Beyoğlu: Gentrifizierung und Niedergang

Fast jeden Tag laufe ich durch die belebte Fußgängerzone Istiklal Caddesi hier in Beyoğlu, sie ist mir vertraut und wirkt doch immer fremder. Das Publikum ist gegenüber früher wie ausgetauscht, die bunte Mischung aus westlichen und östlichen Touristen, Szenegängern und Händlern findet man, wenn überhaupt, nur noch am oberen Ende am Tünel-Platz. Ich verliere die Lust, dort zu flanieren. Das erste Mal, seit ich in Istanbul lebe.

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Der wirtschaftliche Niedergang der Istiklal ist unverkennbar, viele Läden sind geschlossen. Aber es ist nicht nur die Wirtschaftskrise, die sich jetzt auch an anderen Orten bemerkbar macht, denn im Großen Basar stehen mindestens 600 der 3600 Läden leer, viele der neuen Shopping Malls sind verwaist und selbst in der feinen Bağdat Caddesi in Kadıköy häufen sich die „Zu vermieten“-Schilder. Es ist die kulturelle Verödung von Beyoğlu, die Schlimmes für die Zukunft erwarten lässt. Mir fällt es schwer, den Optimismus einiger altgedienter Kämpen aus dem Kiez zu teilen, die davon überzeugt sind, dass die Istiklal Caddesi sich nach einer Phase der Verwahrlosung wieder erholen werde, wie es immer gewesen sei. Inşallah, sage ich dazu.

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„Zu vermieten“ – solche Schilder gab es früher nie in der Istiklal Caddesi.

Meine Reportage erschien bisher in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau. Hier kommt eine etwas längere Fassung. Fotos stelle ich im Lauf der nächsten Tage ein.

Istiklal Caddesi: „Ein fades Abbild ihrer selbst“

Die Istiklal Caddesi im Herzen des Einkaufs- und Vergnügungsviertels Beyoğlu ist der bekannteste Boulevard Istanbuls und eine der belebtesten Straßen Europas. Das Bild einer roten Straßenbahn mitten im Menschenstrom kennt jeder Besucher der Metropole. An Wochenenden werden auf der zwei Kilometer langen Avenue vom Taksim-Platz zum Galataturm noch immer bis zu zwei Millionen Flaneure gezählt – wobei die Betonung auf „noch immer“ liegt.

Denn in der Fußgängerzone mit ihren prächtigen Jugendstilpassagen und alten Konsulaten, ihren Geschäften, Galerien, Restaurants, Bars und Partykellern hat die Zahl der Passanten drastisch abgenommen, sind viele Rollläden herabgelassen und mit Graffiti besprüht. Kulturelle Wahrzeichen wie das Emek-Kino, die SALT-Galerie oder die Robinson-Buchhandlung wurden geschlossen. Selbst globale Marken wie Columbia Sportswear oder Media-Markt haben aufgegeben. Die Istiklal Caddesi sei zum Symbol der wirtschaftlichen Rezession in Istanbul geworden, schreiben die verbliebenen Oppositionszeitungen, ihre Krise spiegele die gravierenden Probleme des Landes: Kriege, ein gescheiterter Putschversuch, Terroranschläge.

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Die Krise wird sichtbar.
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„Der Knall war gewaltig“, sagt Dilek Aktar. Die zierliche Verkäuferin des kleinen „Şirin Shop“, der Stoffschuhe und Handtaschen für Touristen führt, erinnert sich genau an den 19. März, als eintrat, was viele Istanbuler lange befürchtet hatten. Mitten in der Istiklal Caddesi, direkt vor dem Şirin Shop, ließ ein Selbstmordattentäter des Islamischen Staates eine Sprengladung detonieren und riss vier Touristen mit in den Tod. „Ich sah ihn explodieren“, sagt Dilek Aktar.

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Dilek Aktar im „Şirin Shop“

Das Geschäft wurde verwüstet, aber wie durch ein Wunder trug die 37-Jährige keine körperlichen Schäden davon. Doch sie war monatelang in psychologischer Behandlung und geht täglich voll Unruhe zur Arbeit in den renovierten Laden. „Ich habe Angst, aber was soll ich tun? Ich muss von etwas leben.“ Der Anschlag hat den Şirin Shop auch wirtschaftlich schwer getroffen. Früher hat Dilek Aktar Waren für tausend Euro am Tag verkauft, jetzt nur noch für knapp 400.

