Kampf um Kobane

Während ich diese Zeilen schreibe, wird die syrisch-kurdische Stadt Kobane, die direkt an der türkischen Grenze nahe dem Ort Suruç liegt, massiv von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) mit Granaten beschossen und unsere Medien berichten (mal wieder) von ihrem bevorstehenden Fall. Ein erbitterter Kampf um einen strategisch wichtigen Hügel ist im Gange, der es den Islamisten erlauben würde, Kobane in Schutt und Asche zu legen. In der Grenzregion demonstrieren täglich Hunderte Kurden gegen die Angriffe, werden aber von den türkischen Sicherheitskräften mit Tränengas beschossen. Auch in Istanbul finden fast täglich Demonstrationen für Kobane statt.

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Kurdische Solidarität: Essensausgabe für Flüchtlinge aus Kobane auf dem Gelände des städtischen Kulturzentrums von Suruç, organisiert von kurdischen Privatleuten.

Kobane wird ein Wendepunkt in den türkisch-kurdischen Beziehungen sein, davon bin ich überzeugt. Fällt die Stadt den islamistischen Mördern in die Hände, werden viele Kurden dies der türkischen Regierung anlasten. Der Friedensprozess mit der PKK-Guerilla wird dann vermutlich beendet, wie es bereits führende PKK-Kader und auch HDP-Politiker erklärt haben. Es hängt enorm viel davon ab, wie sich die Türkei in dem Konflikt verhält. Vor wenigen Tagen erklärte Regierungschef Ahmet Davutoglu, die Türkei werde alles dafür tun, Kobane zu retten – doch leider ist davon bisher nichts zu sehen.

Nicht einmal die dringend benötigten besseren Waffen werden den Kurden geliefert, jedenfalls nicht in der benötigten Zahl. In den Videos der Volksverteidigungskräfte YPG sieht man, wie die Kurden mit Kalaschnikows auf Panzer schießen. Inzwischen sind, wie auch immer, einige Milan-Panzerabwehrsysteme nach Kobane gelangt und die YPG konnte zwei Panzer ausschalten – doch ist das bei Weitem nicht genug. Am heutigen Sonntag hat eine kurdische Kämpferin einen Selbstmordanschlag auf eine IS-Stellung durchgeführt und mehr als ein Dutzend Islamisten getötet. So verzweifelt, aber auch so bewundernswert mutig sind die Verteidiger von Kobane. Seit nunmehr 21 Tagen halten sie dem Ansturm stand.

Mit welch entmenschten Barbaren sie es zu tun haben, zeigten die Angreifer heute wieder mit Fotos auf Facebook und Twitter, auf denen sie stolz mit den Köpfen enthaupteter kurdischer Kämpferinnen posierten. Die Luftschläge der US-geführten Anti-IS-Koalition blieben ebenfalls wirkungslos, es sind auch viel zu wenige. Man muss leider konstatieren: Hier opfern sich Helden – und die Welt schaut zu. Das wird sich rächen, vor allem für die Türkei. Aber auch die Kurden, bisher treue Freunde des Westens in einer chaotischen, zerfallenden Region, werden sich merken, wie wir sie im Stich ließen.

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Kurdische Solidarität: Die Fahrer eines Konvois von zwölf Lastwagen mit Hilfsgütern, den der Präsident der Nordirakischen Autonomen Region Kurdistan für Kobane auf den Weg brachte (bzw. die „Barsani-Stiftung“). Der Konvoi musste am 25. September hinter Suruç halten, um von den türkischen Behörden kontrolliert zu werden. Es ist nicht bekannt geworden, dass er tatsächlich die Grenze nach Kobane überquerte.
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Seit sechs Tagen bin ich wieder in Istanbul, nachdem ich eine Woche in Suruç und an der Grenze zu Syrien recherchiert habe. Ich habe mit Dutzenden Flüchtlingen, Augenzeugen aus Kobane, Politikern, Bauern, Clanführern, Ärzten und anderen gesprochen und darüber dann drei Reportagen für die „angeschlossenen Zeitungen“ verfasst, die ich Ihnen an dieser Stelle noch einmal präsentiere, hier mit den zugehörigen Fotos, die in den Artikeln keinen Platz fanden. Die Lage an der Grenze hat sich seither verschärft, aber nicht grundsätzlich verändert. Hoffen wir, dass es nicht zu den befürchteten Katastrophe kommt, dass Kobane nicht von den Dschihadisten überrannt wird und die Türkei dann eine mehr als 150 Kilometer lange Grenze mit dem IS hat.

Noch kämpfen die tapferen Kurden mit dem Mut derer, die ihre Heimat verteidigen wie die Bewohner von Gondor gegen die Orks im „Herrn der Ringe“. Sie sind die Helden unserer Zeit, die eine Schlacht ausfechten, die an den biblischen Kampf Davids gegen Goliath erinnert, verlassen von der Welt, für die sie sich stellvertretend opfern. Mich erinnert ihr Kampf auch an die vierjährige Belagerung von Sarajewo in den 1990er Jahren, nur dass in Kobane Hilfe viel leichter möglich wäre, denn es gibt ja eine Flanke (zur Türkei), die zugänglich ist. Doch die türkische Armee schottet die Grenze ab und hindert Freiwillige daran, sich den syrisch-kurdischen Volksverteidigungskräften anzuschließen, nur weil diese ideologisch der PKK nahestehen. Dabei ist die PKK eine Organisation, die der türkische Staat seit mindestens zwei Jahren als seriösen Verhandlungspartner akzeptiert.

