Attentäter

Während uns heute ein Selbstmordanschlag vor der US-Botschaft in Ankara erschreckt, der offenbar von einem Mitglied der verbotenen linksterroristischen Organisation DHKP/C begangen wurde, werden die Hintergründe des Attentats auf drei Kurdinnen aus der PKK in Paris Anfang Januar immer mysteriöser. Die Frage stellt sich immer dringender: Steckt doch der „tiefe Staat“ dahinter – und wenn ja, welcher? Der militärisch-nationalistische Zweig oder der neue, „grün-Islamische“, von dem nun manchmal die Rede ist? Ich habe versucht, ein paar Hinweise über den oder einen der mutmaßlichen Attentäter von Paris, Ömer Güney, zusammenzutragen:

Wer ist Ömer Güney?

Der mutmaßliche Mörder der drei PKK-Aktivistinnen in Paris ist Türke und Nationalist.

Der Polit-Thriller um das Attentat auf Sakine Cansiz, Fidan Dogan und Leyla Saylemes wird immer undurchschaubarer, je mehr Informationen über den Tatverdächtigen bekannt werden. Vor zwei Wochen stellte der französische Staatsanwalt François Molins den 30-jährigen türkischen Staatsbürger Ömer Güney als Hauptverdächtigen vor. Er sei wegen „Mordes in Zusammenhang mit einem terroristischen Unternehmen“ und „Teilnahme an einer Verschwörung“ festgenommen worden.

Eine Überwachungskamera enthüllte, dass er sich zur Tatzeit in den Räumen des Pariser Kurdenvereins aufhielt. Zwar stammt eine DNA-Spur auf einer der zehn Patronenhülsen der Schalldämpferpistole nicht von ihm, aber in seiner Ledertasche wurden Schießpulverspuren sichergestellt. Laut Polizei war Güney der Fahrer der PKK-Mitbegründerin Sakine Cansiz, die aus ihrem deutschen Wohnort nach Frankreich gekommen sei, um ihre Aufenthaltserlaubnis zu verlängern. Während seiner Vernehmung habe er erklärt, dass er seit zwei Jahren Mitglied der PKK sei – eine Behauptung, der Mehmet Ülker, Vorsitzender der Föderation der kurdischen Vereine in Frankreich, umgehend widersprach: „Er hat sich auch nicht um sonstige Angelegenheiten von Sakine Cansiz gekümmert.“

Ankara folgert daraus dennoch, dass der Dreifachmord das Ergebnis einer „internen Abrechnung“ sei. Die Behauptung einer PKK-internen Vendetta wies der im Nordirak lebende militärische PKK-Führer Murat Karayilan jedoch umgehend zurück. Ömer Güney sei kein Mitglied der Bewegung gewesen, sagte er der kurdischen PKK-nahen Nachrichtenagentur Firat News. Er vermute, dass Güney absichtsvoll zwei Jahre zuvor ins PKK-Umfeld in Europa eingeschleust worden und für den Mord aktiviert worden sei. Der in der Türkei inhaftierte Kurdenführer Abdullah Öcalan vermutete, es gebe Kräfte, die den gerade begonnenen Friedensprozess mit der türkischen Regierung „torpedieren“ wollten.

Wer ist dieser Ömer Güney? Laut seinem Facebook-Profil arbeitete er auf dem Flughafen von Roissy-Charles de Gaulle und als Hausmeister in Paris. Recherchen von Firat News, aber auch anderer kurdischer, der PKK nahestehender Medien ergaben, dass Güney Ende 2010 erstmals Kontakt zur kurdischen Community in Paris aufnahm, als er einen Mitgliedsantrag für einen kurdischen Verein ausfüllte und sich fortan häufig in den Vereinsräumen im Vorort in Villiers-le-Bel aufhielt. Ein Mitbewohner Güneys aus Paris namens Y. A. erklärte Firat News, dass sich Güney wegen seiner guten Französischkenntnisse als Dolmetscher und Helfer bei bürokratischen Angelegenheiten Vertrauen in der kurdischen Gemeinschaft erworben habe. Er habe behauptet, sein Vater sei Kurde, und seine Mutter sei Türkin.

