Angst vor der Zukunft

Wieder ein Sonnabend, der von einem furchtbaren Terroranschlag überschattet wird. Sprengten sich letzte Woche Selbstmordattentäter hier in Istanbul in die Luft, waren es heute morgen welche in der zentralanatolischen Stadt Kayseri; wieder wurden viele Menschen getötet oder verwundet, wieder ist das Leid grenzenlos. Ich habe das Gefühl, dass es keinen Moment der Ruhe mehr gibt. Das Leben in der Türkei wird zunehmend geprägt von Angst, Nervosität, Unsicherheit und großer Furcht vor der Zukunft. Es gibt keine unbefangene Gelassenheit mehr. Das ist nicht nur meine Wahrnehmung. So schildern auch türkische Freunde ihre Gefühle.


Kurz nach dem Terroranschlag auf Polizisten und Fußballfans am Beşiktaş-Stadion in Istanbul am 10. Dezember.

Die Gefahr ist sehr real. Schon im Frühjahr war der Terror nahe an uns herangekrochen. Als sich im Januar ein Selbstmordattentäter vor der Blauen Moschee in Sultanahmet in die Luft sprengte und zwölf deutsche Touristen tötete, musste ich noch eine Viertelstunde mit der Bahn fahren, um den Tatort zu erreichen und zu berichten. Die Polizei hatte das Gelände bereits abgesperrt. Als ein anderer Terrorist im März die Fußgängerzone Istiklal Caddesi auswählte, um israelische und iranische Touristen zu töten, brauchte ich nur zehn Minuten zu laufen und kam dort an, als Polizisten gerade die Straße räumten, überall noch Trümmer lagen und Krankenwagen Verwundete aufnahmen.

Am vergangenen Sonnabend saßen meine Liebste und ich auf dem Sofa, als wir plötzlich einen enormen Knall hörten, der die Fenster zittern ließ – und dann einen orangefarbenen Feuerball am Horizont sahen. Danach stieg eine graue Rauchwolke auf. Wir wohnen Luftlinie 300 Meter vom deutschen Generalkonsulat entfernt und dachten beide, dass ein Anschlag auf das Gebäude verübt worden sei.

Warten auf die Regierung

Sofort griff ich zum Smartphone und schrieb auf Twitter, dass ich eine Explosion gehört und gesehen hätte. Offenbar war ich einer der ersten ausländischen Journalisten, der das Ereignis meldete. Dann lief ich zum Konsulat, wo alles ruhig war, aber die Polizei begann, die Straße abzuriegeln. Von dort ging ich zum Beşiktaş-Stadion, wo zwei Selbstmordattentäter 44 Menschen getötet hatten. Die Explosion am Stadion war so gewaltig, dass noch an der Dolmabahce-Moschee am Bosporus die Scheiben von der Druckwelle zersplitterten.

Später haben Internet-Trolle wegen meiner Tweets eine Rufmordkampagne gegen mich und andere ausländische Journalisten (und die BBC), die auch sehr schnell reagiert hatten, begonnen. Tenor: Ausländische Journalisten sind Agenten, sie wussten schon vor dem Anschlag davon, wie hätten sie sonst so schnell berichten können. Etwas Ähnliches hatte ich schon 2011 während der Revolution in Kairo erlebt, wo Internettrolle auch gegen ausländische Journalisten Front machten. Zum Glück ebbte die Kampagne in der Türkei nach zwei Tagen ab. Aber natürlich haben auch Tausende von Türken die Explosion gesehen und gehört und einige auf den sozialen Medien davon berichtet.

Die weitgehende Gleichschaltung der herkömmlichen Medien hat aber dazu geführt, dass türkische Medien sich bei aktuellen Nachrichtenlagen häufig erst einmal zurückhalten und abwarten, wie die offizielle Parole aus Ankara lautet. So wagten es die meisten regierungsnahen Zeitungen beispielsweise nicht, den verheerenden Beşiktaş-Anschlag am nächsten Tag groß auf der Titelseite zu melden (anders als die letzte einflussreiche Oppositionszeitung Cumhuriyet). Sie warteten offenbar auf die Vorgaben die Regierung.

Pogromstimmung gegen Kurden

Wenn ich mit Verwandten und Freunden in Deutschland telefoniere, sagen sie immer: „Pass bloß auf! Sei nur vorsichtig!“. Aber was kann man schon tun, außer vielleicht die Istiklal Caddesi und die Einkaufszentren zu meiden? Die Metro muss ich benutzen, und in Istanbul leben nun einmal 16 Millionen Menschen, sodass es praktisch unmöglich ist, sich von belebten Plätzen fernzuhalten. Sicher, in der Istiklal Caddesi, immer noch eine der belebtesten Straßen Europas, häufen sich die Schilder, auf denen „Kiralık“ (Zu vermieten) steht. Eltern halten ihre Kinder davon ab, auf die Straße oder in belebte Parks zu gehen. „Aber das Schlimmste ist, dass man sich ans Unnormale gewöhnt“, sagte heute eine Freundin.

Doch man gewöhnt sich nicht wirklich. Gerade höre ich draußen Polizeisirenen, sofort denke ich, es könnte wieder etwas passiert sein. Es geschieht gerade auch Schreckliches, wenn ich den Meldungen auf Twitter vertrauen kann. In mehreren Stadtvierteln werden zu dieser Stunde offenbar Büros der prokurdischen HDP angegriffen. Der Mob führt aus, was ihm die Politiker aufdrängen. Wenn AKP-Minister und MHP-Parlamentarier HDP-Mitglieder pauschal als Terroristen verunglimpfen und mit der PKK gleichsetzen, dann darf sich niemand wundern, wenn nach einem Anschlag wie in Kayseri, der die Handschrift der PKK (oder ihrer urbanen Hilfstruppe TAK) trägt, Pogromstimmung aufkommt.

