Ausgesperrt

Liebe Blogleser/innen, Sie haben sicher bemerkt, dass ich mit dem Schreiben eine Weile pausiert habe. Der Grund ist die schwierige Lage für Auslandskorrespondenten in der Türkei. Nachdem zuerst meine Presseakkreditierung für 2017 so lange „bearbeitet“ wurde, bis die Zeitgrenze für den visafreien Aufenthalt in der Türkei erreicht war, musste ich das Land verlassen, denn ohne die Akkreditierung kann man als Journalist keine Aufenthaltsgenehmigung – das sogenannte Ikamet – erhalten. Ohne die vom Amt für Presse und Information ausgestellte gelbe Pressekarte ist die Arbeit in der Türkei zudem schwierig und kann auch für Ausländer gefährlich sein.

Die Türkei fährt schon seit drei Jahren einen restriktiven Kurs bei der Ausstellung von Pressekarten für Auslandskorrespondenten, für die man sich jedes Jahr neu bewerben muss. Bei dieser Politik wird die Akkreditierung nicht verweigert, sondern eben einfach nicht erteilt. Die bekanntesten Opfer wurden 2016 der Spiegel-Korrespondent Hasnain Kazim, der seither nicht mehr in die Türkei einreist, und Deniz Yücel von der Tageszeitung Die Welt, der trotzdem im Land arbeiten durfte, da er neben dem deutschen auch einen türkischen Pass besitzt. Im laufenden Jahr traf die Nicht-Akkreditierung etwa zehn Kollegen, darunter zwei Deutsche. Einer der beiden bin ich. Bis heute bekomme ich bei Anrufen im Presseamt des Ministerpräsidenten die Auskunft, dass mein Antrag „im Bearbeitungsgang“ sei. Zuletzt im Oktober!

Wie einige Kollegen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden, behalf ich mir zunächst damit, von Zeit zu Zeit wie ein Tourist einzureisen und Interviewpartner, die ich zuvor angerufen hatte, zu treffen. Abgesehen davon, dass solche Treffen nicht verboten sind, wurde meine Akkreditierung ja weiter bearbeitet und war nicht abgelehnt worden.

Absurde Vorwürfe

Doch nachdem ich im Juli den Oppositionsführer Kemal Kılıçdaroğlu im Hauptquartier seiner Partei CHP in Ankara für das Magazin Focus interviewt hatte, entfesselten regierungsnahe Medien eine wüste Kampagne gegen mich, in der ich als Spion, „Feind der Türkei“ und ähnliches mehr, lustigerweise sogar als „Frankeştayn“ bezeichnet wurde. Die konzertierte Aktion war nicht nur rufschädigend, sondern bedrohlich – wenn man bedenkt, dass die deutschen Journalisten Deniz Yücel und Meşale Tolu seit Monaten aus fadenscheinigen Gründen in Untersuchungshaft sitzen und dass in keinem europäischen Land so viele Waffen in Privatbesitz kursieren wie in der Türkei.

Wer mein Blog und meine Artikel kennt, der weiß, wie absurd die Vorwürfe sind. Natürlich bin ich kein Feind der Türkei, sondern schätze im Gegenteil Land und Leute und interessiere mich brennend für sie. Sonst wäre ich nicht sechs Jahre am Bosporus geblieben. Aber ich bin auch ein kritischer Journalist, was meiner Meinung nach zur Jobbeschreibung gehört. Natürlich bin ich nicht objektiv, weil das kein Mensch fertigbringt, aber ich versuche, fair zu sein und immer die andere Seite anzuhören – was in der Türkei schwierig ist, weil diese „andere Seite“, soweit es sich um Offizielle handelt, Journalisten fürchtet und sich in der Regel stumm stellt. Obwohl sie meistens den Dialog verweigern, beschweren sich türkische Regierungsvertreter trotzdem dann über „unausgewogene Berichterstattung“.

Mit einer solchen Haltung stößt man in repressiven, extrem polarisierten Gesellschaften wie der Türkei jedoch auf vielschichtige Klippen. Zum einen akzeptieren nur sehr wenige, aufgeklärte Menschen das Konzept eines unabhängigen Journalismus. Sie erwarten stattdessen Parteinahme, wie sie es auch von den heimischen Medien gewöhnt sind. Wer dem als Journalist nicht entspricht, hat im Prinzip schon verloren, weil das Vertrauen fehlt. Deshalb ist es in den letzten Jahren immer schwerer geworden, Gesprächspartner zu finden, die sich mit dem System Erdoğans identifizieren – denn sie halten den kritischen Journalisten prinzipiell für einen Feind. Aber auch in anderen Segmenten der Gesellschaft hat das Misstrauen um sich gegriffen, was wiederum mit der Propagandamaschine der Regierungsmedien zu tun hat, die in der Türkei einfach alles dominiert. Wo aber alles Propaganda ist, kann man letztlich niemandem mehr trauen.

