Das Trauma der Aleviten – eine Reise nach Dersim

Eines der furchtbarsten staatlichen Verbrechen des 20. Jahrhunderts ist im Westen praktisch unbekannt: die organisierten Massaker von 1938 in der ostanatolischen türkischen Provinz Dersim, bei denen bis zu 70 000 Aleviten von der türkischen Armee ermordet wurden. Immer wieder hatte mir meine Istanbuler Mitarbeiterin von diesem Trauma der Aleviten in der Türkei erzählt, das bis heute nachwirkt. Seit zwei Jahren wollte ich deshalb nach Dersim reisen, um mehr darüber zu erfahren, und dieses Jahr hat es nun endlich geklappt. Im Juli fuhr ich zum jährlichen Munzur-Kulturfestival in die abgelegene Provinz.

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Blick auf das Rathaus der Provinzhauptstadt Tunceli/Dersim.

Eine Reise nach Dersim, das heute Tunceli heißt, ist eine Fahrt in ein besetztes Gebiet. Dersim hat keinen eigenen Flughafen, das von bis zu 3600 Meter hohen Bergen umstandene Bergland ist nur über einige wenige Zugangsstraßen zu erreichen, die durch militärische Checkpoints gesichert sind. Jedes Fahrzeug wird von der dem Militär unterstellten Gendarmerie gestoppt und durchsucht, die Reisenden werden überprüft. Solche Checkpoints gibt es auch mitten in der Provinz, und auf praktisch allen strategisch bedeutsamen Bergkuppen sind Militärstützpunkte. Die Provinzhauptstadt gleicht einer großen Militärkaserne. Man hat eigentlich ständig das Gefühl einer dunklen Bedrohung.

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Landschaft in Dersim nahe den Quellen des den Aleviten heiligen Flusses Munzur.

Die Regierung rechtfertigt den Belagerungszustand mit dem Kampf gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK, die in Dersim einen ihrer wichtigsten Stützpunkte hat (oder besser: hatte, denn zurzeit ziehen sich die Kämpfer im Zuge des kurdischen Friedensprozesses in den Nordirak zurück). Sunnitische Türken aus anderen Landesteilen fürchten sich regelrecht, nach Dersim zu fahren, weil ihnen die Region unheimlich ist. Baufirmen nehmen Aufträge nicht an, weil sie Angst vor Sabotage haben. „Du willst nach Tunceli? Sei bloß vorsichtig!“, sagte ein türkischer Bekannter.

Untypische Freizügigkeit

Die Aleviten sagen, die Regierung wolle sie aus der Provinz vertreiben und betreibe eine Assimilierungspolitik wie China in Tibet. Dersim, glauben sie, solle endgültig türkisch werden. Ob das stimmt, ist schwer zu sagen, sicher ist, dass in der ursprünglich rein alevitischen Provinz inzwischen fast dreißig Prozent der Einwohner auswärtige türkische Sunniten sind.

Man könnte dicke Bücher über den Konflikt um Dersim schreiben – was dem Reisenden sofort auffällt, ist die für Ostanatolien völlig untypische Freizügigkeit der Dersimer. Während ich bei einer Reise in die nahe dem Iran gelegene Kurdenprovinz Ağrı ein Problem hatte, überhaupt ein Bier zu bekommen, ist in Dersim Alkohol überall problemlos erhältlich. Keine Alevitin trägt Kopftuch, aber durchaus Minirock, und in Souvenirläden sind überall Bilder, Schals und Devotionalien mit Porträts der schiitischen Märtyrer Ali und Hussein, von Che Guevara, berühmten PKK-„Märtyrern“ und alevitischen Freiheitshelden erhältlich.

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Zu kaufen: Ché Guevara und der schiitisch-alevitische Märtyrer Hussein.

Für mich sind die Aleviten der Beweis, dass der Islam ebenso säkular und aufgeklärt sein kann wie ein modernes und aufgeklärtes Christentum. Auf einem Basar hatte sogar eine christliche Gemeinde einen Stand aufgebaut und verkaufte Bibeln – undenkbar an irgend einem anderen öffentlichen Ort Anatoliens. Außerdem konnte man auch „Andenken“ an den Gezi-Aufruhr erwerben. Dersim ist eine Art besetztes gallisches Dorf in der konservativen Osttürkei. Eine Anomalie. „Wir waren immer als KKK verdächtig“, sagte ein Dersimer zu mir: „als Kurden, Kommunisten, Kızılbaş“. Kızılbaş heißt Rothaut und ist das türkische Schimpfwort für Aleviten. Wobei die Dersimer sich wegen der eigenen Sprache (Kirmanci bzw. Zazaki), der (überwiegenden) ethnischen Identität als Zaza und der alevitischen Religion als einzigartig begreifen und es ablehnen als Kurden bezeichnet zu werden.

