Deutsches Fernseh-Istanbul

Ein Höhepunkt im Leben des Istanbul-Korrespondenten ist regelmäßig die ARD-Sendung „Mordkommission Istanbul“ – dankenswerterweise im Internet zu empfangen. So war es auch gestern wieder. Man kann daraus viel darüber lernen, wie sich Klein-Fernsehfritz die „angesagte Metropole am Bosporus“ vorstellt. Mit dem wirklichen Leben in der bunten Stadt hat dieses Istanbul á la Traumschiff allerdings etwa so viel zu tun wie die Soap „Rote Rosen“ mit dem wahren Lüneburg. „Mordkommission Istanbul“ ist eine Serie über Istanbul, in der Istanbul nicht vorkommt, oder nur als Bildtapete. In Wahrheit werden biedere deutsche Kriminalstoffe derart langatmig abgehandelt, dass sie wahrscheinlich beim Tatort keiner nehmen würde.

Diesmal ging es um einen Banküberfall, eine betrügerische Bankfilialleiterin und einen durchgeknallten Deutschtürken, der sein Kind aus Deutschland entführt hatte. Leicht durchschaubar, leicht konsumierbar, mit schweratmigen deutschen Dialogen wie wie einst bei „Derrick“, und das gesamte Setting ziemlich frech bei Donna Leons Venedig-Kommissar Brunetti abgekupfert. Toll sind allerdings die Stadtpanoramen, die gefühlt alle fünf Minuten die behäbig dahindümpelnde Handlung unterbrechen, gestern gab es wunderschöne Sonnenuntergänge über dem Bosporus. Wahrscheinlich hat die Marketingfirma der Stadtverwaltung das in Auftrag gegeben.

Bei allem Sinn für Ironie – was für eine verschenkte Gelegenheit, dem deutschen Publikum die wirkliche, die lebendige Türkei näherzubringen! Das Gewimmel auf den Straßen (und das Gefühl, nie wirklich allein zu sein), den Dauerstau, den Dreck, die Abrisshäuser, den Verfall, die fortschreitende Gentrifizierung, den Überlebenskampf. Stattdessen Hochglanzwohnungen (selbst der Bankwachmann wohnt recht kommod), ziselierte Treppenhäuser, 200-Quadratmeter-Luxus-Apartments mit Bosporusblick (sowas kostet locker 3000 Euro Miete im Monat und wäre für einen Kriminalkommissar schlicht unerschwinglich). Bei „Mordkommission Istanbul“ sind die Straßen (vermutlich wegen der weiträumigen Absperrungen der Filmleute) immer seltsam leer, sogar leerer als in Berlin, und es gibt überall Parkplätze! Und diese schnuckeligen Kopfsteinpflaster-Gassen. „Guck mal!“, sagte ich zu meiner Liebsten, „da ist ja wieder die Ecke bei uns um die Ecke!“ Und wirklich, wir stoßen bei uns im Cihangir-Viertel häufig auf Filmteams bei Dreharbeiten, kein Wunder, denn nirgends sieht Istanbul so aus wie hier – wie ein leicht orientalisiertes Prenzlauer Berg. Auch im Prenzlauer Berg sind ja dauernd Filmteams zugange. Es stimmt schon, in Cihangir gibt es überall Cafés wie in der Serie und ganz schön viel Latte-Macchiatto-Publikum. Aber würde man den Prenzlauer Berg im Tatort deshalb als „Berlin“ verkaufen?

Besonders lustig waren wieder einmal die Dialoge über die Rolle der Frau in der türkischen Gesellschaft, denn es ging wieder darum zu zeigen, wie modern der Kommissar und sein Weib und die meisten anderen Istanbuler (und die Drehbuchautoren) sind. Ein bisschen Sozialdrama mithineingemischt – das entführte Kind – und erstaunliche Einblicke in das sanfte weibliche Schulwesen der Türkei mit seinen fürsorglichen Pädagoginnen (die Ehefrau des Kommissars). Der gewöhnliche türkische Schul-Drill wurde germanopolitisch korrekt mit Zucker überpudert wie die Baklava, die der Kommissar seiner Gattin servierte. Das war immerhin amüsant. Wir ärgerten uns nur darüber, dass der Hintergrund bei den Außenaufnahmen immer so unscharf abgebildet wurde. Denn der größte Reiz in diesem angeblichen Istanbul-Krimi besteht doch darin zu raten, wo der Kommissar gerade seine tadellose Figur macht. Lieber Kameramann, bitte bitte – stell doch den Hintergrund beim nächsten Mal etwas schärfer ein!

3 Gedanken zu „Deutsches Fernseh-Istanbul

  1. Ich bleibe Ihnen ja gewogen.

    Der Teaser in der Berliner Ztg zum Blog lautet: „…..versucht jeden Tag mehr zu verstehen, wie die Riesenmetropole tickt. Er erzählt …..“
    Ist 4 mal wöchentlich als Synonym für „jeden Tag“ nicht eigentlich schon eine sehr großzügige Auslegung von mir? :-))

    Frohe Weihnachten! (und viel Erfolg beim Geldverdienen natürlich auch.)

  2. Lieber Tom,

    es ist noch nicht aller Tage Abend. Aber vier Einträge in der Woche? Und wie und womit soll der Korrespondent dann noch sein Geld verdienen? Also bitte Geduld, und bleiben Sie mir gewogen.

    Viele Grüße Ihr
    Frank Nordhausen

  3. Ein deutscher Krimi halt. Was erwarten Sie? Haben Sie sich mal die Orte angesehen, an denen die Berliner „Tatorte“ gedreht werden? Da fahren die Kommissare mit Blaulicht vom Hohenzollerndamm über die AVUS nach Marzahn, verlegen Siemensstadt nach Potsdam oder Kleinmachnow (wo sie ohnehin nicht zuständig wären) und besuchen ein nicht existierendes Polizeipräsidium in die Nähe der Hauptfeuerwache.

    Ein Istanbul-Blog hätte ja Charme.
    Aber mal ehrlich: 3 Beiträge in 16 Tagen, davon einer nur zur Begrüßung – so wird das nix. Vier Einträge in der Woche sollten doch mindestens drin sein.
    So weit enttäuscht grüßt
    Tom

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