Auslandskorrespondenten im Visier

Ausländische unabhängige Journalisten sind in einem solchen System nicht vorgesehen und gelten per se als Störenfriede. Richtig gefährlich wird es, wenn die Regierung oder sogar der „starke Mann“ an der Staatsspitze anfangen, sie zu diffamieren – zu „Spionen“ oder gar „Terroristen“ zu deklarieren, wie Erdoğan es dem Kollegen Yücel antut. Anhänger eines solchen Anführers fühlen sich dann unter Umständen berufen und legitimiert, die „Spione“ zu jagen.

Ich erlebte einen solchen Mob im Februar 2011 während des Arabischen Frühlings in Kairo, nachdem der damalige ägyptische Präsident Hosni Mubarak ausländische Journalisten für die Revolution verantwortlich gemacht hatte. Das war lebensgefährlich. Mich retteten Kopten, ägyptische Christen, vor einem Lynchmob.

Leider macht sich Hass auf ausländische Journalisten auch in der Türkei breit. Mehrmals musste ich in den vergangenen drei Jahren vor einer Menschenmenge flüchten, die mich als „Spion“ beschimpfte. Mehrfach auch wurden Kollegen, wie ich selbst, von den Erdoğan-treuen Medien mit Nennung ihres Namens und Veröffentlichung ihres Fotos zur Zielscheibe gemacht.

Türkische Kollegen, die sich mit schwierigen Themen befassen, stehen praktisch immer mit einem Bein im Gefängnis. Deshalb gibt es in der Türkei fast keine Berichterstattung (mehr) über brennende gesellschaftliche Themen wie die endemische Korruption, die Verwüstung vieler Städte in den kurdisch dominierten Gebieten Südostanatoliens durch die Sicherheitskräfte, die neue Welle der „Verschwundenen“, die um sich greifende Rauschgiftsucht oder die explodierenden HIV-Infektionen. Von den zahllosen Ungereimtheiten des gescheiterten Putsches vom Juli 2016 ganz zu schweigen.

Einer parlamentarischen Nachfrage der sozialdemokratischen Oppositionspartei CHP zufolge wurden in der Türkei im Jahr 2016 die Pressekarten von 889 Journalisten aus meist fadenscheinigen Gründen aberkannt. Mehr als 110 Medienunternehmen wurden innerhalb des ersten Jahres nach dem Putsch verboten, rund 2.500 Journalisten wurden arbeitslos. Wer noch einen Job hat, macht Propaganda oder zensiert sich selbst (von wenigen Ausnahmen wie den Helden von Cumhuriyet oder Birgün abgesehen). Und man kann es nicht oft genug wiederholen: In keinem Land der Erde, nicht mal in China, Ägypten oder dem Iran, sitzen so viele Journalisten im Gefängnis wie in der Türkei, derzeit rund 160.

Alles Terroristen?

Während die einheimischen Kollegen reihenweise ins Gefängnis wandern, verlassen die ausländischen Korrespondenten und freien Journalisten das Land. Auch wenn türkische Minister gebetsmühlenartig erklären, dass Auslandskorrespondenten sicher seien, „solange sie sich an die Gesetze halten und keine Verbindung zu Terrorgruppen haben“, gibt es keine Sicherheit mehr, denn praktisch jeder Kontakt mit einem Oppositionellen kann als derartige Verbindung ausgelegt werden.

So wurde beispielsweise dem französischen Journalisten Mathias Depardon, der jahrelang in der Türkei gelebt hatte, zum Verhängnis, dass er während einer Auftragsarbeit für National Geographic in Südostanatolien Fotos von PKK-Graffitis machte. Das wurde ihm als Unterstützung einer Terrororganisation ausgelegt, er wurde im Mai festgenommen und erst einen Monat später nach persönlicher Intervention des Staatspräsidenten Emmanuel Macron bei Erdoğan freigelassen. Wie in meinem Fall hatte Depardon die Pressekarte beantragt, aber noch nicht erhalten.