Es ist vermutlich die offene Liberalität, die Säkularität und religiöse Andersartigkeit der Dersimer, welche die Durchschnittstürken erschreckt und verunsichert – und daraus entsteht auch Hass, denn die Aleviten aktivieren offenbar eine aus der Zeit des Ersten Weltkriegs stammende türkische Urangst vor einem lebensbedrohlichen Angriff aus dem Innern. Noch immer halten Aleviten in der Türkei ihre Religion und ihre Gebetshäuser geheim, noch immer müssen sie Übergriffe fürchten. Selbst in Istanbuler Stadtvierteln kennzeichnen Unbekannte immer wieder Häuser mit einem „X“, um Aleviten zu denunzieren. Erst nach meinen zahllosen Gesprächen in Dersim habe ich wirklich verstanden, warum die Jahrhunderte lang verfolgten Aleviten so schockiert waren, als Staatspräsident Abdullah Gül die dritte Bosporusbrücke bei der Grundsteinlegung kürzlich auf den Namen Sultan Selims des Grausamen taufte, der im 16. Jahrhundert 40 000 Aleviten abschlachten ließ.

Das Munzur-Kulturfestival, das es seit 13 Jahren gibt, lockt jährlich zehntausende Gäste aus der Türkei und dem Ausland in die Region – das ist auch der Sinn der Sache. Munzur heißt der heilige Fluss der Aleviten, ein Fluss, dem die Regierung jetzt Gewalt antun will, wie sie früher den Menschen Gewalt antat. Wie fast alle Flüsse der Türkei soll der Munzur mehrfach aufgestaut werden, sogar mitten in einem Nationalpark, aber die Dersimer haben das bisher mit Demonstrationen und Blockaden verhindert. Die Bürgermeisterin sagte stolz zu mir, Dersim sei wie ein Vorbild für die Gezi-Bewegung, weil die Menschen sich hier schon lange für eine intakte Umwelt einsetzten. Übrigens: Die Natur in Dersim ist überwältigend, das touristische Potential riesig. Hoffen wir, dass der Friedensprozess gut verläuft und eine touristische Erschließung der Region möglich macht.

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An den Quellen des heiligen Flusses Munzur nahe der Ortschaft Ovacik: Aleviten beim Nationalspaß Grillen.

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Erinnerungsfoto vor der heiligen Quelle.

Als Ergebnis meiner Reise habe ich eine Reportage über die Aufarbeitung der Dersimer Massaker vor 75 Jahren verfasst, die inzwischen in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau erschienen ist. Äußerst interessant erschien mir die bedeutsame Rolle, welche die Dersimer aus der Diaspora, vor allem aus Deutschland, bei dieser Auseinandersetzung mit der Vergangenheit spielen. Die deutsche Aufarbeitung des Holocausts wirkt dabei als Vorbild – das hat mich ungemein beeindruckt. Und noch nie habe ich in der Türkei so viele hervorragend integrierte Deutschtürken auf einem Platz getroffen wie jetzt in Dersim, mitten im tiefsten Ostanatolien. Nachdenkliche, intellektuelle, gut ausgebildete, ungemein freundliche Menschen. Hier ist mein Artikel:

Das Massaker von Dersim

Ein sanftes Tal voller Gras und Disteln und alten Eichen, ein ausgetrockneter Bach. Der Berglandschaft nahe dem Dorf Pinar in Ostanatolien sieht man die Tragödie nicht an. „Drei Säcke mit menschlichen Knochen haben wir nach 1970 hier geborgen. Auch Frauenhaar. Alles lag noch da“, sagt Metin Celik, ein kräftiger Mann mit Schiebermütze. Er stimmt leise ein Trauerlied an. Neben dem 51-Jährigen steht der sechs Jahre jüngere Yaşar Kaya. Der hochgewachsene Mann blickt auf die Furche im Boden und sagt dann in fließendem Deutsch: „Sie nennen es Derê Mayutu, Leichenbach.“

Es war an einem Sommertag vor 75 Jahren, als türkische Soldaten in der Morgendämmerung kamen, siebzig Dorfbewohner fesselten und zum Bach führten, wo drei Maschinengewehre aufgebaut waren. „Den Großvater und sechs weitere Angehörige habe ich an diesem Tag verloren“, sagt Kaya. „Nur mein Vater und meine beiden Onkel überlebten.“ Kaya zeigt auf ein Gehölz am Hang, 150 Meter entfernt. „Dort haben sie sich versteckt und alles beobachtet. Ein Mädchen wurde vor seiner Erschießung noch vergewaltigt – als Jungfrau wäre sie ins Paradies gekommen.“

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Metin Celik (links) zeigt auf den Ort des Massakers von 1938.

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Derê Mayutu, Leichenbach, nennen die Einwohner diese Furche.

Im August 1938 fanden in der unzugänglichen ostanatolischen Provinz Dersim, die heute Tunceli heißt, Dutzende weitere Massaker an der alevitischen Minderheit statt. Rund 60 000 Aleviten starben, Tausende wurden deportiert oder vertrieben. Eines der Flugzeuge, die die Dörfer damals bombardierten, steuerte die Adoptivtochter des Staatspräsidenten Mustafa Kemal Atatürk, Sabiha Gökçen, nach der in der Türkei unzählige Straßen und einer der beiden Istanbuler Großflughäfen benannt sind.

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Das Dorf Pinar existiert nicht mehr, nur Grundmauern sind noch sichtbar.

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Yaşar Kaya am Massengrab, in dem sein Vater und andere ehemalige Dorfbewohner 1980 die Knochen der 70 Opfer aus Pinar beerdigten.

