Der Kampf des Ilya Avramoğlu

Am heutigen Donnerstag fand im Istanbuler Adalet Saray, dem „Justizpalast“ und angeblich größten Gerichtsgebäude Europas, die erste Verhandlung im Fall Ilya Avramoğlus statt. Worum es dabei geht, dazu komme ich gleich. Auf mich wirkt jeder Besuch dieses Kolossalgebäudes des Rechts wie eine Reise mitten hinein in Kafkas „Prozess“. Wieder einmal hatte die Dame am Informationsschalter im Erdgeschoss (das aber nur „Ebene Null“ ist, unter der es noch mindestens vier weitere Ebenen gibt) nicht die geringste Idee, wo der Verhandlungsraum sein könnte, den ich suchte. „Versuchen Sie es mal auf Ebene 1“, riet sie uns, „und fragen Sie dort bei der Information.“

Auf Ebene 1 herrschte das übliche Gewimmel von Anwälten, Gerichtsdienern, Klienten, und es dauerte eine Weile, bis wir den Informationsschalter gefunden hatten. Eine Lederjacke hing über der Stuhllehne, aber der dazugehörige Beamte war nicht da, wahrscheinlich Tee trinken gegangen. Auf ihn zu warten, stellte sich als wenig hilfreich heraus, und nach fünf Minuten fragten wir vorbeieilende Anwälte, die uns eine vage Vorstellung davon vermitteln konnten, wo sich der Verhandlungsraum Nr. 15 des Zivilgerichts befinden könnte. Nach nur etwa 20 Minuten Suche fanden wir ihn dann mithilfe weiterer Anwälte auf Ebene 4, ganz weit hinten (von den Rolltreppen aus gesehen).

Und da rief Ilya Avramoğlu auch schon „Mister Frank, I am here!“. Der massige Mann saß mit seinen drei Anwälten und einigen Unterstützern vor dem Gerichtssaal. Wir waren am Ziel. Und damit bin ich bei meiner Geschichte.

Im vergangenen Herbst fielen mir bei einem meiner Spaziergänge über Istanbuls berühmte Fußgängerzone Istiklal Caddesi die fotokopierten Briefe und mit dem Computerdrucker erstellten Plakate auf, die am Schaufenster des „Kelebek“-Korsettgeschäftes im hinteren Teil der Straße hingen: Hilferufe gegen die drohende Entmietung des Traditionsgeschäftes, das dem Istanbuler Juden Ilya Avramoğlu gehört. Ich sprach mit dem Ladeninhaber und hörte erstmals die beeindruckende Geschichte seiner Familie und ihres Traditionsgeschäftes für Unterwäsche und Korsetts.

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Ilya Avramoğlu vor seinem Miederwarengeschäft in der Istiklal Caddesi.

Von da an besuchte ich Herrn Avramoğlu regelmäßig. Kurz bevor der Papst Ende November in die Türkei kam, entschied ich mich, zu diesem Anlass eine Reportage über Herrn Avramoğlu und seinen Laden zu schreiben. Denn zwischen ihm und der katholischen Kirche besteht ein Konflikt, der ihn und seine Familie existentiell bedroht. Hier kommt erst einmal der Artikel zum Nachlesen. Was heute im Gericht passierte, erfahren Sie zum Schluss.
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Der Laden
Seit Generationen verkauft die Familie von Ilya Avramoğlu an der Istanbuler Prachtstraße Miederwaren. Jetzt will die katholische Kirche ihn aus seinem Laden werfen.

Wenn Ilya Avramoğlu an den bevorstehenden Besuch des Papstes in Istanbul denkt, dann keimt so etwas wie Hoffnung in ihm auf. Dann mag er noch einmal glauben, dass der christliche Stellvertreter Gottes auf Erden sein Schicksal wenden könne, auch wenn er, Ilya Avramoğlu, ein Jude ist. Ein jüdischer Istanbuler Türke, der in einen Streit mit der katholischen Kirche verstrickt ist, die seine materielle Existenz und die jener neun Personen, für die er sorgen muss, dramatisch bedroht. „Ich mag gar nicht daran denken, was geschehen kann. Aber nur Gott kennt die Zukunft“, sagt der 53-Jährige.