Als türkische Zeitungs- und Fernsehreporter die Familie Güneys in der zentralanatolischen Provinz Sivas befragten, erklärten diese aber, sie seien „Türken, reine Türken“ und hätten weder kurdische Verwandte noch Freunde, im Gegenteil, die Familie sei strikt gegen die PKK eingestellt – was seither den Verdacht vieler Kurden, es könne sich um ein türkisches Komplott gegen Kurden halten, massiv verstärkt. „Wir sind eine nationalistische Familie“, sagten seine Onkel Zekai und Ahmet Güney im Fernsehen. Ihr Neffe sei krank, er leide unter einem Gehirntumor und häufigen Gedächtnisverlust, er könne die Tat nicht begangen haben. Ömer ist der einzige Junge aus einer Familie mit vier Kindern aus der Provinz Sivas, in der nur wenige Kurden leben. Laut dem Dorfimam hat die Familie bei Wahlen stets für die als „Graue Wölfe“ bekannte nationalistische MHP gestimmt.

Im Alter von fünf Jahren ging der Junge mit seiner Familie nach Frankreich, wo sein Vater Arbeit gefunden hatte. Mit 20 Jahren heiratete er 2003 nach Deutschland, kehrte aber nach seiner Scheidung vor zwei Jahren zurück nach Paris. Dort zog Güney Ende November in die Wohnung von Y. A., wo sie mit einer dritten Person zusammenlebten. Güney sei verschlossen gewesen und habe wenig von sich erzählt, sagt der Mitbewohner. Er habe nur wenig Kontakt zu seiner Familie gehabt, was er damit begründete, dass diese seine Kontakte zu Kurden nicht billigte. Diese Kontakte habe er nach seiner Scheidung aufgebaut. Als er in Paris ankam, erzählte er, ein kurdischer Verein aus München habe ihn geschickt.

In Paris pflegte der zuvor unauffällige junge Mann einen seltsam aufwändigen Lebensstil. Er ließ sich mit weißem Leinenjackett und Sonnenbrille vor einem Ferrari fotografieren, besaß laut Polizei 45 Anzüge; und bei der Durchsuchung seines Zimmers wurden fünf Mobiltelefone gefunden. Sein Mitbewohner Y. A. erzählte, dass Güney es aber niemandem gestattete, eines der Handy zu benutzen, selbst als er seines einmal verloren hatte. Güney sei zudem ein Waffennarr gewesen, habe ihm einmal eine Pistole gezeigt. Er sei mehrfach für einige Tage verschwunden, ohne eine Erklärung dafür zu liefern. Inzwischen wurde bekannt, dass er trotz seines bescheidenen Einkommens allein 2012 mindestens achtmal in die Türkei reiste – aber laut seiner Familie sich nie bei ihnen in Sivas blicken ließ. Im Dezember verbrachte er drei Tage in einem Hotel im Zentrum von Ankara. Der Grund für seine Reisen ist unbekannt.

Die Biografie von Ömer Güney erinnert Kommentatoren in der Türkei an Ogün Samast, den Mörder des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink, der wie Ömer Güney in rechtsnationalistischen Kreisen verkehrt hatte. Vor 2010 wohnte Güney im oberbayrischen Bad Tölz, dann zog er nach Schliersee bei München, wo angeblich zahlreiche Türken leben, die laut PKK-nahen Medien Anhänger der nationalistischen Grauen Wölfe sein und mehrfach kurdischstämmige Migranten bedroht hätten.

Auf seiner Facebook-Seite bekannte sich Güney zur konservativ-religiösen türkischen Regierungspartei AKP und outete sich als Fan der nationalistischen, kurdenfeindlichen Fernsehserie Kurtlar Vadisi (Tal der Wölfe). Seine Facebook-Freunde sollen meist dem rechtsnationalistischen und religiös fundamentalistischen Milieu angehören. Ein türkischer Schwager aus Sivas sagte der Zeitung Hürriyet, er sei davon überzeugt, dass Ömer die Tat begangen habe: „Er hat immer Kurtlar Vadisi geschaut. Er dachte, er wäre in dem Film, er wurde manipuliert, man hat ihm eine Waffe in die Hand gedrückt, Geld in die Tasche gesteckt …“.

Wie viele kurdische Politiker in der Türkei und in Europa macht auch Zübeyir Aydar, Mitglied im Exekutivrat der Union Kurdischer Gesellschaften (KCK), dem legalen Arm der PKK, den türkischen „tiefen Staat“ – ein geheimes Konglomerat von Ultranationalisten, Militärs, Geheimdiensten und Killerkommandos – für die Morde verantwortlich. Aydar bezeichnet in einem Interview mit Firat News Ömer Güney als einen gezielt eingeschleusten Attentäter, der die Tat nicht allein begangen haben könne. Der in Belgien lebende Kurdenführer sagte, man sei 2011 von offizieller belgischer Seite gewarnt worden, dass ein Hinrichtungskommando unterwegs sei, um ihn und zwei andere im Exil lebende PKK-Kader zu töten; diese Information habe man dann aus dem Iran, wo die PKK-Schwesterguerilla PJAK aktiv ist, bestätigt bekommen. „Wir haben diese Information der belgischen Polizei mitgeteilt, und sie haben entsprechende Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Selbst in Deutschland wurden Sicherheitsvorkehrungen getroffen.“ In Deutschland lebte einer der Genannten.