„Alles ist noch so nah“, sagt Yaşar Kaya, „denn die Türkei stellt sich ihrer Vergangenheit nicht. Nicht dem Genozid an den Armeniern und auch nicht wirklich dem Verbrechen von Dersim.“ Die beiden Männer laufen einen Hügel hinauf zum alten Dorffriedhof. In einem Grabmal aus weißem Marmor haben die Dorfbewohner die Knochen der siebzig Opfer beerdigt. Aleviten bekennen sich zum Islam, richten ihre Gräber aber nach Osten zur Sonne aus, nicht nach Mekka. Sie beten nicht in Moscheen, sondern in schlichten Häusern, fasten nicht und pilgern nicht nach Mekka. Ihre Gebetsorte werden in der Türkei bis jetzt nicht als Gotteshäuser anerkannt. Zum alevitischen Glauben bekennen sich etwa 15 Prozent der 75 Millionen Türken. Jahrhundertelang wurden sie als Häretiker verfolgt; die Provinz Dersim war für sie wie eine natürliche Bergfestung.

Kaum historische Forschung zum Völkermord

Kaya und sein Freund Metin Celik sind Aleviten wie ihre Väter und Vorväter. Nach vielen Jahren sind sie zurückgekommen nach Pinar, wo Kaya das alte Familienhaus für die Ferien restauriert. Wo einst das Dorf war, stehen heute nur noch Ruinen, denn es wurde 1994 noch ein zweites Mal vom Militär verwüstet, beim Kampf gegen die kurdische Arbeiterpartei PKK. Diesmal wurden die Einwohner nicht umgebracht, aber alle mussten Pinar verlassen. Vor 17 Jahren hat Yaşar Kaya mit seinem Onkel über die Vergangenheit gesprochen. „Ich hatte Angst davor, denn er war eine Respektsperson, streng und wortkarg. Aber er antwortete ganz offen. Er weinte, und ich konnte in seinen Augen sehen, dass er sein ganzes Leben darunter gelitten hatte.“

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Yaşar Kaya vor dem wiederaufgebauten Haus der Familie in Pinar

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Kayas Mutter ist glücklich, wenn ihr Sohn im Sommer aus Deutschland kommt und sie wieder im alten Familienhaus wohnen kann.

In Kayas Jugend galt die Tragödie seines Volkes als ein Tabu, über das man nicht sprach. „Es war üblich, sich als Kurde zu fühlen, obwohl wir Kirmanc-Aleviten aus Dersim eine eigene Ethnie darstellen und sogar eine eigene Sprache haben“, sagt Kaya. Als erklärte Linke waren er und sein Freund Celik in der Region nicht mehr sicher. Während Celik sich Anfang der 1990er Jahre nach Istanbul absetzte und Musiker wurde, beantragte Kaya 1997 Asyl in Köln. Er studierte Sozialpädagogik, nahm die deutsche Staatsangehörigkeit an und arbeitet seither als Familienhelfer. „Ich sah, wie die Deutschen ihre ihrer dunkle Vergangenheit aufarbeiteten und sich bei den Opfern entschuldigten. Warum sollte das nicht auch in der Türkei möglich sein, dachte ich?“

Als Yaşar Kaya später noch einmal mit dem Onkel reden wollte, war dieser tot. Als er dann andere Überlebende suchte, sagten die Leute: „Wärst du nur fünf Jahre eher gekommen.“ Das war der Moment, sagt Yaşar Kaya, in dem er seine Lebensaufgabe fand. „Mir wurde klar, wenn wir nicht sofort anfangen, unsere Geschichte aufzuschreiben, tut es niemand mehr, weil alle Zeitzeugen tot sind.“ Aber Kaya stellte fest, dass es kaum historische Forschung zum Völkermord an den Aleviten gab. Die türkischen Archive waren unzugänglich oder gesäubert. Bis heute widmet sich keine Universität der Türkei dem Thema.

Die Dersimer nennen die Massaker Tertele, Vernichtung. Sie messen ihnen eine ähnliche Bedeutung zu wie benachbarten Armenier dem Völkermord von 1915 im Osmanischen Reich. Es gibt in der Region wohl keine Familie, die nicht unter Mord oder Deportation gelitten hat. Dersim, sagt Yaşar Kaya, sei ein einziger großer Friedhof. Bei der Fahrt von Pinar zur 20 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Dersim hält er über einer Schleife des Munzur-Flusses, die das vieltausendfach fotografierte Wahrzeichen der Region ist. „Hier spült Regen immer wieder die Knochen von Aleviten frei, die damals in die Schlucht gestürzt wurden.“

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Der Abhang an der Munzur-Schleife ist etwa hundert Meter tief.

Mitte der 2000er Jahre gelang es Kaya, die Föderation der Dersim-Gemeinden in Europa – in Deutschland existiert die weltweit größte Diaspora-Gemeinde mit mehr als 150000 Mitgliedern – von seiner Idee eines „Oral-History-Projektes Dersim 1937-38“ zu überzeugen. Mit zehn freiwilligen Mitarbeitern sowie der ideellen Unterstützung der amerikanischen Shoa Foundation konnten seit 2009 etwa 350 Überlebende des Ethnozids in Westeuropa und der Türkei befragt werden. „Wir haben mit bekannten Wissenschaftlern eine Arbeitsgruppe gegründet, deren Vorsitzender ich war. Anfangs hatten wir kaum Geld, und es war ein Wettlauf gegen die Zeit“, erinnert sich Kaya. „Viele Zeitzeugen waren krank, und noch immer haben die meisten Angst zu sprechen.“ Die meisten Interviews führte ein alevitischer Filmemacher aus Istanbul, mehr als dreißig Gespräche hat Kaya selbst mit den inzwischen 80- oder 90-jährigen Zeitzeugen aufgezeichnet.

