Am Plastikstrand

Liebe Blogleser/innen, auch ein Journalist braucht mal Ferien. Das ist der Grund, warum Sie in den vergangenen zwei Wochen nichts von mir gehört haben. Jedenfalls nicht an dieser Stelle und nicht vom Bosporus. Den größten Teil dieser Zeit habe ich in Nordzypern verbracht, einem wunderschönen Flecken Erde und nur knapp anderthalb Flugstunden von Istanbul entfernt. Aber weit genug vom Rummel der 15-Millionen-Metropole. Natürlich hat mich dort sehr schnell die aktuelle Politik wieder eingeholt, denn die Menschen im türkischen Norden der Insel blicken derzeit gespannt auf den 1. Juli, wenn der Süden bzw. die Republik Zypern die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt. Die Türkei als Besatzungs- und Schutzmacht des Inselnordens hat ja bereits angekündigt, dann die Beziehungen zur EU einzufrieren. Abgesehen von den manchmal absurd anmutenden politischen Kapriolen gab es in Nordzypern viel Natur und alte Kulturlandschaften zu bestaunen, auch die absolut eindrucksvollen Ruinen des antiken Salamis – und eine erschreckende Entdeckung zu machen.

Seit rund 35 Jahren reise ich ins südöstliche Mittelmeergebiet. Früher meist auf die griechischen Inseln, vor allem die Kykladeninseln Naxos, Ios, Santorin etc., später nach Zypern oder in die Türkei. Ich erinnere mich sehr gut, wie ich öfter mit Freunden am Strand von Naxos oder Ios entlanglief – etwa in den Jahren 1980-1982 – und wir den Sand nach Muscheln, vor allem sogenannten Muttergottesaugen durchsuchten, die sich prächtig zu Schmuck verarbeiten ließen. Damals fand man tatsächlich Muscheln am Strand! Gut, manchmal trat man in einen kleinen Teerklummpen, oder stolperte über eine Holzplanke, zuweilen sogar eine Glasflasche. Normales Strandgut wie schon vor 1000 Jahren. Aber Plastikflaschen gab es überhaupt noch nicht, und alles in allem waren die Strände sauber und rein, pure Natur.

In Nordzypern wird der endlose Sandstrand der Karpaz-Halbinsel jetzt als „reines Naturerlebnis“ angepriesen, das Gebiet verdankt seine Abgeschiedenheit vor allem der Teilung Zyperns, die den Norden der Insel in einen touristischen Dornröschenschlaf versetzte. Auf Karpaz gibt es kaum Hotels, geschweige denn Strandleben oder Massentourismus. Also hatten wir – meine Lebensgefährtin und ich – einen Tag für eine Strandwanderung mit Schwimmen eingeplant. Von den hochaufragenden Sanddünen aus wirkte der Strand tatsächlich wie ein mediterranes Wunder, ein subtropischer Traum in Grün, Weiß und Blau. Diesen Eindruck änderte ein Blick aus der Nähe gewaltig. Wo man früher Muscheln fand, trifft man jetzt auf eine Art Plastiksaum am Strand, eine schmutzige Plastekruste, die sich kilometerweit nahe der Wellenlinie entlangschlängelt. Im klaren Wasser selbst schwimmen schwarze und blaue Plastiktüten. Wenn man sich dann den „Strand“ genauer ansieht, stellt man fest, dass das meiste Plastik bereits zu kleinen blauen, roten, gelben oder grünen Krümeln zerrieben wurde, denn im Salzwasser und durch den Wellenabrieb verliert es seine Weichmacher und damit die Kohäsion. Es zerfällt.

Etwas Ähnliches wie den Plastikstrand von Karpaz habe ich noch nie gesehen. Einige wenige Touristen sonnten sich sogar im Plastik. Das kam mir vor wie Urlaub auf der Müllhalde. Vielleicht ist es ja so, dass Menschen, die den Naturzustand gar nicht mehr kennen (können), Plastik am Strand für ganz natürlich und normal halten und sich freuen, wenn’s dadurch bunter wird. Wir haben dann einige Fotos vom Plastikstrand gemacht und anhand größerer, gut erhaltener Plastikflaschen oder -tüten, deren farbige Aufdrucke noch lesbar waren, leicht feststellen können, dass der meiste Müll aus der Türkei, aber auch aus dem Libanon, Syrien, Griechenland und sogar aus Israel stammte – also den nächsten Anrainern. Von der schieren Masse des meist fein geraspelten Strandguts kann man sicher auch auf den Anteil des Plastiks im Meer schließen – er muss gewaltig sein. Das Zeug fressen die Fische, und wer isst die Fische? Richtig.

Jetzt bin ich froh, wieder in Istanbul, in der richtigen, großen Stadt zu sein, wo es ohnehin keinen Strand mehr gibt. Auf Fisch werde ich in der nächsten Zeit wohl verzichten. Andererseits wird hier dieses unglaublich leckere Fischbrot verkauft … das ist in etwa die Currywurst der Istanbuler -, und ich frage mich, ob ich ihrem Duft wirklich werde wiederstehen können? Was soll’s, sage ich mir, im Fischbrot kommen die Fische ja auch nicht komplett daher. Sondern ausgenommen. Plastikfrei sozusagen.