Bayram-Stimmung

Kurz vor dem Bayram-Fest zum Abschluss des Ramadans scheint Istanbul nochmal richtig Ferien zu machen. Es zieht eine schläfrige Ruhe in der Stadt ein, natürlich nicht bei uns, da wird ja dauernd gebaut. Gerade entkernen sie wieder ein altes Konak auf dem Hügel unterhalb unseres Hauses und lassen nur das Gerippe stehen. Konaks sind alte Holzhäuser, von denen es in unserer Gegennd erstaunlicherweise noch ein paar Exemplare gibt. Bei Orhan Pamuk kann man ja nachlesen, wie die meisten Konaks in den 60-er bis 80-er Jahren durch „warmen Abriss“ verschwanden, sehr zu seinem Bedauern. So sehr ich es also begrüße, dass nun wieder eines renoviert wird, aber den Presslufthammer morgens um 8.00 Uhr würde ich verbieten. Was soll das überhaupt – arbeiten im Ramadan?

Selbst der nette Herr vom Tante-Emma-Laden gegenüber ist schon weg gefahren und hat seinen Istanbuler „Späti“ ganz der Familie überlassen. Es ist so leer in der Stadt, dass ich heute völlig unkompliziert in Rekordzeit mit dem Taxi zum Atatürk-Flughafen gelangte. Und dort gingen mir die Augen über. Denn mir schien, dass die Istanbuler Mittel- und Oberschicht quasi geschlossen in die Bayram-Ferien aufbrach. So viele Hot-Pants-, Bauchfrei- und Spaghetti-Träger-Frauen sieht man sonst nicht mal in der Istiklal-Straße. Umso skuriller der Gegensatz zu den neuen Werbetafeln, die inzwischen auch am Atatürk-Flughafen Reklame für fromme Mode mit Kopftuchmädchen machen. Hier ging es im Gegenteil sehr hedonistisch zu. Man trank Bier oder Wein am hellichten Tag (doppelt anrüchig, weil Ramadan), schaufelte Pasteten und Köfte in sich hinein oder genoss zum I-Pad-Check einen fetten Cappuccino.


Mode für die moderne fromme Frau – Werbung auf dem Flughafen

Auf dem Flughafen waren – ungelogen – Tausende Istanbuler Menschen in aufgedrehter Stimmung, die Flieger nach Antalya, Izmir usw. voll bis auf den letzten Platz am Exit. Mir schoss durch den Kopf, wie seltsam dieses Bild zu dem kontrastieren muss, was viele Deutsche von der Türkei und den Türken haben. Es war nicht ein einziger zottelbärtiger Salafist zu sehen! Kurz, es ging nicht viel anders zu als auf dem Düsseldorfer Flughafen, nur edler. Nicht nur das I-Phone- und Ray-Ban-Publikum, auch das Catering: bessere Restaurants, echte Fruchtsäfte, nettere Kellner. Natürlich, alle Kurzurlauber müssen durch den Flughafen, wenn sie schnell zum Strand wollen. Und wie es in Istanbul immer ist, waren es wirklich sehr, sehr viele Menschen.

A propos sehr viele Menschen – heute hat der Regierungschef Erdoğan die neue U-Bahnlinie auf der asiatischen Seite Istanbuls zwischen Kadıköy and Kartal eingeweiht, 27 neue Metrokilometer für 7000000 Passagiere täglich. Eine tolle Sache, denn wie jeder Istanbuler weiß, braucht man für diese Strecke oberirdisch ewig. Ich habe schon einmal ein Flugzeug am Sabiha-Gökcen-Flughafen verpasst, weil der Verkehr einfach still stand. Stundenlang. Doch immer, wenn der Verkehrsinfarkt kurz bevor steht, gelingt es dieser Stadt, einen neuen Bypass zu legen, und es bewegt sich wieder was. Bis zum nächsten Blackout. Ja, auch Istanbul ist eine Stadt, die nie ist, sondern stets wird. Ganz wie Berlin.

