Deutsch-türkische Grippe

Diese Grippe hatte es in sich. Ein Freund hatte sie mir aus Berlin nach Istanbul mitgebracht und mich fast drei Wochen lang ausgeknockt. Ein bisschen fühlte sich die Grippe an wie aktuell die deutsch-türkischen Beziehungen: fiebrig, krank, giftig. Es ist die härteste Krise in unserem gegenseitigen Verhältnis, die ich in meinen fünfeinhalb Jahren in Istanbul erlebt habe – und anders als meine Grippe eine vollkommen vermeidbare Krise, ein Irrsinn, der dem Profilierungswahn und der Wahlkampftaktik vor allem türkischer Politiker geschuldet ist.

Deutsche und Türken verbindet eine weit über hundertjährige enge Beziehung mit vielen guten und leider auch scheußlichen Seiten (wie die Zusammenarbeit beim Völkermord an den Armeniern 1915). Kaiser Wilhelm war ein gern gesehener Gast beim Sultan in Istanbul, zahlreiche von den Nazis Verfolgte fanden nach 1933 Zuflucht am Bosporus, es gibt eine lange Tradition deutsch-türkischer Begegnung und gegenseitiger Hochachtung. Ich habe immer versucht, vor allem die guten Seiten zu sehen: eine seit der Anwerbung türkischer „Gastarbeiter“ in der 1960er Jahren gewachsene Verbundenheit, die dazu geführt hat, dass Deutsche mit Ausnahme der Amerikaner mit keinem anderen Volk der Erde enger verbunden sind als mit den Menschen der Türkei.

Enge Verflechtung

Mehr als drei Millionen Türkeistämmige leben in Deutschland, von denen sich Hunderttausende perfekt integriert haben. Zehntausende Deutsche leben in den Mittelmeerrefugien der Türkei. Bei deutsch-ausländischen Ehen stehen die Verbindungen mit Partnern aus der Türkei mit großem Abstand an erster Stelle. Unsere Wirtschaften sind eng verflochten, viele deutsche Konzerne produzieren in der Türkei, einige der aktuell interessantesten deutschen Schriftsteller und Filmemacher wie Feridun Zaimoglu und Fatih Akin haben ihre familiären Wurzeln dort.

Und mehr: Viele türkische Dörfer würden ohne die Überweisungen aus Deutschland nicht mehr existieren,. Hunderttausende türkische Familien leben von den Millionen Touristen aus Deutschland, die trotz massiver Einbußen auch im letzten Jahr noch immer das Hauptkontingent der Feriengäste stellten. Türkische Wörter wie „Döner“, „Pascha“ oder „Joghurt“ sind in den deutschen und deutsche Wörter wie „Fasing“, „haymatlos“ oder „otoban“ in den türkischen Sprachgebrauch übergegangen (leider auch „Nazi“, dazu gleich). Deutsche, die die Türkei bereist haben, wissen, wie gastfreundlich, manchmal überschwänglich freundlich sie aufgenommen werden. Diese Wertschätzung ist kostbar. Wer sie und die gegenseitigen Verbindungen angreift, attackiert eine tiefe Verbindung unserer Nationen. Er schadet uns allen.

Leider haben türkische Politiker, allen voran der Chefpräsident Erdoğan, in den vergangenen Wochen alles Erdenkliche versucht und getan, um die tiefe Bindung nachhaltig zu schädigen. Erdoğans Sprüche, die man in dieser Art bisher nur von deutschfeindlichen Griechen und exzentrischen Briten kannte, sitzen tief. Er habe gedacht, „der Nationalsozialismus in Deutschland ist vorbei, aber er geht noch immer weiter“, sagte er, bezeichnete Wahlkampfverbote für seine Minister als „Nazi-Methoden“ und drohte, im Fall eines Auftrittsverbots für ihn selbst „die ganze Welt in Aufruhr zu versetzen“. Türkische Zeitungen bemühten noch die abgedroschensten Klischees und bildeten Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Hitlerbärtchen und in Feldherrnpose ab. Heute sind wir an einem Punkt angelangt, an dem die türkische Regierungspropaganda von einem „faschistischen Europa“ spricht, als handele es sich um eine bewiesene Tatsache.

