Das hässliche Gesicht Istanbuls

Kaum zurück von einer Reise in den Südosten der Türkei hat mich Istanbul unsanft empfangen. Tränengas wehte durch die Luft, als ich gestern zur Istiklal Caddesi ging, um herauszufinden, was aus dem Emek-Kino geworden ist, um dessen Erhalt so viele Istanbuler gekämpft hatten. Ich hatte nämlich während des Aufenthalts in Diyarbakır im Fernsehen gesehen, wie das ehrwürdige Lichtspielhaus vollständig demoliert wurde. Es war nur eine kurze Meldung, aber sie war immerhin von nationalem Interesse.

Tränengasgeschwängerte Luft gehört inzwischen zum Alltag in der beliebtesten und belebtesten Fußgängerzone der Türkei und ganz Europas. Wie politische Aktivisten berichten, hat der von Ankara eingesetzte neue Istanbuler Gouverneur Hüseyin Avni Mutlu die liberale Politik seines Vorgängers Muammer Güler, der kürzlich zum Innenminister aufstieg, abrupt beendet und lässt Demonstrationen auf dem Taksim-Platz und in der Istiklal Caddesi grundsätzlich nicht mehr zu. „Die können ja in Kadıköy demonstrieren“, habe er gesagt – also auf der anatolischen Stadtseite, wo die Oppositionspartei CHP regiert.

Welche Folgen diese Repression hat, wurde dem Volk erstmals am 1. Mai verdeutlicht, als auch völlig friedliche Gewerkschafter, die trotz des Demonstrationsverbots zum Taksim-Platz wollten, von Bereitschaftspolizisten brutal zusammengeschlagen und mit Tränengas beschossen wurden (darüber habe ich hier berichtet). Kleinere und größere politische Aufmärsche gehören seit jeher zum Straßenbild im Zentrum von Beyoğlu, denn hier finden sie die größte Aufmerksamkeit. Sie zu untersagen, entspricht etwa dem Verbot, in Berlin auf dem Kudamm oder am Brandenburger Tor zu demonstrieren. Aber genau das ist die neue Istanbuler Innenpolitik.


Aufstandspolizisten

Auch in der Vergangenheit wurden die Demos selten offiziell genehmigt. „Man hat sie beim Gouverneur angemeldet, und das war’s“, erzählte mir ein linker Veteran. Sie wurden geduldet. Liefen sie aus dem Ruder, wurden sie von der Polizei zerstreut. Aber sie liefen selten aus dem Ruder, wie ich selbst bei unzähligen Gelegenheiten beobachten konnte. Politische Aufmärsche von zwei Dutzend bis 2000 Teilnehmern gehörten zur täglichen Folklore in der Istiklal Caddesi.

Fassungslose Touristen

Damit soll nun Schluss sein. Jetzt sind die Demos kategorisch verboten, Ausnahmen bestätigen die Regel, und wer sich trotzdem versammelt, wird verhauen. Und täglich grüßt das Murmeltier: Tränengas und martialisch aussehende Bereitschaftspolizei gehören mittlerweile zum gewöhnlichen Istiklal-Erlebnis. Die politischen Aktivisten halten die Eskalation für absolut gewollt. Beyoğlu soll schließlich „sauber“ werden, teuer, globalisiert und gesichtslos. Deswegen werden die Prostituierten vertrieben, die Stühle und Tische von den Straßen geräumt und der Bierausschank immer stärker reglementiert. Immer öfter sieht man nun fassungslose Touristen aus der Fußgängerzone flüchten. Sie hatten nicht damit gerechnet, in der weltberühmten Einkaufs- und Partymeile mit Tränengas und Polizeigewalt empfangen zu werden.

Den besten Kommentar dazu hat die Bloggerin Laura Moth ausgerechnet in der (immer weniger regierungsnahen) Gülen-Zeitung Today’s Zaman verfasst. Unter der Überschrift: „Aufstandspolizei – Istanbuls hässliche Botschafter“ schildert sie, wie eine Polizeisperre kürzlich ihren Weg auf der Istiklal Caddesi blockierte, als sie zu einer Eurovisions-Party am Tünel wollte. „Aufstandspolizei ist in meiner Nachbarschaft so normal wie Straßenprediger am Times Square, aber es war nicht normal, dass sie eine von Istanbuls belebtesten Fußgängerzonen absperrten. Ich war beunruhigt“, schreibt sie.

Sie wollte wie andere Touristen, Passanten und Familien die Sperre umgehen, als sie plötzlich von hinten Schreie hörte und „die harten Stiefel der Aufstandspolizei“. Dann wurde Tränengas abgefeuert, obwohl Kinder unter den Flüchtenden waren. Die Zaman-Bloggerin macht sich daraufhin Gedanken über die veränderte Atmosphäre in der Stadt und die neue Härte der Polizei seit dem 1. Mai, zumal sie keine Provokation erkennen konnte.

Viele ausländische Besucher würden ähnliche Erfahrungen machen, vermutet Laura Moth, „ohne den Hintergrund zu kennen, werden sie genauso erschrocken, angewidert oder wütend sein wie ich“. Istanbul tue sich damit keinen Gefallen, denn die Istiklal Caddesi sei das „schlagende Herz“ der Stadt, ein Aushängeschild für Istanbul und die ganze Türkei, weil sie das Land als lebendig, vielfältig und geschichtsträchtig präsentiere. Dieses Bild werde durch die martialischen Truppen komplett zunichte gemacht. „Aber es gibt eine anhaltendes, unvergessliches Zeichen, wie es um die Istiklal steht: die Aufstandspolizisten. Und aus diesem einfachen Grund werden sie für die Menschen, die aus der ganzen Welt hierher kommen, zu gruseligen Botschaftern der Türkei. Das Gesicht der Istiklal trägt eine Gasmaske. Die Hand der Regierung hält einen Schlagstock.“ Und dieses hässliche Gesicht der Türkei werde niemand vergessen, der es einmal auf sich wirken lassen musste.

Gnadenlose Justiz

Man wird sehen, ob die Regierung irgendwann wieder zur Besinnung kommt. Sonst könnten die harten Polizeijungs von der Istiklal Caddesi das schöne Bild der touristenfreundlichen Türkei tatsächlich dauerhaft eintrüben. Zu dieser Erzählung gehört dann auch der Umgang mit dem historischen Erbe und seinen Verteidigern. Die gnadenlose türkische Justiz hat im April vier junge Leute, die gegen den Abriss des Emek-Kinos protestiert hatten, wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und Verstoßes gegen das Demonstrationsgesetz angeklagt und bedroht sie mit sechs Jahren Gefängnis. An der Demo hatten international bekannte Filmemacher wie Konstantin Costa-Gavras teilgenommen. Ja, es ist noch ein weiter Weg nach Europa.


Die eingerüstete Fassade des Emek-Kinos. Dahinter steht nichts mehr.

Mir gelang es nicht, einen Blick von oben auf die Zerstörung des einstigen Cineastenpalastes zu werfen, der einem weiteren Einkaufszentrum weichen musste. Nur die Fassade bleibt stehen, die Gebäudestrukturen dahinter wurden total demoliert. Den Schutthaufen konnte ich nur von weiter entfernt aufnehmen. Aber eine Ahnung des Zerstörungswerks bekam ich dadurch schon. Hier sind meine Fotos:


Die potemkinsche Vorderseite des Häuserblocks – hier entsteht ein weiteres Einkaufszentrum…


… und hinten wird alles plattgemacht, auch die Geschichte Istanbuls.