Vor dem Geschäft patrouillieren schwer bewaffnete Polizisten mit gepanzerten Fahrzeugen, was das Gefühl der Bedrohung verstärkt. Nicht weit entfernt, am Galatasaray-Platz in der Mitte der Straße, steht Senol Karaca, ein kleiner, stoppelbärtiger Mann an seinem fahrbaren Grill, auf dem er Esskastanien röstet. Noch im vergangenen Jahr, sagt der 35-Jährige, habe er vom Erlös seine fünfköpfige Familie gut ernähren können. „Aber jetzt verkaufe ich nur noch die Hälfte, und mir bleibt nicht mehr genug zum Leben.“

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Senol Karaca mit seinem Kastaniengrill.

Besucherrückgang und Geschäftseinbruch

Seit dem faktischen Zusammenbruch des Tourismus als Folge der Terroranschläge hat auch Istanbul einen Besucherrückgang von mehr als 40 Prozent zu verzeichnen. Um 40 bis 60 Prozent seien die Umsätze rückläufig, sagen die meisten der mehr als dreißig Geschäftsleute und Gastwirte auf der Istiklal Caddesi, mit denen wir in den vergangenen Wochen gesprochen haben. Viele haben bereits Mitarbeiter entlassen.

Wie Faruk Yildiz, 40, Chef des Schnellrestaurants Konak Kebab am Galatasaray-Platz, der ein Drittel der Belegschaft nach Hause schicken musste. Nachdenklich mustert er die Passanten vor seiner Tür. „Früher waren fünfmal so viele Leute auf der Straße. Touristen aus Europa haben wir seit Monaten nicht mehr gesehen“, sagt er. „Eigentlich ist die Istiklal das ökonomische Herz Istanbuls. Aber wir werden nur überleben, wenn die Touristen zurückkommen. Und sie kommen erst wieder, wenn die Politik sich normalisiert – davon sind wir weit entfernt!“.

Dabei war die damalige „Grand Rue“ im alten Griechen- und Ausländerviertel Pera schon im Osmanischen Reich die berühmteste Prachtstraße Konstantinopels, angelegt nach dem Vorbild europäischer Boulevards. Als sie nach der Republikgründung 1923 in Istiklal Caddesi, Straße der Unabhängigkeit, umbenannt wurde, behielt sie ihren Glanz.

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Geschlossene Läden in der Istiklal Caddesi.
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Wenn sich die Alteingesessenen an die „alte Istiklal“ erinnern, dann erzählen sie, dass kein Herr ohne Anzug und Hut und keine Dame ohne elegante Kleider den Boulevard betrat. „Man besuchte die mondänen Kinos, Theater, Museen. Man traf sich in den Konditoreien und ging in exquisiten Geschäften einkaufen“, erinnert sich der 82-jährige Mahmut Soyman, dessen Traditionsgeschäft seit 1932 handgemachte Schuhe verkauft – und jetzt vor dem Aus steht.

In den 1980er und 90er Jahren wurde der Boulevard berüchtigt für seine Undergroundkneipen und die Rotlichtbars der Seitenstraßen, nach der Jahrtausendwende konnte er dann aber wieder an seine große alte Zeit anknüpfen. Teure Cafés, noble Restaurants und internationale Modemarken eröffneten neben den eingesessenen Buchläden und Kunstgalerien. Eine vibrierende Gegenkultur mit Rock-Bars, Indie-Bands, häufigen Kultur-Events und einer für die islamische Welt erstaunlichen Schwulenszene entstand.

Der verlorene Geist des Boulevards

Die kosmopolitische Mischung verlieh der Istiklal Caddesi jenes einzigartig urbane Flair, das ihren Besuch für Istanbul-Touristen zur Pflicht machte. Auch wenn es heute seltsam klingt: Ihr Aufschwung verlief zunächst parallel mit dem Aufstieg der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP des starken Mannes der Türkei, Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan.