Aydar macht die Türkei für die Mordaufträge verantwortlich, ohne zu sagen, wen genau er meint. Aber 2011 fanden in Oslo Geheimgespräche zwischen dem türkischen Geheimdienst MIT und der PKK über eine friedliche Beilegung des Konfliktes statt. Nachdem die Gespräche durch Indiskretionen bekannt und daraufhin abgebrochen worden waren, habe man Ende 2011 aus den Reihen der in Ankara regierenden AKP erfahren, dass einige Hinrichtungskommandos nach Europa entsandt worden seien, um PKK-Führer zu liquidieren. „Diese Information wurde an mich persönlich weitergeleitet und wir haben dies erneut an die belgische Polizei weitergeleitet. Im Jahr 2012 haben wir dann von der belgischen Polizei die Information erhalten, dass sie einen oder mehrere Menschen eines Hinrichtungskommandos festgenommen und ein mögliches Attentat unterbunden hätten.“

Damals seien die Attentäter von Großbritannien aus eingereist. Aydar vermutet nun, dass auch das Attentat von Paris auf das Konto dieser Hinrichtungskommandos geht: „Es scheint, dass sie aufgrund der Vorkehrungen mit ihren Plänen gegen uns gescheitert sind und daraufhin sich die drei Frauen zum neuen Ziel auserkoren haben. Es ist kein Zufall, dass die Freundin Sakine ausgewählt worden ist. Das hat eine tiefere Bedeutung. Die Leitung der Bewegung wurde als Ziel ausgewählt.“ Es sei nichts Neues, dass es im Staat Kreise gebe, die keinen Frieden wollten. „Vielleicht wurden im Rahmen solcher Pläne auch die Kommandos nach Europa geschickt.“

Aydar wertet die Warnung des stellvertretenden AKP-Chefs Mehmet Ali Sahin, dass in Deutschland ähnliche Morde geschehen könnten, als implizites Eingeständnis. Die Äußerungen seien als offene Drohung gegen kurdische Exilpolitiker zu verstehen. Die Regierung in Ankara hat ein Ermittlungsteam des Geheimdienstes MIT nach Paris geschickt. Sie wird sich unangenehmen Fragen stellen müssen.

Der Artikel erschien in gekürzter Form in der Berliner Zeitung vom 1. Februar 2013

2 Gedanken zu „Attentäter

  1. Ich verstehe nicht wie man als europäischer Demokrat; zu denen ich mich zähle; diese Moslembanden welche unsere freiheitliche demokratische Gesellschaft ablehnen; so mir nichts dir nichts in unseren Sozialstaat einreisen lassen kann. (…)

    Kommentar gekürzt. Werter KlausiusFranzius, Sie können nicht ernsthaft erwarten, dass ich einen Kommentar mit rassistischen Formulierungen wie „Moslembanden“ (es folgen noch schlimmere) in meinem Blog durchgehen lasse. Mit verärgerten Grüßen FN

  2. Sehr ineteressante Informationen:
    der belgische, fransözische und deutsche Staat beherbergen PKK Führer und oberste Sicherheitsorgane warnen diese Führer, dass gegen sie Todeskomandos unterwegs seien.
    Soweit ich weiss, ist die PKK für diese Staaten eine terroristische Organisation ….
    Welches Land braucht noch einen Feind, wenn es solche „befreundete“ Staaten hat.
    Europa spielt ein sehr schmutziges Spiel, das offensichtlich von dubiosen türkischen Kreisen entsprechend „spielend“ begleitet wird.
    Wie hätte sich Deutschland verhalten, wenn die RAF etc. in der Türkei einen Rückzugsgebiet gehabt hätte und von der Türkei gewarnt worden wäre, wenn gegen sie irgendwelche Komandos losgeschickt worden wären.
    Die PKK ist in der kurdischen Bevölkerung in Deutschland aber auch in Frankreich und anderen europäichen Ländern ein Staat im Staate geworden, die ihre Steuern eintreibt, als Judikative und auch als Exekutive tätig ist.
    Diese Staaten lassen sie gewähren.
    Jeder in Berlin kennt ihre Zentrale und Wirkungsstätten, bis auf die offiziellen deutschen Stellen!
    Super, nur weiter so. Das Geschrei in der deutschen Öffentlichkeit wird noch sehr laut werden, wenn die PKK sich weitere Freiheiten nehmen wird.

Kommentare sind geschlossen.