Die neue Protestform in Istanbul: „Stehender Mensch“

Eine neue Form des Protestes macht in der Türkei die Runde: Schweigen als Widerstand. Tausende haben gestern in zahlreichen Städten der Türkei einfach nur dagestanden und auf Atatürk-Monumente und -Fahnen gestarrt – und in Ankara auf den Ort, an dem der junge Demonstrant Ethem Sarısülük von einem Polizisten erschossen wurde (der Name des Todesschützen ist jetzt bekannt). Schweigende Protestler wurden gemeldet aus Istanbul, Izmir, Bursa, Adana, Balıkesir, Çanakkale und Karabük. In Istanbul kamen auf dem Taksim-Platz nachts schätzungsweise 2000 Menschen zusammen, in Beşiktas am frühen Abend etwa 50. In der Studentenstadt Eskişehir setzte die Polizei Tränengas gegen 5000 Menschen ein.


Dienstagabend, Taksim-Platz: Polizei rüstet sich.


„Stehende Menschen“


Jung und alt schweigen gegen die Regierungspolitik.


Viele haben sich Bücher mitgebracht. Empfehlenswert: George Orwell, 1984


Die Polizisten haben es sich gemütlich gemacht. Sie sitzen am Eingang des Gezi-Parks, wo zuvor immer Demonstranten standen. Der Gezi- ist jetzt ein Polizei-Park.


Schweiger vor dem Republikdenkmal


Stehende Menschen im Bezirk Beşiktas vor dem Atatürk-Monument

Zudem gehen die Verhaftungen weiter – jetzt trifft es auch Journalisten alternativer Medien. Erdogan hat vielleicht ein bisschen voreilig den „Sieg“ über die Demonstranten ausgerufen, darin nicht unähnlich dem Ex-US-Präsideten George W. Bush, der nach dem Irak-Krieg „mission accomplished“ verkündete – und jeder weiß, wie die Geschichte weiterging. Hier mein Text über die neue Protestform der Türken (in der Berliner Zeitung in kürzerer Form):

Schweigen als Widerstand

Plötzlich steht er da, am Montagabend gegen acht. Ein junger Mann mit weißem Hemd und Lockenkopf, mitten auf dem Taksim-Platz im Herzen Istanbuls. Er hat die Hände in den Hosentaschen versenkt, starrt stumm auf die riesigen türkischen Fahnen und das Atatürk-Bild am Atatürk-Kulturzentrum, das der Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan abreißen möchte. Er steht und starrt.

Seit dem Montagmorgen ist der Verkehrsknotenpunkt, der zwei Wochen lang von Parkschützern und Anti-Erdogan-Demonstranten besetzt war, wieder für Fußgänger geöffnet. Die Bereitschaftspolizei hat vom Istanbuler Gouverneur Hüsyein Ali Mutlu Order bekommen, keine weiteren Demonstrationen auf dem Platz zuzulassen. Man kann sehen, wie es in den Beamten arbeitet: Ist das eine Demonstration? Darf einer einfach da stehen und in die Luft starren?

Gestern (Dienstag) Nacht auf dem Taksim-Platz, 22.00 bis 22.30 Uhr

Nach und nach bekommt der Mann Gesellschaft. Bald stehen mehr als tausend meist junge Leute auf dem Platz, sagen kein Wort, blicken nur stumm auf den nicht gerade antiautoritären Republikgründer Atatürk, der in den Protestwochen wieder zum Symbol einer modernen, liberalen Türkei geworden ist. Manche starren auch auf die Polizei. Unter ihnen berühmte Schauspieler, die jeder aus den Soap Operas im Fernsehen kennt. Und mitten drin steht der Mann mit den Locken und starrt und schweigt sechs Stunden lang, bis weit nach Mitternacht ein Offizier entscheidet, dass es sich bei ihm und den anderen Schweigern wohl um Demonstranten handeln müsse. Einige werden festgenommen, ihre Personalien aufgenommen. Die Aufstandspolizei macht sich bereit zum Tränengaseinsatz.

