Das Rätsel der Autobombe

Die Türkei ist noch immer aufgewühlt wegen des schweren Autobombenanschlags vom Montag am Grenzübergang Cilvegözü/Bab al-Hawa zu Syrien. Es gibt viele Theorien, wer dahinter stecken könnte, die wahrscheinlichste ist aber nach Ansicht vieler Beobachter, dass das Regime von Baschar al-Assad dahinter steckt und damit u. a. die Türkei vor weiterer Unterstützung der Rebellen warnen wollte. Bisher hat sich niemand zu dem Anschlag bekannt. Ich habe gestern Stimmen dazu eingesammelt und einen Artikel verfasst, der heute in der Berliner Zeitung erschienen ist (nicht online). Hier die ungekürzte Fassung:

Anschlag sollte Oppositionelle treffen
Bombe an türkisch-syrischer Grenze galt SNC-Delegierten

Der verheerende Autobombenanschlag an der türkisch-syrischen Grenze mit bislang 14 Todesopfern galt offenbar einer hochrangigen Delegation des oppositionellen Syrischen Nationalrats (SNC), die am Montag auf beiden Seiten der Grenze Flüchtlingslager besuchte. Nach Angaben von syrischen Exilpolitikern in Istanbul explodierte die Bombe auf einem Parkplatz vor Zollgebäuden auf der türkischen Seite des Grenzübergangs Cilvegözü/Bab al-Hawa in der südlichen Provinz Hatay zu dem Zeitpunkt, als die etwa zehnköpfige Gruppe dort erwartet wurde.

Doch die Oppositionellen hatten Glück. Wie der SNC-Sprecher Khaled Khoja in Istanbul der Berliner Zeitung sagte, legten sie eine ungeplante Verschnaufpause ein, bevor sie den Posten passierten und entgingen so dem Anschlag „um gerade zehn Minuten“. Wie der türkische Innenminister Muammer Güler erklärte, stieg die Zahl der Todesopfer inzwischen auf 14, elf Syrer und drei Türken. Von den insgesamt 30 Verletzten befanden sich 13 am Dienstag noch in einem kritischen Zustand. „Bei den Terroristen handelt es sich wahrscheinlich um Syrer“, sagte Güler.

Der Anschlag von Cilvegözü ist der schwerste Zwischenfall auf türkischem Boden seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien. Laut SNC-Sprecher Khoja geht die größte syrische Oppositionsgruppe im Exil davon aus, dass das Attentat ihrer Führungsspitze galt. Im Konvoi fuhren der jetzige SNC-Chef George Sabra, sein Vorgänger Abdulbaset Sieda und Faruk Taifur von der einflussreichen Muslimbruderschaft mit. „Die Explosion trägt die Handschrift des syrischen Geheimdienstes Mukhabarat“, sagte Khoja. „Es ist denkbar, dass man damit auch die Türkei von ihrer humanitärer Hilfe abbringen will.“ Der SNC, wichtigster Teil der in der Nationalen Syrischen Koalition vereinigten Opposition, genießt Asyl in Istanbul. „Der Anschlag ist ein Beweis dafür, dass es an der von uns kontrollierten Grenze weiterhin Zuträger des Regimes gibt.“

Regime sendet widersprüchliche Signale

Der SNC-Sprecher glaubt auch, das Attentat könnte eine Antwort auf das Dialogangebot des syrischen Oppositionsführers Moas al-Chatib an Damaskus sein. „Was das Regime davon hält, hat es deutlich gemacht, als es am Sonntag das Haus von Chatibs Familie in Damaskus niederbrennen ließ.“ Doch am Dienstag sandte das Regime ein gegensätzliches Signal aus, als der syrische Minister für nationale Aussöhnung, Ali Haidar, der britischen Zeitung The Guardian sagte: „Ich bin bereit, Herrn Chatib in jeder ausländischen Stadt zu treffen, in die ich reisen kann, um über Vorbereitungen für einen nationalen Dialog zu diskutieren.“

Unterdessen teilte der stellvertretende türkische Ministerpräsident Besir Atalay mit, dass die Polizei über Aufnahmen einer Videokamera vom Tatort verfüge. Darauf sei zu erkennen, wie der mit Sprengstoff beladene Wagen mit syrischem Kennzeichen von der syrischen Seite der Grenze kam, wo er nicht kontrolliert wurde, weil es im Gegensatz zu anderen Übergängen dort keine Grenzposten der aufständischen Freien Syrischen Armee (FSA) gibt. Das Auto wurde geparkt, drei Personen stiegen aus. Laut Atalay explodierte der Wagen 20 Minuten später, als auf dem Platz gerade Hilfsgüter umgeladen wurden. „Die Ermittlungen laufen fieberhaft“, sagte der Politiker.

In türkischen Medien wurde der Verdacht geäußert, der Anschlag könne auch von der islamistischen Al-Nusra-Front verübt worden sein, um die gemäßigte Opposition zu treffen; oder von der kurdischen Demokratischen Unionspartei (PYD), dem syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, um den PKK-kritischen Kurdenpolitiker Sieda zu treffen. Letzteres wies der Ko-Vorsitzende der PYD-Sprecher, Salih Muslim, der Berliner Zeitung gegenüber strikt zurück. Er sagte: „Die PYD und die kurdischen Selbstverteidigungstruppen verwenden keine Autobomben. Außerdem wird der Grenzposten von den Türken und der mit den Türken verbündeten FSA kontrolliert.“ In Syrien sind auch kurdische Kämpfer inzwischen in den Bürgerkrieg verwickelt; sie kämpfen gegen Islamisten um die Kontrolle der syrisch-türkischen Grenzstadt Ras al-Ain und gegen Regimetruppen in Aleppo.