„Wir alle hatten Angst“

Dies war auch möglich, weil sich in der Türkei etwas geändert hatte. Das dunkle Kapitel der türkischen Geschichte war 2009 plötzlich Tagesthema geworden, da Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan erstmals öffentlich von einem „Massaker in Tunceli“ sprach. Als ein Abgeordneter der kemalistischen Republikanischen Volkspartei CHP aus Dersim 2011 in einem Interview erstmals Verwaltungsdokumente zum Ethnozid publizierte und auch die Mittäterschaft des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürks ansprach, kam es zu einem epochalen Augenblick: Erdoğan entschuldigte sich öffentlich bei den Aleviten. Selbst wenn der Premier damit vor allem die Atatürk-Partei CHP diskreditieren wollte, so sei doch eine Tür geöffnet worden, sagt Kaya. „Wir forderten von der Regierung ein Dokumentationszentrum des Völkermords in Dersim, Denkmäler, Gedenktage, Änderungen der Schulbücher, Entschädigungen. Der Vizepremier Bülent Arınç sagte zu uns, die Regierung wolle Frieden mit den Aleviten – aber es kam nichts Konkretes. Im Parlament wurde zwar eine Kommission gegründet, die aber keine Ergebnisse vorlegt.“

„Wir alle hatten Angst“, sagt der 81-jährige Süleyman Ağlar im Schatten eines Apfelbaums in seinem Obstgarten. Der alte Mann mit dem grauen Schnurrbart ist einer der Zeitzeugen von Yasar Kayas Geschichtsprojekt, er verbringt den Sommer in dem kleinen Dorf Halvori, hat das zerstörte Haus der Familie wieder aufgebaut. Auch Ağlar lebt seit vielen Jahren in Deutschland, wo er bis zur Rente Vertrauensmann der IG Metall bei Opel in Rüsselsheim war. Acht Kinder hat er, die alle in Deutschland sind. Eine Enkelin serviert starken Tee.

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Süleyman Ağlar im Gespräch in Halvori, 20 Kilometer von der Provinzhauptstadt Dersim/Tunceli.

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Links eine Deutsch-Dersimerin, rechts der Autor.

Der alte Mann erzählt vom Sommer 1937 als die türkische Soldaten erstmals im Dorf erschienen und alle Familien aufforderten, ihre Waffen abzugeben. Süleyman Ağlar war damals sieben Jahre alt und der Jüngste von vier Brüdern und drei Schwestern. Wenig später kamen die Soldaten wieder, nahmen elf Männer aus dem Dorf mit, darunter auch zwei seiner Brüder. Wegen angeblicher Beteiligung am Aufstand des alevitischen Nationalhelden Seyid Rizas wurden sie zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. „Das war Unsinn, sie haben nichts getan“, sagt Süleyman Ağlar.

Ein Jahr später schlug wieder eine Kompanie des Heeres ihre Zelte in der Region auf. Der Dorfvorsteher in Halvori berief eine Versammlung ein und erklärte, alle müssten am nächsten Tag ihre Wertsachen packen, das Dorf werde geräumt. Solche Evakuierungen hatte es schon früher in der Gegend gegeben. Früh am nächsten Morgen waren Süleyman, seine Mutter, die Schwestern und einige andere Angehörige noch auf der Hochweide, rund zwei Wegstunden entfernt vom Dorf entfernt, um die Tiere zusammenzutreiben. Plötzlich sahen sie Rauch aufsteigen. Halvori brannte. Die Erwachsenen beschlossen, in einer nahen Höhle zu übernachten.

Nicht passend zum republikanischen Einheitsstaat

Am nächsten Tag fanden sie auf der Hochweide Beşe, die schwer verletzte Ehefrau eines Cousins, die ihnen berichtete, dass ein türkischer Offizier am Morgen nach Halvori kam und den versammelten Bewohnern erklärte, sie würden nach Anatolien in ein neues Dorf umgesiedelt, bekämen neue Häuser und gut zu essen. Sie marschierten sofort los. Nach einer Weile befahl ihnen der Offizier, eine Pause auf einem Feld einzulegen. Plötzlich wurden sie von Soldaten umstellt, die auf sie schossen, mit ihren Bajonetten auf Frauen, Männer und Kinder einstachen und ihre Körper anschließend in eine tiefe Schlucht des Munzur-Flusses warfen. Doch vier Menschen überlebten, darunter Beşe, die ohnmächtig war, unter einem Leichenberg wieder zur Besinnung kam und sich blutend davonschleppte.

