Der Cappuccino-Index

Neulich war ich zwei Tage in Berlin, weil eine 90-minütige TV-Dokumentation über den Geheimdienst der Scientology-Organisation, deren Autor ich bin, erstmals im Fernsehen ausgestrahlt wurde (bei ARTE). Das Ereignis sollte zusammen mit der Filmcrew und Freunden gebührend gefeiert werden, was wir dann auch taten. Für mich war es einer dieser Blitzbesuche in Berlin, die mich kurz aus dem Istanbuler Alltag reißen und zu Vergleichen der Lebensumstände geradezu nötigen. Wie immer empfand ich Berlin als ungemein beruhigend für die Nerven, weil es dort so ruhig und gelassen zugeht, weil vergleichsweise wenige Autos herumfahren und die Leute im allgemeinen viel Zeit zum Leben, Lesen und Entspannen zu haben scheinen. Man kann sich – aus der Istanbuler Hektik kommend – wunderbar fallen lassen. Das sprichwörtliche Berliner Tempo, das Journalisten und Schriftsteller der Gründerzeit bis in die 30er Jahre besangen oder beklagten, je nachdem, es ist ohnehin verflogen – aber im Vergleich mit Istanbul fährt Berlin inzwischen geradezu mit angezogener Bremse. Ich weiß, alles ist relativ.

Wir landeten nach dem gemeinsamen Fernsehabend in einer wunderbaren, im Stil der mittleren Neunzigerjahre möblierten Kneipe im Prenzlauer Berg, von der meine Freunde sagten, sie sei ein nostalgisches Überbleibsel jener Zeit. Als Überbleibsel vor-globalisierter Lebensumstände erschienen mir nicht nur die plüschig-gemütliche Einrichtung und das entspannte, über alle Zeit der Welt zu verfügen scheinende Publikum, sondern vor allem – die Preise. Berlin ist im Vergleich zur „Welt“ hier draußen geradezu obszön billig. In der Kneipe kosteten mich drei gezapfte Biere etwa rund sieben Euro. Dafür hätte ich in Istanbul locker das Doppelte hinlegen müssen.

Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass Marktforschungsinstitute für internationale Preisvergleiche einen McDonald’s-Standard benutzen. Der Big Mac schmeckt überall in etwa gleich (pappig) und enthält in der Regel dieselben (schwer verdaulichen) Zutaten. Deshalb lässt der Preis dieses US-Produktes zuverlässige Rückschlüsse auf das Preisniveau eines Landes und die Kaufkraft seiner Bürger im internationalen Maßstab zu. Ein guter Freund von mir verwendet als persönliche Messlatte den Bierpreis. Ich bevorzuge den Cappuccino-Index, weil ich mich ohne Cappuccino nur halb wach und lebendig fühle und also darauf angewiesen bin. Und weil es ihn inzwischen überall gibt, selbst in Rumänien.

Am nächsten Morgen orderte ich in einem Prenzlauer-Berg-Café einen (erstklassigen) großen Cappuccino plus einem riesigen Ciabatta-Brot mit Rosmarinschinken. Der Spaß kostete mich 4,50 Euro. So viel bezahlt man hier in Cihangir fast allein für den Cappuccino (und der ist dann meist nicht so gut!). Ich fragte mich, wie das sein kann? Den Kunden ist es ja zu gönnen – aber wie können die Dienstleister in Berlin von diesen Dumpingpreisen leben? Und wie kommt es, dass Berlin von der gefühlten globalen Preisentwicklung derart abgekoppelt ist? Als ich vor einem Monat in Armenien war, einem der ärmsten Länder Europas, kam der Cappuccino dort ebenfalls meist für vier Euro – und es war prima italienischer Kaffee.

Ähnlich erging es mir in Berlin mit fast allen Waren- und Dienstleistungsangeboten. Pizza und Pasta sind in Istanbul etwa genauso teuer, doch schon die leckeren Kuchen bei Mado oder Özsüt können leicht das Doppelte wie bei Kamps oder Thoben kosten. Die BVG ist ohnehin unschlagbar billig – für eine Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch Istanbul sind leicht drei Euro fällig -, ein T-Shirt kann ich bei C&A für die Hälfte des üblichen Istanbuler Preises erwerben, türkisches Benzin kostet etwa zwei Euro pro Liter, von den exorbitanten Istanbuler Mieten ganz zu schweigen. In Berlin kann man richtig gut essen gehen für deutlich weniger Geld als in Istanbul. Und so weiter und so fort. Türkische Freunde klagen nicht selten über die extrem hohem Lebenshaltungskosten, die sie trotz eines wesentlich geringeren Durchschnittseinkommens schultern müssen.

Mit einer Berliner Freundin sprach ich über mein anspruchsvolles Leben in Istanbul – und sie erwiderte: „Ist doch klar, dass es für dich teuer ist. Du lebst ja auch in einem besseren Viertel.“ Ich dachte darüber nach und sagte: „Schon richtig. Aber Cihangir entspricht alles in allem dem Prenzlauer Berg. Hier wie dort leben Kreative, Künstler, Medienleute. Warum ist es in Cihangir dann teurer als am Kollwitzplatz?“ Lapidare Antwort: „Wenn du Tee statt Cappuccino trinken und Lahmacun statt Pizza essen würdest, so wie die Türken, dann wär’s anders.“ Sie hatte Recht, mit Lahmacun und Tee beim Imbiss um die Ecke wird’s spürbar günstiger. Doch selbst Currywurstberliner vertilgen nicht jeden Tag Currywurst. Die Mittelschicht schon mal gar nicht. Lahmacun kommt bei IT-Managern, Lehrern oder Schauspielern auch hier nicht jeden Tag auf den Tisch, und die Vorzüge eines guten Cappuccinos haben längst auch die Istanbuler zu schätzen gelernt. Übrigens trinke ich gern Tee.

