Der weinende Ministerpräsident

Gestern gab es eine erstaunliche Szene im regierungsnahen Fernsehsender Ülke TV, als der Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan während eines Live-Interviews mehrere Minuten lang in Tränen ausbrach, nachdem er zugehört hatte, wie der Brief des führenden ägyptischen Muslimbruders Mohammad al-Batagy vorgelesen wurde, den dieser an seine Tochter geschrieben hatte, nachdem sie bei den Unruhen in Ägypten am 14. August vom Militär getötet worden war.

Erdoğan, der vor Rührung mehrere Minuten lang nicht sprechen konnte, identifizierte sich offenbar so stark mit dem Briefschreiber, dass er mit Tränen in den Augen sagte, das Video erinnere ihn an die schwierigen Tage in den späten 1990er Jahren, als das türkische Staatssicherheitsgericht nach dem sogenannten „postmodernen Coup“ des Militärs gegen die islamistische Regierung Erbakan einen lebenslangen Politikbann gegen ihn aussprach und er wegen „islamistischer Umtriebe“ ins Gefängnis kam.

„Ich habe keine Zeit für meine Kinder. Ich komme nachts gegen eins oder zwei nach Hause und vermisse sie. Ich habe meine eigenen Kinder in al-Batagys Brief wiedererkannt“, sagte Erdoğan. Seine Tochter habe sich beschwert, dass er so oft abwesend sei. Er hoffe, dass al-Batagys Verhalten als Beispiel für die islamische Welt wirke. „Ich spreche jetzt nicht als Ministerpräsident, sondern als Bürger. Möge Gott jenen, die unsere Einheit brechen wollen, dies niemals erlauben.“

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Gedenken an die Toten der Gezi-Proteste im Gezi-Park Ende Juli. Die Gedenksteine sind inzwischen abgeräumt worden.

Erdoğans Auftritt war am heutigen Freitag nicht nur das Topthema fast aller Zeitungen, sondern hat auch in den sozialen Netzwerken und Internetforen in der Türkei ein starkes Echo gefunden. Immer wieder kritisieren Facebook-User, dass der Premier keine Träne für die ermordeten Gezi-Kids vergossen habe, wohl aber um die getötete Tochter des ägyptischen Muslimbruders. Dass er von „unserer Einheit“ spreche und damit offenbar die Religiösen meine. Viele wundern sich über die „Krokodilstränen“ Erdoğans. Einer schreibt an die Hürriyet Daily News: „Warum weinte er nicht um die türkische Jugend, die von seinen brutalen Truppen getötet wurden? Das ist abscheulich.“ Andere wiederum meinen, dass man die gezielten Schüsse auf die ägyptischen Muslimbrüder nicht mit den unabsichtlichen Todesfällen wegen der Gezi-Proteste vergleichen könne.

Wie auch immer, das Interessante an Erdoğans Verhalten ist, wie nahe ihm die ägyptischen Vorgänge gehen und wie stark er sie auf sich selbst bezieht, obwohl er in der Türkei wirklich keinen Militärputsch zu befürchten hat, denn er hat das Militär als Machtfaktor weitgehend ausgeschaltet. Psychologen würden wohl von einem Trauma sprechen. Erdoğan reagiert in der ägytischen Krise dermaßen emotional, dass er sogar die türkischen Wirtschaftsinteressen vernachlässigt, was politisch ein Fehler ist. Die türkischen Textilindustrieunternehmer müssen um ihre (erheblichen) Investitionen in Ägypten fürchten, und auch der Handel mit den Golfstaaten dürfte schweren Schaden nehmen. Das ist angesichts einer drohenden Wirtschaftskrise in der Türkei nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Ich habe die Haltung Erdoğans und der türkischen Regierung neulich im Blog, aber auch in unseren Printausgaben kommentiert und stelle einen Print-Kommentar und eine Print-Analyse hier nochmal ein:

Ideologischer Verwandter der Muslimbrüder

Die Beziehungen zwischen der Türkei und Ägypten haben sich rapide verschlechtert und stehen jetzt kurz vor dem Bruch. Nach dem Putsch warf der türkische Ministerpräsident Erdoğan dem ägyptischen Militär „Staatsterrorismus“ vor, hat jetzt ein gemeinsames Manöver der Marine abgesagt und seinen Botschafter aus Kairo zurückbeordert. Die ägyptische Regierung zog ihrerseits den Botschafter ab und beschuldigte die Türkei, aus ideologischen Gründen eine „feindliche Haltung“ einzunehmen.

Das Blutvergießen in Ägypten wird zu Recht kritisiert, aber Erdoğan überzieht und outet sich wie nie zuvor als ideologischer Verwandter der Muslimbrüder. Ankara hat Mursi gestützt und viel in Ägypten investiert. Es ist erstaunlich, dass Erdogan jetzt die türkischen Wirtschaftsinteressen am Nil unbesehen zu opfern bereit ist. Dieser Verzicht auf Realpolitik isoliert die Türkei außenpolitisch.