„Mindestens hundert Kleinkinder und Babies haben sie ermordet. Es waren exakt 486 Tote“, ergänzt Hediya Ağlar, eine Schwägerin Süleymans, die damals zehn Jahre alt war. Sie erzählt, wie ihre kleine Gruppe aus Angst einen Monat in der Höhle verbrachte, bis sie es wagten, wieder ins Tal zu gehen. Sie erfuhren, dass das Töten aufgehört hatte und konnten in einem anderen Dorf unterkommen. Nach Halvori durften sie erst 1947 zurückkehren. Das Dorf hieß jetzt Karşilar – „die dagegen sind“.

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Überlebende des Massakers: Süleyman und Hediya Ağlar, 81 und 84 Jahre alt.

Einen Tag, nachdem die Mörder ihr grausiges Werk in Halvori verrichtet hatten, kamen sie nach Pinar, das Dorf von Yaşar Kayas Familie. Kaya hat viele Informationen über die Massaker zusammengetragen. Er hat „verschollene Töchter“ aufgespürt, die damals zu Hunderten verschleppt und unter geändertem Namen in türkisch-sunnitischen Familien aufgezogen wurden. Er hörte von Menschen, die in Heuschuppen lebendig verbrannt wurden. Zwei türkische Soldaten, die damals noch halbe Kinder waren, bestätigten vor der Kamera, dass sie Unschuldige mit Bajonetten töten mussten und die Leichen anschließend verbrannten.

Wie viele Menschen genau den Massakern zum Opfer fielen, ist noch ungeklärt. Der Staatspräsident Mustafa Kemal Atatürk hatte Dersim wegen der widerspenstigen Aleviten 1936 zum wichtigsten innenpolitischen Problem erklärt: „Um diese Wunde, diesen furchtbaren Eiter in unserem Innern samt der Wurzel anzupacken und zu säubern, müssen wir alles unternehmen – egal was es kostet.“ Obwohl ihn die Aleviten als Befreier vom osmanischen Joch verehrten, missfielen Atatürk die feudalen Clanverbände ebenso wie die ethnisch-religiösen Besonderheiten der alevitischen Minderheit, denn sie passten nicht zu zum proklamierten republikanischen Einheitsstaat sunnitischer Prägung. Dersim sollte zwangstürkisiert werden. Als Gerüchte über einen bevorstehenden Aufstand der Stämme aufkamen, fasste der türkische Ministerrat am 4. Mai 1937 den Beschluss zur Durchführung der Operation „Züchtigung und Deportation“. Der Provinz wurde nach dem Codewort der Vernichtungsoperation Tunceli (eiserne Hand) umbenannt, alle Städte, Dörfer und selbst die Menschen bekamen türkische Namen.

Die Bürgermeisterin kämpft

Vierzig Jahre später kehrte das Grauen zurück nach Dersim, als türkische Soldaten im Kampf gegen die PKK erneut zahlreiche Dörfer niederbrannten und wieder Menschen verschwanden. „Damals gingen auch die Letzten, die noch Verstand hatten“, sagt der Zeitzeuge Süleyman Ağlar. Es gebe wenig Hoffnung, dass sich die Dörfer wieder füllten, meint er. „Meine Enkel kommen hierher mal in den Ferien, aber sie sind viel zu gut integriert in Deutschland.“

Noch heute ist die Region Tunceli besetztes Land, mit militärischen Checkpoints an den Zugängen und an wichtigen Straßen. Staatliche Einrichtungen und Kasernen sind nach dem berüchtigten Kommandanten General Abdullah Alpdogan benannt, der die Massaker befehligte. „Die Politik Atatürks geht weiter bis heute“, sagt Yaşar Kaya. „Die Aleviten werden zur Minderheit im eigenen Land gemacht. Unsere Umwelt wird zerstört, unsere heiligen Flüsse werden durch Staudämme entweiht.“

Aber Dersim ist auch ein säkularer, links-rebellischer Ausnahmeort mitten im frommen Ostanatolien. Frauen, die hier Kopftuch tragen, sind zugereiste türkische Studentinnen oder Ehefrauen von türkischen Beamten; Alevitinnen tragen ihr Haar offen. Anders als in den meisten ostanatolischen Städten gibt es zahlreiche Bierstuben, und auch im Fastenmonat Ramadan sind die Restaurants mittags gut besucht. Im Sommer, zum jährlichen Munzur-Kulturfestival, ist die Provinz voller alevitischer Familien mit ihren Kindern, die aus Deutschland, der Schweiz, aus den Niederlanden oder Norwegen anreisen.

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Plakat zum 13. Munzur-Kulturfestival in Dersim. Rechts eine Militärkaserne.

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Zahlreiche Rock- und Folkbands traten auf und sangen auf Kurdisch oder Zaza – im neuen Stadion der Stadt, das nach Mustafa Kemal Atatürk benannt ist.

Die Kurdenpartei BDP stellt in der gleichnamigen Provinzhauptstadt mit Edibe Şahin seit 2009 die Bürgermeisterin, eine von zwei weiblichen Oberhäuptern türkischer Provinzhauptstädte. Die Abwanderung sei ein enormes Problem, sagt die schlanke 53-Jährige. „Die Leute aus dem Ausland bauen Häuser, aber sie wohnen nicht darin.“ Die Provinz leide noch immer unter der Vertreibungspolitik, durch die sie nach 1980 die Hälfte ihrer Einwohner eingebüßt habe. Auch Şahins alevitische Familie musste das Gebiet verlassen, die Bürgermeisterin kehrte aus Istanbul zurück.