„Die AKP ließ die Leute in Ruhe, die Behörden waren objektiv und erlaubten alles, was den Gesetzen entsprach. Doch das hat sich geändert, und zwar schon lange vor dem Terror“, sagt Turgay Erol, 56, Antiquar und Inhaber einer der letzten alten Buchhandlungen der Flaniermeile. Der gelernte Schiffskapitän sitzt im ersten Stock seines Ladens zwischen Regalen mit alten Büchern, Stadtplänen und Fotografien. Sein Umsatz sei in den letzten zwei Jahren um mehr als drei Viertel eingebrochen, sagt Erol. Er weiß nicht, wie lange er sich noch wird halten können. „Alle, die den alten Geist der Straße verkörpern, werden verjagt. Alles geht dadurch kaputt.“

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Turgay Erol in seinem Meeres-Antiquariat.
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Die Istiklal und ihr gnadenloser Verdrängungswettbewerb seien zum Abbild der „neuen Türkei“ des Präsidenten Erdoğan geworden, meint der Antiquar – einer Türkei, die mit Islam und Islamismus, aber mehr noch mit einem brutalen Kapitalismus zu tun habe. „Hier geht es nur noch um Geld, Rendite, Reichtum, während die Qualität immer mehr abnimmt. Doch wenn alles Attraktive verschwindet, gehen die Leute woanders hin. Wir bräuchten eine behördliche Begrenzung der Dönerbuden und Shopping Malls und Schutz für Buchläden und Galerien. Aber daran ist in Istanbul gar nicht zu denken.“

Die Kultur sei es doch gewesen, die die Istiklal Caddesi erst so beliebt machte, sagt Temel Kerimoğlu, der seit 27 Jahren eines der zwei letzten unabhängigen Programmkinos Istanbuls führt. „Die Intellektuellen wenden sich ab“, seufzt der 58-Jährige. „Beyoğlu war mal das kulturelle Herz Istanbuls, aber jetzt gibt es niemand mehr, der hier Filme sehen will.“ Kerimoğlu sitzt in seinem kleinen Büro in einer der alten Passagen über seinem „Beyoğlu Sinemasi“ an der Istiklal. An den Wänden hängen Plakate von Filmen berühmter türkischer Regisseure, die er selbst produziert hat, als es ihm wirtschaftlich noch besser ging. „Aber Kultur muss man fördern, sonst verschwindet sie“, sagt er.

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Temel Kerimoğlu in seinem Büro.

Kulturelle Verödung

Am Galatasaray-Platz trinkt ein alter Mann Tee in dem nach ihm benannten, gemütlichen Café, das mit großformatigen Schwarzweißfotos Istanbuls ausgestattet ist – seinen Fotos. Ara Güler ist der berühmteste Fotograf der Türkei. Der 88-Jährige war Mitglied der Magnum-Agentur, er ist eine Legende, seine Istanbul-Bilder sind Ikonen. „Diese Straße kenne ich wie kein anderer“, sagt der Greis mit leiser Stimme. „Ich liebe sie. Habe sie immer wieder fotografiert, im Lauf der Jahrzehnte.. Hier haben die Türken begonnen, in der Moderne zu leben. Leider ist sie heute nur noch ein fades Abbild ihrer selbst.“

Wie es dazu kam, darüber gibt es viele Meinungen. Izzet Maraz, 38, Inhaber eines winzigen Ladens für teure Oberhemden meint, sein Umsatz sei um 50 Prozent eingebrochen, weil das Ausland der Türkei ihre Erfolge neide und gegen sie konspiriere, eine gängige Verschwörungstheorie der AKP. Ihm gibt der Nationalstolz Kraft: „Wir Türken sind stark. Wir haben einen Putschversuch abgewehrt, wir werden auch dieses Problem schultern.“

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Izzet Maraz, Hemdenspezialist.

„Das Hauptproblem sind nicht Putschversuche oder Terror“, sagt Tarkan Konar, 41, der in einer Seitengasse eine linke Kneipe betreibt. Der drahtige Mann mit dem buschigen Schnurrbart war bis vor Kurzem Chef der Gastwirtevereinigung von Beyoğlu und kämpft seit Jahren gegen die kulturelle Verwahrlosung der Istiklal Caddesi. Seine Kunden sind vor allem Studenten aus der säkularen Mittelschicht, Künstler und Intellektuelle. „Sie kommen nicht mehr, weil ihnen das ganze Ambiente des Viertels nicht mehr gefällt“, sagt er. „Also schließen ihre Pubs, Galerien und Buchläden. Und dann kommen noch weniger.“