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Er steht da, wo er seit Jahrzehnten jeden Tag steht, hinter dem Verkaufstresen seines kleinen, holzgetäfelten Geschäftes für Spezialunterwäsche im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu. Drei Generationen lang verkauft die jüdische Familie Avramoglu in ihrem Korsettwarengeschäft handgearbeitete Miederwaren, hat damit ein Pogrom, Wirtschaftskrisen und die Ära der Shoppingcenter überstanden.

Doch jetzt will ihn sein Vermieter, die katholische Kirche, vor die Tür setzen.
Vor vier Wochen noch war Avramoğlus Schaufenster mit Protestzetteln zugeklebt, auf denen zu lesen stand: „Ihr spielt mit unserem Überleben“ oder „Gnade und Gewissen!“ Inzwischen hat er die Plakate abgenommen. „Die Kirche scheint keine Gnade mehr zu kennen. Sie will, dass ich meinen Laden räume“, sagt er. „Ein Jude stört sie nur.“

Geruch nach Mottenpulver

Wenn man Avramoglus Geschäft betritt, umfängt einen sofort der intensive Geruch von Naphtalin. Das Antimottenmittel ist nötig, denn Avramoğlu verkauft handgemachte Wollunterwäsche, unter anderem. „Sehen Sie hier“, sagt er und zieht unter den gewaltigen Stapeln von Büstenhaltern, Korsetts und Unterhosen einen BH hervor, wie Frauen ihn in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts trugen. „Marilyn-Monroe-Stil. Dieses Modell ist sehr gefragt bei den Fernsehleuten. Sie brauchen es für Serien, die in jener Zeit spielen.“ Er macht eine Pause. „Wenn ich den Laden aufgeben muss, wird es all das nicht mehr geben.“

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Ilya Avramoğlu zeigt ein traditionelles Korsett.

Ilya Avramoğlus Geschichte hat viele Facetten. Sie erzählt davon, wie eine gnadenlose Gentrifizierungspolitik das historische Gesicht Istanbuls verändert. Es ist aber auch die Geschichte der Vertreibung von Istanbuler Minderheiten aus einem Stadtbezirk, in dem sie jahrhundertelang heimisch waren. Und schließlich ist es die Geschichte eines Mieterstreits mit der katholischen Kirche, die sich vor dem Besuch des Heiligen Vaters wenig christlich benimmt.

„Die katholische Kirche nutzt ein neues Gesetz schamlos aus.“ sagt Avramoğlu. „Der alte italienische Priester, Gott hab‘ ihn selig, hat uns geschützt. Doch seit er starb, hat sich alles geändert. Jetzt geht es auch der Kirche nur noch ums Geld. Dabei vertritt sie doch selbst eine Minderheit.“ Der neue, aus dem Kongo stammende Pfarrer Eleuthere Makuta von der benachbarten Gemeinde Santa Maria Draperis hat ihm vor fünf Monaten die Kündigung geschickt. Dies ermöglicht ein Gesetz der islamisch-konservativen Regierung des früheren Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, das wie ein Entmietungsbeschleuniger wirkt. Allen Mietern, deren Vertrag zehn Jahre oder länger besteht, kann jetzt ohne Angabe von Gründen gekündigt werden.