Vor allem verstehe ich nicht, warum die Türkei nicht die einmalige Chance zur Versöhnung mit den Kurden nutzt, die Kobane ihr bietet. Es ist verständlich, dass Ankara zögert, Truppen über die Grenze zu schicken, und das sollte das Nato-Land Türkei auch nicht tun, solange es keine plausible Rückzugsstrategie oder Syrien-Strategie gibt. Aber wann, wenn nicht jetzt, ist der Zeitpunkt, um die Kurden zu umarmen, ihnen Vertrauen zu schenken, damit ihre Herzen zu gewinnen und auch den inneren Konflikt der Türkei zu entschärfen? Wozu soll denn der Friedensprozess mit der PKK dienen, wenn nicht zum Aufbau von Vertrauen und Partnerschaft? Sind Türken und Kurden nicht geografisch und kulturell dazu prädestiniert, sich zu vertragen? Dazu habe ich folgenden Kommentar verfasst, der am Sonnabend hier und hier erschienen ist. Für den Kommentar habe ich gestern auf der Geburtstagsfeier eines Kollegen hier in Istanbul einige sarkastische Bemerkungen einstecken müssen – aber ich bin der Meinung, dass die Hoffnung zuletzt stirbt, und manchmal geschehen ja noch Wunder.

Kommentar: Hoffnungsschimmer

Die Türkei bereitet sich auf einen Kriegseinsatz vor, nachdem das Parlament in Ankara Militäroperationen in Syrien und im Irak gebilligt hat. Anders als beim US-geführten Krieg gegen den Irak erlaubten die Volksvertreter diesmal auch ausländischen Truppen, türkische Militärbasen zu nutzen. Die Regierung hat zugleich klar gemacht, dass sie mit einer Intervention nicht nur die Terrormiliz Islamischer Staat treffen will, sondern auch das Assad-Regime, dessen Sturz sie seit drei Jahren fordert.

Damit würde, genau genommen, ein Nato-Staat seinen Nachbarn angreifen, der noch dazu mit Russland und dem Iran verbündet ist. Vor allem aber lässt die Resolution offen, welche Rückzugsstrategie es gibt. Bevor hier die Büchse der Pandora geöffnet wird, sollte der Westen dringend gemeinsam mit der Türkei eine tragfähige Strategie entwickeln.

Dazu gehört ein Konzept zum Umgang mit den Kurden. Zwar hat der türkische Regierungschef Ahmet Davutoğlu den Kurden im belagerten Kobane Hilfe gegen die Islamisten zugesichert. Doch es sollte schnell geklärt werden, wie die Hilfe aussehen soll. Was bedeutet die Intervention für die Autonomie der syrischen Kurden und die Friedensgespräche mit der Kurdenguerilla PKK in der Türkei? Falls Davutoğlu die Verteidigung Kobanes gemeinsam mit den syrischen Kurden organisieren will, wäre das ein epochaler Schritt für die Türkei und ein Hoffnungsschimmer für die gesamte Region.

Und hier nun meine drei Reportagen, die hier und hier und hier und hier und hier erschienen sind.
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„Wenn kein Wunder geschieht, sind wir verloren“

Zigtausende Kurden fliehen vor der Terrormiliz „Islamischer Staat“ in die Türkei. Die Kommunen im Grenzgebiet müssen mit den Flüchtlingsströmen weitgehend allein fertigwerden. Ankara steckt in einem außenpolitischen Dilemma.

Meha Mustafa ist eine kleine, zähe, mutige Frau, die sich lieber um ihre Weizenfelder und Schafe kümmern würde, als in der türkischen Grenzstadt Suruç zum Nichtstun verdammt zu sein „Ich will so schnell wie möglich zurück in mein Dorf Lokore“, sagt die fünffache Mutter, die vor wenigen Tagen vor den anrückenden Dschihadisten der Terrormiliz „Islamischer Staat“ aus der kurdischen Enklave Kobane (auf Arabisch: Ayn al-Arab) in Syrien geflüchtet ist. Die 40-Jährige mit den goldenen Ohrringen und Armreifen weist auf Hunderte Flüchtlinge, meist Frauen, Kinder, ältere Männer, die im weitläufigen Garten des städtischen Kulturzentrums von Suruç unter Schatten spendenden Bäumen auf dem Boden lagern. „Alle hier wollen das.“ Aber sie weiß auch, dass eine Rückkehr nach Syrien im Moment nicht möglich ist.

Es ist Dienstagnachmittag, der Tag, als US-Kampfjets erstmals die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien bombardieren. „Das ist gut“, sagt Fatma, die 20-jährige Tochter der Erstfrau von Meha Mustafas Mann. „Sie sollen sie schlagen und alle vernichten.“ Zu diesem Zeitpunkt können die Frauen noch nicht wissen, dass die Hilfsappelle von Kurdenverbänden, internationalen Organisationen und von Massud Barsani, dem Ministerpräsidenten der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak, schließlich doch noch gefruchtet haben. Am Mittwochmorgen berichten Nachrichtenagenturen, dass mehrere Bomber in der Nacht die Terrormiliz rund 30 Kilometer westlich von Kobane angegriffen hätten.

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Flüchtlinge auf dem Gelände des städtischen Kulturzentrums in Suruç. Die Stadt hat ihnen sogar einen Flachbildschirm spendiert, damit sie die neuesten Nachrichten aus Kobane verfolgen können. Meha Mustafa und ihre Familie wollten nicht fotografiert werden.

Mit Kalaschnikows gegen Panzer

Die Hilfe kommt in letzter Sekunde. Seit Mitte vergangener Woche attackieren IS-Verbände die kurdische Enklave mit modernen Panzern, Haubitzen und Granatwerfern, die sie großenteils bei ihrem Blitzkrieg im Irak im Juni erbeutet haben. Ihnen steht die Selbstverteidigungsmiliz YPG der syrischen Kurden gegenüber, eine Schwesterorganisation der radikalen kurdischen Arbeiterpartei PKK aus der Türkei, die nur leicht mit russischen Kalaschnikows und Doschka-Maschinengewehren bewaffnet ist, aber über keine panzerbrechenden Systeme verfügt. Mehr als 140 000 Menschen sind nach Angaben der Vereinten Nationen vor der Großoffensive seit Freitag in die benachbarte Türkei geflüchtet. Ihre Bugwelle staut sich vor allem in Suruç, zehn Kilometer von der Grenze entfernt.

