Der Anschlag von Reyhanlı

Ein furchtbarer Terroranschlag hat sich ereignet. Die Ausläufer des politischen Bebens, das der Doppelanschlag von Reyhanlı auslöste, waren bis nach Istanbul zu spüren. Am Sonntag danach wurden nicht nur der Taksim-Platz, sondern auch die Istiklal Caddesi mit massiven Polizeikräften geschützt, und der Grund dafür waren nicht nur die Fußballfans, die wegen des Derbys Fenerbahce-Galatasaray durch die Fußgängerzone zogen. Ich wunderte mich, dass das Fußballspiel tatsächlich stattfand (2:1 für Fener, aber Galatasaray steht bereits als Meister fest) und stellte mir vor, ein ähnlich gravierender Anschlag wäre in den USA verübt worden. Man hätte wahrscheinlich nicht nur die Stadt Reyhanlı , sondern die ganze Provinz Hatay unter Ausnahmerecht gestellt, und es wäre schwer vorstellbar, dass dann noch ein wichtiges Football Match angepfiffen worden wäre. Die Türken gingen erstaunlich gefasst mit dem Unheil um.

Vieles, was nach dem Anschlag von Boston über die übertriebenen Reaktionen der Amerikaner und der gesamten Weltpresse geschrieben wurde, ist wahr. Ein Attentat in Amerika wiegt gefühlt ungefähr so viel wie hundert andere irgendwo in der Welt. In Reyhanlı sind 49 Menschen gestorben, 150 wurden verletzt, und noch immer werden 55 Menschen stationär versorgt. Nach Boston, wo drei Menschen starben, wurde fast zwei Wochen lang täglich über die Opfer, die Ermittlungen und die Täter berichtet. Nach Reyhanlı gingen unsere Medien bereits heute wieder zur Tagesordnung über. In den „Heute“-Nachrichten um 19.00 Uhr, die ich mir im Internet anguckte, kam der Anschlag gar nicht mehr vor. Natürlich spüren die Türken das Missverhältnis, und ich als Journalist und Mitbürger spüre es auch.

Ich weiß. Die Berichterstattung folgt der Aufmerksamkeitsökonomie. Boston ist als Anschlagsort ungewöhnlicher als ein Ort in der Türkei, von dem man noch nie gehört hat. Tote in der Türkei sind eine Allerweltsmeldung. Tote durch Terror in den USA sind selten und erzielen hohe Aufmerksamkeit. Nähe ist wichtig, emotionale, politische, gesellschaftliche Nähe. Um die kostbaren Minuten in den TV-Nachrichten konkurrieren Wahlen in Bulgarien, ein Totschlägerprozess in Berlin, Menschen als Versuchskaninchen der Pharmaindustrie in der DDR. Wenn ich mit Freunden in Berlin spreche, sagen sie, sie könnten die Meldungen über Tote und Bomben im Nahen Osten nicht mehr hören. Ich erinnere mich, dass es mir als Jugendlicher auch so ging, wenn über den Vietnamkrieg berichtet wurde. Aber ist die Türkei nicht längst ein Teil von uns?

Die Logik des Terrors ist an die Aufmerksamkeitsökonomie gebunden. Fällt die Reaktion gelassen aus, ist die Aufmerksamkeit gering. Ist sie stark und unproportional wie nach Boston, stärkt sie die mediale Bedeutung der Täter. Terroristen setzen Gewalt ein, um sich Gehör zu verschaffen und um Angst zu verbreiten. In Reyhanlı kann es auch darum gegangen sein, die Provinz Hatay zu destabilisieren. Das ist zum Teil gelungen: Nach dem Anschlag randalierten „aufgebrachte Jugendliche“ in Reyhanlı, demolierten Autos mit syrischen Kennzeichen und bedrohten Syrer. Am Sonntag zogen 5000 Türken durch Antakya und forderten Erdoğans Rücktritt, weil sie seine Syrien- und Flüchtlingspolitik für den Anschlag verantwortlich machen. Auch beim Derby Fenerbahce-Galatasaray gab es Sprechchöre gegen Erdoğan und die AKP. Dabei sind dafür diejenigen verantwortlich, die die Bomben explodieren ließen, seien es Linksextreme, Alawiten oder al-Kaida.

Aber anders als in den USA zeigen die verantwortlichen Politiker in der Türkei bislang keine hysterische Reaktion auf den Terror und vergällen den Urhebern damit ihren Triumph. Es gab weder eine Ausgangssperre noch martialische Aufmärsche von Spezialtruppen oder panische Fahndungsszenen. Die Türkei tut dabei allerdings des Guten zuviel. Im Hinblick auf die Aufmerksamkeitsökonomie ist die verhängte Nachrichtensperre in Reyhanlı zwar zielführend, aber sie ist undemokratisch und lässt Verschwörungstheorien ins Kraut schießen. Die verblüffend schnelle Ergreifung von neun Tätern und die Zuschreibung des Verbrechens auf eine Gruppe „üblicher Verdächtiger“ dürfte ähnlich wirken. Es ist ein Balanceakt. Man darf dem Terror nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig Aufmerksamkeit schenken.