Es bleibt dabei: Am Bosporus ist das Leben gefühlt teurer als an der Spree. Das ist auch einer der Gründe, dass sich „Rückkehrer“ aus Deutschland hier oft schwer tun, Tritt zu fassen. Sie rechnen einfach nicht mit den globalisierten Preisen. Zudem die Inflation galoppiert – rund zehn Prozent beträgt die Preissteigerung in der Türkei Jahr für Jahr. Meine Freundin und ich setzen dem türkischen Teuerungswahn längst ein probates Mittel entgegen: Hamsterkäufe in Deutschland. Dieses Mal habe ich zwei Kilo Tee vom Kollwitzplatzmarkt, pfundweise Tschibo-Kaffee und eine Flasche Whisky mitgebracht. Wie früher, wenn man die armen Verwandten in Ost-Berlin besuchte.

5 Gedanken zu „Der Cappuccino-Index

  1. Wie wäre es angesichts der niedrigen Tee- und Kaffeepreise mit diesem Service:

    https://www.bringwasmit.de/

    Und dann könnte man auch überlegen was Sie das nächste Mal aus Istanbul nach Berlin mitbringen 🙂

    • Interessante Idee. Funktioniert das? Es dürfte aber trotzdem schwierig sein, hier in Istanbul etwas zu finden, das deutlich billiger ist als in Berlin. Nicht mal Socken, und die werden in den hiesigen Sweatshops massenhaft hergestellt. FN

  2. Na Istanbul ist für türkische Verhältnisse aber auch besonders teuer – jedenfalls wenn man im europäischen Zentrum lebt und einen „westlichen“ Lebensstandard pflegt –, während Berlin ja für EU-Europa ungewöhnlich billig ist: Irgendwo habe ich aufgeschnappt, Berlin sei die einzige Hauptstadt Europas (oder war’s in der EU?), wo die Lebenshaltungskosten niedriger sind als im jeweiligen Landesdurchschnitt. Das erscheint mir plausibel. Wir haben kürzlich auf großer Elternzeit-Reise Station in München, Zürich, Genf und einigen norditalienischen Städten gemacht, bevor es über den Balkan und Griechenland in die Türkei ging, und als Berliner fühlt man sich schon ab München irgendwie in der Schweiz. In Genf dachten wir: gehen wir möglichst günstig ins Kaufhaus-Bistro essen. Und ärgerten uns am Ende, dass uns da für ein einfaches Mahl der Wert eines Berliner Sterne-Menüs berechnet wurde. Zweitausend Kilometer später fühlten wir uns aber endlich wieder reich: in Albanien.

    Weitere höchst subjektive Daten für die Bier- oder Capuccino-Indices: In Italien sind alle möglichen Café-Varianten unerwartet günstig, ob im Straßencafé auf einer Mailänder Piazza oder bei McDonald’s an der Autobahn. Griechenland: trotz – oder wegen – Krise durchweg teuer. In der Türkei kommt’s ganz drauf an. Mein Eindruck: Preise orientieren sich kein bisschen an Produktionskosten oder dem, was wir als „Wert“ begreifen, sondern daran, was die jeweilige Zielgruppe zu zahlen bereit ist. Während in Deutschland – ob Berlin oder München – in teuren Clubs Eintritt und Getränke vielleicht mal doppelt so viel kosten wie gewöhnlich und das Bier für fünf Euro statt für zwofuffzig über den Tresen geht, ist in Istanbul alles möglich. Preis als Distinktionsmerkmal.

    Selbst in und um Cihangir kann man aber doch zu Neukölln-Preisen gut und lecker Mittagessen finden, in einer Lokanta, deren Betreiber dann vielleicht noch deutsch kann, weil er einst als Gastarbeiter mal beim Daimler gearbeitet hat.

    Übrigens: Laut Auswärtigem Amt haben Sie mit zwei Kilo Tee heftig gegen die türkischen Zollvorschriften zur Einfuhr verstoßen. Ich weiß nicht, ob die AA-Informationen stimmen, aber ich bin ganz froh über deren Angabe, weil ich damit begründen kann, nicht mehr Tee mitzubringen. Schwarztee und Suçuk aus Berlin-türkischen Supermärkten sind angeblich besser und billiger als alles, was man in der Türkei kriegt.

    • Lieber Jan Michael, Sie haben die Lage in Europa gut beschrieben. Zu Istanbul: Mein Lebensstil ist sicherlich westlich, aber das ist auch der Lebensstil vieler Istanbuler. Sprich, ein Cappuccino oder eine Pizza wird durchaus nicht verachtet. Die Mittelschicht wächst. Natürlich kann man auch zu Neuköllner Preisen Essen gehen, das mache ich auch ab und an, aber man möchte ja auch mal Abwechslung. Bei Tee schwöre ich übrigens auf Ceylon, und der ist hier sauteuer. Ihr FN

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