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Blick über die Dächer von Suruç.
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Granatapfeldenkmal am Hauptplatz im Zentrum von Suruç. Granatäpfel, Pistazien, Baumwolle und Oliven sind die wichtigsten Agrarprodukte der Region.

Die kleine Grenzstadt mit ihren niedrigen, arabisch anmutenden Betonklotzhäusern und überdachten Basaren hat 60 000 Einwohner und jetzt etwa ebenso viele Flüchtlinge aufgenommen. Die syrischen Kurden, deren Frauen bunte Kopftücher und lange Röcke in starken Farben lieben, sitzen mit ihren vielen Kindern in den kleinen Parks, auf den Stufen öffentlicher Gebäude, lagern in Schulen, Turnhallen, Kondolenzhäusern, sogar in einem kürzlich aufgegebenen Supermarkt. Mit Matratzen und Hausrat beladene Kleinlaster kurven durch die Straßen, ab und zu kommt ein Krankenwagen mit Sirenengeheul von der Grenze herangerast. Die Luft sirrt nicht nur vom arabisch gefärbten Kurdisch der syrischen Kurden, sondern ebenso sehr von Gerüchten über den Vormarsch der Islamisten, die Aussichten für die Zukunft und die Absichten der Türkei und der Amerikaner.

Vor dem städtischen Kulturzentrum ist gerade ein Kleintransporter angekommen, der Reis und Gemüse in großen Kübeln anliefert. Im Nu formiert sich eine lange Schlange von Frauen, Kindern und alten Männern, die auf das Essen warten. Ein kurdischer Unternehmer hat die Mahlzeiten für die rund tausend Flüchtlinge zubereiten lassen, jeden Tag. Er ist nicht der Einzige, der den Zugeströmten großzügig hilft. Die innerkurdische Solidarität funktioniert, nicht zum ersten Mal. „Wir werden gut versorgt, es fehlt uns an nichts“, sagt Meha Mustafa, die sich mit ihren fünf kleinen Kindern und den zwei erwachsenen Töchtern der Erstfrau ihres Mannes in einer Ecke des Gartens notdürftig eingerichtet hat.

Dann erzählt sie vom Tag, als die Islamisten in Sichtweite ihres Dorfes kamen. „Sie haben diesmal viel bessere Waffen gehabt, und wir haben sie mit eigenen Augen kommen sehen. Als sie Granaten auf unser Dorf abfeuerten, sind wir nach Kobane geflohen“, sagt die Kurdin und bezeichnet die IS-Miliz mit ihrer arabischen Abkürzung Da’ish. „Das sind keine Muslime, das sind Mörder!“, sagt sie mit fester Stimme. „Wir nahmen nur mit, was wir am Körper trugen.“

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Flüchtlingskinder im Garten des Kulturzentrums.
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Essenausgabe.

„Männer geköpft und Mädchen entführt“

Meha Mustafa weiß, wie gefährlich die IS-Terrormiliz ist, denn sie ist mehrfach, tief verschleiert, mit dem Bus zu Verwandten nach Rakka gefahren, in die Hauptstadt des „Islamischen Staates“ rund 140 Kilometer entfernt von Kobane. Zuletzt vor zwei Wochen. „Die Menschen leben dort in ständiger Angst“, berichtet Meha Mustafa. „Frauen dürfen nur mit ihrem Mann, Vater oder Bruder auf die Straße. Männer, die etwas falsch machen, werden öffentlich enthauptet. Ich habe am Straßenrand Köpfe auf Stecken und zwei Gehenkte gesehen.“

Bei früheren Offensiven in Kobane wurden die Islamisten stets wieder zurückgeschlagen. Doch diesmal überrannten sie in nur drei Tagen 60 Dörfer im Umkreis der Hauptstadt und rückten bis kurz vor sie heran. Dabei verließen sie sich nicht nur auf ihre überlegene Feuerkraft, sondern auch auf die inzwischen bekannte Einschüchterungstaktik. „Sie haben mehrere Männer geköpft und Mädchen entführt“, sagt Meha Mustafa, die diese Geschichten aus zuverlässiger Quelle kennt, wie sie sagt. „Am vergangenen Freitag rief die PYD dann alle Einwohner dazu auf, in die Türkei zu gehen, weil es im Kanton zu gefährlich und die Ehre der Frauen bedroht war.“ Sie meint die Gefahr von sexuellen Attacken. Nur die Männer, hieß es, sollten bleiben und kämpfen.

Die PYD ist die syrische Schwesterpartei der PKK und übernahm nach dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs im Frühjahr 2012 die Macht in den drei syrischen Kurdenenklaven, die geografisch voneinander getrennt an der türkischen Grenze liegen. Ende 2013 rief die PYD für diese Gebiete unter dem Namen Rojava die Unabhängigkeit aus. Seit mehr als einem Jahr greifen die Islamisten Rojava an, um ihre Gebiete zu arrondieren und einen größeren Grenzstreifen zur Türkei zu besetzen, weil sie auf den Nachschub über die zunehmend besser abgeschottete Grenze angewiesen sind.

Der IS führte bereits im Juli eine große Offensive gegen Kobane, die am verbissenen Widerstand der kurdischen Verteidiger scheiterte. Auch Meha Mustafas Ehemann kämpft zurzeit mit den YPG-Kräften in Kobane. „Die YPG ist unser Retter und unsere Hoffnung“, sagt sie. Und die Türkei, wo sie Aufnahme fand? „Ich weiß nicht, was die Türkei will“, entgegnet Meha Mustafa. „Aber eines weiß ich: Die Türkei liebt uns Kurden nicht.“

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In der nahen Großstadt Şanlıurfa dokumentiert die Menschenrechtsorganisation IHD verschiedene Tränengasgranaten, die die türkische Polizei benutzte, um Demonstranten von der Grenze zu vertreiben.
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CS-Gas. Auf der Kartusche steht, dass man sie nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums nicht mehr verwenden solle, weil dies gefährlich sei. Das Datum ist längst abgelaufen.
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Auf dem Schrank haben die Menschenrechtler die verschiedenen Tränengaspatronen aufgereiht, die sie im Grenzgebiet bei Suruç aufgesammelt haben.

