Bosporus von unten

Es war genau richtig, eine Weile zu warten. Drei Wochen nach Eröffnung des Marmaray-Metrotunnels unter dem Bosporus haben wir es am gestrigen Sonnabend endlich gewagt, die Meerenge zwischen Europa und Asien mit der U-Bahn zu durchqueren – und konnten eine entspannte Fahrt ohne aufgeregte Menschenmassen antreten. Zuerst fuhren wir allerdings mit der Fähre von Kabataş hinüber nach Üsküdar und wurden mit einem dramatischen Himmel belohnt, wie man ihn nur zum nahenden Sonnenuntergang über Sultanahmet erleben kann. Grandios!

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Angler in Kabataş, im Hintergrund die historische Halbinsel.

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Nach einem langen Spaziergang durch Üsküdar und seine wunderbaren Parkanlagen trauten wir uns am Abend in den neuen, sehr großzügig angelegten U-Bahnhof Üsküdar. Dort glitzern und glänzen Kacheln, Stahl und Aluminium, man darf aber nicht allzu genau hingucken, deutsche Bauprüfer hätten unsaubere Fugen, sogar zerbrochene Fliesen und Ähnliches mehr zu bekritteln. Aber hej, das ist hier die Türkei! Viele Fahrgäste schauten sich lieber interessiert die kleine Ausstellung über die mehrjährigen Bauarbeiten auf dem Bahnsteig an.

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Die neue Metrostation Üsküdar in Asien.
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Als die Metro schließlich kam, gestand meine Lebensgefährtin, dass ihr ein wenig mulmig war. Aber sie blieb tapfer und stieg ein. Man kann sagen, dass der Betrieb sich gut eingependelt hat. Für uns beide war zwar kein Sitzplatz mehr frei, aber der Waggon war durchaus luftig besetzt. Reichlich Platz für zusätzliche Reisende (vielleicht trauen sich viele noch nicht).

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In der Metro unter dem Bosporus.

Auch ich war nicht frei von Phantasien. Es ist in der Tat ein seltsames Gefühl, sich vorzustellen, dass man 62 Meter unter dem Meer dahingleitet und niemand wirklich weiß, was im Fall eines Erdbebens geschieht. Ich stand am Fenster und blickte angestrengt hinaus in den beleuchteten Tunnel, konnte aber nirgends Spuren von Wasser an der Wand entdecken, wovon eine Istanbuler Zeitung am Tag nach der Einweihung geschrieben hatte. Nein, nein, der Tunnel ist dicht. Beruhigend.

Nach einer schier endlos wirkenden Tunnelfahrt von Asien nach Europa erreichten wir den völlig leeren Bahnhof Sirkeci, den die Metro ohne Halt durchquerte. Offenbar wurde noch oder wieder daran gearbeitet. Deswegen konnten wir erst an der folgenden Station Yenikapı aussteigen. Für die längere Fahrt wurden wir mit einem mondän gestalteten Bahnhof entschädigt, der mich daran erinnerte, wie ich mich fühlte, als ich in den 1980er Jahren erstmals die nagelneuen Bahnhöfe der U-7 von Rathaus Spandau bis Rohrdamm abfuhr.

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Wieder an Land, in Europa.
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Dort hatte man ähnliche postmoderne Barockornamente angebracht. Ich war trotzdem mächtig stolz, denn wir Spandauer besaßen bis dahin ja keine U-Bahn, sondern nur die alte Ost-S-Bahn mit ihren harten Holzsitzen. Ganz ähnlich ging es mir nun, als die Rolltreppe uns in die prächtige Kuppelhalle der neuen Metrostation Yenikapi emportrug. Ja, ich fühlte Stolz über den transporttechnischen wie U-Bahn-ästhetischen Fortschritt meiner Wahlheimat.

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Der mondäne, großzüge Bahnhof Yenikapı.
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Interessanterweise herrscht, sobald man den Bahnhof verlässt, das übliche Istanbuler Straßenchaos. Niemand hat daran gedacht, ordentliche Fußgängerwege und -übergänge zu gestalten, geschweige den Hinweisschilder aufzustellen. Es war dunkel, kaum Beleuchtung, Leute rannten orientierungslos durch ein Baustellendurcheinander. Als wir uns nach einer Weile zurechtfanden, stellten wir fest, dass der Metrobahnhof Yenikapı ewig weit vom Schiffshafen Yenikapı entfernt war. Wir standen vielmehr kurz vor dem Verkehrsknotenpunkt Aksaray (im Russenviertel). „Toll, ist doch besser als wenn’s anders wäre“, sagte meine Liebste, „dann können wir ja gleich in die Straßenbahn steigen und nach Hause fahren.“ Gesagt, getan.

Irgendwie fühlte sich Istanbul plötzlich an wie eine moderne Großstadt mit einem modernen öffentlichen Personennahverkehr.

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Nächtliche Straßenbahn mit Modereklame in Aksaray.