Edibe Şahin unterstützt Yaşar Kaya Idee eines Dokumentationszentrums in Dersim für die Massaker, die sie „Völkermord“ nennt. Doch der von Ankara eingesetzte Gouverneur blockiere das Vorhaben. „Man will keine Aufarbeitung, sondern tut alles, um die Spuren der Vergangenheit verschwinden zu lassen.“ Sie kämpft dagegen an. Im Sommer 2010 ließ sie eine große Seyid Riza-Statue für den alevitischen Volkshelden in der Altstadt errichten.

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Die Dersimer Bürgermeisterin Edibe Şahin in ihrem Büro.

Yaşar Kaya und die Dersim-Gemeinden in Europa überlegen inzwischen, mit einem Internetauftritt seines Oral History-Projektes einen ersten Schritt für ein Archiv- und Dokumentationszentrum zu machen, nach dem Vorbild der Webseite des Genozidmuseums im armenischen Jerewan. Die Zeit und die allgemeinen Umstände seien günstig, sagt Yaşar Kaya. Außerdem sei er jetzt auch „Ausländer“ und könne sich deshalb freier äußern als die Angehörigen von Minderheiten in der Türkei. „Aber wäre ich nicht nach Deutschland gegangen, wäre ich wohl nie auf die Idee gekommen, die Geschichte aufzuarbeiten.“

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Landschaft in der Provinz Dersim: großes touristisches Potential.

10 Gedanken zu „Das Trauma der Aleviten – eine Reise nach Dersim

    • Werter Herr Yilmaz, könnten Sie vielleicht noch etwas konkreter werden? FN

  1. Ein schlechter und sehr oberflaechlich recherchierter Artikel. Der Autor hat alles getan um einseitig zu schreiben. Einfach nur klischeehaft …

  2. Und noch ein spalterischer, aufhetzerischer Artikel eines deutschen, islamophoben Türkenhassers, für den es eine innere Notwendigkeit zu sein scheint, für die Aufrechterhaltung des seelischen Gleichgewichts überall Völkermord zu sehen um die eigene deutsche historische Schuld zu relativieren.

    • Hallo Herr Klose, Sie haben meinen Artikel offenbar nicht richtig verstanden. Ich schätze die Türkei und ihre Bewohner im allgemeinen sehr und sehe die Aleviten selbstverständlich als Türken an. Es geht darum, dass sich die Türkei den dunklen Seiten ihrer Geschichte stellt, so wie sich Deutschland den Nazi-Verbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg gestellt hat. Das Interessante ist doch, dass die nach Deutschland ausgewanderten Dersimer jetzt mit den Erfahrungen der deutschen Aufarbeitungsdebatte zurückkehren und genau das Gleiche wollen: Aufarbeitung, eine öffentliche Diskussion, Denkmäler, Revision der Schulbücher etc. Sie haben von uns gelernt, das finde ich fantastisch. Übrigens gilt Ähnliches für den Völkermord an den Armeniern von 1915. Wenn die Türkei nicht langsam auf die Hufe kommt und sich ihrer historischen Schuld stellt, dann rollt zum hundertsten Jahrestag 2015 eine weltweite Diskussion auf sie zu, die niemandem gefallen wird. FN

  3. danke für diesen aufklärenden artikel, der mal richtig gut recherchiert ist. man spürt, dass der autor vor ort war und belesen ist. sonstige beiträge die zu diesem thema erscheinen sind entweder produkte der nur-sekte von gülen oder einfach von anderen abgeschrieben. danke für diesen wertvollen beitrag!

  4. Hallo,
    im Großen und Ganzen ein wirklich gelungener Artikel. Allerdings muss ich einiges korrigieren:
    1. man muss wirklich deutlich unterscheiden zwischen Kurden und Aleviten.
    Das erste ist eine ethnische Zugehörigkeit, die zweite eine religiöse. Wie im Artikel dargestellt ist es eben nicht. Nicht jeder Alevite ist Kurde und nicht jeder Kurde ist ein Alevit. Ich bin selber Alevitin und Türkin. Ich habe keine kurdischen Wurzeln. Meine Familie väterlicherseits stammt aus Dersim Und ich bin von klein auf an sehr oft in der Region gewesen.

    2. Das Aleviten nicht fasten stimmt nicht. Wir fasten nur nicht am Ramazan. Unsere Fastenzeit ist die der zwölf Imame. Für jeden Imam einen Tag, also zwölf Tage insgesamt.
    Und als letzte Korrektur muss ich darauf hinweisen, dass nicht nur das türkische Militär Menschen entführt hat. Auch die PKK hat junge Menschen aus den Dörfern entführt, sie zwangsrekrutiert, ihnen gedroht, den Familien etwas anzutun, sollten sie auf die Idee kommen, jemals zu fliehen. Eine Bekannte unserer Familie, trauert bis zum heutigen Tag am leeren Grab ihres Sohnes, der von der PKK entführt wurde. Sie weiß bis heute nicht, was mit ihm passiert ist.
    Ich stelle mir bis heute die Frage, wie paradox es eigentlich ist, dass ausgerechnet die Aleviten die größten Anhänger Atatürks sind. Sogar heutzutage. Obwohl ihren Vorfahren soviel Schreckliches angetan wurde durch ihn. In so vielen alevitischen Haushalten hängt neben dem Foto von Ali auch ein Foto von Atatürk.