Demonstranten festgehalten und geschlagen

Seit die PYD die Macht übernahm, hat Ankara eine Blockade gegen die syrischen Kurdengebiete verhängt, nur Schmuggler kennen die geheimen Routen über die alten Minenfelder. Medikamente, Lebensmittel, Benzin – alles ist Mangelware. Trotz Einkesselung hielten die Kurden aus – bis letzten Freitag. Der PYD-Kader Ahmet Bekra, ein 31-jähriger Elektriker, bezeugt, dass sich die Partei an jenem Tag angesichts des drohenden Genozids zur Evakuierung des gesamten Gebiets entschloss. Sie schickte die Einwohner auf einen Weg, der am türkischen Nato-Draht endete. „Wir konnten dem Druck nicht mehr standhalten“, sagt Ahmet Bekra.

Studenten aus Deutschland und Österreich, die zur moralischen Unterstützung nach Suruç gereist sind, haben den Tag miterlebt, als sich 70 000 Kurden im Niemandsland stauten. „Die Türken wollten sie nicht herüberlassen. Erst als Kurden aus Suruç sie mit Steinen attackierten, haben sie nachgegeben und den Weg freigemacht“, sagt Thomas Marburger, 26, der in Hamburg Politikwissenschaft studiert.

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Die studentischen Unterstützer Kobanes aus Deutschland und Österreich.

Da der Flüchtlingsstrom deutlich nachgelassen hat, sind von den neun kurzfristig geöffneten Übergängen nur noch zwei für Einreisewillige frei. Doch diese würden hingehalten und schikaniert, sagt Marburger. „Und sie lassen definitiv keine Männer hinüber, die mit der YPG gegen IS kämpfen wollen.“ Am Montag seien er und andere Mitglieder der Gruppe festgenommen, geschlagen und erst nach sechs Stunden wieder frei gelassen worden, obwohl sie völlig friedlich demonstriert hätten. „Doch den festgenommenen Kurden erging es viel schlimmer. Da waren junge Männer, die Wunden im Gesicht und blutige T-Shirts hatten.“

Es ist zu diesem Zeitpunkt völlig unklar, wie viele Menschen noch in der Enklave ausharren – die Angaben differieren zwischen wenigen Tausend bis zu 400 000. Und niemand scheint auch zu wissen, wie viele YPG-Kämpfer sich den Dschihadisten entgegenstellen, 6 000 oder nur 1 000? „Es sind noch Hunderttausende in Kobane“, behauptet tapfer Nihayet Tasdemir, eine zierliche 32-jährige Frau in Jeans und grünem Baumwollhemd, dem legeren Outfit der säkularen Kurden. Im Hauptquartier der sozialistischen Kurdenpartei BDP zeigen die Fernsehbilder aus Kobane allerdings nur menschenleere Straßen.

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Die Zentrale der Kurdenpartei BDP in Suruç. Unten: Nihayet Tasdemir, bei der BDP zuständig für die Flüchtlinge aus Kobane.
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Nihayet Tasdemir sorgt als BDP-Funktionärin nun für Unterbringung, Nahrungsmittel und sonstige Hilfen. „Wir sind überfordert“, sagt sie. „Zwar sind die meisten Flüchtlinge bei Verwandten untergekommen, denn die Familienbeziehungen über die Grenze sind eng. Aber unsere Mittel sind begrenzt.“ Die gesamte Hilfe werde getragen und finanziert durch Spenden kurdischer Hilfswerke und Privatpersonen, sagt die junge Frau.

Tatsächlich müssen die Kommunen im türkisch-syrischen Grenzgebiet allein sehen, wie sie mit dem Flüchtlingsstrom fertig werden. Wo ist der Staat? „Das staatliche Hilfswerk AFAD ist durchaus hier“, sagt Tasdemir. „Aber die Menschen trauen der Türkei und ihren Institutionen nicht. Sie fürchten, dass man sie in andere Landesteile verlegt. Sie wollen aber hier in der Region bleiben und so schnell wie möglich zurück in ihre Heimat.“

Kraftprobe mit dem türkischen Staat

Viele Kurden in den 22 provisorischen Lagern von Suruç sehen das genauso. Die Türkei sei mit schuld an dem Drama, weil sie die IS unterstützt habe, sagen sie. Sie habe die Blockade verhängt, um Kobane auszuhungern und den Islamisten Waffen geliefert, damit die Enklave ihnen in die Hände falle und Ankara ein Kurdenproblem weniger habe. „Sie wollen uns schwächen, wo sie nur können. Warum sonst dürfen unsere Männer nicht nach Kobane, um gegen IS zu kämpfen?“, fragt ein alter Herr auf der Straße.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk sieht sich dadurch in einer schwierigen Lage. „Wir dürfen in der Türkei nichts ohne den Staat unternehmen, und damit werden wir mit dem Staat identifiziert“, erklärt Selin Ünal, die Sprecherin der türkischen Sektion des UNHCR. Das UNHCR habe bisher 20 Lastwagen mit Hilfsgütern nach Suruç geschafft und erwarte eine weitere Großlieferung aus Kopenhagen. Aber, sagt sie: „Die internationale Gemeinschaft hat der Türkei bisher erst 21 Prozent der für dieses Jahr zugesagten Flüchtlingshilfe übergeben. Dabei hat das Land bereits 1,5 Millionen Syrer aufgenommen, und jetzt noch einmal 140 000 Menschen!“

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Selin Ünal vor der mobilen UNHCR-Einsatzzentrale in Suruç.
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Essensausgabe im Stadtzentrum von Suruç. Hier sind vor allem islamische und islamistische Hilfsorganisationen tätig…
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… zum Beispiel aus Katar …
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… oder die berüchtigte islamistische Organisation IHH aus der Türkei (sie scheint über unendliche Mittel zu verfügen).
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Flüchtlinge aus Kobane im Stadtzentrum von Suruç.