Diese traurige Entwicklung dreht eine der großen Errungenschaften Erdoğans und der AKP zurück. Denn es war vor allem die AKP, die nach ihrem Machtantritt 2002 das Land für ausländische Reporter öffnete. Vorher war über die Türkei weitgehend von außerhalb berichtet worden. Die für die Region zuständigen Korrespondenten saßen in Wien, Beirut oder Nikosia. Die Türkei galt als Journalisten-feindlich, als schwieriges Terrain. Reporter machten Kurzbesuche, ohne ein echtes Gefühl für die Menschen zu bekommen. Sie schrieben dann schaudervolle Berichte über ein zurückgebliebenes, rohes, gewalttätiges Land. Jahrzehntelang wurde das Bild der Türkei durch den Hollywood-Gefängnisschocker Midnight Express von 1978 geprägt.

Das war einmal: Öffnung für die Weltmedien

Erdoğan aber erleichterte ausländischen Medien die Arbeitsbedingungen. Er tat das vermutlich aus taktischen Überlegungen, da er ihnen eigentlich nicht traute – es war für mich zum Beispiel unmöglich, ein Interview mit ihm zu bekommen. Doch als ich 2011 in Istanbul eintraf, war die Stadt am Bosporus ein Eldorado für Journalisten aus aller Welt, die spannende Beiträge über ein aufstrebendes Land zwischen Europa und dem Nahen Osten verfassten, voller Geschichten, Farbe und Drama.

Sie berichteten über die Öffnung des Landes, über den Aufstieg der „anatolischen Tiger“, die mögliche innere Befriedung durch Respektierung der ethnischen und religiösen Minderheiten. Istanbul war auf dem besten Weg, die Partymetropole Europas zu werden, prominente Musiker wie Neil Young, Paul Simon oder Metallica flogen zu Konzerten ein, Kunstgalerien schossen aus dem Boden. Die Türkei galt (noch) als Hort der Stabilität in einer instabilen Region und als mögliches Vorbild für die arabischen Revolutionäre. Auf Kairos Tahrir-Platz bekam ich als Antwort auf meine Frage, welches staatliche Modell den Demonstranten sympathisch sei, mehr als einmal zu hören: „die Türkei“.

Die Anwesenheit der Weltpresse und die relative Freizügigkeit, die den Journalisten gewährt wurde, taten dem Land gut. Nachrichten und Bilder strömten in die Welt hinaus, die das Image der Türkei fundamental änderten und damit Investoren anzogen. Nicht mehr Chaos, Unterdrückung, Bürgerkrieg, Folterkeller, Armut – sondern Aufbruchstimmung, Wirtschaftsboom, Fortschritt dominierten die Schlagzeilen. Auch wenn 2011 bereits die ersten Krisensymptome zu spüren waren und sensible Korrespondenten darauf reagierten, konnte Erdoğan im Großen und Ganzen zufrieden sein mit der Berichterstattung. Das Land für die Weltmedien zu öffnen, hatte sich für ihn gelohnt.

Wendepunkt Gezi

Der Wendepunkt waren die Gezi-Unruhen von 2013. Sie öffneten einerseits vielen Journalisten die Augen für die angestauten Probleme und ließen den Aufstand vom Taksim-Platz medial mit dem auf dem ägyptischen Tahrir-Platz verschmelzen. Das war oft ungerecht, aber es gab auch Ähnlichkeiten – und für Erdoğan, der die Macht zunehmend auf seiner Person konzentrierte, änderte dieses Jahr alles.

Der „Boss“ hatte die Weltpresse trotz seiner liberalen Politik stets misstrauisch beobachtet, auch wenn ihn „Time“ 2011 zur „Person des Jahres“ ausrief. Das war in meinem ersten Türkei-Jahr, als ihn viele im Westen noch hochleben ließen. Doch seit „Gezi“ ist er davon überzeugt, dass die westlichen Medien im Auftrag der USA, Deutschlands und Israels seinen Sturz betreiben. Seither dürfen sich ausländische Journalisten in der Türkei nicht mehr willkommen fühlen. Wer zu kritisch berichtet, wird bestraft – wie Deniz Yücel. Erdoğan glaubt wohl, dass er damit negative Berichterstattung verhindern kann. Darin täuscht er sich natürlich.

Aber die Folgen sind dramatisch. Die Zahl der ausländischen Korrespondenten hat drastisch abgenommen. 2012 erkundigte ich mich interessehalber bei der Pressestelle der Regierung nach den akkreditierten Journalisten aus Deutschland. Die Antwort war, dass die Deutschen das größte Kontingent mit ungefähr 60 Personen stellten. Inzwischen sind die meisten gegangen. Monat für Monat haben sich im letzten Jahr Kollegen verabschiedet. Sie sind ein Teil einer großen Ausreisewelle deutscher Bürger, die zum Jahresende an Fahrt gewinnen wird. Ein türkischer Spediteur, mit dem ich vor einigen Tagen telefonierte, erzählte mir, dass er massenhaft Aufträge für den Rücktransport von Hausrat nach Deutschland habe.