  5. Hallo Herr Nordhausen,
    Ihr Artikel ist gut, dennoch möchte ich gern eine Kritik äußern:

    “Für mich sind die Aleviten der Beweis, dass der Islam ebenso säkular und aufgeklärt sein kann wie ein modernes und aufgeklärtes Christentum”.

    Dem kann ich absolut nicht zustimmen, denn der Islam ist in seinem Konstrukt und der Definition ( 5 Säulen, Koran, Sharia etc. ) festgelegt! Warum fällt es Ihnen so schwer zu schreiben, das Dersim-Aleviten einen eigenständigen Glauben haben, jenseits des Islam und aller anderen (monotheistischen) Religionen? Meine Recherchen führen zu einem pantheistischen Religionsansatz, der, von der Erschaffung bis hin zum Verständnis über die Göttlichkeit selbst, absolut unvereinbar mit dem Islam ist. Wenn sich etwa schiitisch-islamische Werte ( denn nichts anderes ist es! ) im Glauben der DERSIMER etabliert haben, dann ausschließlich aus politisch-ideologischen Machtverteilungsgründen, insbesondere seit dem 16. Jhdt. mit “Sah Ismail”. Ansonsten sind die 12 Imame ebenso an das Komstrukt des Islams gebunden gewesen, wie die sunnitischen Muslime auch. Was zur Spaltung geführt ( Schiiten – Sunniten ) hat, findet seine Gründe in der Machtverteilung nach dem Tod Muhammeds.

    Ich denke, der Hass auf Anatolische Aleviten rührt vor allem daher, das nicht klar gesagt wird, das wir keine Muslime sind!

    Früher konnte man das sicherlich aus verschiedensten Gründen ( Angst, Mord, Verdrängung, Übergriffe etc. ) nicht tun, aber heute muss man es, denke ich!

    Zudem, ohne irgendeine Notwendigkeit des Islams zu erfüllen, auch noch behauptet wird, das wir die “ORIGINALEN” Muslime seien!

    Keiner der 12 Imame, Ehlibeyt-Familie, oder Muhammed selbst führte sein Glaubens- und Religionsverständnis so aus, wie Anatolische Aleviten! Ergo = können Sie auch nicht die Gründer, bzw. Wegweiser unserer Religionsansicht sein, die besagt, das der spirituell Selbsterkenntnis erlangte Alevit(in) “Kamil insan” GÖTTLICH ist!

    Das Christentum hat durch den Protentantismus und Luther glücklicherweise auch ein UPDATE erlangt, welches im Islam, durch den Koran niemals ermöglicht werden kann, da dieser als Gottes ( Allahs ) Wort verstanden wird und folglich keiner Erneuerung bedarf! Also, ist meiner Meinung nach auch keine liberale Auslegungsöglichkeit vorhanden!

    Ich bitte Sie und alle Leser, meine Kritik im Bezug auf “Alevi-Islam” anzunehmen und zukünftig vom Anatolischen Alevitentum als Glauben, Religion, Weg, Philosophie der DERSIMER bzw. Anatolischen Aleviten zu schreiben! Das fände ich, wissenschaftlich betrachtet, angemessener.

    “Ra Heq”, so bezeichnen DERSIMER oft ihren Glauben, bedeutet doch der Weg der WAHRHEIT, von mir aus nennen Sie unsere Religion auch so, aber ich persönlich kann und werde mich nicht als Moslem bezeichnen, da dies nicht meine Religion ist!

    Vielen Dank für die Aufmersamkeit.
    Grüße aus Berlin
    Musa Diwell

    • Werter Herr Diwell, was Sie schreiben, ist sehr interessant, aber ich glaube, man wird das Häresie-Problem nicht aus der Welt schaffen, indem man es für nichtexistent erklärt. Fast alle Aleviten, die ich kenne, und das sind gar nicht so wenige, bezeichnen sich als Muslime. In sämtlichen alevitischen Haushalten, die ich besuchen durfte, hingen Bilder von Ali und/oder Hussein. Salopp gesagt, hat der Islam möglicherweise durch die Aleviten tatsächlich ein reformatorisches Update erfahren. Was sagen die Fachleute? FN

      • Hallo Herr Nordhausen,
        danke für Ihre Antwort. Natürlich sind die Interpretationen quantitativ gesehen, mehr „islamisch“ ausgelegt, aber dies hat seine Gründe: Stichpunkt Asimilationsauswirkungen. Bilder sind Symbole, Symbole kann man sich schnell und gut einprägen, womöglich sogar seine eigenen Bedeutungen darin transportieren. So geschieht das auch z.B. bei einem Bild, das fast in jedem alevitischen Wohnraum hängt: Ali Ibn Ebu Talip ( Imam Ali ). Der Ali, den die Aleviten meinen zu lieben und zu ehren, ist meiner meinung Nach, definitiv nicht der selbe Ali, der auch der 4. Islamkalif war und sein ganzes Leben für die Umsetzung der islamischen Sharia und Religion widmete, sogar Juden massakrierte, weil Sie nicht bereit waren, Muslime zu werden ( Benni Kureyza Massaker, siehe Quelle: (The History of al-Tabari, SUNY Press 1997, VIII.27-41).