Für die Kurden dies- und jenseits der Grenze geht es nicht um Zahlen, sondern um Leben oder Tod. Die Lage in Kobane ist so ernst, die Haltung der Türkei so ambivalent, dass die Kurdenvertreter jetzt sogar den fragilen Friedensprozess mit der Regierung in Ankara in Frage stellen. Der einflussreiche PKK-Funktionär Murat Karayilan sagte am Dienstag: „Der Friedensprozess mit der türkischen Regierung ist tot.“ Und da die BDP die Rathäuser entlang der Grenze beherrscht, wagt sie jetzt auch eine direkte Kraftprobe mit dem türkischen Staat – sie übernimmt nicht nur die Versorgung der Flüchtlinge, sie versucht auch jeden Tag aufs Neue, die erschöpfte YPG-Miliz in Kobane durch frische Kämpfer zu verstärken.

Ein Aufmarschgebiet

Auch deshalb gleicht Suruç in diesen Tagen einem militärischen Aufmarschgebiet. Die Straßen im Stadtzentrum sind von Polizei und Militär besetzt, Panzerwagen patrouillieren, Wasserwerfer stehen bereit – als ginge es nicht um einen humanitären Großeinsatz, sondern um Krieg. „Es ist Krieg. Diesen Krieg hat der syrische Präsident Baschar al-Assad begonnen, er hat die IS groß gemacht, und jetzt macht die Türkei das Spiel mit, um die Kurden zu treffen“, sagt Yashar Ali, 29, Ingenieur und Politiker einer kleinen Oppositionspartei, der sich erst am Montag aus Kobane nach Suruç rettete. „Ich bin geblieben, bis es gar nicht mehr anders ging.“

Kobane sei eine Geisterstadt, sagt Ali. Er kann sich nicht erklären, woher Meldungen stammen, dass Hunderttausende ausharrten. „Niemand ist mehr da, alle sind weg. Die YPG kann vielleicht noch drei Tage standhalten.“ Die Islamisten stünden sieben Kilometer vor der Stadt: „Wenn kein Wunder geschieht, sind wir verloren.“ Vielleicht sind die Luftschläge der Amerikaner ein solches Wunder. Am Mittwochnachmittag meldeten kurdische Agenturen, dass die YPG den Vormarsch der Terrormiliz vorerst gestoppt habe.

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Wasserwerfer mit aufgemalter türkischer Fahne in Suruç.

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„Das sind Monster“

Seit vergangener Woche attackieren IS-Verbände die kurdische Enklave mit Panzern, Haubitzen und Granatwerfern.

Die Mittagssonne taucht abgeerntete Weizenfelder auf sanften Hügeln in ein fahles Gelb, mit grünen Tupfern, wo Olivenhaine stehen. In einer großen Senke sind ein altes französisches Fort zu erkennen, die Würfelhäuser eines kleinen Dorfes, eine Bahnlinie. Auf dem Grenzstreifen stehen verlassene Wachtürme, die an die frühere DDR-Grenze erinnern. Plötzlich ist das Ploppen eines schweren Maschinengewehrs zu hören. Auf dem Hügel gegenüber, nicht weiter als einen Kilometer entfernt, entstehen Sandfahnen, wo die Kugeln einschlagen. Ein Maschinengewehr feuert.

„Rechts steht die Da’isch, links die YPG, und am Bahndamm ist die Grenze zu Syrien“, sagt Wahid Kitkani. Da’isch ist die arabisch-kurdische Bezeichnung für die Miliz Islamischer Staat (IS), YPG steht für Volksverteidigungseinheiten, die Miliz der syrischen Kurden.

Guter Überblick vom Hügel

Wahid Kitkani stammt aus dem kleinen Dorf, dass unten im Tal liegt. Die Hügel auf der türkischen Seite der Grenze bieten einen guten Blick auf den Krieg um die syrische Kurdenenklave Kobane. Deshalb hocken hier zwei Dutzend Menschen unter den Olivenbäumen, blicken durch ihre Ferngläser und horchen gespannt auf jeden Schuss. Es sind Männer mit sonnengegerbter Haut, Frauen in bunten Kleidern und sogar Kinder. Es sind Kurden von beiden Seiten der Grenze.

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Der syrische Kurde Wahid Kitkani weist auf sein Dorf Sorawa in der Senke, das die Da’isch (IS) eingenommen hat.
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Unter den jungen Olivenbüschen kauern Kurden von beiden Seiten der Grenze und beobachten den Krieg. Die Bahntrasse im Vordergrund (die alte Bagdad-Bahn) markiert die Grenze zwischen der Türkei und Syrien. Das Dorf Sorawa im Mittelgrund wurde von der IS-Terrormiliz erobert (Teleobjektiv-Aufnahme) Am nächsten Tag trafen zwei Granaten diesen Olivenhügel.
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Weil sie glauben, dass die Türkei den Islamisten über die Bahnlinie, die direkt auf dem Grenzstreifen verläuft, Waffen liefern, haben sie einen Lastwagen auf die Gleise gestellt, als das noch möglich war (Bildmitte).

„Vor zehn Tagen kamen die Kämpfer der Da’isch (IS), eroberten das alte Fort und griffen unser Dorf Sorawa an, das man da unten sieht“, erläutert Wahid Kitkani die Lage. „Sie wollen den strategischen Hügel einnehmen, aber die Front hält.“ Die Front ist hier rund zehn Kilometer entfernt von der Hauptstadt der kurdischen Enklave Kobane (arabisch: Ain al-Arab).

Zur Eroberung dieser Stadt hat die IS-Miliz vor anderthalb Wochen eine Großoffensive begonnen. Bislang nahmen die Islamisten rund 60 Dörfer ein und stehen jetzt kurz vor Kobane. Wegen der Gefahr eines Massenmords nach einer möglichen Besetzung brachten die Kurden seit Freitag vergangener Woche mehr als 140.000 Einwohner in Sicherheit. Sie flohen in die Türkei , wo bereits viele Menschen in Zeltlagern, Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden Zuflucht fanden.