Berichterstattung wird zum Risiko

Auch den meisten ausländischen Journalisten ist es in der Türkei angesichts häufiger Terroranschläge, zunehmender Überwachung durch den Geheimdienst und der Inhaftierung mehrerer Kollegen schlicht zu gefährlich geworden. Die gelbe Pressekarte bietet einen gewissen Schutz, stellt aber keine Garantie dar, nicht zur Zielscheibe zu werden. Viele Kollegen haben Angst um ihre Sicherheit und die ihrer Kinder oder das Gefühl, nicht mehr richtig arbeiten zu können, weil sich zum Beispiel kaum jemand noch traut, ihnen ein Interview zu geben.

Bei Straßeninterviews tauchen jetzt häufig Leute auf, die die Szene mit ihren Handykameras filmen. Für wen? Zum einen kann jede öffentliche Äußerung im herrschenden Klima von Unterdrückung, Hexenjagd und Denunziation für den Gesprächspartner dramatische Folgen haben. Schon die Tatsache, mit „Spionen“ geredet zu haben, kann böse enden in einem Land, in dem Tausende inhaftiert sind, nur weil sie mit Personen Kontakt hatten, die als „Putschisten“ verdächtigt werden.

Zum anderen wird die Berichterstattung selbst zum Risiko – und öffnet damit die Schere im Kopf. Die Fälle Steudtner, Yücel und Tolu haben klar gemacht, dass auch die deutsche Botschaft wenig für die Kollegen tun kann, sollten eine/r von uns im Gefängnis landen. Der Trend ist eindeutig: Die Journalisten gehen zurück nach Deutschland oder verstreuen sich in der gesamten Region, ziehen nach Athen, Bukarest, Wien.

Wie zu DDR-Zeiten

Ich fühle mich ein bisschen wie im Jahr 1981, als ich DDR-Verbot bekam, weil ich es als Westberliner nicht lassen konnte, auch in der „Hauptstadt der DDR“ meine Meinung zu sagen und zu Freunden aus der DDR-Opposition Kontakt zu halten. Jetzt pendele ich in der Region und überlege, ob ich mein Blog umbenennen soll. Was meinen Sie? In Zukunft werde ich auch Geschichten aus anderen Ländern erzählen, aber die Türkei und Istanbul werden der Schwerpunkt bleiben. Es wird schwer werden, Geschichten aus dem Alltag zu berichten – dabei ist es der Alltag, der das Leben im Land vor allem prägt und der viel Böses auch relativiert, wie damals in der DDR.

An der Oberfläche wirkt vieles wie immer. Die Geschäfte und Restaurants sind voll, die Simitverkäufer stehen auf der Straße, auf der Istiklal Caddesi flanieren Tausende, die Bosporusfähren verkehren wie gewohnt. Es gibt sogar positive Nachrichten, wie archäologische Entdeckungen oder die überraschende Entlassung der Özgür-Gündem-Unterstützer aus dem Gefängnis. In meinem Twitter-Account habe ich dafür eine eigene Rubrik „positive news“ eingerichtet. Natürlich gibt es wundervolle menschliche Momente in all dem Wahnsinn des Erdoğan-Regime. Aber leider kann ich das zurzeit nicht direkt miterleben und für Sie beschreiben.

Zum Glück leben wir nicht mehr im 20. Jahrhundert. Das Internet bietet mit Skype, YouTube, E-Mail und den sozialen Medien eine Vielzahl Möglichkeiten, den Kontakt zu Freunden aufrechtzuerhalten. Mit ihrer Hilfe kann ich weiter arbeiten. Im Prinzip aber sind wir wieder am Nullpunkt angelangt. Die Türkei wird wieder zum Land, über das vor allem von außerhalb berichtet wird. Soviel ist sicher: Das wird ihrem Bild in der Welt nicht gut tun.

2 Gedanken zu „Ausgesperrt

  1. Es ist so Schlimm! Ich habe den Abstieg von Gezi bis Putsch in Istanbul miterlebt, dann bin auch ich abgereist. Und manchmal hege ich immernoch heimliche Hoffnungen doch zurück in dieses wunderbare Land ziehen zu können, vieleicht weit ab von Istanbul, einem Ort wie Kabak oder Datca. Aber so Aussagen wie „wir sind am Nullpunkt angelangt“ unterstützen leider das Argument es nicht nochmals zu Versuchen.
    Was meinen sie denn, zu den Umständen ausserhalb der Grossstädte?
    Danke für die stehts spannende und aufschlussreichen Berichte aus dieser grossartigen Region!

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