Die Küste der Pinguine

Diesmal kommt mein Blog aus Istanbul nicht aus Istanbul, sondern aus meinem Feriendomizil Kaş an der türkischen Riviera. Es ist kein wirklicher Geheimtipp mehr, aber noch immer ein herrlicher Ort für Sommerferien mit wunderbarer Natur, schroffen Felsen, grünblauem Meer, himmlischer Ruhe und vor allem: ohne Massentourismus. TUI und Co. werden noch lange hier fernbleiben, den es gibt weit und breit keine Sandstrände, die massentauglich wären. Mein Outdoor-erprobter Bruder hat es sogar fertig gebracht, ein Stück auf dem berühmten lykischen Wanderweg zu gehen, musste dann aber wegen der Mittagshitze (nahe 40 Grad) abbrechen. Trotzdem war er begeistert. „Tolle Ausblicke“, sagt er, als er nass geschwitzt und mit leicht geröteter Haut zurückkehrte.

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Die Kleinstadt Kaş an der türkischen Riviera.

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Doch so abseits von Istanbul man sich hier an der Ägäis auch wähnt, die aktuellen Ereignisse werfen ihre Schatten bis an die sonnenverwöhnte Küste. Kaş ist fest in der Hand der Erdoğan-Gegner. Kaum ein Touri-Shop, der nicht ein Plakat zum „Widerstand gegen die Gezi-Pläne“ in seine Auslagen gehängt hat, und die T-Shirt-Industrie bietet neben den neuesten Heavy-Metal- und Justin-Bieber-Hemden natürlich auch jede Menge Taksim- und Pinguin-Shirts an. Pinguine überall! (Pinguine symbolisieren den inhaltlichen Bankrott der regierungsnahen türkischen Medien während der Gezi-Krise.) Für meine Nichten haben wir wunderbare Pinguin-Motivshirts gefunden.

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Der türkische Vermieter unseres Ferienhäuschens, der zufällig genau wie ich an der Freien Universität in Berlin studiert hat und ein gepflegtes Berlinerisch spricht, wollte sofort meine Meinung hören, wie lange Erdoğan wohl noch regieren werde. „Hoffentlich ist er bald weg“, sagte er und erzählte, dass es selbst in der 10000-Seelen-Gemeinde Kaş schon Gezi-Demonstrationen gegeben habe, an denen regelmäßig mehr als 200 Leute teilgenommen hätten. Erfreut berichtete er von der jetzt veröffentlichten schriftlichen Urteilsbegründung des Istanbuler Verwaltungsgerichts, das die Abholzung der Baume im Gezi-Park untersagt.

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Hier an der Küste scheint tatsächlich kaum jemand Sympathien für Erdoğans Regierung zu empfinden. In den Restaurants werden selbstverständlich Wein und Bier serviert, Kopftuchfrauen sind eine Rarität, und man hat offensichtlich einen völlig unbegabten Muezzin nach Kas versetzt. Er trifft beim Gebetsruf nur selten den korrekten Ton. Es ist immer wieder verblüffend, welche gewaltigen Unterschiede in der Türkei herrschen. Die Mittelmeerküste jedenfalls ist, soweit ich es beurteilen kann, fest in der Hand der Säkularen.

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In der Umgebung von Kaş an der türkischen Riviera.

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Ein Gedanke zu „Die Küste der Pinguine

  1. Im Landesinneren (Kappadokien) sieht es anders aus. Die ausländischen Touristen fehlen und die Geziproteste sollten nach dem Willen der Wirte besser bald aufhören.

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