Die meisten Flüchtlinge aus Kobane kamen allerdings bei Verwandten unter. Und davon gibt es viele, denn diese Grenze war von den Kolonialmächten nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches willkürlich gezogen worden und konnte den jahrhundertealten Zusammenhalt der Familien und Clans nicht schwächen.

„Die Türken mögen uns nicht“

Der 44-Jährige Wahid Kitkani ist syrischer Kurde, Olivenbauer und im Nebenberuf Schmuggler. Wie alle anderen Bewohner Sorawas ist auch er in der vergangenen Woche vor den Extremisten in das Nachbardorf Siwede in der Türkei geflohen. Dort sitzt er nun auf dem Hügel mit dem Überblick. Hat er keine Angst, dass die Dschihadisten statt auf die YPG-Kämpfer auf die Schaulustigen im Olivenhügel schießen? „Ach wo“, winkt der stoppelbärtige Mann ab. „Das wagen sie nicht. Dann bekämen sie es ja sofort mit der Türkei zu tun.“

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Die Wachtürme der türkischen Armee sind an diesem Grenzabschnitt nicht mehr besetzt, seit die Da’isch (IS) die syrische Seite eingenommen hat.
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Das alte französische Fort, in dem sich die Islamisten verschanzt haben (Aufnahme mit starkem Teleobjektiv).

Doch obwohl das Dorf mit seinen rund tausend Einwohnern sowie tausend zugewanderten Flüchtlingen in Reichweite der IS-Granatwerfer liegt, strahlen die türkischen Mitglieder seiner Familie eine ruhige Gelassenheit aus. Vielleicht liegt es daran, dass ihr Verhältnis zur Türkei und der Armee recht pragmatisch ist. „Die Türken mögen uns nicht, aber es gibt gute Leute beim hiesigen Wachposten, und sie schützen uns“, sagt der Familienvorstand Cemal Aslan. „Sie haben uns sogar gewarnt, als die Da’isch näher rückte und unsere Verwandten bedrohten.“

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Der „Pressehügel“, von dem aus Medienvertreter den Krieg in Kobane beobachten.
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Die kurdische Familie von beiden Seiten der Grenze in ihrem Haus im türkisch-kurdischen Dorf Siwede (oben) und vor dem Haus (unten).
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Unweit des Dorfes sitzen syrisch-kurdische Bauern im Schatten eines Zeltes, das die Kurden für rund hundert Flüchtlinge aufgestellt haben. Verpflegung, Matratzen und Decken spendeten Familien aus der Umgebung und die kurdische Verwaltung der nahen Grenzstadt Suruç. Viel haben die Flüchtlinge nicht mitgebracht. Ihr wertvollster Besitz sind ihre Kühe und Schafe, die sie durch die Minenfelder an der Grenze geschafft haben.

„Wir haben den Grenzzaun durchschnitten und unsere Tiere gerettet“, sagt Adnan Hussein, ein junger Mann mit gestutztem Vollbart und moderner Löcherjeans. „Doch jetzt sind wir denen da ausgeliefert“, erklärt der 21-Jährige und weist auf eine Gruppe von Männern direkt neben dem Zelt, die erregt aufeinander einreden. „Sie feilschen um den Preis für unsere Tiere. Wir haben kein Futter mehr, wir müssen verkaufen – für die Hälfte des regulären Preises.“

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Syrische-kurdische Flüchtlinge vor dem Zelt, das ihre Verwandten in der Türkei für sie aufgebaut haben.
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Adnan Hussein vor dem Flüchtlingszelt. Alle fürchten sich vor dem Winter, der hier auch kalt sein kann.
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Die syrischen Kurden feilschen mit türkischen Händlern um den Preis für ihre Tiere.

„Die töten für Geld“

Adnan Hussein sagt, die Da’isch seien für ihn keine Muslime. „Die töten für Geld“, meint er. Sogar Kinder nähmen sie mit aufs Schlachtfeld, das habe er selbst durchs Fernglas gesehen. Anders als viele Gleichaltrige hat sich Hussein dagegen entschieden, mit der YPG gegen den IS zu kämpfen. „Es ist aussichtslos. Die Kurden haben nur Kalaschnikows. Was sollen wir damit gegen Panzer ausrichten?“ Wie seine Verwandten und Freunde hält der junge Kurde aber die Luftangriffe der Amerikaner für richtig. „Die sollen sie alle vernichten!“, ruft er. Nur kämen die Attacken zu spät und seien nicht konsequent genug, fügt er hinzu.

Die Luftangriffe hatten den IS-Vormarsch kurzzeitig gestoppt. Doch am Freitag rückte die Terrormiliz wieder vor. „Die Lage ist sehr schwierig, an vielen Orten wird gekämpft“, sagt am Telefon aus Kobane Asya Abdullah, die Ko-Vorsitzende der in den syrischen Kurdengebieten regierenden sozialistischen Demokratischen Unionspartei (PYD). „Noch steht die Front, aber sie ist gefährdet.“ Sie wünscht sich deshalb eine Zusammenarbeit mit den Amerikanern. „Wir wissen, wo die IS-Leute stehen, wir sind offen für einen Dialog“, sagt sie. Inzwischen würden Menschen in die Stadt zurückkehren, sogar einige Geschäfte in der Stadt hätten wieder geöffnet.

Am Donnerstagmittag konnte man am türkischen Grenzübergang in Mürsitpinar, nur 200 Meter von den ersten Häusern der Stadt entfernt, beobachten, wie etwa hundert syrische Kurden türkische Soldaten und Polizisten aufforderten, ihnen die Rückkehr nach Kobane zu erlauben. Das wurde ihnen nach einigem Hin und Her gestattet.