Gesetz gegen soziale Netzwerke in Vorbereitung

Um die Menschen nicht zu gefährden, bricht der „stehende Mann“ gegen 2.30 Uhr morgens die Aktion ab. Zu diesem Zeitpunkt hat er längst Weltruhm erlangt. Millionenfach hat sich sein Bild über die sozialen Netzwerke Twitter und Facebook über dem gesamten Globus verbreitet. Es ist Erdem Gündüz, ein Performance-Künstler, den zuvor niemand kannte. Jetzt beendet er sein Schweigen und sagt: „Ich stehe hier, weil wir keine freie Presse haben. Das ganze System muss sich ändern. Mit dem Rücktritt der Regierung ist es nicht getan.“

Gündüz findet schnell Nachahmer. Im Istanbuler Bezirk Beşiktas steht ab Mitternacht ein junger Mann vor einem Atatürk-Denkmal und schweigt. Auch in Ankara stehen stumme Frauen und Männer. Und am Dienstag wird kein Twitter-Hashtag in der Türkei häufiger aufgerufen als #duranadam („Stehender Mann“), weltweit schafft er es unter die Top 10 des Tages. Und immer wieder erinnern sich Twitterer gegenseitig an den Science-Fiction-Film „V wie Vendetta“ über einen Aufstand in einer Orwellschen Diktatur, der vor wenigen Jahren die weltweite Anonymous-Bewegung anregte.

Gestern (Dienstag) Nacht auf dem Taksim-Platz, 22.00 bis 22.30 Uhr

Der türkische Ministerpräsident und die Regierung in Ankara starren unterdessen irritiert auf den postmodernen Pazifismus und haben ihm nur verbrauchte Politik entgegenzusetzen. Am Dienstagmorgen rollt die Repressionsmaschinerie des autoritären Staates wie in den Zeiten der kemalistischen Militärs, die Erdoğan doch demokratisch überholen wollte. Wohnungen werden durchsucht, mehr als Hundert junge Menschen als angebliche Aufrührer festgenommen; sie müssen mit jahrelanger Untersuchungshaft und bis zu zehnjährigen Haftstrafen rechnen. Ein Gesetz gegen Twitter und Facebook wird vorbereitet.

Das regierungsnahe Hetzblatt Yeni Safak bezeichnet die Gezi-Proteste als „Putschversuch“ ähnlich dem „postmodernen Coup“ der Generäle von 1997. Ministerpräsident Erdoğan wettert vor AKP-Abgeordneten in Ankara über „Verräter“. Sein Stellvertreter Bülent Arınç drohte bereits am Sonntag mit dem Einsatz des Militärs. Währenddessen bricht die Istanbuler Börse ein.

Hat Erdogan Angst vor 20-Jährigen?

Militär? Putschversuch? Verräter? Erdoğan verliere zunehmend den Kontakt zur Realität, erklärt der linke türkische Kolumnist Taner Akçam in der Oppositionszeitung Vatan. Er gebärde sich wie die Kemalisten, gegen die er einst zu Felde zog und leite damit den eigenen Untergang ein.

Wovor hat der „Sultan“ in Ankara eigentlich Angst, fragen sich immer mehr Türken. Schließlich ist er 2011 mit 49 Prozent der Stimmen demokratisch gewählt worden. Was ist so bedrohlich an 20-jährigen Studenten, die in einem Park zelten und von der Regierung als „marginale Gruppen“ bezeichnet werden? An Männern und Frauen, die schweigend auf Atatürk-Bilder starren?

Könnte es sein, überlegen sie, dass der starke Erdoğan in Wahrheit ein Kaiser ohne Kleider ist?

2 Gedanken zu „Die neue Protestform in Istanbul: „Stehender Mensch“

  1. Ich will einfach mal Danke sagen für diese gründlichen Informationen aus erster Hand und Durchhalten wünschen.
    Mich erinern die Vorgänge an die Zeit imHerbst 1989, als wir in Ostberlin und Leipzig auf einen „dritten Weg“ der Demokratie gehen wollten.
    Der große Unterschied ist nur, dass Erdogan keinen Gorbatschow zur Seite oder über sich hat, der ihm erklärt, was außer dem altbekannt Gewohnten noch möglich ist. Schade.

  2. Danke für den tollen Bericht und die Bilder! Ich frage mich auch, weshalb Erdogan so krass reagiert – vielleicht hat er einfach nur Angst sein Gesicht zu verlieren. Oder er fürchtet sich wirklich vor einer kemalistischen Verschwörung. Er könnte sehr einfach Größe zeigen, indem er einen vernünftigen Dialog sucht. Aber scheinbar bedeuten zehn Jahre Macht wirklich einigen Realitätsverlust. Bin gespannt, wie er den stehenden Protest unterbinden will!

Kommentare sind geschlossen.