In Beyoğlu betrifft dies viele Alteingesessenen, zu denen auch noch einige Griechen, Armenier und Juden zählen. Gerade musste Istanbuls letzte griechische Tageszeitung Apoyevmatini aufgeben, vor fünf Monaten der Traditionsbuchladen Robinson Crusoe 389, davor die berühmte Patisserie Inci. „Die Stadtverwaltung definiert den Wert der Stadt rein ökonomisch, nicht nach dem historischen Erbe“, sagt Akif Burak Atlar, der Sprecher der Istanbuler Stadtplanerkammer. „Sie überlässt die Nutzung der Gebäude dem Markt, der so wild ist, dass die alten Ladenbesitzer nicht mehr standhalten können.“

Die Istiklal Caddesi, an der Avramoglus Geschäft liegt, ist eine auch bei Touristen beliebte Haupteinkaufsstraße der 16-Millionen-Metropole, bis zu drei Millionen Menschen flanieren täglich durch die Fußgängerzone. Istanbuls rasante Stadtentwicklung lässt hier seit Monaten immer wieder Proteste gegen die Vertreibung traditioneller Händler aufflammen.

Jetzt steht Ilya Avramoğlus Laden ganz vorn in diesem Kampf, der schon verloren scheint. Modemarken, Fastfood- und Kaffeehausketten haben die Mieten in die Höhe getrieben. „Ringsum ist Fastfood. Wir wollen das aber nicht. Wir wollen unsere 80-jährige Geschichte fortführen; und auch Geschäfte sind Teil der Kultur“, sagt der freundliche Mann mit seiner sanften, ein wenig singenden Stimme. „Wenn man sie zerstört, zerstört man die Geschichte.“

Im Osmanischen Reich war die damalige Grand Rue de Pera eine berühmte Prachtstraße, an der Botschaften, Moscheen, Kirchen, Synagogen lagen. Auch als sie nach der Republikgründung 1923 in Istiklal Caddesi, Straße der Unabhängigkeit, umbenannt wurde, war sie noch gesäumt von den Läden der griechischen, armenischen und jüdischen Bewohner. „Damals war sie die einzige echte Einkaufsstraße in Istanbul. Ohne guten Anzug oder ein elegantes Kleid ging niemand hierher“, erzählt Ilya Avramoğlu. „Man besuchte die Kinos, Theater, Museen. Man traf sich in den exklusiven Konditoreien. Mein Laden ist ein Relikt dieser Zeit.“

Avramoğlus Familie gehört zur winzigen jüdischen Karäergemeinde und lebt bereits seit byzantinischer Zeit in Istanbul. Sein Großvater eröffnete sein erstes Korsettgeschäft um 1922. Als zwölf Jahre später am unteren, etwas billigeren Ende der Straße der Laden frei wurde, zog er dorthin um. Er nannte sein Geschäft Kelebek, Schmetterling, weil er wollte, dass sich die Frauen in seinen Korsetts leicht wie Schmetterlinge fühlen. Mit den ausgestellten Strapskorsetten und altmodischen Büstenhaltern wirkt Avramoğlus Schaufenster wie ein Guckloch in jene Zeit. Die Höschen, BHs, Korsetts, die orthopädischen Bandagen, Strumpfbänder, Knie- oder Ellbogenschützer in seinen vollgestopften Holzvitrinen stammen überwiegend noch aus lokaler Produktion.

Im Geschäft ist es so eng, dass ein Käufer hinaus muss, wenn ein neuer hinein will. Aber Avramoğlus Kunden sind treu. Schauspieler gehören dazu, ebenso Politiker, deren Namen er natürlich nicht preisgibt. „Was was ist ein Korsettladen? Ein Ort, der dicken Leuten Produkte verkauft, um dünn auszusehen.“

Mütter kommen mit ihren Teenager-Töchtern, um den ersten BH für sie zu erwerben. Transvestiten fühlen sich von ihm verstanden, er führt Spezialunterwäsche für sie. Gegenwärtig zieht es viele Touristinnen aus Beirut, Riad oder Abu Dhabi in sein Geschäft. „Arabische Frauen sind üppig gebaut, deswegen schätzen sie meine Korsette und Übergrößen“, sagt Ilya Avramoglu in seiner etwas direkten Art.

