Inclusive-Schuppen auch Qualität geben muss? Eben. Daraufhin bestellte ich doch lieber das gute türkische Efes-Bier.

Liebenswürdige Türk-Chopper

Vor allem taten mir die armen Lokal- und Souvenirshopbesitzer in der Altstadt von Antalya leid, die sich wie ausgehungert auf unsere Gruppe stürzten, als wir einen kleinen Ausflug ins echte Leben unternahmen. Ihre Cafés, Restaurants und Nippesgeschäfte waren riesig dimensioniert, aber komplett leer. Kunden gab es praktisch nicht um diese Zeit des Jahres, weil alle ja in ihren All-Inclusive-Anlagen saßen. Eine surreale Welt. Wussten Sie, dass Atatürk Antalya einst als „die schönste Stadt der Welt“ bezeichnete?

Der Abfahrtstag hielt noch ein kleines Bonbon bereit. In dem Fünfsternehotel hatten sich auch die vereinigten „Türk-Chopper“ zu ihrem Jahresvereinstreffen versammelt, gut achtzig Harley-Fahrer aus allen Teilen der Türkei. Sie trugen alle die gleichen Lederwesten mit dem Vereinslogo und der „Türk-Chopper“-Schrift auf dem Rücken, die so frisch und neu aussahen, als würden sie nur einmal im Jahr zum Vereinstreffen aus dem Schrank geholt. Mich faszinierte der Anblick der Rocker mit ihren Bärten, langen Haaren und Ohrringen, die alle brav im Tagungssaaal zusammensaßen wie ein deutscher Skatverein, sodass ich sie darum bat, sie fotografieren zu dürfen. Das wurde umstandslos gestattet, und ein perfekt Deutsch sprechender Türk-Chopper sagte zu mir: „Sie müssen nicht denken, dass wir böse sind. Wir sind alle gute Jungs. Anwälte, Ärzte, Unternehmer.“


Türk-Chopper-Mitgliederversammlung


In den roten Kartons auf den Tischen ist Verpflegung, dazu gab es türkischen Kaffee. Kein Bier am Vormittag.

Obwohl es in Istanbul regnete, war ich drei Stunden später glücklich, wieder zuhause zu sein. Im ganz normalen Leben. Auch all inclusive, aber ganz anders.

2 Gedanken zu „All inclusive

  1. Die Notiz und die Fotos sind toll, trocken und humorvoll, I´m amused. Dankeschön!

  2. wenn sie“ Ultra All Inclusive “ im Hotel gebucht haben wird auch Whisky aus dem
    Ausland serviert.
    Diese Motorrad Clubs sind in Istanbul nicht so harte Rocker wie in Deutschland.
    Gut gestellte Persönlichkeiten aus Business und Kultur sind dort zu meist Mitglieder.

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