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In die Türkei geflüchtete Kurden aus Kobane kehren in ihre belagerte Heimatstadt zurück.
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„Ich will lieber in meiner Heimat sterben, als hier im Schlamm zu leben“, sagte Nadine Muhammed, eine etwa 40-jährige Frau, die mit ihren Kindern und einem Haufen Matratzen, Decken und Lebensmitteln vor der Sperre auf den Einlass wartete.

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Nadine Muhammed (links).

Verschwörungstheorien

Allerdings haben Polizei und Militär strikte Order, dass nur Personen mit syrischem Ausweis die Grenze passieren können. Das gesamte Grenzgebiet wird massiv von Militär gesichert, das inzwischen jeden kleinen Feldweg mit Fahrzeugen und Soldaten abriegelt. „Kein Türke darf in Gefahr geraten“, erläutert in der Grenzstadt Suruç der lokale Vizechef der in der Türkei regierenden islamisch-konservativen AKP, Fethi Akaslan. Seine Partei ist in der rein kurdischen Stadt inzwischen fast so stark wie die linke prokurdische BDP, die im Rathaus regiert und sich als Schwesterpartei der syrischen PYD betrachtet.

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Im AKP-Büro von Suruç hängt nicht der aktuelle AKP-Chef und Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu an der Wand, sondern sein Vorgänger. Rechts im Bild Fethi Akaslan.

„IS ist eine Terrororganisation, das sind Monster, bezahlte Mörder“, sagt Fethi Akaslan. Es sei schwierig für die Türkei, militärisch einzugreifen, wegen des Risikos von Geiselnahmen. Dann ergeht er sich in Verschwörungstheorien. Der Krieg sei ein Kampf ums Öl. Die CIA und andere Geheimdienste stünden dahinter, nicht zuletzt die Juden. Aber die Bombenangriffe der Amerikaner? „Darüber freuen wir uns natürlich.“ Dann sagt er, fast ein wenig verschämt: „Im Herzen finde ich es natürlich gut, dass die YPG für die Kurden kämpft. Auch wenn ich das nicht öffentlich äußere.“

Klammheimliche Sympathie wird wohl nicht reichen, um Kobane zu retten. Am Freitag wird gemeldet, dass der strategisch wichtige Sorawa-Hügel von den Islamisten eingenommen worden sei. Wenig später warnt die PYD, die Terrormiliz stünde unmittelbar vor der Stadt.

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Der Autor vor dem Flüchtlingszelt nahe Siwede.

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IS-Angriff treibt Tausende über die Grenze

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) rückt auf die syrisch-kurdische Stadt Kobane vor und löst eine neue Flüchtlingswelle aus. Die türkische Regierung steckt in einem Dilemma: Bekämpft sie die Dschihadisten, könnte das als Schulterschluss mit der kurdischen PKK verstanden werden.

Ein gleißender Neonstrahl fällt aus dem Eingang des Notzeltes, das der Rote Halbmond vor dem Hospital der Kleinstadt Suruç nahe der Grenze zu Syrien aufgebaut hat. Davor wartet eine Ambulanz mit flackerndem Blaulicht. „Sie können mit einem Verletzten reden, aber nur ganz kurz“, sagt ein Sanitäter, der auf die vier Zivilisten in den Feldbetten achtgibt – Opfer des ersten massiven Angriffs der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) auf die syrisch-kurdische Stadt Kobane, die von Suruç gerade zehn Kilometer entfernt liegt.

Ein etwa 35 Jahre alter Mann, in dessen rechten Arm eine Kanüle führt, erzählt mit weit aufgerissenen Augen vom Einschlag dreier Mörsergranaten, gegen vier Uhr am Nachmittag dieses Samstags. „Wir waren in unserem Haus im Stadtzentrum, als sie explodierten. Es war furchtbar. Überall waren Verletzte“, sagt der Patient – und bittet darum, seinen Namen nicht zu nennen. Zwar hätten die Islamisten seit Beginn ihrer Offensive vor zwei Wochen viele Dörfer in der Umgebung von Kobane überrannt und geplündert, doch die Stadt sei verschont geblieben. Bis jetzt.

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Die verletzten Zivilisten im Zelt des Roten Halbmonds.

Der junge kurdische Chirurg Resat Dogan, seit vier Jahren Oberarzt in Suruç, erzählt den Leidensweg der Verwundeten nach: Zuerst seien sie in einer der drei Polikliniken von Kobane notversorgt worden, dann habe man sie an die Grenze gebracht, wo türkische Ambulanzen sie übernahmen und nach Suruç brachten. Von acht Verletzten, zwei mit schweren Wunden, berichtet er. Seit dem Beginn der Flüchtlingskrise habe das Hospital rund hundert verletzte Kämpfer der kurdischen Selbstverteidigungseinheiten (YPG) behandelt oder weitergeleitet. „Fünf von ihnen waren leider nicht zu retten.“ Zum Glück funktioniere jetzt die Zusammenarbeit, und die Menschen könnten über die Grenze in die Türkei transportiert werden. Zum Glück funktioniere die Zusammenarbeit mit der Türkei seit dem Beginn des Flüchtlingsstroms am vorvergangenen Freitag. „Davor war die Grenze ja dicht, wegen des Embargos.“

„Die Welt lässt die Kurden im Stich“

Ankara hatte 2012 eine Totalblockade gegen die drei geografisch voneinander getrennten kurdischen Enklaven in Syrien verhängt, da in dem Rojava genannten Gebiet mit der Demokratischen Unionspartei (PYD) ein Ableger der Kurdenguerilla PKK aus der Türkei die Macht übernahm, die seit 30 Jahren gegen den türkischen Staat kämpft, seit anderthalb Jahren aber über einen Friedensschluss verhandelt. „Hier tobt ein Kampf wie im Zweiten Weltkrieg, wie damals geht es gegen Menschenfeinde. Doch die Welt lässt die Kurden im Stich“, sagt Doktor Dogan. Rund hundert verletzte Kämpfer der kurdischen Selbstverteidigungseinheiten (YPG) hat er bisher behandelt oder weitergeleitet. „Fünf von ihnen waren nicht zu retten.“