Gerade betreten zwei dänische Designerinnen mittleren Alters den Laden und freuen sich unbändig über die „antiken, soliden Teile, die man so nirgends mehr findet“. Eine junge Frau aus Saudi-Arabien mit Gesichtsschleier erkundigt sich nach einem Korsett. Avramoğlu spricht sie auf Englisch an. Kommen Französinnen, wechselt er mühelos ins Französische. Sind Griechen da, kann er sie in fließendem Griechisch bedienen. Der Kaufmann, der mit 18 im Geschäft seines Vaters Borya zu arbeiten begann und es 2007 übernahm, verkörpert noch die jahrhundertealte mehrsprachige Tradition der Istanbuler Minderheiten.

Als die Araberin gegangen ist, zeigt er einen simplen beigen BH aus der Zeit, bevor er selbst geboren wurde. „Es gibt alte Frauen, die haben nie andere BHs getragen und bleiben diesem Stil treu.“ Ein anderer BH erinnert an Kriegswaffen. „Brüste wie Torpedos. Das war sehr modern in den 1920er bis 1940er Jahren.“

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Ein „Torpedo-BH“ wie aus den 50er-Jahren.

Aber der Kaufmann führt auch Prothesen für Frauen, denen eine Brust amputiert werden musste oder Spezial-BHs, die das Bindegewebe stützen. Nicht immer sei es leicht, mit den Kundinnen umzugehen, räumt Ilya Avramoğlu ein. „Frauen zu verstehen, ist schwer. Man braucht viel Geduld.“ Mehr jedenfalls als mit Männern. „Viele junge Männer wollen einfach nur schlanker wirken als sie sind.“

Ganz hinten im Laden, wenn man sich an Stapeln fabrikfrisch verpackter BHs vorbeidrückt, hat Ilya Avramoğlu sogar eine Ankleide eingebaut. Er nimmt eine Plastiktüte von der Holzwand und zeigt auf ein zersplittertes Loch. „Das wurde mit einem Vorschlaghammer gehauen, es ist der letzte physische Beweis von 1955 in ganz Beyoglu“, sagt er.

In der Nacht vom 6. zum 7. September 1955 verwüstete ein nationalistischer Mob die Istiklal Caddesi. Aufgehetzt durch falsche Gerüchte, wonach das Geburtshaus des türkischen Republikgründers Atatürk in Griechenland zerstört worden sei, wurden nicht nur die Läden der Griechen, sondern auch die der Armenier und Juden zerstört und mindestens zwölf Menschen getötet. „Alles wurde geplündert, herausgerissen und auf die Straße geworfen“, berichtet Ilya Avramoglu. Er zeigt ein Foto seines Großvaters im verwüsteten Geschäft am Tag danach. „Er und mein Vater klaubten aus dem Schutt, was noch brauchbar war, reparierten die Nähmaschinen, borgten sich Geld und fingen wieder von vorn an.“

Nach der Gewaltnacht begann der unaufhaltsame Exodus der nicht-muslimischen Bevölkerung Istanbuls. Von einst Hunderttausenden sind heute nur 60 000 Armenier, 14 000 Juden und 2500 Griechen in der Stadt geblieben. Die Prachtstraße verlor zusehens Glanz, aber einige Ladeninhaber blieben ihr treu. Von ihnen ist jetzt nur noch Ilya Avramoğlu übrig. „Bei jedem Geschäft, das schließen musste, habe ich geweint, und nun sind wir selbst dran.“ Er zählt auf, wen er alles mit den Einkünften unterstützt: seine bettlägerigen alten Eltern, seine Frau, seine zwei Kinder, eine geschiedene Schwester und deren Kinder. „Wenn ich hier raus muss, was passiert dann mit ihnen?“

Nicht nur Avramoğlu, auch andere Mieter kircheneigener Häusern haben kürzlich ihre Kündigungen erhalten. Mit jedem Schreiben sei der Ton schärfer geworden, sagt er. Zuerst habe der neue Pfarrer eine Verdoppelung der Miete auf 4000 Lira gefordert, inzwischen wolle er 10 000 Lira (rund 3400 Euro) für 20 Quadratmeter Ladenfläche – oder den sofortigen Auszug.

