Die Angst der Journalisten vor dem Ministerpräsidenten

Journalisten haben es nicht leicht in der Türkei. Wer etwas Falsches sagt oder schreibt, der findet sich schnell draußen vor der Redaktionstür. Und falsch scheint zunächst mal alles, was den Ministerpräsidenten stört. Selbst erfahrene Redakteure zittern vor Tayyip Erdoğans Macht, weil diese schnell zum Verlust der Stellung führen kann – selbst nach Jahren im Dienst und praktisch von heute auf morgen.

Zuletzt machte Hasan Cemal diese Erfahrung, verdienter Kommentator der Zeitung Milliyet, der es gewagt hatte, geleakte Protokolle des inhaftierten Kurdenführers Öcalan aus dem Friedensprozess mit der Guerillagruppe PKK zu veröffentlichen. „Nieder mit diesem Journalismus“, tobte Erdoğan – und Cemal wurde gefeuert.

Internationale Journalistenverbände haben die Türkei immer wieder für Zensur gerügt und die Selbstzensur der Medienschaffenden beklagt. Aber selbst türkische Journalisten waren baff, als die Tageszeitung Güneş kürzlich die Zustände im Staatsfernsehen TRT enthüllte. Dort zensieren eifrige Kollegen schon mal den Ministerpräsidenten, wenn sie glauben, er sage etwas Falsches, weil es auf sie zurückfallen könnte.

Ein Schnitt sagt mehr als tausend Worte

Das kam heraus, als dem Güneş-Kolumnisten Talat Attila bei Erdoğans letzter „Rede an die Nation“ in einem Abschnitt über den kurdischen Friedensprozess eine seltsame „Unterbrechung“ auffiel. Aus Neugier rief er einen Bekannten im Ministerpräsidentenamt an. „Mein Bekannter lachte und lachte“, schreibt Attila. „Dann sagte er: Also wirklich, Sie sind ein sehr aufmerksamer Zuschauer. TRT hat ein paar Wörter herausgeschnitten, aber mit bester Absicht.“

Der Journalist fragte nach: „TRT hat tatsächlich einige Wörter aus der Ansprache des Ministerpräsidenten Erdogan an die Nation entfernt?“ Leise habe das der Beamte bejaht, schreibt Attila. „Ich verbarg meine Aufregung und fragte ihn: Aber wer könnte es wagen, den Premier zu zensieren? Da begann er panisch zu werden und sagte: TRT dachte, dass einige Worte des Ministerpräsidenten über den Friedensprozess missverstanden werden könnten und hat vier oder fünf Wörter gelöscht. Das ist keine Zensur, es ist ein Beitrag zu dem Prozess.“ Nun fragte der Kolumnist: „War der Premier denn deshalb böse?“ Da wurde sein Bekannter sehr wortkarg – und legte auf.

So konnte Talat Attila auch nicht erfahren, was genau der Sender aus Erdoğans Rede gestrichen hatte. Der Kolumnist schloss seinen Artikel mit den Worten, dass er dem TRT-Generaldirektor Ibrahim Şahin so viel Mut gar nicht zugetraut habe und dass er ihn dafür bewundere. Aber ist Mut wirklich das richtige Attribut? Fakt ist: Ibrahim Şahin ist immer noch Generaldirektor beim Fernsehen. Gut möglich aber, dass Talat Attila sich jetzt Sorgen um seinen Job machen muss.

(erschienen in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau am 29. April)