10 Gedanken zu „Bayram-Stimmung

  1. ja so ist es wirklich in Istanbul.Wer es sich natuerlich leisten kann.
    Die Istanbuler fliegen zum Ramazan in den Urlaub.Zu Ostern fliegen ja auch viele nach Malle usw.
    Leider hat Istanbul 15 Millionen Menschen,und auf dem Flughafen sieht man natuerlich alle auf einem Haufen die es sich leisten koennen.Viele von den besser verdienen tragen kein Kopftuch und Essen und Trinken im Ramazan.
    Kommt man in andere Bezirke wie Uskudar oder Fatih sieht man natuerlich auch alle auf einem Haufen unter anderem zottelige Salafisten.Dort werden Frauen mit Kopftuch vom Staat unerstuetzt,wenn sie das Kopftuch tragen.
    Istanbul ist halt zu gross und viele sind aus Anatolien zugereist um ein besseres Leben zu haben.Leider integrieren sich die Anatolier nicht und die alten Istanbulaner haben Probleme mit denen.Es kommt dadurch immer zu Reibereien.

    • ganz wie in Deutschland. Die Istanbuler Mittelschicht ist eigentlich nicht von der deutschen Mittelschicht zu unterscheiden. Na, vielleicht doch, sie zeigen, dass sie Geld haben und das es ihnen gut geht.

      Wer allerdings der Arbeiterschicht angehört den geht es nicht besonders gut.

      • Zwischen den Mittelschichten gibt es meiner Erfahrung nach trotz aller Gemeinsamkeiten gravierende Unterschiede. So ist die Mittelschicht in Stuttgart nicht mit der in Berlin gleichzusetzen, und die deutsche nicht mit der in der Türkei. Aber natürlich haben Sie recht, den Leuten aus der Istanbuler Mittelschicht geht es gut, sie zeigen das auch, und anderen geht es bedeutend schlechter. FN

    • Lieber Herr Walter, so pauschal kann ich das nicht sehen. Der „Integrationsprozess“ dauert eben, es ist ein großer Schritt vom Dorf in eine der größten und rasant entwickelnden Städte der Welt. Es gibt sehr viele Migranten, vor allem junge Leute der zweiten Generation, die sich von den Dorfgewohnheiten lösen und eher den globalisierten Normen anpassen. FN

    • Naja die Aussage, dass nur die Anatolierinnen in Istanbul das Kopftruch tragen, halte ich für falsch. Wenn man religiös ist und alle regeln einhalten möchte so tut man es egal wo man ist. Gebürtiger Istanbuler heisst nicht, dass man moderner ist nur weil man kein Kopftuch trägt oder kein Bart etc.

  2. @Markus
    leider ist Ihre Antwort falsch.Meine Putzfrau nimmt sogar das Kopftuch ab wenn sie in meiner Wohnung sauber macht.Bei meiner Nachfrage warum sie es draussen nicht auch macht,erklärt sie,dass sie von den Nachbarn in ihrem Umfeld angemacht wird,wenn sie es nicht trägt.Sie wohnt in Üsküdar
    Sie wird also, in meinen Augen ,gezwungen.

  3. „Zottelbärtiger Salafist“ gibt es in der Türkei auch praktische keine. Fast alle Islamisten des Landes haben einen irgendwie gearteten Hintergrund mit Tarikat-Einschlag.

    Ist nicht bös gemeint, aber der/die Author/Authorin sollte sich beim Thema Islamismus in der Türkei besser schlau machen, wenn er/sie weiter als Experte zum Thema arbeiten will!

    • Liebe(r) gibgasachi, sorry, aber da liegen Sie nicht ganz richtig. Ich habe mit den „Zottelbärten“ in Istanbul (Fatih) schon mehr als einmal Kontakt gehabt. Dass es viele Tausende sind, würde ich allerdings nie behaupten.

      • Ja, aber besonders die in Fatih haben quasi immer einen Sufiorden (tariqat) Hintergrund und keinen Salafi-Hintergrund. Zumindest sind mehr oder weniger alle Hanafi oder Schafi’i. Einige wenige Schiiten.

        „Zottelbart“ heißt nicht zwangsläufig Salafist.

        Es mag sein, dass mittlerweile einige Salafisten in der Türkei aktiv sind (als Reimporte aus Deutschland gut vorstellbar), aber in der türkischen Islamistenszene sind Salafisten völlig bedeutungslos (zumindest bis jetzt).

        • Nicht nur als Importe aus Deutschland, auch aus Tschetschenien und anderen Weltgegenden. FN

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