Hier ein Kommentar, den ich nach dem Anschlag geschrieben habe (und der es nicht in unsere Onlineausgaben geschafft hat):

Der Bürgerkrieg wird zum Flächenbrand

Das Blutbad von Reyhanlı hat gezielt die Provinz Hatay im südöstlichen Zipfel der Türkei getroffen. Die Hälfte der rund 1,5 Millionen Einwohner gehört wie der syrische Diktator Assad der Alawitensekte an und unterstützt mehrheitlich das syrische Regime. Die türkischen Alawiten fühlen sich durch Tausende von sunnitischen Flüchtlingen aus Syrien bedroht. Daher ist die Provinz ein geeigneter Ort, um Unruhe zu schüren und der Türkei zu zeigen, dass sie mit ihrer Unterstützung der Rebellen den Bürgerkrieg ins eigene Land holt. Hatay kam 1939 durch ein umstrittenes Referendum zur Türkei, ist aber auf syrischen Landkarten noch immer als Teil Syriens verzeichnet. Es könnte auch ein Versuch sein, den historischen Brandherd neu zu entflammen.

Aber das Attentat ist vor allem eine Folge der beschämenden Unfähigkeit der internationalen Staatengemeinschaft, das syrische Drama zu befrieden. Immer mehr wird der Bürgerkrieg zum Flächenbrand, der auch die Nachbarstaaten erfasst. Da es in der Türkei kaum einen Laternenpfahl ohne Kameras gibt und die Türkei offenbar schon im Vorfeld Hinweise auf den Anschlag hatte, konnten schnell Verdächtige identifiziert werden. Sollte das Assad-Regime für die Toten und Verletzten verantwortlich sein, wird der Westen um eine deutliche Reaktion nicht mehr herumkommen. Umso dringlicher wird es, sich endlich mit Russland auf eine gemeinsame Linie zu einigen.

Der folgende Artikel erscheint am Dienstag (14. Mai) in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau. Hier die ungekürzte Fassung:

Spur zu Linksextremisten
Ankara sucht Verantwortliche für Anschlag und findet türkische Pro-Assad-Miliz

Für den Doppelanschlag von Reyhanlı mit inzwischen 46 Toten und 150 Verletzten ist nach Angaben der türkischen Regierung die linksextreme „Revolutionäre Volksbefreiungspartei/-front“ (DHKP-C) verantwortlich. Die neun Beschuldigten, die am Sonntag festgenommen worden waren, seien Mitglieder dieser Organisation und einer ihrer Splittergruppen. Die Männer hätten aber in Abstimmung mit dem syrischen Geheimdienst gehandelt.

Die marxistisch-leninistische DHKP-C will ging aus der Organisation Dev-Sol (Revolutionäre Linke) hervor, will die Regierung der Türkei stürzen, ist für zahlreiche Terroranschläge verantwortlich und steht sowohl in der Europäischen Union als auch in den USA auf der Terrorliste. Zuletzt verübte ein Selbstmordattentäter der Gruppe im Februar einen Anschlag auf die US-Botschaft in Ankara und tötete einen Wachmann. Ihr eigentliches Ziel sei auch diesmal gar nicht Reyhanlı, sondern Ankara gewesen, schreibt der gewöhnlich gut informierte Chefredakteur der englischsprachigen Hürriyet Daily News, Murat Yetkin unter Berufung auf Polizeikreise.

Ein türkischer Milizenführer für Assad

Die Spur, wenn sie denn stimmt, führt damit in das Milieu linksextremer Gruppen in der Türkei, die seit Jahrzehnten mit dem Assad-Regime in Syrien zusammenarbeiten und besonders in der Provinz Hatay aktiv sind. Dort leben viele Arabisch sprechende Alawiten, die Provinz gleicht in ihrer konfessionellen Struktur der angrenzenden syrischen Küstenprovinz Latakia. Außenminister Ahmet Davutoğlu stellte im türkischen Sender TRT einen Zusammenhang mit Vorgängen in Latakia her: „Diejenigen, die das Banias-Massaker verübten, sind auch für diesen Anschlag verantwortlich.“

Der Außenminister bezog sich auf das Massaker an der sunnitischen Zivilbevölkerung in den syrischen Mittelmeerstädten Banias und Badia, bei dem am 2. Mai mehr als 100 Menschen, darunter zahlreiche Kinder, ermordet wurden. Laut Davutoğlu soll für diese „ethnische Säuberung“ die Assad-nahe Miliz „Syrischer Widerstand“ verantwortlich sein. Zuvor hatte die Londoner Times den türkischen Staatsbürger und seit 30 Jahren wegen Mordes gesuchten Linksterroristen Mihraç Ural als Anführer der vermutlich 2 000-köpfigen Miliz und Verantwortlichen für das Massaker identifiziert. Vor zehn Tagen wurde auf Youtube eine Hetzrede Urals vor seinen Männern publiziert, in der er dazu aufrief, brutal gegen die Sunniten an der syrischen Mittelmeerküste vorzugehen. „Wir müssen Banias säubern“, erklärte Mihraç Ural darin. „Früher oder später müssen wir Banias umkreisen und säubern.“

Mihraç Ural spricht Arabisch, stammt aus Hatay, und soll mit seiner Miliz für das Assad-Regime den Norden der syrischen Provinz Latakia kontrollieren. Er war in den 1970er Jahren Gründer und Anführer der linksextremen türkischen Organisation Acilciler („Die Eiligen“), die aus der DHKP-C hervorging, unter anderem für die „Befreiung Hatays“ von der Türkei kämpfte und immer wieder mit dem syrischen Geheimdienst in Verbindung gebracht wurde. Der linksextreme Milizenführer wurde vom türkischen Geheimdienst bereits als Urheber des Terroranschlags auf den Grenzübergang Cilvegözü genannt, bei dem im Februar 14 Menschen getötet wurden. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan sagte am Montag, man werde extreme Gelassenheit bewahren und nicht auf ein „schmutziges Szenario“ hereinfallen, mit dem die Türkei in den Syrienkrieg hineingezogen werden solle.