In Kayseri wurde heute ein HDP-Büro überfallen und in Brand gesetzt; zum Glück waren offenbar keine Menschen in den Räumen. Doch jetzt wird gemeldet, dass kurdische Studenten aus einem Studentenwohnheim in Kayseri fliehen, weil sie Angst vor dem faschistischen Mob haben. Das ist eine äußerst bedrohliche Entwicklung. Wenn es zu Pogromen kommt, ist der Bürgerkrieg nicht mehr fern. Von überall hört man, dass sich die Leute bewaffnen, zum Beispiel in den Vierteln der Minderheiten, aber nicht nur dort. Die Gewalt wäre unkontrollierbar, denn Kurden leben längst nicht mehr nur im Südosten des Landes, sondern auch in allen Metropolen der West- und Südtürkei. In Istanbul wird ihre Zahl auf mindestens drei Millionen geschätzt!

Absturz der türkischen Lira

Nie hätte ich gedacht, es könne einmal so weit kommen, dass man bei ganz normalen Unterhaltungen irgendwann beim Thema Bürgerkrieg landet. Meine Freunde mögen vor einem halben Jahr rein intellektuell mit dem Gedanken gespielt haben, dass alles noch schlimmer werden könnte, aber jetzt wirkt die Gefahr real, jeden Tag etwas mehr. Nicht nur die PKK scheint es darauf anzulegen. Wegen der vielen Nachrichtensperren, der Zensur und Selbstzensur der Medien fällt es zunehmend schwerer, die Gefahrenlage einzuschätzen. Sicher ist nur, dass die Türkei in atemberaubendem Tempo jeden Tag ein Stück instabiler wird.

Ein wichtiger Gradmesser ist für mich der Kurs der Türkischen Lira. Im vergangenen Monat ist er geradezu abgestürzt. Bevor wir vor einem Monat in die Ferien fuhren, bekam ich für einen Euro rund 3,30 Lira, jetzt sind es 3,65 Lira, zwischenzeitlich konnte ich am Taksim-Platz für 3,73 Lira wechseln. Jeder Anschlag lässt die Lira weiter absacken – und das hat natürlich Folgen für die Wirtschaft. Jeder klagt über die Inflation. Die Regierung ist aber unfähig, ihre Schuld an dem Desaster einzuräumen und macht finstere Mächte aus dem Ausland verantwortlich – dieselben, die schon die Gezi-Unruhen und den Putschversuch vom 15. Juli angezettelt hätten. Und viele Leute glauben diesen Unsinn. Vielleicht, weil sie es glauben wollen.

Vor zehn Tagen kamen wir aus dem Urlaub zurück, da hatte mein Onkel-Mehmet-Lebensmittelladen gegenüber die Preise schon wieder um gefühlte 10 Prozent angehoben. Die Zehnliterflasche Trinkwasser kostet jetzt statt fünf Lira 5,50 Lira. Der Laib Graubrot acht statt sieben Lira. Auch für Internet, Telefon und Gas muss ich deutlich mehr bezahlen. Zu sagen, die Inflation galoppiere, ist noch untertrieben. A propos Gas: Dass die Leute kein Geld mehr haben, merke ich an der schlechten Luft bei den derzeitigen winterlichen Temperaturen. Sie heizen mit allem Möglichen, aber nicht mit Gas. Es stinkt oft nach verbranntem Plastik. Ich meine, welchen Heizwert hat das?

Unfähiger Geheimdienst

Noch ist das alles für die meisten Türken zwar unangenehm, aber nicht existenzbedrohend. Doch für mich sind es die Vorboten kommenden Unheils. Die Anzeichen einer Wirtschaftskrise, die Erdoğan und sein ganzes System ins Wanken bringen kann. Es waren immer Wirtschaftskrisen, die in der Türkei Regierungen hinwegfegten. Erdoğan weiß das und malt deshalb das Bild einer Türkei an die Wand, die von bösen Kräften attackiert wird. Deshalb versucht er auch, sein autoritäres Präsidialsystem auf Teufel komm raus durchzusetzen.

Zurück zum Terror. Trotz Ausnahmezustand, martialischen Erklärungen Erdoğans und der Staatsspitze, trotz zehntausender Terrorverdächtiger in den Gefängnissen, trotz Sondervollmachten für die Polizei und Außerkraftsetzung der Demokratie hat diese Regierung es nicht entfernt geschafft, das Land sicherer zu machen, wie sie es vor den letzten Wahlen versprach. Im Gegenteil. Und was ist das für ein Geheimdienst, der zwar Hausfrauen, Schriftsteller und Lehrer bespitzeln und dafür sorgen kann, dass sie ins Gefängnis wandern, der aber die Bevölkerung nicht vor dem Terror schützt? In jeder normalen Demokratie hätte der Geheimdienstchef längst seinen Hut nehmen müssen. In jeder normalen Demokratie würde auch eine Regierung, die dermaßen katastrophal versagt, nicht mehr im Amt sein. Aber was ist schon normal in der Türkei, in diesen Tagen?

Foto: Frank Nordhausen

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Ein Gedanke zu „Angst vor der Zukunft

  1. Ja, war erst vor einer woche in der Schönsten Stadt der Welt.
    Wenn es schon soweit ist das akp wähler nicht sprechen sobald eine fremde Person in der nähe ist, dann erinnert das an zeiten, die nie wiederkehren dürften.
    Es schmerzt sehr um die Menschen die dort leben.

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