Aber Avramoğlu kann höchstens 5000 Lira monatlich aufbringen. Wie viele kleine Händler in der Türkei hat er keine Spareinlagen. Doch alle Versuche, sich mit der Kirche zu einigen, scheiterten an deren kompromissloser Haltung. Und an dem Antisemitismus, den der Händler bei seinem Vermieter zu spüren meint. „Sie sind Jude, Sie sind gefährlich“, habe Pfarrer Makuta ihn angebrüllt, erzählt Ilya Avramoğlu. Nie zuvor in seinem ganzen Leben sei er mit Judenhass konfrontiert gewesen, sagt er. „Dieser Priester trägt ein Korsett von mir. Aber er hat kein Herz. Was ich auch gemacht und angeboten habe, er war nicht bereit zurückzuweichen.“

Nachdem er sich viermal direkt um Hilfe an den Papst in Rom wandte, aber nie eine Antwort bekam, klebte Avramoğlu schließlich eine Kopie des Kündigungsschreibens und Plakate ans Schaufenster, auf denen stand: „Wo ist die Gnade? Wo ist die Zuwendung?“

Die Medien wurden aufmerksam, das Fernsehen berichtete. Er bekam zahllose Unterstützerbriefe, Anwohner und Kunden sprachen ihm Mut zu. Die Aktivisten der Bürgerinitiative „Beyoğlu-Stadt-Verteidigung“, die sich gegen die Gentrifizierung des Viertels wenden, organisierten eine Demonstration für den Laden und sammelten 2000 Unterschriften gegen die Schließung. Auf der Demonstration verlas Ilya Avramoğlu einen emotionalen Appell: „Ich habe 40 Jahre in diesem Geschäft verbracht, mein Vater 75 Jahre, mein Großvater 25 Jahre. Kelebek ist mein Leben. Ich bleibe hier, bis ich sterbe.“

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Eine Sünde

Vom Vatikan war zu den Vorgängen ebenso wenig eine Stellungnahme zu erhalten wie vom Päpstlichen Nuntius in Ankara. Pfarrer Makuta sagt in seinem kleinen Büro, das schräg über Avramoglus Laden liegt, die klamme Gemeinde könne nicht länger „wie ein Wohltätigkeitsverein“ handeln und die Kirche sei „nun einmal kein Museum“: „80 Jahre sind eine schöne Zeit, jetzt soll auch mal jemand anders zum Zug kommen. Wir können schließlich vermieten, an wen wir wollen.“

Der kleine gedrungene Mittvierziger mit Glatze lächelt viel, aber in der Sache bleibt er hart. Vor allem, seit sich der Händler an die Medien gewandt habe, sei das Tischtuch endgültig zerschnitten. „Ich kann doch nicht an meinen Feind vermieten! Das wäre eine Sünde gegenüber der Kirche.“ Mit Antisemitismus habe das nichts zu tun. Es gehe der Kirche auch nicht ums Geld. Apropos, sagt Makuta, läuft zum Fenster und zeigt hinaus: „Sehen Sie die Figur der Jungfrau Maria hier? Neulich ist ein Stück abgeplatzt. Aber wir haben kein Geld, um die Fassade zu reparieren!“