Konar glaubt, der Niedergang hänge zusammen mit der Vision des AKP-Bezirksbürgermeisters Ahmet Misbah Demircan, der immer wieder verkündete, er wolle den Boulevard in ein riesiges Einkaufszentrum mit Luxusgeschäften für arabische Touristen vom Golf verwandeln. Dabei hätten aufsässige Barbesitzer, schräge Galeristen oder Tätowierstudios, historische Theater und Filmbühnen gestört. Um sie loszuwerden, hätten die Stadt und die Regierung an allen nur denkbaren Stellschrauben gedreht. „Der Plan war einfach: den Linken Beyoğlu verleiden, die Immobilienpreise zum Steigen und das Geld zum Fließen bringen.“

Gnadenlose Gentrifizierung

Der Gastwirt erzählt, wie der damalige Ministerpräsident Erdoğan im Sommer 2011 eine Moschee im Viertel besuchte und sich über junge Leute aufregte, die an Tischen auf der Straße saßen und Bier tranken. „Damit fing alles an. Zuerst verbot die Stadtverwaltung den Wirten, Tische und Stühle auf die Straße zu stellen – das gibt‘s es in der ganzen Türkei nicht! Es folgten die Verweigerung von Alkohollizenzen, das Verbot von Straßenmusikern und dauernde Steuererhöhungen.“

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Tarkan Konar in seiner Kneipe Ucan Ev.

Eine andere gravierende Veränderung trat hinzu: Während früher jeden Tag Demonstrationen, Kundgebungen oder Presseerklärungen in der Istiklal stattfanden, wurden diese nach den Gezi-Protesten von 2013 oft verboten. „Damals kamen täglich hunderte Leute, die nach der Demo noch einen trinken gingen. Als das aufhörte, blieben auch unsere Läden leer.“

Schließlich wurde die Vergnügungssteuer über Nacht um 6600 Prozent erhöht. „Nur wer ein treues Stammpublikum hat, kann jetzt noch bestehen“, sagt Konar. Viele alte und einzigartige Cafés, Bars oder Geschäfte waren dem Druck nicht mehr gewachsen. Auch in Konars Kneipe verlieren sich am frühen Abend nur einige wenige junge Leute. „Dass ich noch geöffnet habe, hat nichts mehr mit Geschäft zu tun, sondern nur noch mit Widerstand“, sagt er. „Ich will mich noch nicht ergeben. Denn wenn auch ich gehe, ist wieder ein Treffpunkt weniger da.“

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Früher war hier eine Bank.

Doch nicht nur das Fehlen der Studenten und kaufkräftigen Touristen lässt die Istiklal veröden. Vor der Geschäftsaufgabe stehen meist alteingesessene Läden, die die immens gestiegenen Mieten nicht mehr aufbringen können. Massenmodemarken, Fastfood- und Kaffeehausketten hatten die Quadratmeterpreise zuletzt in schwindelerregende Höhen getrieben. Viele Betriebe werden die Wintersaison wohl nicht überstehen. Ganze Häuser stehen leer.

„Was in Beyoğlu geschieht, ist Gentrifizierung in ihrer härtesten Form“, sagt Akif Burak Atlar, der Sprecher der unabhängigen Istanbuler Stadtplanerkammer. Um rasch bauen zu können, erließ die Regierung 2005 ein neues Gesetz, dass es möglich macht, den strengen Denkmalschutz für bestimmte Gebiete zu schwächen, Genehmigungen zu beschleunigen und Einspruchsrechte auszuhebeln, berichtet der 36-jährige Architekt. „Nur deshalb wurden riesige Shopping Malls in der Istiklal genehmigungsfähig.“ Eine „Lex Beyoğlu“ habe zudem den Mieterschutz auf zehn Jahre begrenzt. Alle Mieter, deren Vertrag zehn Jahre oder länger besteht, können jetzt ohne Angabe von Gründen gekündigt werden.

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Akif Burak Atlar, Sprecher der Istanbuler Stadtplanerkammer.

Eine Rechnung, die nicht aufging

Seither stiegen die Mieten im Monatstakt. Jahrzehntealte Traditionsgeschäfte mussten weichen. An ihrer Stelle kommen große internationale Marken wie Adidas, Nike oder Zara, denen es nicht auf den Umsatz ankommt, sondern auf die Werbewirkung, wenn sie auf der Istiklal vertreten sind. Vor allem aber billige Döner-Imbisse und T-Shirt-Läden mit so sprechenden Namen wie „Gratis“, die Umsatz durch Masse machen. „Die AKP definiert den Wert der Stadt rein ökonomisch und hat die Entwicklung komplett dem Markt überlassen“, sagt Akif Burak Atlar. „Damit hat sie ein kosmopolitisches Quartier in ein langweiliges Allerweltsviertel mit globalen Franchiseketten verwandelt, das kein Mensch braucht. Sie plante für Investoren, nicht für Menschen.“

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Ganze Häuser stehen leer – undenkbar noch vor einem Jahr.