Immer wieder kommen Krankenwagen zur Notaufnahme der kleinen Klinik und bringen erkrankte Flüchtlinge. „Sie leiden an Magenkrankheiten, Durchfall, Schwäche“, sagt ein anderer Arzt, der sich von außerhalb freiwillig nach Suruç gemeldet hat. „Das Krankenhaus war in keiner Weise auf den Ansturm vorbereitet. Es gab nicht die geringste Vorsorge der Regierung für eine mögliche Flüchtlingskrise.“ Nur mit Hilfe der innerkurdischen Solidarität sei die Arbeit überhaupt zu bewältigen. Etwa hundert kurdische Ärzte, Schwestern und Pfleger hätten Urlaub genommen, um in Suruç mitzuhelfen. „Ich arbeite seit zwölf Tagen durch, habe kaum geschlafen.“

Die genaue Zahl der Flüchtlinge kennt wohl keiner, zwei Tage lang zählte niemand die Ankömmlinge. Jetzige Angaben sind zweifelhaft: Ankara spricht von 160 000, was viele Kurden für eine Übertreibung halten, um einen Vorwand für den Einmarsch der Türkei in Kobane zu konstruieren. Offizielle der PKK-nahen Kurdenpartei BDP kontern mit „15 000 bis 20 000 Flüchtlingen“; sie wollen wohl die Gefahr eines Massakers in Kobane dramatisieren. Unbestritten ist, dass in der Enklave vor der IS-Offensive mindestens 200 000 Menschen lebten. 60 Dörfer der Umgebung wurden vom IS überrannt. Wo sind die Menschen?

Viele haben in den Dörfern auf der türkischen Seite Zuflucht gefunden, in zahlreichen Orten hat sich die Einwohnerzahl verdoppelt. Doch auch dort sind die Flüchtlinge nicht unbedingt sicher. Wie Nachrichtenagenturen meldeten, feuerten die Islamisten am Wochenende an verschiedenen Stellen mit Mörsern über die Grenzlinie. Die jüngsten Bombardements durch alliierte Luftwaffen haben den IS vor Kobane nicht aufhalten können, an der westlichen Front musste die Terrormiliz vor gut ausgerüsteten YPG-Kämpfern weichen.

Neue Flüchtlingswelle

Der Beschuss von Kobane hat am Sonnabend sofort eine neue Flüchtlingswelle ausgelöst. Im Zentrum von Suruç treffen am Abend immer mehr syrische Kurden ein. „Wir haben das Baby und die zwei Kleinkinder genommen, flohen zur Grenze, durchschnitten den Zaun und kamen hierher“, sagt Siraç Mohammed, ein 36-jähriger Brunnenbauer aus Kobane. Verwandte sind aus einem Nachbarort gekommen, um seine Familie abzuholen. Siraç Mohammed hilft seiner Frau auf den Pritschenwagen, reicht ihr das Baby und steigt dann selbst auf.

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Siraç Mohammed (in schwarzer Lederjacke) mit seinen Kindern und dem Auto der Verwandtschaft, das die Familie in Suruç abholt.
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Die genaue Zahl der Flüchtlinge aus Kobane kennt bislang niemand, Alle Angaben, die im Umlauf sind, sind interessengesteuert, denn zwischen der türkischen Regierung und der türkischen Kurdenpartei BDP tobt auch eine Propagandaschlacht. Die Regierung in Ankara spricht von inzwischen 160 000 Flüchtlingen, was viele Kurden für eine Übertreibung halten. Sie vermuten, die Türkei wolle einen Vorwand konstruieren, um in Kobane einzumarschieren und so auf Kosten der kurdischen Enklaven in Nordsyrien eine türkisch kontrollierte Pufferzone zu errichten.

Vertreter der BDP, die der PKK-Guerilla nahesteht und deren syrische Schwesterpartei PYD seit dem Beginn des Bürgerkriegs in Kobane regiert, sprechen dagegen von 15 000 bis 20 000 Flüchtlingen. Sie wollen damit wohl die Gefahr eines Genozids für die von den Islamisten belagerte Stadt verdeutlichen. Unbestritten ist, dass in und um Kobane vor der IS-Offensive mindestens 200 000 Menschen lebten. 60 Dörfer der Umgebung wurden vom IS überrannt. Fernsehbilder zeigen Straßenzüge mit verrammelten Geschäften. Wo also sind die Menschen?

Viele haben in den Dörfern auf der türkischen Seite Zuflucht gefunden, in zahlreichen Orten hat sich die Einwohnerzahl verdoppelt. Doch auch dort sind die Flüchtlinge nicht unbedingt sicher. Wie Nachrichtenagenturen meldeten, feuerten die Islamisten am Wochenende an verschiedenen Stellen mit Mörsern über die Grenzlinie.

Die türkische Regierung vermied es bisher, den Beschuss ihres Territoriums durch IS zu kommentieren. Ihr Dilemma ist offensichtlich: Die Dschihadisten in Kobane zu bekämpfen, würde den Schulterschluss mit der als terroristisch eingestuften PKK bedeuten – undenkbar für viele Türken. Doch am Sonnabend hat der neue Vizepremier Yalcin Akdoğan, ein enger Vertrauter von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan, im Fernsehen erklärt: „Die syrischen Kurden sind die historischen Freunde der Türkei. Schwamm über die Vergangenheit.“ Vielleicht bahnt sich hier eine Wende an.

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Flüchtlinge im Stadtzentrum von Suruç. Bis zum Montag, den 6. Oktober, sollen 180.000 Einwohner Kobanes in die Türkei geflohen sein.

2 Gedanken zu „Kampf um Kobane

  1. Quem consegue dormir descansado ao ver o mundo entrar numa guerra horrivel?
    Eu nao! Mundo socorre aos unicos que estao a lutar pela paz e humanidade!
    Mundo nao feche os olhos, nao feche os ouvidos mas abre a boca e o coracao.
    Apoia os curdos nesta grande luta pela liberdade…

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