Alles Faschisten?

Dabei zielen die kalkulierten Provokationen aus Ankara allzu offensichtlich nur darauf ab, europäische Bürger mit türkischem Pass zur Stimmabgabe für das Verfassungsreferendum am 16. April zu motivieren und die Erdoğan-Anhänger in der Türkei mit der bekannten Polarisierungsstrategie zusammenzuschweißen und hinter dem Präsidenten zu vereinen. Bisher fehlte dafür ein gemeinsamer Feind, der mit dem „faschistischen Europa“ gefunden wurde.

Dabei ist völlig unklar, ob diese Propaganda wirklich greift – die letzten Umfragen sagen noch immer ein Kopf-an-Kopf-Rennen für das Referendum voraus; offenbar mobilisiert die Stimmungsmache auch die Befürworter des „Nein“. Aber eines ist klar: Das leichtfertige und völlig aus der Luft gegriffene Faschismusgerede schadet den europäischen Türken. Es schürt Feindseligkeit, es behindert Integration, es macht allen das Leben schwerer. Anders als die treuen Erdoğan-Fans denken, macht ihr Idol sie damit nicht groß, sondern klein. Die AKP liefert Munition für die AfD. Es wird Jahre dauern, um die Wirkung dieser Schläge einzudämmen. Das verantwortungslose Gerede schadet zudem der türkischen Wirtschaft. Wer will schon Ferien machen in einem Land, dessen Regierung die Repräsentanten ihrer potentiellen Gäste als Faschisten und Terroristen beschimpft?

Mir gefiel die Reaktion Angela Merkels und der deutschen Regierung, die sich nicht provozieren, sondern die Unverschämtheiten aus Ankara einfach abperlen ließen. Das ist die richtige Antwort auf das Macho-Gehabe nahöstlicher Prägung. Wer sich darauf einlässt wie die Holländer, der findet sich in einer Eskalationsspirale wieder, die kaum wieder abzzubremsen ist und früher zu Kriegen führte. Berlin beging allerdings den Fehler, Bürgermeister und Provinzpolitiker plötzlich die Außenpolitik bestimmen zu lassen, als diese ihre Hallen und Auftrittssäle sperrten.

Free Deniz!

Da schwer zu sagen ist, was hinter der öffentlichen Bühne geschieht, lässt sich auch nicht bestimmen, ob die Berliner Politik etwas beitrug zum Beschluss der türkischen Regierung, weitere Wahlkampfauftritte ihrer Minister abzusagen. Vielleicht hat die Bundesregierung endlich auch mal gezeigt, dass sie trotz des Flüchtlingsdeals noch handlungsfähig ist. Die wirtschaftliche Abhängigkeit der Türkei von Deutschland und der EU ist bekannt. Ich würde mir nur wünschen, dass der wirtschaftliche Hebel – zum Beispiel bei der Zollunion – auch eingesetzt wird, um endlich den deutschen Türkei-Korrespondenten der Welt, Deniz Yücel, freizubekommen. Dass er immer noch im türkischen Gefängnis sitzt, ist ein beispielloser Skandal und Gesichtsverlust für unser Land.

Zum Glück sind nicht alle Türken so tief vom nationalistischen Masochismus durchdrungen wie jener Hotelier im ostanatolischen Agri, der kürzlich per Hinweisschild kundtat, dass er ab sofort keine Holländer und Deutschen mehr beherbergen werde (allerdings ist Agri nicht eben als Wunschdestination westlicher Touristen bekannt). Nach meiner Erfahrung durchschauen die meisten Türken die Propaganda und reagieren wie ein befreundeter Ladenbesitzer in Cihangir, der neulich zu mir sagte: „Bruder, eigentlich darf ich dir nichts mehr verkaufen. Du bist ja deutsch. Aber andererseits sind es immer nur die Regierungen, die den Stress machen. Im Herzen sind Türken und Deutsche doch Freunde.“ Eine gute Gelegenheit, um einmal laut „evet“ – ja – zu sagen, dachte ich.

Das Ganze ist wie die Grippe. Sie kann einen derart flachlegen, dass man glaubt, nie wieder auf die Beine zu kommen. Aber dann geht sie doch vorbei. Inşallah.