Bürgermeister Demircan hatte die Zahl der Hotelbetten in Beyoğlu seit 2006 von 6000 auf heute 45.000 erhöht, weil er mit einem stetigen Anstieg der Besucherzahlen rechnete. Doch im Sommer musste er einräumen, dass 80 Prozent der Betten leer stehen. Die üblichen Flaneure – Touristen aus der ganzen Welt, Familien, Studenten, junge Verliebte, europäische Austauschschüler – fallen kaum noch ins Auge. Demircans Lösung: Wenn Touristen aus dem Westen wegblieben, würden sie eben durch welche aus den Golfstaaten ersetzt.

Diese Rechnung ging nicht auf. Zwar kommen mittlerweile Araber und Iraner in großer Zahl nach Istanbul und prägen auch das Straßenbild auf der Istiklal Caddesi. Die arabischen Gäste retten viele Hotels der Gegend vor dem direkten Bankrott. Auch Baklava-Konditoreien und Läden für günstige Jeans und T-Shirts oder Kosmetika profitieren vom neuen Publikum. Viele Händler in der Fußgängerzone bringen Schilder auf Arabisch an oder eröffnen Nargile-Cafés, in denen die Araber ihre Wasserpfeifen rauchen können.

Aber es fällt auf, dass Araber häufig weder Einkaufstüten tragen noch gute Restaurants besuchen. Fragt man sie, warum sie in die Istiklal Caddesi kommen, so sagen sie, „weil wir sie aus dem Fernsehen kennen“, aus türkischen Soap Operas. Viel Geld geben die meisten nicht aus. Von der Geschichte des Stadtbezirks Beyoğlu wissen sie nichts. „Die Araber fragen immer, was es kostet und nehmen dann das günstigste Gericht“, klagt ein Schnellrestaurantbesitzer.

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Tristesse in der Istiklal Caddesi.
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Sex and Drugs and Alcohol

Es ist paradox, aber zugleich blüht das tot geglaubte Rotlichtmilieu wieder auf. Solange das Gleichgewicht zwischen Szene und Kommerz stimmte, wurden Prostituierte, Bordelle, Nepper und Schlepper erfolgreich abgedrängt. Jetzt ersetzen zweifelhafte Diskotheken, billige Nachtklubs und Schwulenbars die verschwundenen Studentenkneipen. Plötzlich treten Drogendealer und Prostituierte in den Seitenstraßen wieder offen in Erscheinung. „Arabische Männer kommen nach Istanbul wegen des Entertainments. Sex, Drogen und Alkohol sind es, was sie hier suchen“, sagt der Gastwirt Tarkan Konar. „Und wo es eine Nachfrage gibt, entsteht auch ein Angebot.“ Doch die „Arabisierung“, vor allem das massive Auftreten schwarz verhüllter Frauen vom Golf, schrecke säkulare Türken jetzt zusätzlich ab – eine unaufhaltsame Abwärtsspirale.

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Schon im vergangenen Dezember musste Ilya Avramoğlu, ein freundlicher Herr mit schütterem Haar, sein Miedergeschäft Kelebek Korse räumen, das sein Großvater 1922 eröffnet hatte. Er konnte eine massive Mieterhöhung nicht mehr tragen. Als er die Istiklal Caddesi verließ, in der er sein ganzes Leben verbracht hatte, weinte er. Die Straße habe viele Tiefen erlebt, habe Pogrome und Staatsstreiche überstanden – und sei doch immer neu auferstanden, sagt Avramoğlu. „Vielleicht ist das wieder möglich. Der Unterschied ist nur, dass jetzt von den alten Geschäften keins mehr übrig ist. Und wenn die Geschichte weg ist, dann kommt sie nie wieder.“

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Ilya Avramoğlu in seinem neuen Laden mit dem alten Schild im Hintergrund.

Alle Fotos: Frank Nordhausen
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