Aber es besteht auch die Gefahr, dass die ägyptische Tragödie innenpolitisch wirkt, wenn sich Erdoğan mit dem Schicksal der Mursi-Regierung überidentifiziert. Obwohl Erdoğan vom Militär nicht mehr viel zu befürchten hat, setzen er und seine Vertrauten immer öfter die heimischen Gezi-Demonstranten und „Gezi-Medien“ mit den ägyptischen Putschisten gleich, beschuldigen sie, ebenfalls einen Staatsstreich zu planen und verstärken die Repressionen. Das muss all jene beunruhigen, die in der Türkei einen Anker der Demokratie im Nahen Osten sehen.

Hier eine Analyse zur geostrategischen Position der Türkei (gekürzt in der Berliner Zeitung von morgen):

Ideologie vor Wirtschaft

Die Türkei liegt an einer geopolitischen Schnittstelle zwischen Europa und Asien, Orient und Okzident. Im Kalten Krieg war sie Frontstaat gegen die Sowjetunion. Ein enger Verbündeter des Westens ist das Nato-Land mit der zweitgrößten Armee des Bündnisses und der anhaltenden Perspektive eines EU-Beitritts zwar geblieben. Doch mit dem Regierungsantritt der islamisch-konservativen AKP und des Ministerpräsidenten Erdoğan vor zehn Jahren erfolgte eine Neubewertung der strategischen Interessen und ein Paradigmenwechsel in der Außenpolitik.

„Null Probleme mit den Nachbarn“, hieß das Motto, unter dem der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu die Türkei zur sanften Regionalmacht machen wollte, die erstmals im Frieden mit allen Anrainern leben und mit ihrer „soft power“ einen Einfluss- und Wirtschaftsraum vom Mittelmeer und Kaukasus bis nach Mittelasien, Bagdad und Kairo schaffen sollte. Neo-osmanische Träume ließen Ankara Allianzen mit arabischen Diktatoren wie Assad in Syrien und Ghadafi in Libyen schließen.

Aber der arabischen Frühling von 2011 veränderte auch die strategische Position der Türkei, und wirtschaftliche Interessen sind in den Hintergrund getreten. Die religiös-ideologische Agenda der Regierungspartei AKP, die sich offenbar vor allem als Alliiierter der Muslimbrüder und ähnlicher Bewegungen versteht, rückte in den Vordergrund. Erdogan unterstützt die Rebellen in Syrien, die Hamas im Gaza-Streifen und hält zu den Muslimbrüdern in Ägypten und nimmt so eine politische Eiszeit mit Ägypten, Saudi-Arabien und den Golfstaaten in Kauf.

Heute destabilisiert der Bürgerkrieg in Syrien bereits die Ostgrenze der Türkei, ein Gebiet in den sowohl Araber als auch Kurden leben. Umso wichtiger erscheint es, eine konsistente Kurdenpolitik zu entwickeln. Zwar sind die Beziehungen zum kurdischen Quasi-Staat im Nordirak gut, doch unterstützt Ankara in Syrien die Islamisten gegen die Kurden, und riskiert damit den laufenden Friedensprozesses mit der türkischen Kurdenguerilla PKK. Statt die Kurden als Verbündete zu gewinnen, schürt Ankara die Spannungen.

Die eigentliche Achillesferse der Türkei ist jedoch ihre Abhängigkeit von Energieimporten. Das Scheitern der Null-Probleme-Politik führt bereits zu Konflikten mit Russland, Iran und Irak, seinen wichtigsten Lieferanten. Zugleich behindern die problematischen Beziehungen zu Israel, Griechenland und den griechischen Zyprioten bisher eine gemeinsame Ausbeutung der neu entdeckten Gas- und Ölreserven im östlichen Mittelmeer. Bei vielen Türken wächst daher wieder die Einsicht, dass die USA und die EU sicherheitspolitisch die einzigen echten Freunde mit Perspektiven für die Zukunft sind.

4 Gedanken zu „Der weinende Ministerpräsident

  1. Wenigstens ist Erdogan ein Politiker der wirklich was bewegen möchte für seine Nation und die Menschheit !
    Ich kenne nur Politiker die gaaaanz andere Interessen vertreten als die des Volkes !

    • Memo, da sieht man, das du keine Ahnung hast.
      Bevor du solche Kommentare schreibst, analysiere erst einmal, die letzten 11 Jahren. Es ist mehr schein als sein. Wenn du Fakten haben willst, sag Bescheid. Davon gibts zu genüge..

  2. Gratulation, sehr gute Analyse!

    Ich bin also nicht der Einzige der hinter all den Tränen – die zwar echt und lobenswert sind – die Politmüdigkeit und dummen Idealismus erkennen. Ich mache mir um mein Land Sorgen.

  3. Die Liebe zu Diktatoren (Mubarak, Assad, etc.) scheinen einigen Deutsche „mit der Muttermilch“ aufgesogen zu haben.

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