Wenn Ilya Avramoğlu diese Worte hört, wird er traurig. Die Plakate, sagt er, seien nie gegen die Kirche gerichtet gewesen, sondern gegen das ungerechte Gesetz. Seine letzte Hoffnung gilt jetzt dem Papstbesuch. Am Sonnabend, wenn Franziskus in Istanbul ist, will Ilya Avramoglu sein Schaufenster mit einem großen Transparent verhängen, auf dem steht: „Heiliger Vater, bitte rette mich und meine Familie! Bitte stoppe die Kündigung!“
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Soweit mein Artikel, der Ende November in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau erschien. Ilya Avramoğlu setzte große Hoffnung auf den Papst. Er hatte zwar auf seine Briefe keine Antwort bekommen, aber er hatte den Istanbuler Oberrabbiner gebeten, seinen Fall dem Heiligen Vater beim geplanten Zusammentreffen in Istanbul vorzutragen. Das tat der Geistliche denn auch, berichtete mir Avramoğlu anderntags. Ich selbst schaffte es, den Vatikansprecher Pater Lombardi nach einer Pressekonferenz im Istanbuler Hilton-Hotel auf das schäbige Verhalten der Kirche gegenüber ihren Mietern anzusprechen und bat ihn ebenfalls, mit dem Papst darüber zu reden. Lombardi notierte sich den Namen Avramoglus, aber ich habe vom Vatikan ebenso wenig wieder etwas gehört wie der Miederwarenhändler.

Seither habe ich Herrn Avramoğlu immer wieder in seinem Geschäft aufgesucht, und er erzählte mir von den vielen Solidaritätszuschriften, den neuen Fernseh- und Zeitungsberichten über ihn, auch in türkischen Medien. „Die Zuwendung ist überwältigend“, sagte er. Nur in der Sache bewegte sich nichts. „Pfarrer Makuta redet überhaupt nicht mehr mit mir. Die Kirche ist entschlossen, mich rauszuwerfen.“

Am heutigen 29. Januar sollte nun der erste Gerichtstermin stattfinden, in dem die Kirchengemeinde Santa Maria Draperis auf sofortige Räumung des Ladens klagt. Wie das in Istanbul dann vonstatten geht, konnte ich im Frühsommer 2013 bei der Inci-Patisserie erleben. Am Morgen entschied ein Gericht, dass geräumt werden dürfe, kurz darauf rückten Abrisstrupps an und rissen die wertvolle alte Einrichtung von den Wänden. Unter Tränen verließen die Mitarbeiter die Konditorei, in der sie jahrzehntelang gearbeitet hatten.

Avramoglu wird juristisch von der oben genannten Bürgerinitiative „Beyoglu-Stadt-Verteidigung“ unterstützt, neben seiner eigenen Anwältin erschienen zwei weitere junge Rechtsanwälte vor der Zivilkammer. „Ilya Avramoğlus Fall ist der Präzedenzfall, um juristisch gegen das Zehnjahres-Gesetz vorzugehen“, sagte mir einer der beiden. „Es gibt weitere Fälle, aber dieser ist der bisher klarste, was die Anwendung des Gesetzes angeht.“

Die Anwälte wissen von anderen Klagen gegen Altmieter in Istanbul und Antakya. Sie wollen bis vor das Verfassungsgericht in Ankara ziehen, um das Gesetz zu Fall zu bringen. Auch die sozialdemokratisch-kemalistische Oppositionspartei CHP fechtet das Gesetz dort bereits an. Sollte es Bestand haben, wären Hundertttausende Mieter in der Türkei bedroht. „Es gibt überhaupt keine Sicherheit mehr zwischen Eigentümern und Mietern, was sehr schädlich für die Wirtschaft ist“, sagte der Anwalt.

Nun, die Verhandlung war kurz und wurde vertagt, denn es stellte sich heraus, dass beide Seiten ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatten. Die Kläger hatten versäumt nachzuweisen, dass sie rechtmäßiger Eigentümer des Gebäudes sind, Avramoğlu muss darlegen, dass er seinen kranken Vater als eigentlichen Mieter vertreten darf. So dauerte es nur zehn Minuten, und die streng wirkende Richterin schloss die Verhandlung und vertagte sich auf Ende April. Ilya Avramoğlu war darüber nicht unglücklich. „Jeder Zeitgewinn ist gut für mich“, sagte er. Er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

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