        Während dessen der Ali der Anatolischen Aleviten das Bild eines jenen humanistischenm, friedvollen, „kamil Insan“ abgibt, der keiner Fliege was zu Leide tun kann… Hierin sieht man schon grundsätzliche Ansätze der Unterschiede, bzw. Widersprüche, finde ich.

        Ich behaupte: Die Aleviten in dessen Wohnungen Sie die shiitischen Bilder von Ali, Hossein, Hassan, und Ehlibeyt zu hängen haben, kennen diese Persönlichkeiten, die einst in der Zeitgeschichte gelebt haben NICHT, geschweige denn, wofür Sie eingestanden haben, wie Sie gelebt haben und auf welche Weise sie ihre Religion ausgeführt haben! Das ist das große Problem. Aleviten lesen zu wenig, auch diese Eigenschaft wurde ihnen systematisch abgewöhnt, denke ich!

        Ein anderes bekanntes Bild, das sie sicherlich auch in vielen Wohnungen oder „Cemhäusern“, den Kultur- und Gebetshäusern der Aleviten gesehen haben müssten, ist das, des Mustafa Kemal Atatürks, welches oft angereiht, direkt neben der „Ehlibeyt“ Familie (12) oder Ali Ebu Talip, „Hünkar Bektasch Veli“ ist!

        Insbesondere an Kirmanci-Dersimern, die Atatürk ( oder dem Kemalismus ) heutzutage sehr gesonnen sind, erkennt man die Ironie des Ganzen. Nach heutigen Erkenntnissen wird behauptet, das Atatürk die Hauptverantwortung an dem Vökermord von 1935-1938 trug, wonach ca. 70.000 Kirmancis ermordet wurden. Auch in diesem Zusammenhang ist festzustellen, das in den meisten „Cemhäusern“ der Aleviten ( egal ob Türkei, Deutschland oder Europa ) das Märtyrium von Kerbela um Imam Hossein zelebriert, gedacht, betrauert, gefastet wird, wonach 72 Menschen ( Gefolgschaft Hosseins ) von „Yazid“ ermordet wurden und das „DERSIM GENOZID“ ungeachtet bleibt! So zeichnet sich ein merkwürdiges Bild ab, sind etwa (viele) Dersimer in ihren „Henker“ ( Atatürk und Kemalismus ) verliebt? Aus meiner Sicht: Offenbar ja! Auch hier liegt das Kernproblem in der Unwissenheit, Unaufgeklärtheit und Unbelesenheit!

        Was Falsch ist, wird auch in Zukunft Falsch bleiben, denke ich! Und so werden inzwischen glücklicher Weise einige „Tatsachen“ durch recht kontroverse Thesen verschiedener Autoren unter Anatolischen Aleviten debattiert, hinterfragt und neu eben auch neu interpretiert. Ich denke, in Zukunft werden die Anatolischen Aleviten immer mehr zu ihrem „Origin“ gelangen, das Sie eine eigenständige Religion haben. Demnach werden auch die shiitischen Bilder und Gemälde irgendwann wegfallen. Das von Atatürk z.B. ist schon in vielen „Cemhäusern“, vor allem in Deutschland und Europa, bereits entfernt worden. In der Türkei wird meiner Meinung nach dieser Selbstfindungsprozess der Anatolischen Aleviten viel länger andauern…

        Letztendlich verstehe ich inzwischen gut, warum Anatolische Aleviten den Islambezug haben und sich daran festhalten und ich respektiere auch diesen Punkt. Jedem das Seine. Aber Aufklärung zu betreiben, sehe ich als meine Pflicht 🙂 und erwarte auch im Punkte der Toleranz von jedem Anatolischen Aleviten, das auch meiner respektiert wird, auch wenn sie nicht geteilt wird! Ich prsönlich sehe die Aufklärung als Pflicht ;)…

        Es gibt solche und solche Experten. Erdogan Cinar z.B. ist der zur Zeit am meist diskutierte: seine These ist: Anatolische Aleviten sind Nachfahren der LUVI’s. Oder der Archäologe Kemal Soyer aus Varto, seine These: Die Aleviten sind Nachfahren der Hethiter, insbesondere führt er den Zusammenhang über die Zaza-Sprache her, die im Hethitherreich gesprochen sein soll…

        Bitte tun Sie mir einen gefallen. Beim nächsten Besuch einer Alevitischen Familie, fragen Sie mal nach, wieviele Ehefrauen Ali Ibn Ebu Talip hatte und ob Ali und der Kalif OSMAN Verwandte ( Ali hat eines seiner Töchter mit Osman verheiratet ) seien? Ich denke, Sie werden dann sehr schnell feststellen, dass kein fundiertes Wissen über diese Thematik ( Ehlibeyt ) vorliegt, sondern eher das ohne hinterfragte, auswendiggelernte vom Vater zum Sohn wiedergegeben wird!

        Ich bitte um Verständnis, wenn es etwas länger geworden ist :)! Gerne würde ich mit Ihnen weiter kommunizieren.

        Gruß
        M. Diwell

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